Erinnerungen an Düsseldorf

Gerade stelle ich mir vor, ich würde im Oktober nach Chemnitz ziehen … Aber meine Mitbewohnerin und ich schlagen unsere Zelte natürlich in Münster auf, in dem #wir zweifelsfrei „mehr“ sind. Aber darum soll es hier gar nicht gehen, sondern darum, was ich vermissen werde, wenn ich via die A52 nach zehn Jahren Düsseldorf verlassen werde.

Dass ich diese Stadt überhaupt betreten habe, war die Folge einer gewissen Planlosigkeit nach meinem Studium der Politikwissenschaft und Wirtschaftspolitik. Beides Fächer, die einen sagenhaft schlau machen, aber auch sagenhaft arbeitssuchend. Ich fand die Arbeit letztlich in Düsseldorf, da es mich – aus heutiger Sicht leichtsinnigerweise – in den „Wasmitmedien“-Bereich zog. Fernziel war immer, irgendwie mein Gesicht in eine Kamera zu halten. Dafür war ich bereit, mich Menschenhändlern auszuliefern und wurde acht Monate lang Dauerpraktikant, selbstredend unbezahlt, da die Arbeit eines Praktikanten nicht bezahlt werden muss, selbst wenn er die eines fertigen Redakteurs leistet. Da ich aber schon immer der Meinung war, dass man zu einem nicht unerheblichen Teyl seines eigen Glückes Schmied ist, war mir stets bewusst, dass ich meine Ausbeutung aktiv befeuert habe. Und so gelang es mir letztlich auch, mein Ziel zu erreichen, wenn es auch nur die Kameras eines zuschauerschwachen Regionalsenders waren. Da ich meine Schwächen kannte wie auch die Barrieren der Branche, wusste ich, dass ich mit Sicherheit nicht der nächste geleckte Showmaster einer Sendung sein würde, die ohnehin nach drei Ausgaben eingestellt würde. Nie war ich massenkompatibel, schon gar nicht wollte ich das sein. Ein Moderator für die Massen darf nämlich keinesfalls seine Zuschauer beleidigen und das wollte ich mir nie nehmen lassen und so tue ich das auch heute noch. Die Kunst ist es, dass dieser das richtig einordnet, was eben der Masse nicht gelingt.

Bevor ich vor die Kamera durfte, musste ich bittere Lehrjahre hinter dieser verbringen, ich musste sie sogar bedienen. Das ging so weit und lange, dass viele Kollegen mich heute noch für einen „VJ“ halten. „VJ“ steht für „Videojournalist“ und dass ich das seit zehn Jahren vehement abstreite, nimmt mir aber leider niemand ab und so definieren mich eben andere, mir selbst bleibt das seltsamerweise versagt. Ich erinnere mich an einen Dialog damals bei NRW.TV, als ich schon zwei Jahre lang nur noch moderiert hatte, also keine Kamera mehr angefasst hatte:

„Du bist doch VJ, Seppo. Dann kannst du das ja drehen!“, wobei mit Drehen im Grunde Filmen gemeint ist.

„Ich bin nicht VJ!“, protestierte ich!

„Doch, bist du!“

Dieses Gespräch hat sich in mir eingebrannt, weil es skurril ist: Da will mir ein anderer sagen, was ich bin! Das muss man sich erstmal anmaßen!

Das und eine menschenverachtende Bezahlung, die mich in einer Phase der Kurzarbeit weit unter das Existenzminimum katapulitiert hatte, habe ich in Kauf genommen, nur um moderieren zu können. Und groteskerweise war es eben jene Kurzarbeitsphase, die mich überhaupt erst vor die Kamera brachte: Denn es war kein anderer mehr da, der das hätte tun können. Mein Glück!

Das ist alles Vergangenheit. Und ich bereue es nicht, so beschissen es auch war. Ich habe erfahren dürfen, wie es ist, von oben herab wie der letzte Idiot behandelt zu werden, was ich ganz unironisch als wichtige Erfahrung fürs Leben verbuche. Denn nie ist der wie ein Idiot Behandelte der Idiot, sondern der, der von oben herab agiert. Das sind in aller Regel arme Würstchen.

Ohne diesen surrealen Ritt im Düsseldorfer Medienhafen wäre ich heute, Jahre später, nicht noch immer vor der Kamera. Und solange vor der Kamera weniger Menschen sind als dahinter, bin ich zufrieden.

Jener Regionalsender ist vor zwei Jahren mit Anlauf in die Insolvenz gerattert, die riesigen Studiohallen inzwischen abgerissen. Vergangene Woche war ich mal da. Wo früher keine Fernsehgeschichte geschrieben wurde, ist jetzt eine freie und zugemüllte Fläche, die eine gewisse Trostlosigkeit ausstrahlt. So gesehen alles beim Alten … Das Beitragsbild oben zeigt ein letztes Überbleibsel, eine Klobrille. Vielleicht saß ich mal auf der, vielleicht ist es aber auch eine der Herrentoiletten.

Ich vermisse diese Zeit nicht. Die Insolvenz war sicher ein Schock, auch wenn sie kaum überrascht hat, doch endete damals ziemlich abrupt ein langer Abschnitt. Dem konnte ich allerdings viel Gutes abgewinnen und so sehe ich nun auch den Wegzug aus Düsseldorf. Treffend sagte meine Mitbewohnerin zu mir:

„Ich werde einige Menschen in Düsseldorf vermissen, du eher die Stadt.“

So schlecht Düsseldorf hier im seppolog immer wegkommt, finde ich die Stadt gar nicht und ich meine wirklich die Stadt, nicht die Menschen, was mir den Wegzug so leichtmacht. Einige wenige Menschen habe ich hier näher kennenlernen dürfen, mit diesen wird der Kontakt auf jeden Fall bestehen bleiben, zumal die Entfernung zwischen Münster und Düsseldorf eine übersichtliche ist. Andere Menschen wiederum werde ich möglicherweise nie wiedersehen, was manchmal ja durchaus sehr erfrischend sein kann, gerade für jemandem, der zu seinem Geburtstag Ausladungen verschickt.

(Jedes Jahr verwende ich viel Energie darauf, mein Geburtsdatum zu verschleiern. In diesem Jahr ist es fast schiefgegangen, da mein Arbeitgeber es (natürlich) nicht nur kennt, sondern mir auch noch gratulierte. Ich musste unhöflich abwinken, um ihm später zu erklären, warum das so ist. Ein kleines Ständchen von ihm bekam ich dennoch …)

Der Vergleich von Düsseldorf mit Münster ist natürlich unfair, da Düsseldorf da kaum punkten kann. Düsseldorf hat nichts, was Münster nicht auch hätte. Darum habe ich kein „wehes Herz“ bei meinem Abgang; eine Formulierung, die mir gut gefiel, als ich kürzlich nach einem wehen Herz gefragt wurde. Doch ich neige sehr schwer zur Nostalgie und Melancholie. Und so wird es sicherlich zwei, drei Dinge geben, die ich vermissen werde … die ersten Tage …

Zum Beispiel die Rheinbrücken, über die ich sooft und gerne gejoggt bin. Von der Oberkasseler Brücke hat man einen beeindruckenden Blick auf die Altstadt und den Medienhafen (in dem es kaum noch Medienunternehmen gibt, zumal der WDR ihn auch verlassen wird). Das Rheinknie wird mir abgehen, um das ich so gerne gelaufen bin, weil es die Kulisse einer sterbenden Industrie zeigt, was optisch einfach viel hermacht.

Überhaupt, das Rheinufer außerhalb der Stadt im Süden. Himmelgeist nennt sich die Ecke, wo man in aller Seelenruhe stundenlang durch die vom Menschen gestaltete Natur laufen kann. Oder die „Kasematten“ am Rhein nahe der Altstadt! Noch am vergangenen Samstag habe ich sie zum Parkourlaufen benutzt und abermals keinen Menschen umgerannt!

Die Altstadt selbst ist randvoll mit historischen Gebäuden! Als ich nach Düsseldorf kam, deckte ich mich mit Büchern und Bildbänden zur Stadtgeschichte ein. Joggte zu Ortsmarken, fotografierte sie, um sie wieder zuhause mit den historischen Abbildungen in Büchern und im Netz zu vergleichen. Es ist meine Weise, ein Gefühl für eine Stadt zu bekommen. Was wurde nach der Kriegszerstörung wieder aufgebaut, was auf ewig dem Erdboden gleichgemacht? Was hat es mit dem Neuen Stahlhof auf sich, wo ist der alte?! Was ist aus Oberbilks Stahlwerken geworden?! Warum heißt die Tonhallenstraße Tonhallenstraße, wenn doch die Tonhalle ganz woanders ist?! Und wo zur Hölle ist der Düsseldorfer Zoo, wenn es doch das Zooviertel gibt!? Wer zeichnet für die desaströse Straßenführung der Stadt verantwortlich (Habe den Namen vergessen, finde ihn gerade nicht mehr im Netz … Tamm? Irgendwas mit Tamm?)? Warum ist das Autohaus Moll so historisch?! Und warum war das erste „Karstadt“ ausgerechnet am Oberbilker Markt, wo es heute nur noch für einen „Woolworth“ reicht?! Solche Dinge interessieren mich. Und so werde ich auch Münster wieder neu für micht entdecken.

Düsseldorf lasse ich jetzt hinter mir und verbuche diese zehn Jahre als eine Epoche, die „ganz nett“ war, aber nicht der Knaller. Und wo ich beim Begriff „Knaller“ bin, immerhin habe ich so Dich kennengelernt. Knaller!

Weder bin ich zu Tode betrübt noch euphorisch.

Doch, Spasssss. Ich bin extrem euphorisch. Es sind nur noch knapp vier Wochen. Ich werde den bekackten Düsseldorfer Hauptbahnhof nicht mehr betreten müssen! Ich werde schon bald wieder mit dem Auto links abbiegen können! Ich werde nicht mehr vom entnervten Gebimmel der arschlangsamen Straßenbahnen genervt werden! Ich werde 30 Jahre früher als geplant zu meinen Wurzeln zurückkehren. Und ich erinnere an meinen Beitrag „Der Anpacker„, der Anfang dieses Jahres den einen oder anderen Leser motiviert hat. Was ich damals nicht konkret benennen konnte (aufgrund diverser Rücksichtnahmen), wird jetzt endlich wahr. Meine Mitbewohnerin und ich haben es angepackt und lächerliche neun Monate später wird es Realiät. Das meine ich mit eigen Glückes Schmied! Und 2019 packen wir wieder etwas an …


 

15 Kommentare

  1. ich beneide dich um den mut aus deiner heimatstadt gezogen zu sein und ich beneide euch um den mut gemeinsam wieder dorthin zurück zu gehen …. ich bin ein rettungsloser feigling und werde wahrscheinlich hier in meinem sauerländer „kuhkaff“ begraben werden …. mit etwas wehmut im blick und einen freundlichen winker aus dem sauerland grüßt die wolfskatze :-)

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  2. Schön auf den Punkt gebracht:

    „Denn nie ist der wie ein Idiot Behandelte der Idiot, sondern der, der von oben herab agiert. Das sind in aller Regel arme Würstchen.“

    Heutzutage sind es auch desöfteren reiche Würstchen, die jedoch auch nicht besser schmecken.

    Im Bibelstudium passend dazu gefunden:
    Wer sich selbst beherrscht, ist weiser als jener, der über Andere herrscht.

    Echtes Glück und maßlos Freude im alten Wurzelreich, wünsch ich Dir.

    Luxus

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  3. Schöner und interessanter Artikel. Viel Glück und einen guten Start in Münster. P.S. Die eingerissenen Hallen zu sehen muss doch großartig gewesen sein. Wer bekommt das schon? Die Wirkstätte, an der man ausgebeutet wurde, dem Erdboden gleichgemacht zu sehen?

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