Das war’s, Düsseldorf!

Das einzige, was in dieser Wohnung noch funktioniert, ist das W-Lan. Es ist dies mein letzter Abend in Düsseldorf, der Stadt, in der ich zehneinhalb Jahre verbracht habe und in die ich nicht gehöre. Das wurde mir erst in den vergangenen Tagen klar, die ich teilweise aufgrund umzugsorganisatorischer Dinge bereits tageweise in der neuen Heimat Münster verbracht habe. In jener Stadt, in der ich die ersten 28 Jahre meines Lebens zuhause war. In jener Stadt, die ich nicht mehr verlassen werde. Das zumindest schwor ich mir gestern, als ich durch den Münsteraner Stadthafen joggte und – ich sag, wie’s war – feuchte Augen hatte. Das war auch der Moment, in dem ich spürte, da gehöre ich hin: Münster und ich, das passt zueinander – die Welt sollen andere entdecken. Ein derart durchdringendes Gefühl des Beheimatetseins habe ich so zuvor noch nie verspürt.

Überhaupt, dieser Hafen! Wie er sich in meiner Abwesenheit entwickelt hat! Ich habe mich neu verliebt. Nicht, dass Münster einen Hafen bräuchte. Überhaupt fragt man sich, warum ist da ein Hafen?! Weil da eben dieser fantastische Dortmund-Ems-Kanal ist und Münster Hansestadt war. Münster war ja alles. Ich kann Ihnen versprechen, dass Münster hier ausschließlich im Zusammenhang mit Superlativen Erwähnung finden wird. Ein paar Beispiele: Keine Stadt war nach dem Zweiten Weltkrieg „zerstörter“. Sie war weg. Und keine andere Stadt Deutschlands hat sich dazu entschieden, die Innenstadt originalgetreu wieder aufzubauen. Das wurde damals belächelt und als Heimattümelei verspottet, während andere Städte sich planerisch dem Auto anbiederten, was man dort heute schwer bereut. Und Münster? Münster hat durch diesen eigenen Willen sich zu einer der sicherlich schönsten Städte dieses Landes entwickelt. Ich erwähne nur die letzte Kriegsbaulücke, die 2006 geschlossen wurde: Das „Hanse Carreé“, eine architektonische Meisterleistung. Dort sehe ich mich am Samstagmorgen zusammen mit meiner Mitbewohnerin einen Kaffee schlürfen. Denn genau dort haben wir vor mehr als einem Jahr gesessen und uns überlegt, wie utopisch es wäre, wieder in diese sensationelle Stadt zu ziehen. Samstag will ich wieder dort promenieren und sagen können: Wir haben dieses Ziel erreicht. Sie hat Opfer gebracht und ich ebenfalls. Doch diese Opfer sind es absolut wert! Was auch immer nun an Schwierigkeiten auf mich zukommt: Spielt caine Rolle. Denn Hauptsache, diese Schwierigkeiten spielen sich in Münster ab. Diesen Eigenwillen proklamiere ich für mich, er korrespondiert mit dem Eigenwillen dieser Stadt, deren OB ich in einem Jahrzehnt, so sieht es mein Masterplan vor, sein werde. Ein Jahrzehnt später rufe ich eine Republik aus oder irgendwie sowas und mache alles erstmal nazifrei.

Ich weiß noch, damals, vor zehn Jahren. Da fragte man meine Mitbewohnerin und mich, warum zur Hölle wir Münster verlassen würden. „Ein Münsteraner zieht nicht weg“, hieß es, „Und wenn, dann kommt er irgendwann wieder“. Ist wohl was dran. Diese Stadt überträgt eine ungeahnte Energie auf mich, die ich auch bitter nötig habe. Auf diversen Ebenen bin ich eindeutig unterfickt.

Das ist wohl auch der Grund dafür, dass ich eben bei einem abschließenden Gang durch „mein“ Düsseldorfer Viertel Oberbilk keinerlei Wehmut in mir feststellte. Denn so ehrlich muss man mal sein: Schön sieht das hier alles nicht aus! Klar, Düsseldorf ist kein Moloch, wie ich sooft schrieb. Was soll erst ein, Verzeihung, Duisburger sagen?! Aber der Vergleich mit Münster lässt keinen anderen Schluss zu. (Ich trage mich ernsthaft mit dem Gedanken, einen Münster-Blog zu starten … in den vergangenen Tagen habe ich sämtliche Geschichtsbücher zu dieser Stadt verschlungen …)

W-Lan also läuft noch. Dieses Artikels wegen. Ich mache mir nichts vor: Die kommenden Wochen werden ohne Internet gestaltet werden, da ein Anschlusswechsel im Industrieland Deutschland seine Zeit benötigt. Ich rechne erst gar nicht mit einem Gelingen dessen, würde mich aber freuen, wenn es zum ersten Dezember klappte, denn dann ziehen wir abermals um – freilich innerhalb Münsters. In eine Wohnung in Top-Lage: nämlich in Münster. Wenn ich sie verlasse, stehe ich vor dem Schlossgarten, habe es nicht weit zum Aasee, dem größten innerstädtischen See der Welt übrigens, oder stehe nach wenigen Schritten in der Altstadt, in der man auch ganz gut trinken kann. Und zwar Pinkus und nicht diese Plörre aus Düsseldorf, wobei ich die aus Köln noch viel unerträglicher finde. In dem Zusammenhang verstehe ich gar nicht, warum Düsseldorf sich immer mit Köln misst. Wohl Angst vor dem Vergleich mit Münster!

Ein letztes Mal also sitze ich gerade am Küchentisch in Düsseldorf, den ich eigentlich schon hätte abbauen sollen, und schreibe. Ich bin umgeben von 63 befüllten Umzugskartons. Heute Morgen noch waren es 51 – und ein Ende ist nicht in Sicht. Ich habe es auch schon lange aufgegeben, systematisch zu packen. Das hat 16 Kartons lang geklappt, danach wurde es mir zu aufwendig. Was nützt es mir zu wissen, dass im Karton mit der Aufschrift „Küche, zweiter Schrank von rechts“ die Teller sind, wenn dieser unter 20 anderen Pappkartons verschüttet ist?! Wichtig ist, dass die Kaffeemaschine noch erreichbar ist. Und als die Küchen-Abbauer eben nach einem Tütchen für die Schrauben fragten, musste ich passen und gab ihnen unsere Käsedose, weil ich die zufällig gerade gefunden hatte – ohne Käse natürlich, denn meine Mitbewohnerin und ich verbrachten den heutigen Tag auch damit, alles aufzuessen, da der Kühlschrank anders als das W-Lan nicht mehr unter Strom steht.

Umziehen mit Küche ist scheiße. Aber diese Küche ist zu gut, um sie anderen zu überlassen, zumal wir auch weiterhin in Münster mit einer Küche arbeiten wollen. Auch wenn sie gerade nicht so aussieht, als würde sie jemals wieder funktionieren.

Die Küchenbauer kamen heute zwei Stunden zu spät, was sie auf den Düsseldorfer Verkehr schoben. Zurecht. Und es war mir auch egal, Hauptsache, jemand baut das Ungetüm ab, es ist nämlich keine kleine. Der erste Handgriff des grauhaarigen Küchenmannes zielte auf die ehemalige Besteckschublade ab. Der Mann war ein Macher, da wurde nicht überlegt und diskutiert – da wurde direkt Hand angelegt!

„Oh, kapudd!“

Sagte er dann, nachdem er die Schublade unsachgemäß aus der Halterung gerissen hatte. Ich bin ja durchaus Freund davon, nicht groß zu reden, sondern zu machen und so sagte ich:

„Tja, was will man machen?!“

Schon morgen werden die beiden Kollegen die Küche wieder aufbauen und für die Schublade eine Lösung finden. Es ist mir lungo, denn Hauptsache: Münster.

Auch das gebrochene Abflussrohr der Spüle ist mir egal. Ich stand im Schlafzimmer, als ich ihn rufen hörte:

„Oh, kapudd!“

Es regte sich nichts in mir. Zumal ich einen Auftrag hatte: Weil die Küchenmänner auf dem Behindertenparkplatz eines unserer Nachbarn parken mussten, sollte ich ein Auge auf ihr Auto werfen, zumal ich weiß, dass jene Nachbarn sofort und zurecht abschleppen lassen, wenn da jemand auf ihrem exklusiven Platz parkt.

Nachdem der jüngere Kollege irritiert die Käsedose an sich nahm, hörte ich ein Krachen. Das war fast so laut, dass ich das „Oh, kapudd!“ beinahe nicht vernommen hätte. Ich löste meinen Blick vom falsch parkenden Auto, ging in die Küche und registrierte, dass die Dunstabzugshaube vermutlich nie wieder saugen wird. Immerhin hat das Cerankochfeld keinen Kratzer abbekommen, nachdem die Haube draufgekracht war. Die beiden durchaus freundlichen Handlanger werden sicherlich auch dafür eine Lösung finden. Hauptsache: Münster.

Unsere in wenigen Stunden anstehende letzte Nacht in Düsseldorf wird natürlich lediglich auf einer Matratze stattfinden. Das war nie anders, nur ist dieses Mal unter der Matratze kein Bett mehr. Das hat meine Mitbewohnerin abgebaut, wobei übrigens nichts kaputtgegangen ist. Und selbst wenn, was soll’s! Hauptsache … Und ich würde ja jetzt noch diesen Tisch auseinanderschrauben, allerdings stehen unzählige Dinge darauf, denen ich mangels Platz keinen anderen solchen zuweisen könnte. Es steht alles voll. Am Nachmittag glaubte ich eine Stunde lang, meine Mitbewohnerin habe die Wohnung verlassen. Tatsächlich aber werkelte sie zwischen den Kartons 34 bis 49 im ehemaligen Arbeitszimmer. Als ich wieder einmal die Kartons durchzählte, erschrak ich gewohnt heftig, als ich sie dort fand. Sechs aufeinander gestapelte Kartons überragen ihre Körpergröße deutlich.

„Huch! Ich dachte, du wärst weg!“

„Nein, ich suche Socken. Hast du Socken gesehen?“

„Socken … Socken … das müsste Karton 21 sein. Du bist im Dreißiger-Bereich. Brauchst du denn jetzt unbedingt Socken?“

„Nur weil du seit zwei Tagen ohne Unterhose rumläufst, muss ich ja wohl nicht auf Socken verzichten!“

Wortlos und überzeugt ging ich und zählte weiter. Und gerade habe ich dieses Gefühl, wir werden nie fertig. Und da unser Vermieter vergessen hat, dass wir ausziehen, haben wir nun eine gewisse Kulanzzeit, was diese Wohnung angeht. Ich spiele mit dem Gedanken, das eine oder andere einfach zurückzulassen. Sämtliche Halogenlampen beispielsweise: lassen wir hängen. Halogen gibt es nicht mehr, so gesehen – was soll’s. Nach uns die Sintflut. Wird eh saniert.

Es wird wahr, schrieb mir heute Sabrina, die hier viel zu selten erwähnt wird. Hat sie doch von Anfang an meinen Plan unterstützt, wieder nach Münster zurückzukehren. Und es wird wahr. Auch wenn ich mich morgen in einem absoluten Chaos wiederfinden werde – und hoffentlich auch meine besockte Mitbewohnerin -, zählt für mich nur: Münster. Das Ankommen. Das Dasein. Das Ummelden am Montag.

„Guten Tag, meine Name ist Flotho. Ich melde mich hier um!“, werde ich rufen, wenn ich das Bürgeramt betrete. Und schon am Samstag wird ein Foto entstehen, das ich seit Monaten plane: Zu sehen werde – natürlich – ich sein, wie ich den Boden des Prinzipalmarktes küsse. Und ich denke an John Cleese in dem Film „Clockwise“, den ich hier sehr empfehle, der über die gesamte Filmlänge in seinem Geiste seine zu haltende Rede durchgeht:

„Dies ist ein historischer Augenblick …“

Davon habe ich einen Ohrwurm und ich mache mir dieses zu eigen. Denn für mich persönlich ist dies ein historischer Augenblick, den manche von Ihnen sicherlich in diesem Ausmaß nicht nachvollziehen können. Ich weiß das. Aber es ist mir egal. Denn: Hauptsache Münster.


 

20 Kommentare

  1. Als beim Lesen des Beitrags plötzlich „Stadt der Engel“ von „Massendefekt“ auf der Shuffleliste abgespielt wurde, war das schon irgendwie ein bisschen skurril und zauberte mir unerklärlicherweise eine Gänsehaut auf meine Hülle.
    Wenn Du’s nicht kennst: Text durchlesen reicht ;-)

    Alles Gute für den Umzug!

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  2. Ich hatte noch sagen wollen, letztes Mal (also bei deinem letzten Eintrag), ich leide auch unter Eskapismus (hört sich an wie „Mister Buskofusko“, wie Columbo das sagt in einem Film…), also unter dem leide ich auch. Unter Eskapismus, nicht unter Mister BuskoFusko… Bei mir tritt der vor allem mit den drei Fragezeichen auf, ich kenne viele Folgen auswendig… und doch, immer wieder spannend. Echt!

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  3. Gutes Gelingen. Fürs Internet sehe ich allerdings schwarz, solange immer noch Telekom-Leute dafür kommen müssen.
    Mir wollten sie nach drei Monaten weismachen, dass ich gar nicht da wohne, wo ich wohne.
    Klar: Auf der rechten Klingelschildleiste bin ich auch nicht zu finden. Auf der linken schon, aber wer guckt denn da noch hin, wenn man schon die Namen rechts überflogen hat.

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  4. In der deutsch synchronisierten Fassung von Clockwise, die zu allem Überfluß auch noch den Titel: „In letzter Minute“ verpasst bekam sagt John immer: „Recht so.“. Und das scheint eine gute Antwort auf diesen Eintrag zu sein. Home is where your heart eats. Ich hab auch schon viel an Umgebung gesehen, werde aber Bochum-Langendreer niemals für länger verlassen.

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