Protestler*innen

Mittwochmorgen, ich sehe durch ein Versehen als Folge technischen Unvermögens (Ich bin inzwischen 41 …) die Nachrichten vom ZDF, die unterdessen den lässigen (Ich bin inzwischen 41 …) Namen „Heute Xpress“ tragen. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich bin uneingeschränkter Freund unseres Rundfunksystems und halte dessen Gegner, um es mal salopp und deutlich zu sagen, für geschichtsvergessene Idioten. Ich bin der objektiv richtigen Meinung, dass es weltweit cain besseres System gibt und unser hiesiger Journalismus von hoher Qualität ist. Wer mir jetzt mit „Lügenpresse“ oder „Staatsfernsehen“ kommt, ist auch hier: ein geschichtsvergessener und offensichtlich ungebildeter – Idiot.

Doch trotz meiner Hochachtung vor jener übrigens auch inzwischen immer wieder transparent gemachten Qualität sehe ich höchstselten Nachrichten im Bewegtbild, da ich eher dem Lesen zugeneigt bin, da die zu Unrecht verschriene, gedruckte Presse viel tiefer gehende Informationen liefert, als das Nachrichtenfernsehen es zu leisten vermag, was nicht als grundsätzliche Kritik zu verstehen ist. Aber es macht einen Unterschied, ob ich mir einen 90-Sekünder zu demonstrierenden Nazi-Esoterikern ansehe oder beispielsweise ein „Dossier“ der „Zeit“ dazu, an dem man schon mal ein halbes Stündchen zu lesen hat.

Aber da ich mich am frühen Morgen dazu entschied, mir wieder den Kopf zu rasieren, wurde mir während dieses zehnminütigen Vorgangs etwas langweilig, sodass ich mein Handy mit der geöffneten ZDF-App vor dem Spiegel aufstellte und ins „MoMa“ rutschte, wo eine Nachrichtensprecherin von „Heute Xpress“ plötzlich von „Protestler*innen“ sprach.

PROTESTLER*INNEN!

Ich schmeiße (Wie früher wechsle ich unvermittelt ins historische Präsenz.) den Langhaarschneider weg, greife zum Mobiltelefon und rufe zu meiner Mitbewohnerin hinüber:

„Wie ist Merugins Nummer?!“

Merugin ist mein einzig verbliebener Freund, da ich alle anderen vor meinem geistigen Auge getötet habe, und dennoch habe ich seine Nummer nicht gespeichert, da ich nicht eine einzige Nummer eingespeichert habe. Erscheinen also Nummern auf meinem Display, ob als Anruf oder Nachricht, muss ich mitunter raten, wer mich da belästigt; bei einigen erkenne ich zumindest Bestandteile der Nummern. Freilich, bei Whatsapp hilft das Profilbild.

„Es ist fünf Uhr! Ich wollte an sich noch 45 Minuten schlafen!“, schallt es aus dem Schlafzimmer zurück.

„Es ist wichtig. Das befreundete Fernsehen gendert neuerdings auf unterträglichste Weise! Sie sprechen jetzt den ‚Gender-Gap‘ mit aus!“

„Was?!“

„Das Sternchen! Sie sprechen das Sternchen!“, brülle ich.

Dazu muss Leser*in wissen, dass ich Gendern verachte. Nicht etwa, weil ich Frauen verachte, sondern weil Gendern Sprache ohne Not verstümmelt. Man kann nicht einfach Sonderzeichen zwischen die Buchstaben knallen. Man kann nicht einfach „Protestler*innen“ aussprechen. Und wer mal wirklich konsequent einen Text durchgendert, wird feststellen müssen, dass man*innen da schnell an seine/ihre Grenzen*innen stößt, da ja auch Pronomen jedes Mal mitgegendert werden müssen. Weil aber die meisten nicht wissen, was ein Pronom*innen ist, stolpern sie erst gar nicht darüber, gendern dafür aber sicherheitshalber und unnötigerweise noch Mitglieder*innen und Adjektive. Höre ich derartiges, ziehe ich unumwunden meine Waffe.

Schnell schiebe ich ein, dass es sich hier um meine private Meinung handelt. Ich bin unter Umständen sofort bereit, mich dort, wo man es von mir erwartet, anzupassen und konsequent zu gendern. Doch in meinem Privatbereich wird nicht gegendert, und zwar aus Respekt vor unserer Sprache, die ohnehin schon ohne Not an allen Ecken und Enden verstümmelt wird.

Ich laufe ins Schlafzimmer und schnappe mir das Handy meiner Mitbewohnerin, die sich tief in unsere Bettdecken vergraben hat. Suche Merugins Kontakteintrag in ihrem Handy und rufe ihn an.

Es meldet sich Merugin, der seltsam leise den Namen meiner Mitbewohnerin gefolgt von einem Fragezeichen flüstert.

„Ist er weg?“, fragt Merugin.

„Wer? Weg?“, frage ich zurück.

„Oh, Seppo! Äh, ich dachte … Also hallo!“

„Mooment, telefonierst du häufiger mit meiner Mitbewohnerin?“

„Äh, du, lass uns … also folgendes … Mein Gott, wie früh ist es eigentlich noch?!“

„Ich habe gerade ‚Heute Xpress‘ gesehen, wobei ich nicht weiß, ob sie sich ‚Ix-Press‘ oder ‚Ex-Press‘ aussprechen. Und was muss ich da hören?“

„Seppo, ich weiß es nicht und irgendwie will ich es nicht wissen. Warum rufst du von dem Handy deiner Mitbewohnerin an?!“

„Weil ich deine Nummer nicht habe. Also ich habe sie im Kopf. Nur gerade nicht. Ich kann dir meine Nummer meiner Packstation-Kundenkarte so rutterrattern, aber gerade ist alles in Bezug auf deine Kontaktdaten ungünstig.“

„Soll ich dich anrufen?“

„Ja.“

Ich lege auf, gehe zurück ins Bad, wo auch schon mein Handy bimmelt.

„Mein Handy bimmelt!“, rufe ich albern gut gelaunt, da ich derzeit das Wort „bimmeln“ sehr schätze.

„Dann geh endlich ran!“, ruft sie aus dem Schlafzimmer.

„Wer das wohl ist? … Flotho?“

„Ja, also“, sagt Merugin, „Was ist nun?“

„Sie sprechen von ‚Protestler*innen‘!“

„Ja, mit ihnen kann man ja nicht sprechen.“

„Nein, ich meine, sie gendern! Sie sprechen den Gender-Gap mit!“

„Das tun sie schon seit Anfang des Jahres, Seppo.“

„Das hättest du mir doch mal sagen können!“

„Hätte ich ja, aber seit einem Jahr herrscht absolutes Schweigen. Seit einem Jahr sitze ich gefangen in deinem Kopf, da du mich ja nicht mehr herauslässt!“

Es klingelt an der Wohnungstür. Ungewöhnliche Zeit.

„Herr Gott, was denn noch?!“, ruft genervt meine Mitbewohnerin.

„Merugin, warte, ich lege dich kurz auf die Waschmaschine, jemand ist an der Tür. Die Tür hat gebimmelt gewissermaßen.“

Ich gehe zur Tür, öffne sie routinemäßig wie gekonnt.

„Lara!“

Es ist Lara vor meiner Tür.

„Seppo! Du Arsch!“

„Äh?!“

„Endlich sagt’s mal einer!“, höre ich aus dem Schlafzimmer.

„Seppo, ein ganzes Jahr Funkstille!“, klagt Lara.

„Was?!“, ich bass erstaunt.

„Du hast seit einem ganzen Jahr nichts mehr geschrieben!“

„Naja, ganz so richtig ist das nicht. Ich habe halt nicht im seppolog geschrieben, sondern anonym, um mal richtig Dampf abzulassen. Ich ertrug dieses ganze Seppo-Figurenuniversum nicht mehr. Allein dich hier wieder zu sehen, ist nahezu nicht zu ertragen! Und am Handy habe ich gerade Merugin, dem völlig egal zu sein scheint, dass das ZDF nun verbal gendert!“

„Das macht es schon seit Anfang des Jahres.“

Aus dem Schlafzimmer höre ich: „Wäre es nicht jetzt der Caitpunkt, mal zu fragen, warum ausgerechnet jetzt, morgens um diese Zeit, dein beschissenes Figurenuniversum aus dem Tiefschlaf erwacht?!“

An der Wortwahl meiner Mitbewohnerin erkenne ich, dass sie den Zeitpunkt für nicht ganz so ideal befindet. Aber es ist was dran an ihrer Frage.

„Lara, was eigentlich ist der Grund deines frühen Erscheinens hier?“

„Wir haben bemerkt, dass du wieder schreibst.“

„Wer ist ‚wir‘?!“

Hinter Lara tritt nun eine weitere Person hervor.

„Hallo Seppo!“

Grundgütiger! Es ist Zacharias, mein Klon. Oder Halbbruder. Oder Stiefbruder. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ich müsste in den Archiven des seppologs nachschauen.

„Damit hast du wohl nicht gerechnet, was?“, so Zacharias, der exakt so gut aussieht wie ich.

„Nein, habe ich nicht. Ich habe auch gar nicht vor weiterzuschreiben. Das ist ein riesen Missverständnis!“

„Guten Morgen, Herr Flotho!“, kommt es unvermittelt aus dem Treppenhaus.

Und ich staune, als ich das Ehepaar Fahrgescheit sehe.

„Entschuldigung, aber Sie wohnen doch nun wirklich nicht in Münster!“

„Das stimmt, aber wenn Sie schon mal schreiben, wollten wir uns auch kurz blicken lassen!“

„UM DIESE ZEIT?!“ brüllt es aus dem Schlafzimmer.

Ich knalle die Tür zu, als ich von unten höre:

„Verzeihung, hat jemand mein Telefon gesehen?“

Das kann nur Hauptwachtmeister Ordophob Ohßem sein. Den will ich nun wirklich nicht mehr sehen.

Ich beschließe, auf „Veröffentlichen“ zu klicken, um dem Spuk ein Ende zu machen. Ich blogge nie wieder! Und dieses war das 879. Mal.

Ich bleibe bei meinem Podcast: Unbekannt trotz Funk und Fernsehen.

Episode 025: Gefrierbeutel ohne Kapuze Unbekannt trotz Funk und Fernsehen

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20 Kommentare

  1. Der gesprochene Gender-Gap ist nur eines – wenn vielleicht auch das größte – sprachliche Ärgernis, mit dem man sich derzeit so rumplagen muss. Ich stieß kürzlich in einer Buchrezension auf die sinngemäße Textstelle „Die Lesenden finden schnell in die Welt hinein …“ Die Lesenden? Für mich klingt „Lesenden“ nach dem Gegenteil von Analphabeten. Ein bisschen so wie „Sehende“ zu … ach, lassen wir das. Warum man im vorliegenden Fall nicht das schöne Wort „Leserschaft“ verwendet hat, wird wohl auf ewig das Geheimnis der Autorin bleiben, vielleicht ist „Leserschaft“ aber auch einfach zu nah am generischen Maskulinum, obwohl sie einen weiblichen Artikel hat, wer weiß. Jedenfalls haben derlei sprachliche Spielereien meinen Pantoprazol-Verbrauch in jüngerer Vergangenheit sprunghaft ansteigen lassen …

    Davon ab kann ich nicht umhin, meine Freude darüber kundzutun, diesen 879. Text lesen zu dürfen und ich gebe die leise Hoffnung nicht auf, dass diesem doch irgendwann noch die Texte 880 bis 1000 folgen. Immerhin sind doch jetzt schon mal alle wieder da. Sogar Fahrgescheits!

    Gefällt 4 Personen

    • Zumal das Partizip grammatikalisch eine andere Bedeutung hat. Der Studierende beispielsweise ist etwas anderes als Student. Der Studierende ist der Student im Moment des tatsächlichen Studierens. Jeder Studierende ist Student, aber nicht jeder Student ist Student, denn auch ein Student studiert nicht immer. Folglich muss es wieder „Studentenwerk“ heißen …

      Gefällt 6 Personen

  2. hab Dich irgendwie sehr vermisst, zumindest erinnerte ich mich wieder an Dich vor etlichen Monaten… die Zeit vergeht so schnell. Kurzfristig fiel mir Dein Name nicht mehr ein, dachte so, da war doch mal was… was ich immer gelesen hatte, aber dann doch, dennoch, die Überraschung jetzt war trotzdem größer… als der Erinnerungsverlust. :-)

    Gefällt 2 Personen

  3. Allen Leser*innen deines Blogs hast du jedenfalls eine große Freude gemacht heute! Und deine Freunde/Freundinnen, deine Mitbewohnerin und dein Klon natürlich ebenfalls. Wer weiß, wie es mit unserer Sprache weiter geht. Vielleicht vermeiden wir das Gendern künftig einfach durch vermehrten Einsatz von Verniedlichungen. Da muss dann nur noch die Entscheidung zwischen einem hochdeutschen „Leserchen“ und dem schwäbisch veralberten „Leserle“ fallen. Ich persönlich fühle mich allerdings auch stark genug in meiner Weiblichkeit, um mich bei einem „Liebe Leser“ ganz ungehemmt mit angesprochen zu fühlen.
    In diesem Sinne: Bis zum nächsten Blogeintrag!

    Gefällt 2 Personen

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