Die große Blonde

„Brääääääms, du Hupe!“, schreie ich hysterisch, kurz nachdem Merugin auf den Fiat Panda aufgefahren ist.

„Hup, du Bremse …“, sagt Merugin leise und fasst sich an seine blutende Stirn.

„Na toll, jetzt komme ich zu spät zur Arbeit“, gebe ich zu Bedenken.

„Das wird keiner deiner Kollegen merken“, Merugin zurück, „Kommste halt mal um acht statt um sieben.“

„Du blutest. Wo ist der Airbag?!“

„Den habe ich deaktiviert. Was bringt mir ein kaputter Airbag nach einem Unfall?! Der muss jetzt immerhin nicht repariert werden. Und ich wollte ihn mir für einen richtigen Unfall aufsparen.“

Es klopft am Fahrerfenster. Eine junge Frau, die genau nicht meinem Typ entspricht, verlangt um Gehör.

„GEHT’S NOCH?!“, ruft sie, „BISSCHEN WENIG ABSTAND HÄLTST DU DA!“ und zeigt auf den Motorraum Merugins Autos, der im Kofferraum des rotroten Pandas hängt. Es ist ein rötliches Rot mit Stich ins Rot, allerdings mit roten Anleihen.

Ich muss schmunzeln. Humor hat sie. Und auch um die Handlung voranzutreiben, übernehme ich das Heft des Handelns.

„Folgende Situation. Wir haben es hier mit einem Auffahrunfall zu tun. Und ich muss zur Arbeit, sonst gerät mein diffiziler Überstundenplan durcheinander. Ich schlage also vor, ihr beiden – ich darf ‚du‘ sagen?! – kümmert euch hier am Unfallort um den Unfall, während ich flugs zur Arbeit gehe. Einsprüche?“

Die große Blonde erhebt das Wort: „Ihr Freund blutet.“

„Ja. Und ich komme zu spät zur Arbeit. Er blutet zum falschen Zeitpunkt.“

Ich begutachte Merugin, der inzwischen die Polizei am Handy hat.

„Hörst du ein Amt?“, frage ich ihn.

„Ja, ich höre ein Amt“, sagt er.

„Frag sie, ob sie eine zweite Streife mitschicken könnten, die mich am Büro absetzt. Es eilt.“

„Soll ich dich zum Büro fahren?“, fragt die große Blonde.

„Nein, danke. Ich steige nicht zu großen Blonden ins Auto. Das führt nur zu hemmungslosem Sex.“

„Das glaube ich kaum, wenn ich mir dich so ansehe.“

„Außerdem ist dein Panda ja wohl fahruntüchtig. Ich werde zu Fuß gehen. Für eine eventuelle Zeugenaussage stehe ich nicht zur Verfügung, ich bin in Eile und kann mich nicht um die Probleme anderer kümmern. Habe ja selbst auch keine.“

Verlegen wir nun den Fokus auf Merugins Telefonat mit der hiesigen Polizei.

„Mein Name ist polizeibekannt“, meldet der sich am Telefon, „ich hatte gerade einen Auffahrunfall auf der Hafenstraße, Höhe Albersloher Weg. Eine große Blonde fuhr rückwärts auf mich drauf. Also nicht auf mich, auf mein Auto. Ich bin empört. Nehmen Sie zu Protokoll, dass das Opfer empört ist. Außerdem blute ich. Schicken Sie einen Rettungswagen. Achja, und eine zweite Streife, die meinen Freund zur Arbeit bringt. Er ist in Eile, wegen seines Überstundenplans. Und bringen Sie gerne einen Happen zu essen mit, kann sich ja doch etwas hinziehen.“

„Sie sollen Teilchen mitbringen“, werfe ich ein.

„Mein Kumpel schlägt Teilchen vor. Vielleicht so eine Laugenbrezel.“

„Knusperstange!“, rufe ich.

„Knusperstange“, ergänzt Merugin.

Ich wende mich zur großen Blonden: „Möchten Sie auch was? Die Polizei fährt wohl beim Bäcker vorbei.“

Die große Blonde überlegt und sagt dann: „Bin ich im falschen Film?! Ihr fahrt mir hinten drauf und wollt jetzt Knusperstangen?!“

„Ich stehe nicht so auf Puddingteilchen“, rechtfertige ich mich und tupfe Merugins blutende Stirn mit dem Rockzipfel der großen Blonden ab.

„Das sieht nicht gut aus, Merugin. Du solltest dich zuhause hinlegen. Mit ’nem Waschlappen auf der Stirn oder so. … Ist dir mal aufgefallen, dass Blut stets nach unten tropft?“

Und so sitzen wir noch etwa zehn Minuten am Unfallort, bevor dann endlich die Polizei eintrifft.

„Soooo, Sie sind der Unfall?“, fragt der mir nicht ganz Unbekannte Beamte.

„Ordophob Ohßem! Ja, lüch ich denn?!“, rufe ich erfreut aus.

„Herr Flotho! Ist es denn die Möglichkeit?!“

„Haben Sie sich nach Münster versetzen lassen?“, frage ich mit echtem Interesse.

„Ja, in der Tat. Also ich wurde eher versetzt. Es war ein eher passiver Ortswechsel. Nachdem ich in Düsseldorf diese Mordserie nicht habe aufklären können und mein Telefon bis heute nicht gefunden habe, schlugen die Kollegen dort mir eine Luftveränderung vor.“

Zufälle gibt es, denke ich, und freue mich über das Wiedersehen mit dem alten Haudegen, der offenbar nicht ahnt, dass meine Mitbewohnerin und ich die Täter sind, die er damals gesucht hatte.

„Dann sag ich Ihnen jetzt was, da werden Sie lachen: Für die Morde in Düsseldorf sind meine Mitbewohnerin und ich verantwortlich! Darauf wären Sie nie gekommen, was?!“

„Ja, ist es denn die Möglichkeit! Sie sind mir ja einer, Herr Flotho!“

„Verzeihung, könnten wir uns nun auf diesen Fall konzentrieren?“, interveniert die große Blonde.

„Ungern“, so Wachtmeister Ohßem, „ich habe Herrn Flotho ewig nicht mehr gesehen! Achja, die Teilchen, ich habe Knusperstangen für alle und ein Puddingteilchen!“

„Mr. Ohßem, ich habe eine Idee“, setze ich an, „Würden Sie mich zur Arbeit bringen? Dann kann ich Ihnen bei der Gelegenheit zeigen, was ich so mache. Sie könnten mir über die Schulter schauen, während ich Dinge tue! Und wir haben wirklich gute Kaffeeautomaten dort. Die sind in die Wand eingelassen und funktionieren mit Touch! Man toucht drauf rum und bekommt Kaffee!“

Doch zur Umsetzung meines Vorschlages soll es nicht kommen, da plötzlich Merugin bitterlich erbricht und dann theatralisch kollabiert.

„Ach, Merugin. Du kannst es nicht ertragen, mal nicht im Mittelpunkt zu stehen“, sage ich und trauere um die umsonst verzehrte Knusperstange, die meine hätte sein können.

„Soll ich vielleicht den Unfall aufnehmen, Herr Wachtmeister?“, schaltet sich nun wieder die große Blonde ein.

„Das wäre nett, danke“, antwortet Ordophob Ohßem und reicht seinen kleinen Notizblock an die große Blonde weiter. Ergänzt wird die Gabe durch einige Formulare.

„Tragen Sie hier einfach Autokennzeichen ein, Unfallhergang und so weiter. Zeugenaussagen zum Beispiel. Gibt es Zeugen?“, will Ohßem wissen. Alle noch bei Bewusstseienden blicken zu mir.

„Nix da, ich muss zur Arbeit. Aber gut, auf die Schnelle: Mein Freund Merugin näherte sich im Schritttempo der roten Ampel. Bereits, als diese noch Grün zeigte, sagte Merugin, er drossele besser vorausschauend das Tempo, da eine grüne Ampel in aller Regel alsbald die Farbe wechsele. Im gleichen Moment setzte unvermittelt der rote Fiat Panda zurück und gab Gas. Wir vernahmen Rufe, wie ‚Ich mache alle platt!‘ Es waren scheinbar die Rufe der großen Blonden. Wenn Sie mich fragen, Herr Kommissar: Die große Blonde ist schuldig.“

„Das überzeugt mich, Herr Flotho. Große Blonde, ich nehme Sie hiermit fest.“

„Sie nehmen mich wegen einer Unfallbeteiligung fest?! Und ich protestiere! Die Situation ist doch eindeutig! Klassischer Auffahrunfall an einer roten Ampel!“

„Sie sind hier nicht Zeugin, sie sind im Grunde bereits Verurteilte! Und außerdem ist die Ampel gerade grün!“, ruft Ordophob Ohßem zur Ordnung.

„Aber so läuft doch keine Unfallaufnahme!“, wieder die große Blonde.

„Erklären Sie mir nicht meinen Job!“, Ohßem erbost und weiter an mich gerichtet: „Herr Flotho, würden Sie mir bitte meinen Job erklären?“

„Geht wirklich nicht, ich muss ins Büro. Aber wie wäre es, Sie würden meine Mitbewohnerin und mich einmal besuchen?“

„Wenn die große Blonde auch kommt, bin ich dabei!“

„Da lasse ich mich nicht zwei Mal bitten“, sagt diese.

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4 Kommentare

  1. […] uns in der Münsteraner Uniklinik, Notfallaufnahme, in die uns Officer Ohßem gebracht hat, nachdem uns eine große Blonde mit ihrem Fiat Panda rückwärts auf die Motorhaube gefahren war. Merugin hängt an mehreren Schläuchen, was mich daran erinnert, wie ich früher meinem Vater […]

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