Das Positive sehen

Ich habe schwer zu schleppen und obwohl es doch heißt, ein jeder hätte ein Laster, habe ich kein … äh … keinen … Laster. Gut, der kleine Gag hinkt etwas wegen des fehlenden Akkusativs, doch fiel mir das erst auf, als ich „ein Laster“ schrieb. Ich darf aber annehmen, dass einige Leser das gar nicht bemerkt hätten, womit ich niemanden beleidigen, sondern die Realitäten nur beschreiben will. Als dieser jetzt schon totgeschriebene Scherz in meinem Kopf reifte, habe ich selbst es ja auch nicht gemerkt. Es ist früh am Morgen, sehen Sie es mir nach.

Ein Laster täte mir ganz gut heute Morgen in der Früh, also in der Morgenfrühe frühmorgens, wenn auch nicht eines Frühlings Morgens beziehungsweise frühlingsmorgens, was wieder etwas ganz anderes meint, da ich wirklich schweres Gepäck zu tragen habe, denn ein jeder hat ja sein Päckchen zu tragen. Meines ist jedoch an diesem für mich noch nicht abgelaufenen Morgen zu schwer.

Um das Folgende zu verstehen, sofern Sie nach den bisherigen Komplikationen noch dran sind (Weiterlesen lohnt sich, denn es wird gleich noch etwas philosophisch!), müssen wir uns etwa 4.000 Jahre zurückbewegen.

Nein, kleiner Spaß, einige wenige Stunden sollten genügen, sagen wir, zehn, woraus Sie gleich errechnen können, um wie viel Uhr ich diesen Text verfasse, der alles andere als leseflussfreundlich ob seiner vielen Verschachtelungen ist. Wenn Sie etwas Einfaches und Kleingeistiges lesen wollen, versuchen Sie es mit dem „Partei“programm der AfD, das trotz seiner Einfachheit unverstehbar ist. Und wenn ich schon wieder politisch werden muss, lege ich Ihnen ein neues Magazin ans Herz, das derzeit mindestens in Bahnhofsbuchhandlungen zu haben ist: „Das Grundgesetz als Magazin“, eine sensationelle Idee, die in Zeiten notwendig ist, in denen zunehmend viele Menschen das Grundgesetz mit Füßen treten, ohne es vorher auch nur einmal gelesen zu haben. Das ist wahre Idiotie, da könnte ich mich bereits wieder reinsteigern, lasse es mir daher nicht nehmen, die bescheidene Öffentlichkeit (knapp 500.000 Menschen immerhin!) dieser Plattform zu benutzen, um an den Verstand der Menschen zu appellieren. Aber zurück zum Koffer.

Den ich noch gar nicht erwähnte! Es war gestern Abend gegen 22.00 Uhr, als ich meinen Koffer in Berlin packte, wie ich es seit mehr als eineinhalb Jahren einmal in der Woche tue, dann nämlich, wenn ich am Folgetag die Heimreise nach Münster antrete. Nur kurz anreißen will ich, dass ich Berlin in Bälde endgültig verlassen werde, womit sich Kreis zu diesem Artikel schließt, wo ich damals anno 2017 beschrieb, was ich für meinen „Zweitwohnsitz“ alles anschaffen musste. Zu diesen Anschaffungen gehörten freilich diverse Sportgeräte, allen voran drei Paar Hanteln verschiedener Gewichtsklassen. Es sind diese Hanteln, deren Rücktransport mir nun um die Ohren fliegt.

Vor einer Woche war es der Rücktransport des Hantelpaars der untersten Gewichtsklasse, das im Ganzen nur acht Kilo wiegt. Nahezu im Wortsinne nutzt man ein solches für Fingerübungen. Dessen Transport war kein Problem, der Koffer nur unwesentlich schwerer. Und das in etwa hatte ich auch gestern Abend erwartet, als das mittlere Paar an der Reihe war: 16 Kilogramm.

Reisen wir einige Stunden nach vorn. Es ist kurz vor sechs am heutigen Morgen. Unausgeschlafen und denkbar schlecht gelaunt ziehe ich den Rollkoffer hinter mir her, auf dem Weg zum Bahnhof im beschaulichen, aber nirgendwo verzeichneten Brieselang in Brandenburg. Die Straße ist trotz blühender Landschaft nicht asphaltiert, sondern schottiert und überdies eine Gebirgslandschaft. Es ist stockdunkel, da es keine Straßenbeleuchtung gibt, denn es gibt ja auch keine Straße, die man beleuchten könnte. Ich realisiere das erste Mal an diesem Tag, dass mein Koffer zu schwer ist; seine Räder geben unter der ungewohnten Last seltsame Geräusche von sich und es zieht in meinem den Koffer ziehenden Arm.

„Wie ist es möglich, dass ich mit diesem Hantelpaar sonst problemlos jongliere, es sich als Gepäck aber als ungleich schwerer erweist?“, frage ich meinen toten Begleiter Pavel. Ein solches Gespräch fällt in Brieselang um diese Uhrzeit nicht auf, da in Brieselang im Grunde keine Menschen wohnen. Lediglich Gestalten, die nicht reden.

Der tote Begleiter antwortet nicht wirklich, aber immerhin in meinem Geiste:

„Weil der Koffer auch ohne Hanteln schon nicht besonders leicht ist.“

Pavel hat Recht. Und mit Grauen sehe ich die Treppenstufen des Bahnhofs Brieselang auf mich zukommen, denn dort muss ich den Koffer tragen.

Ich jammere auf hohem Niveau, doch dürfen wir nicht vergessen, dass eine sehr kurze Nacht und lediglich eine Tasse Kaffee hinter mir liegen. Kurzum: Ich bin ausgesprochen schwächlich an diesem Morgen, als ich den Koffer an dessen Griff nach oben wuchte, um die Stufen der Bahnunterführung zu bewerkstelligen.

Der Griff gibt nach – und reißt.

„Ja, scheiß doch einer die Wand an!“, rufe ich Pavel zu. Nun bin ich der Situation angemessen wütend, versuche aber mich meiner neuen Lebenseinstellung zu entsinnen, nach der ich das Negative ausblende und mir die positiven Aspekte in Erinnerung rufe, da dieses sich responsiv oder so auf die eigene Stimmung auswirken soll. „Responsiv“ ist, glaube ich, nicht das Wort. Irgendwas mit „rückkoppelnd“ halt. Wie dem auch sei, ich suche also nach etwas Positivem, während der Koffer mit dem halbseitig abgerissenen Griff neben mir auf der Stufe stehend der Dinge harrt.

„Positiv… positiv … Nun, da gibt es ja sicherlich ’ne Menge. Fällt dir was ein, Pavel?“

„Naja, du ziehst mit deiner Mitbewohnerin Ende der Woche in einen Palast um! Euer Internet wird bereits vorher freigeschaltet sein!“

„Da sagst du was. Sie stellen heute das alte bereits ab! Ich werde eine Woche bis zum Umzug ohne Netz sein! So eine Scheiße! Das als Blogger! Das ist aber sehr negativ!“

„Ging nach hinten los. Gut, dann sieh folgendes: Du wirst schon um elf Uhr zuhause in Münster sein!“

Ich lache laut auf!

„Pavel! Ich fahre mit der Bahn! Ich werde sicherlich nicht um elf zuhause sein! Zwischen Berlin und Wolfsburg gibt es eine Weichenstörung! Meine Bahn-App hat bereits Verspätungen angekündigt! Dadurch verpasse ich meinen Anschluss in Hamm, was aber sowieso die Regel ist! Da verliere ich also mindestens weitere 30 Minuten! Der Fahrplan der Bahn ist das Grundgesetz Utopias! Was ist daran positiv?!“

„Du bist einfach nicht bereit, etwas Positives zu erkennen!“

„Das ist nicht wahr! Du hältst mir aber lediglich die negativen Dinge vor Augen! Ich muss vielleicht eher die globalen Aspekte sehen. Ich erreiche vermutlich das 40. Lebensjahr. Ich bin, Stand jetzt, nicht krank oder weiß es zumindest noch nicht.“

„Du schränkst ein. Du schränkst in allem ein, was du sagst! ‚Vermutlich‘, ‚Stand jetzt‘ …“

„Ja, das tue ich, um nachher nicht überrascht zu sein. Positives genieße ich gerne mit Vorsicht und vor allem mit Demut! Dass ich seit fast 14 Jahren mit derselben Frau zusammensein darf, sehe ich durchaus sehr positiv und ergehe mich fast täglich in großer Demut und Dankbarkeit darüber. 40 Jahre ohne große Einschläge, toitoitoi, weiß ich ebenfalls sehr zu schätzen, auch wenn die kommenden umso schmerzhafter werden!“

„Schon wieder eingeschränkt, Seppo!“

„Das, lieber Pavel, das ist Demut. Ich suhle mich nicht im Positiven. Angesichts der Monate, die da auf mich zukommen, sowieso nicht. Und ich find’s auch supi, dass es gerade nicht regnet. Aber Tatsache ist, dass der Griff meines Koffers an einer Seite gerissen ist!“

„Seppo! Aber das ist es doch! An nur einerSeite! Dir bleibt die andere!“

Ich schmolle in die Dunkelheit, weil Pavel Recht hat. Greife den Koffer an der anderen Seite und schleppe ihn behutsam wie eine Papier-Tragetasche vom „Rewe“ am Hansaring nach Hause, denn auch diesen Papiertüten traue ich noch nicht so richtig, wessenthalben ich um die Papiertüten immer noch eine Plastiktüte wickle, die ich aus Sicherheitsgründen nur einmalig verwende.

Ich blicke mitleidig den Koffer an und überlege, meine Säge daraus zu holen, um mir den Kopf abszusägen, eine extreme Form des so genannten „Ritzens“, wovon ich dann aber absehe.

In der Regionalbahn, die mich zum Spandauer Bahnhof fährt, sehe ich mir fünf Werbespots auf meinem Handy an, um bei einem Spiel, dass ich derzeit spiele, für die kommenden 24 Stunden das doppelte zu verdienen. Das klingt aberwitzig, was es auch ist, doch es vertreibt mir die Zeit, sodass ich gefühlt 15 Minuten später im ICE gen Münster sitze.

„Gefühlt“, denn real kommt der ICE verspätet. Ich ersehne Kaffee. Ich stehe wirklich gerne auch mal pervers früh auf, doch geht das nur mit Kaffee und wenn ich danach körperlich aktiv werden kann. Das Tapern durch die Dunkelheit ermüdet mich eher wie auch das Warten an den Bahnhöfen.

Stellen Sie sich jetzt bitte einen Zeitraum von etwa 30 Minuten vor, der nun vergangen ist:

Der ICE kommt. Ich warte, bis alle eingestiegen sind, und steige nun ebenfalls ein. Ich bin durch dieses Vorgehen allen anderen Fahrgästen haushoch überlegen. Ich verstehe nicht, warum alle stets sofort durch die Waggons auf der Suche nach ihrem Platz strömen (Der im ICE in aller Regel ein reservierter ist; also geht es niemandem darum, möglichst noch einen Platz zu finden, denn ohne Reservierung kann man den im ICE zu Stoßzeiten ohnehin vergessen!). Solange sich im Mittelgang noch zwei entgegengesetzte Strömungen begegnen, gibt es dort ohnehin kein Vorankommen.

Also warte ich, bis alle sich ihrer Jacken und Mäntel entledigt haben, um keine Arme ins Gesicht geschlagen zu bekommen, und schleppe mich und Koffer (in diesem Fall ist der Koffer der Esel, der ja stets zuletzt genannt werden soll) zu Platz 51 in Wagen 21. Und hier beginnt es.

Meine Dialoge mit Pavel finden nun im Stillen statt, um nicht als Irrer identifiziert zu werden und aus dem Zug zu fliegen.

„Pavel, scheiße. Not! Große Not in Wagen 21!“

„Was ist denn jetzt?!“

„Ich versuche gerade positiv zu sehen, dass ich den Koffer nicht auf die Ablage oberhalb der Sitze zu wuchten vermag. Ich bekomme ihn nicht hoch! Zu schwer!“

Dieanderen Fahrgäste, denen ich eben noch so überlegen war, beobachten, wie ich drei Mal den Versuch unternehme, das Gepäckstück wider die Schwerkraft über meine Schultern zu bewegen. Niemand hilft mir.

„Muss ich erst im Rollstuhl sitzen, bis mir einer hilft?“, frage ich in den Waggon, leicht aggressiv.

„Auch dann kannste lange warten!“, ruft mir jemand von weiter hinten zu. Eine Rollstuhlfahrerin.

„Sie wollen ja auch nicht auf die Gepäckablage!“, ich zurück.

„Machen Sie Witze über Behinderte?!“, ruft jetzt ein weiterer Fahrgast. Und nun werde ich hellwach, da ich auf solche Dinge immer nur so warte und Wortduelle meist durch totale Niederwälzung und Vernichtung gewinne.

„Wann soll ich das getan haben?! Erklären Sie mir und allen anderen bitte, wann ich einen Witz über Behinderte gemacht habe, die im Übrigen auch ein Recht darauf haben, Gegenstand von Scherzen zu sein!“

Letztes Argument habe ich mal von einer früheren Kollegin gelernt, die damit nicht Unrecht hatte. Ich möchte mich über jeden lustigmachen können, meine Person eingeschlossen.

Die Behinderte pflichtet mir von hinten bei, womit ich der moralisch unantastbare Sieger bin, der aber nach wie vor mit seinem Koffer kämpft, denn ihn im Gang stehenzulassen, geht im ICE leider nicht.

„Gut… gut, gut. Da ist wohl nichts zu machen“, sage ich wieder in den Waggon hinein, weil ich es nun lustig finde, dass niemand mit anpackt. Ich frage mich, ob ich müffele. Dabei hatte ich eben erst geduscht mit einem Duschgel von Kollegen Simon, glaube ich. „Balea“. Simon, falls du das hier liest, ich hatte meines oben vergessen und mich reizte diese Duftrichtung von deinem. Ananas! Ich wusste bis heute Morgen nicht, dass es sowas gibt! Vielleicht ist es aber auch gar nicht Simons gewesen …

Die Ananas nimmt ihren Koffer und bewegt sich in die Zwischenabteile, die vermutlich ganz anders heißen, wo sie ihren Koffer abstellt und zurück zum Platz geht.

Dort sitze ich nun und schreibe diese Zeilen. Und hoffe, dass der herrenlose Koffer nicht Gegenstand einer Durchsage im Zug wird, denn diese Durchsagen hört man hier oft. Sobald irgendwo herrencremeloses Gepäck im Zug rumsteht, wird die Terrorstufe um eine erhöht und der Koffer im Zweifel gesprengt. Und dann fliegen mir meine Hantelscheiben um die Ohren.

Pavel wünscht mir derweil eine weiterhin gute Reise und ich Ihnen einen schönen Wochenstart. Sehen wir gemeinsam das Positive und freuen wir uns auf eine besinnliche Zeit.

Ha, eines noch! Gerade musste der Zug mehr oder weniger vollbremsen. Schlecht für unsere Rollstuhlfahrerin, die Opfer der Fliehkraft wurde und ungebremst an meinem Platz vorbeisauste.

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18 Kommentare

  1. Darüber hinaus haben die Behinderten aber auch ein Recht, die entsprechenden Scherze nicht komisch zu finden. ;-)

    Davon mal abgesehen, hätte Dich ein schlimmeres Schicksal ereilen können: Du hättest gestern in Hannover stranden können. Und wer will das schon!?

    Abschließend: Sollte ich jemals eine Aphorismen-Sammlung veröffentlichten wird „Der Fahrplan der Bahn ist das Grundgesetz Utopias!“ darin definitiv enthalten sein. :-)

    Gefällt 3 Personen

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