Die Gewichtsweste

„Du willst doch so jetzt nicht ins Bett gehen?!“, fragte mich gestern Abend meine Mitbewohnerin, zumal wörtliche Rede in Frageform immer ein guter, da direkter Einstieg in eine Geschichte ist.

„Will ich nicht?!“, fragte ich gegen, da Gegenfragen immer ein guter Ausstieg aus unangenehmen Gesprächen sind.

„Bislang dachte ich, deine Vorlieben im Bett zu kennen. Aber wenn du jetzt mit der Gewichtsweste ins Bett und vielleicht noch viel weiter steigst, bin ich raus“, sie weiter.

Ich habe seit einigen Tagen nach massiven Lieferproblemen des „Hermes“-Versandes, den ich nur deempfehlen kann, eine Gewichtsweste. Wer so etwas nicht kennt, darf sie sich als eine kleidende Weste vorstellen, in der kleine Säckchen eingenäht sind, die jeweils 657,9 Gramm wiegen. 38 Säckchen sind es und so trägt man mit der Weste also 25 Kilogramm mit sich herum.

„Du willst sie also beim Schlafen auch noch tragen?! Ich sehe dich ja nur noch in dieser Weste!“, monierte sie.

„Ich kann halt alles tragen. Wann und wo ich will!“

„Aber was bringt sie dir im Schlaf?!“

Zunächst einmal muss man wissen, was sie einem außerhalb des Schlafes bringt, und ich werde mich dazu sehr, sehr kurz fassen. Nur so viel: Körpereigengewichtsübungen, besser: Körper-Eigengewichts-Übungen, werden um einiges effizienter, wenn man noch etwas Gewicht drauflegt. Darum diese Weste, obwohl ich es retrospektiv merkwürdig finde, dass ich erst zwölf Kilogramm an Körpereigengewicht, also Körper-Eigen-Gewicht, abnehme, um dann 25 Kilo Körperfremdgewicht wieder draufzupacken. Aber wer Kraftsport betreibt, der findet das gar nicht so ungewöhnlich, und ich selbst fahre dermaßen darauf ab, dass ich die Weste gar nicht mehr ablege.

Sodass sich die Frage stellt, ob man dieses Teil auch waschen kann. Man kann es natürlich nicht, was aus olfaktorischer Sicht möglicherweise einmal zum Problem wird, denn beim Sport in dieser Weste schwitzt man etwa das Dreifache der Normalmenge aus – und die ist bei mir schon erheblich. Inzwischen klebt das Teil regelrecht an mir und übernimmt die Funktion meiner Epidermis, die sich inzwischen aufgelöst hat und in Fetzen auf dem Boden liegt.

„Aber wenn du nur so daliegst mit dem Teil, was bringt es dir denn dann?!“, knattertonmäßig meine Mitbewohnerin, womit ich übrigens nicht ihren Tonfall meine, denn der ist nie knatternd. Aber sie hatte ja recht, denn man muss sich in dem Teil schon bewegen!

„Nun …“, begann ich … und erzählte von meinem Leid, das ich zu kaschieren versuchte.

Großer Gott, nicht einmal 400 Wörter bis hier hin! Was habe ich gedacht, wie ich mit diesem mageren Aufhänger mein Soll erfüllen kann?! Ich werde einiges dazudichten müssen …

Plötzlich landete vor unserer Haustür – und ich lüge nicht! – ein Raumschiff. Ein außerirdisches, wie mir schien, da ich Raumschiffexperte bin. Alles begann in meiner Kindheit mit einem Raumschiff von „Lego“. Das habe ich erst kürzlich aus dem elterlichen Keller geholt, da mein Vater seit geraumer Zeit damit droht, meinen ganzen Krempel aus Kindheit und Jugend zu entsorgen, wenn ich mich dessen nicht langsam mal annähme, jetzt, wo ich wie sie auch in Münster lebe.

Nun, jedenfalls entstiegen dem Raumschiff drei Männer der städtischen Abfallbeseitigung, was meine Theorie, dass es sich um ein außerirdisches Fluggerät handelte, schwer ins Wanken brachte.

„Hey, was da los?!“, rief ich aus dem Schlafzimmerfenster, da ich der Meinung war, dass man ein Müllbeseitigungsraumschiff unbekannter Herkunft unmöglich unkommentiert lassen konnte. Und auch gegenüber öffnete sich ein Fenster; das von Krolldoff und Refikadück, unseren beiden Nachbarn von gegenüber, denen wir immer in die Wohnung starren.

„Seppo! Was geht da vor sich?“, rief Krolldoff mir zu.

„Ein Raumschiff! Ich hatte mal ein ähnliches Modell von Lego. Wollte mein Knan doch glatt wegwerfen! Willst du mal rüberkommen? Dann können wir beizeiten mal gemeinsam Lego spielen!“

Nun, ich denke, ich habe den Text nun ausreichend aufgefüllt, wir können zur eigentlichen Handlung zurückkehren.

Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii und gerade dabei, meiner Mitbewohnerin den wahren Grund dafür mitzuteilen, warum ich auch nach dem Sport die Bleiweste nicht ablegte.

„Nun, so wie ich auch nicht dazu neige, durchgenagelte Bräute abzulegen“, begann ich, „lege ich auch nicht durchgeschwitzte Westen ab.“

„Was?! Bräute?! Du und Bräute?! Seppo, diese Weste scheint an deinem Hirn zu ziehen!“

Ich wollte gerade auf diesen Punkt eingehen, als ich innehielt … und fragte:

„War da gerade ein Raumschiff?!“

Nun, wir merken, es hat keinen Zweck. Wir verlassen diese von Hoffnung verlassene Szene und ich erzähle es hier. Führt ja zu nichts. Stand der da nackt in der Weste und will damit fierchen! Also mein lyrisches Ich. Mir selbst würde so etwas nie passieren! Obwohl …

Zunächst einmal für Leser, die selbst sportlich auf ähnliche Weise aktiv sind wie ich: Holen Sie sich eine solche Weste, sie wird Sie auf ein ganz neues Level der Anstrengung führen! Doch Obacht! Nachdem ich das Teil ausgepackt hatte, stand ich vor einem unerwarteten Problem: 25 Kilogramm sind beispielsweise als Hantel leicht handzuhaben. Doch in einer Weste verteilt auf im obigen Bild zu sehende Fläche ist alles andere als umgänglich: Wie zur Hölle schlüpft man da rein?!

Das erste Anziehen war ein workout für sich. So steht es jetzt auch in meinem Trainingsplan: „Weste anlegen – 45 Sekunden Pause“. Beim ersten Mal zerrte ich mir ungeahnt massiv und nachhaltig meinen Nacken, nachdem es meinen Kopf nach hinten riss. Ich hatte mich da beim Bekleiden ungünstig verfangen, zumal ich da noch hinten mit vorne verwechselt hatte. Das wäre ja nicht so tragisch, doch kann man sie dann nicht verschließen, sodass ich bitter festellen musste, dass ein weiteres, ein erneutes Anziehen vonnöten sein würde. Und davor würde das Ausziehen sein. Dabei riss es dann meinen Kopf auch nach vorne. Und zunächst hatte ich gehofft, dass dieser vorwärtige Vorgang den vormals rückwärtigen ausgleichen würde. Doch nein, weit gefehlt, nun habe ich sowohl hinten im Nacken als auch vorn in der oberen Brust eine Zerrung.

Ich erinnere mich noch an meine erste Brustzerrung, damals, schon zehn Jahre her, glaubte ich, es sei ein Herzinfarkt. Denn eine Brustzerrung kann, muss aber nicht!, dazu führen, dass man nicht mehr einatmen kann. Das gepaart mit Schmerzen in der Herzgegend diagnostizierte ich angesichts der wenigen Minuten, die mir vermeintlich verblieben, natürlich als Infarkt.

Inzwischen habe ich die Weste seit drei oder vier Tagen. Erst heute habe ich eine Technik entwickelt, die mir das Anlegen dieser erleichtert. Für Außenstehende muss sie sehr, sehr armselig aussehen. Ich lege das Teil ähnlich wie auf dem Beitragsbild auf unser Sofa, das wir noch immer nicht losgeworden sind, und zwar so, dass ich mich vor dem Sofa hockend zurücklehnen kann, wobei mein Kopf in die deutlich sichtbare Öffnung schlüpfen zielt. Die deutlich sichtbare Öffnung sieht man allerdings nicht, da die Augen bei diesem komplizierten Vorgang in die Gegenrichtung ausgerichtet sind, was sich einfach nicht verhindern lässt. Man muss also treffsicher sein, denn andernfalls droht eine Auffrischung der Zerrung und während ich dieses schreibe, wird mir klar, dass auch ein Genickbruch keinesfalls ausgeschlossen werden darf.

Nun liege ich also mit dem Kopf auf der Öffnung – zumindest im Idealfall -, um dann mittels meiner Hände an den nun nach hinten gestreckten Armen die Front der Weste über meinen Kopf nach vorn auf meinen Bauch zu hieven. Stellt man dabei fest, dass es sich bei der Front um das Revers handelt, muss der Vorgang umgehend, aber unter größter Sorgfalt!, abgebrochen werden.

Handelt es sich aber um die Front, kann man nun aufstehen. Und an dem Punkt beginnt das Training. Denn das Aufstehen mit Weste ist nicht ohne. Macht man dabei einen gekrümmten Rücken, wird sich das rächen – und zwar unmittelbar. Ich weiß das, weil es mir beim ersten Mal passiert ist. Dabei ist beim Kraftsport nichts wichtiger als der immer gerade Rücken. Aber gut, was will man machen, zu meinem eigenen Erstaunen, das der Leser teilt, bin selbst ich nicht perfekt. Doch, doch glauben Sie mir! Ich weiiiiß, man kann es kaum glauben. Aber manchmal denke ich, nein, Seppo, du bist gar nicht so perfekt, wie alle sagen.

Wenn die Weste also einmal sitzt, will ich sie gar nicht mehr ablegen. Da auch der Vorgang nicht ohne ist! Beim zweiten Mal blieb mir die Front beim Zurückziehen über meinen Kopf an der Nase hängen. Wenn zwölf Kilo an der Nase ziehen, dann zieht die Nase auch, allerdings den Kürzeren. Infolgedessen hat sich mein rechter Nasenflügel vom Restgesicht gelöst. Noch gestern habe ich jemanden ungefragt mitgeteilt, dass mindestens rezeptfreie Schmerzgels oder Salben wirkungslos sind (Um zu wirken, müssten sie tiefer in die Haut eindringen, was durchaus möglich wäre, dann jedoch dürften sie nicht mehr rezeptfrei verkauft werden. Das gilt übrigens auch für Anti-Faltencremes: Sie haben freilich keinen Effekt. Auch dazu müssten sie sehr tief in das Gewebe eindringen, was jedoch Produkten der Bezeichnung „Kosmetik“ vom Gesetzgeber verboten ist. Sie müssten als Medikamente eingestuft werden, was dem Hersteller nicht entgegenkommt. Exkurs Ende.)

Ähm, ja, Faden verloren. Achso. Also: Auch wenn mir die fehlende Wirkungsweise einer viel beworbenen Salbe bekannt ist, schmiere ich sie jeden Tag mehrfach auf meinen Nasenflügel, der beim Ausatmen albern flattert. Ich habe irgendwie einen kleinen Dumbo im Gesicht.

Gut, folgendes: Ich habe mich derart verloren, dass ich hier jetzt abbrechen muss, da ich wirklich noch zu tun habe. Mir ist es zwar gelungen, wieder ein Zeitfenster für das Bestücken meiner Leiste, nein, meines Blogs zu finden, doch es handelt sich lediglich um ein sehr kurzes, sodass ich hier nun schließe, aber nicht ohne auf meinen – das musste ja kommen! – Instagram-Dings zu verweisen, wo man mich praktisch in allen Positionen – daher kommt ja poser – findet, und zwar in Gewichtsweste. Ich weiß aber, dass Sie das nicht interessiert und das finde ich vollkommen in Ordnung, denn mich würde es auch nicht interessieren, handelte es sich nicht um mich. Wobei, stimmt gar nicht. So um sich sportliche Anregungen zu suchen, ist das eine ganz nette Einrichtung. Achten Sie mal darauf, wie sich die Instagram-Fitness-Girlies dort ins Licht setzen. Wenn sie stehen, ist eines ihrer meist zwei Beine durchgestreckt, das zweite hingegen gebeugt, der Fuß weiter vorn aufgesetzt, allerdings nur die Zehenspitzen. Den Po strecken sie dabei möglichst weit an den Bildrand. Inzwischen ist es Trend, dass der Po maximal groß und voluminös in seinen Ausmaßen trainiert wird, wie auch immer das geht. Dieses Schönheitsideal ist so völlig an mir vorbeigegangen, denn spätestens wenn sich die Mädels in einen Stuhl mit zwei Armlehnen setzen wollen, werden sie feststellen, dass ein maximal breites Gesäß von der Möbelindustrie noch nicht einkalkuliert worden ist.

Aber gut, ich sage ja immer, jeder soll das tun, was er will, ich tue es ja auch, und ich erwarte nicht, dass das jeder toll findet, es ist mir sogar egal. Was soll ich mich also über posierende Mädels auslassen, wo ich selbst doch ein maximal großes Glie … Guten Abend.

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16 Kommentare

  1. Super witziger Beitrag. Wusste garnicht das es sowas gibt. Aber warum man gleich mit 25 kg anfängt? Hm…wär ja besser eine Weste zu haben die man auffüllen kann, so Säckchen für Säckchen. Dann wäre das Anziehen auch nicht so problematisch und das Training angepasst an die Leistungsfähigkeit die man dann wunderbar steigern kann !

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  2. Ich hadere noch mit den Zusammenhängen… die Weste ist also ein Trainingsinstrument für angehende Astronauten… oder besitzt du soviel Lego, dass Du Krafttraining machen musst um die damit gebaute Rakete heben zu können…? xD

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  3. Ich staune nur noch ! Was es alles gibt !!!! Eine Gewichtsweste würde mich völlig erschlagen , zumal ich wochenlang mit einem komplizierten Sprunggelenk Bruch herum laboriere und einbeinig hüpfen muss . Wär diese Option nicht eine Steigerung Deiner Fitness 😉? GLG Angela
    Dein Beitrag hat gute Laune erzeugt !!

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  4. Übernimm Dich nicht!

    Irgendwie erinnert mich das Teil an eine durchschusshemmende Weste.
    Hast Du eigentlich auch schon mal den Schuss nicht gehört? Passiert mir andauernd. :-)

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