Seppofiktion

Wie der Gesandte des Papstes sich aus dem Fenster erbricht

Wie es dazu kam, dass der niederländische Gesandte sich zum Westfälischen Frieden aus dem Fenster über die Menge erbrach.
Steht heute noch: Das Krameramtshaus in Münster (rechts).

„Guten Morgen, mein Name ist Chigi, Fabio Chigi. Der Papst schickt mich. Wo kann ich mich kurz frischmachen?“

Wir schreiben das Jahr 1644. Europa liegt in den Trümmern des Dreißigjährigen Krieges, was viele als Wettbewerbsnachteil gegenüber dem aufstrebenden Pangaea betrachten. Frieden soll also her und wie wir heute wissen, wurde 1648 in Münster der Westfälische Frieden geschlossen. Fabio Chigi war einer der nach Münster Gesandten, die rund fünf Jahre über den Friedensschluss verhandelten.

„Herr Chigi, willkommen in Monasterium Westphaliae Metropolis!“, begrüßt stolz Oberbürgermeister Vlothow, übrigens ein Vorfahre des Autors dieser Zeilen, sodass dem Leser spätestens jetzt dessen Verbundenheit zu Münster, das damals freilich noch nicht Münster hieß (da es noch keine Umlaute gab), einleuchten sollte.

„Ja, hallo, hallo. Also, ich müsste dringend einmal austreten. Ich hab auf der Reise irgendwas Übles gegessen. Wir hielten am Mittag in einem Kaff namens Düsseldorff.“

Gut, es gab halt doch schon Umlaute, aber lediglich das Ü. Ö und Ä kamen erst mit der Weimärer Repöblik.

„Düsseldorff?“, fragt der Oberbürgermeister, „War mal zehn Jahre da. Hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen …“

„Sie könnten mal durchfegen. Und sie haben eine Gelbphase bei den Fußgängerampeln.“

Chigi fasst sich an seinen Bauch und unterstreicht damit, dass die Zeit nun drängt.

„Achso, verzeihen Sie, geradeaus durch, die Treppe runter, dann links. Da steht eine Schüssel. Möge der Herr Sie öffnen.“

„Gesegnet sei die Frucht.“

Der nächste Gesandte betritt das Historische Rathaus des Westfälischen Friedens, das noch gar nicht so heißt. Vlothow erkennt ihn zunächst nicht, da er sich unter einem orangefarbenen Regenschirm verbirgt.

„Ähhh, willkommen!“, sagt der OB zögerlich.

„Ik wet et beter!“, sagt der Mann unterm Schirm.

„Ah, Niederlande!“, ruft Vlothow.

„Richtig. Ich bin Linda de Mol“, scherzt Barthold van Gent, „Ich soll hier die Traumhochzeit moderieren.“

Heiteres Gelächter bei van Gent, während Vlothow irritiert dreinblickt. Ich hab das mit der gelben Fußgängerampel schon nicht verstanden, denkt er, die spinnen, die Ausländer. Vielleicht sollte man den Krieg doch noch bis aufs Letzte zuende führen …

„Spaß!“, fährt der Gesandte der Provinz Gelderland vort, „Ich bin Barthold van Gent, kannst Barthold sagen. Wo ist meine Unterkunft bis 1648?“

„Herr van Gent! Richtig! Hätte Sie ja gerne an Ihren schönen Locken erkannt, aber der Regen hat Ihr Haar bis zur Unendlichkeit geglättet!“

„Mein Eindruck ist, dass es in Münster viel regnet. Und wenn es mal nicht regnet, läuten die Glocken!“, scherzt van Gent wieder, „Geschieht beides gleichzeitig, ist Sonntag, hehehehehe.“

Was Vlothow und Herr van Gent nicht ahnen: Die Feststellung, dass es in Münster mehr regne als anderswo, wird dreihundert Jahre später fälschlicherweise Herrn Chigi zugeordnet, der das aber nie gesagt hat. Nur traute sich nie jemand, das zu korrigieren, denn Fabio Chigi, übrigens „Kidschie“ ausgesprochen, ist später nicht nur irgendein Gesandter, sondern: Papst. 1647 einmal von Abraham Keyser, dem Gesandten des Herzogtums Mecklenbur-Güstrow, gefragt, ob er den Posten als Papst anstrebe, sagte dieser: „Diese Frage stellt sich zum jetztigen Zeitpunkt nicht, ich habe genug Gestaltungsspielraum als päpstlicher Nuntius.“

Die Westfälischen Nachrichten titelten tags darauf: „Chigi neuer P-Kandidat“.

„Herr van Gent, Sie sind im Krameramtshaus untergebracht, wie alle Niederländer. Würde mich nicht wundern, im 20. Jahrhundert wird das Krameramtshaus auch deshalb das ‚Haus der Niederlande‘. Aber was weiß ich schon?“

Die Geschichte, wie der Gesandte des Papstes sich aus dem Fenster des Krameramtshauses in Münster erbricht, ist mindestens genau so bekannt wie die Geschichte von der Beendigung des Dreißigjährigen Krieges im Friedenssaal des Münsteraner Rathauses.

Gerard ter Borch: Beschwörung des Spanisch-Niederländischen Friedens im Friedenssaal
Friedenssaal heute.

Ich kann mich noch gut an die Versuche verschiedener meiner Geschichtslehrer erinnern, meinen Klassenkameraden und mir Münsteraner Geschichte, Heimatkunde also, nahezubringen. Zumindest in Bezug auf mich sind alle gescheitert, da mich Heimatkunde bis vor wenigen Jahren kein Stück interessiert hatte. Mit einer Ausnahme:

In der elften Klasse hatte ich einen Geschichtslehrer, den ich namentlich nicht nennen möchte, da er inzwischen Träger des Bundesverdienstordens ist. Ausgezeichnet wurde er für sein Engagement gegen das Vergessen und für die Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen. Damals haben wir uns über ihn lustiggemacht, da er ein wenig zur Cholerik neigte …

„Ich bin es satt, ich hab es leid!“ schrie er uns einmal am …

… Doch heute ist mein Respekt umso größer, meine Scham vor meiner 1997er-Variante ebenfalls. Wir nennen ihn also einfach mal Herrn Bundesverdientskreuz.

Herr Bundesverdientskreuz hatte sich die Idee in den Kopf gesetzt, mit seinen Schülern des Literaturkurses – ich war einer unter ihnen – den Friedensschluss nachzuspielen. Nicht im Klassenraum, nicht in der Schulaula, sondern als Freilichtaufführung mitten in Münster an Originalschauplätzen. Er wollte sogar den Ludgerikreisel für den Verkehr sperren lassen, damit wir entsprechende Szenen dort aufführen konnten.

Wir Schüler hielten das Ganze für etwas überambitioniert, zumal sich im Literaturkurs ausschließlich solche tummelten, die mit Literatur bitte nicht belästigt werden wollten. Ich gehörte dazu. Heute kann ich nicht mehr sagen, welchen Kursen man aus dem Weg gehen konnte, wählte man Literatur. Aber dort versammelte sich der Bodensatz der Stufe.

Ich sollte Fabio Chigi spielen. Eine tolle Rolle! Und das meine ich ernst. Allerdings hatte ich mir die Rolle etwas zurechtgebogen. Ich habe Chigi, den ich nicht mehr kennenlernen konnte, als rumschreienden Gesandten angelegt. Historisch belegt ist lediglich die Tatsache, dass er irgendwann einmal sich aus einem Fenster des Krameramtshauses gelehnt hatte, um Dinge zu verkünden.

Mittwoch, im Juli 1997. Der Lit-Kurs der Stufe elf des Immanuel-Kant-Gymnasiums macht einen Ausflug in die Stadt. Wir stehen vor dem Krameramtshaus. Herr Bundesverdienstkreuz erklärt, was sich hier um 1648 abgespielt hat. Neben mir steht mein damals bester Kumpel Pavel.

„Ich könnte mir vorstellen, Chigi hat sich damals aus dem Fenster gelehnt, um in die Menge zu erbrechen“, mutmaße ich gegenüber Pavel.

„Warum sonst sollte man sich aus dem Fenster lehnen? Klingt also schlüssig. Wir sollten das in unser Drehbuch aufnehmen … ‚Chigi lehnte sich aus dem Fenster und erbrach sich in die Menge'“.

„Das ist auch etwas, das ich glaubwürdig spielen kann“, überlege ich laut.

Ich darf Sie enttäuschen, denn es kam nie zu jener Aufführung, da Herr Bundesverdientskreuz das Unterfangen aufgeben musste. Denn wir Schüler zogen es vor, ihn zu boykottieren, wo es nur ging. Ich wiederhole noch einmal: Heute bedaure ich dieses pennälerhafte Verhalten, denke aber immer noch, dass der Plan einer öffentlichkeitswirksamen Aufführung etwas zu hochgegriffen war.

Doch was wir damals nicht ahnten: Chigi lehnte sich tatsächlich aus dem Fenster und erbrach sich in die Menge. Nicht 1647, aber …

1644, Krameramtshaus. Vlothow, van Gent und Chigi verlassen das Rathaus und gehen Richtung Krameramtshaus.

„Geht es Ihnen besser, Herr Chigi?“, fragt Vlothow gespielt besorgt, da ihm das Ergehen anderer in aller Regel völlig egal ist.

„Es wird schon gehen. Ich aß in Düsseldorff im ‚Windigen Eck‘. Seitdem entleeren sich meine Schläuche unentwegt.“

„Selbst schuld … Düsseldorff … pffff.“

Immer schwieriger wird es, sich den Weg zum Krameramtshaus zu bahnen. Menschenmengen verstopfen den alten Steinweg, der später einmal Alter Steinweg heißen soll.

„Was ist hier los?“, fragt Chigi.

„Anti-Kriegsdemos. Jeden Dienstag. Wir nennen sie Montagsdemos“, erklärt Vlothow, der dann in zwei fragende Gesichter blickt.

„Ja, nun, ich hab mir das nicht ausgedacht“, sagt Vlothow nüchtern.

Die drei verschwinden im Krameramtshaus. Was innen geschieht, ist nicht überliefert. Wohl aber, dass wenige Minuten später unerwartet die Fensterläden des rechten Fensters der zweiten Etage ruckartig nach außen geklappt werden, ein bärtiger Mann erscheint, sich über den Sims hinauslehnt und … schwallartig sich über die Menge erbricht.

Vlothow: „Herrje, Chigi lehnt sich aus dem Fenster und erbricht sich über die Menge.“

Bis heute gehört diese Episode zum Standard-Repertoire der Münsteraner Anekdoten-Sammlung. Es gibt Historiker, die glauben, dass wenn Chigi sich nicht über die Menge, sondern beispielsweise über van Gent erbrochen hätte, der Westfälische Friede nie geschlossen worden wäre.

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3 Kommentare

  1. Himmlisch! Ich musste an den (zugegeben eigenen) bewegenden Beitrag „Der Mönch stürzt auf dem Weg zur Latrine die Treppe hinunter“ denken. Dazu gibt es aber nur eine unbestätigte uralte Zeichnung …
    Hier jedoch ist ja alles historisch belegt. Das Erbrechen und so. Also, ich finde es toll, dass ich wieder was dazugelernt habe. Wie eigentlich immer beim seppolog.

    Gefällt 1 Person

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