Der 3D-Drucker

„Das ist ja das Tolle an diesen Teilen!“, erkläre ich meiner Mitbewohnerin, während ich den flüssigen Stahl in das Behältnis des 3D-Druckers fülle, „Sie krempeln zwar unser Wirtschaftssystem total um und untergraben die alteingesessene Rolle der Produzenten, aber wo bekäme ich so kurzfristig noch eine Eisenbahn-Oberleitung her?!“

Von mir selbst überzeugt und ebenso zufrieden drücke ich die Taste „Start Printing“ und der Drucker beginnt leise zu surren.

„Man hört nichts! Wenn ich da an meinen ersten Nadeldrucker zurückdenke! Meine Eltern haben es früher gehasst, wenn ich damals unter diesem nervtötenden Geräusch meine Kurzgeschichten ausdruckte und ungefragt bei Nachbarn verteilte. Heute haben sie stattdessen Propagandablätter im Briefkasten, die von der AfD finanziert werden. Aus rechtlichen Gründen sage ich dazu: vermeintlich finanziert von der AfD! Es ist wohl eher eine interessante Form der Parteispende. Die Justiz wird das sicher klären.“

„Was machst du da überhaupt?!“, fragt beiläufig meine Mitbewohnerin, die gerade unser Geschirr in Kartons verpackt, da wir am Wochenende umziehen.

„Ich drucke mir eine Oberleitung aus!“

„Aha. Warum?“

„Weil ich morgen mit der Bahn nach Berlin fahren will.“

„Und die Bahn hat keine Oberleitungen mehr?!“

„Doch, doch. Nur wer Oberleitungen hat, der kann auch Oberleitungsstörungen verkünden. Und nach zwei Jahren des Pendelns kann ich nur zu einem Schluss kommen: Wer sich als Bahnfahrer keine eigene Oberleitung mitbringt, ist selbst schuld, wenn er in Hamm strandet, weil zwischen Hamm und Bielefeld wieder mal eine Oberleitung kaputt ist.“

Tatsächlich hatte mich meine Bahn-App wenige Stunden zuvor darüber informiert, dass auf meiner gebuchten Strecke am folgenden Reisetag nur noch Himmelfahrtskommandos unterwegs sein würden, eben weil hinter Hamm ein Oberleitungsschaden vorliege. Ich möge mich auf geringfügige Verspätungen einstellen.

Geringfügig! So fangen sie immer an! Weißt du, woraus die Stadt Hamm entstanden ist?“

„Nein.“

„Vor vielen hundert Jahren blieb dort ein Zug der Köln-Mindener-Eisenbahn-Gesellschaft liegen. Wegen eines Oberleitungsschadens. Zunächst hieß es, der Zug würde nach wenigen Minuten die Weiterfahrt fortsetzen. Nach einigen Monaten des Wartens jedoch ließen sich die ersten Passagiere dort als Siedler nieder. Erst bauten sie eine Kirche, dann eine Mühle und dann ein Rathaus und so weiter – Hamm war geboren!“

„Und ‚Hamm‘ steht für …?“

Hammwa doch gewusst, fahre nie mit der Bahn.

„Mir macht immer Angst, dass du diese Dinge ernst meinst, Seppo.“

Ich sehe den Dingen halt direkt ins Auge, also dem Sturm vielmehr, oder wie man sagt. Ich stelle mich den Problemen und löse sie! Nach rund 160 Bahnfahrten weiß ich, dass man sich auf die Oberleitungen der Bahn eben nicht verlassen sollte.

Meine Mitbewohnerin wickelt die Tassen in Zeitungspapier ein, als Rudine mir via Facebook schreibt.

hi seppo, was macht münster? schon umgezogen?

Auf Rudine habe ich derzeit keine Lust. Sie war in Düsseldorf meine Nachbarin und eigentlich hatte ich gehofft, sie sei in der Zwischenzeit gestorben.

Oh, über die Suchfunktion dieses Blogs habe ich gerade erfahren, dass ich Rudine umgebracht habe. Somit hat sie mir nicht geschrieben! Das darf doch nicht wahr sein; jetzt gehen mir hier die Figuren aus, weil ich nach acht Wochen Münster noch keine neuen kreiert habe! Ich muss mich beim Leser entschuldigen, jetzt haben wir hier im Text natürlich einen Hänger. Vermisse ich Rudine etwa?! Ich muss kurz nachdenken, wer plötzlich reingeschneit kommen könnte … Nutzen Sie gerne die Unterbrechung für einen Toilettengang oder Masturbation. Entsprechende Masturbationsmusik folgt:

Willkommen zurück! Also, während meine Mitbewohnerin meine „Simpsons“-Tassen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung einwickelt, klingelt es plötzlich an der Tür unserer Übergangswohnung.

„Erwarte ich jemanden?!“, rufe ich in die Küche.

„Nahein!“, ruft meine Mitbewohnerin zurück, die im Feuilleton jener Gazette die Rezension zu meinem Blog – Sie lesen es gerade – liest. Sie nickt zustimmend ob des Verriss‘, was ich aber alles gar nicht sehe, da ich nicht das lyrische Ich bin, sondern nur ich.

Ich öffne die Tür und dort steht jemand, den ich kenne, dessen Name mir aber entfallen ist. Es ist der Nachbar, der im Garten kürzlich noch irgendeine Marmelade produziert hat. Ich traf ihn am Vortag, als ich gepackte Umzugskartons in unseren Keller schleppte. 

Er gestern: „Hallo! Wir kennen uns noch gar nicht!“

Ich: „Ja, hallo, Seppo. Ja. Also wir wohnen in der ersten Etage. Ziehen allerdings gerade wieder aus.“

Er: „Hi, ich bin *rauschknirsch* Oh, ihr zieht aus?! Probleme mit dem Vermieter?“

Ich: „Nein, hehe, den kenne ich dafür zu gut. Wir haben hier nur zum Übergang gewohnt.“

Nun, völlig egal, jedenfalls hatte ich versäumt, nochmal nach seinem Namen zu fragen und dann den Zeitpunkt auch irgendwie dafür verpasst. Zumal er mir egal war, der Name, da ich ja eh ausziehe. Warum also noch Kontakt zu Nachbarn aufnehmen?! Bin ich Mensch?!

Jener steht da also nun an unserer Tür, die ich auch direkt wieder zuschlage, da ich gerade beschlossen habe, ihn doch nicht als Figur in diese Geschichte einzubauen. Er ist mir eh suspekt. Er sieht eigentlich so aus, als würde er mit kleinen Jungs ein „Geheimnis“ teilen. Und er hat immer Unmengen an Schuhen bei sich. Ja, das klingt sehr seltsam und ist es auch. Er ist mir zu unheimlich, um hier im seppolog aufzutreten.

„Wer war das?!“, ruft meine Mitbewohnerin.

„Der Typ mit den Schuhen.“

Derweil piept mein 3D-Drucker, womit er mir bedeuten will, dass die Oberleitung ausgedruckt ist.

„Hast du was in der Waschmaschine?!“, ruft meine Mitbewohnerin.

„Was?! Ich?! Nein. Warum?“

„Weil’s piept. Sie ist fertig!“

„Sie piept nicht. Das war der 3D-Drucker. Abgesehen davon kann sie gar nicht piepen. Unsere Mikrowelle piept. Dafür gab es sogar mal eigens einen Blogartikel!“

„Den kannste ja dann direkt verlinken!“

„Hab ich!“

Ich gehe wieder ins Wohnzimmer, das derzeit auch unser Schlafzimmer ist, weil wir beides übergangsweise nicht haben. Ich ziehe die Oberleitung aus dem Ausgabefach des Druckers und rolle sie zusammen.

„Ziemlich schwer. Sind mehr als 600 Kilometer.“

„Schöhöön.“

Die Nacht bricht über uns herein. Nicht unerwartet, aber doch plötzlich. Schlagartig schlafen wir ein, um am Morgen wieder aufzuwachen.

Nach mehreren Kaffee und einer Dusche schnappe ich mir meinen Koffer und klemme die Oberleitung unter meinen Arm. Verabschiede mich orgienhaft von meiner Mitbewohnerin und mache mich auf den Weg zum Hauptbahnhof Münster, Gleis drei.

Unauffällig schaue ich mich dort nach einer Steckdose um. Starkstrom muss es wohl sein, denke ich bei mir und finde auch eine entsprechende Dose. Liegt da so rum.

Stecke das eine Ende der Oberleitung rein und gehe zum bereits eingefahrenen ICE 857, um das andere Ende dort einzuklinken.

Okay, es reicht. Das ist doch alles an den Haaren herbeigezogen! Das ist selbst mir zu grotesk! Bis gerade war alles glaubwürdig. Aber wer zur Hölle soll mir denn abnehmen Komma dass der Zug schon da war?! Tatsächlich habe ich heute verfickte 30 Minuten warten müssen – wegen eines Oberleitungsschadens, der später zur Signalstörung wurde! Das, verehrter Leser, jubele ich Ihnen nicht unter! Von mir sind Sie vollkommen zurecht seit 832 Geschichten Wahrhaftigkeit gewöhnt!

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein wahrhaft geruhsamen Abend. Ich schreibe diese Zeilen zwischen Berlin und Weliki Nowgorod, wo ich nun eine Stadt gründe.

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9 Kommentare

  1. Die Fülle der Defekte und sonstigen Begründungen für Verspätungen bei der Bahn – mein diesbezüglicher Favorit: „Sprayer im Gleisbett“ – ist derartig vielfältig, dass einem mit einer einfachen Ersatz-Oberleitung nicht geholfen ist.

    Zu Wiederauffüllung des Figuren-Ensembles schlage ich für den Anfang die Versetzung von Ordophob Ohßem nach Münster vor. Der ist schließlich Beamter, da würde eine solche Versetzung – ausnahmsweise – sogar inhaltlich mal Sinn ergeben. Oder hast Du den auch schon umgebracht?

    Bis denn, und сердечный привет nach Weliki Novgorod!

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