Herr Abendfahl

Herr Abendfahl und das Mädchen mit dem viel zu großen Weihnachtsbaum

Herr Abendfahl ist zuück. In seiner siebten Geschichte treffen wir eine alte Bekannte wieder ...
Dieses Beitragsbild stammt wie jedes Bild zu den Abendfahl-Geschichten aus der Feder meiner Mitbewohnerin.

So viel Schnee hatte es lange nicht mehr gegeben. Herr Abendfahl blickt aus dem Fenster, dessen Seiten leicht beschlagen sind, hinein in die tiefblaue Dunkelheit, die auch sein Hund Hupe sogar zu hören glaubte. Der späht mit schiefem Kopf aus dem Fenster und scheint darüber nachzudenken, was er da eigentlich sieht. Gleichsam Sternen, die zu schwer scheinen, um am Firmament Halt zu finden, schweben die Flocken getragen von der Luft sanft schaukelnd auf den Fenstersims.

„Das, mein Freund, ist Schnee“, murmelt Herr Abendfahl Hupe zu, der abermals mit schiefem Kopf diesen fragend anblickt.

„Na gut, sehen wir uns das mal aus der Nähe an“, schmunzelt Herr Abendfahl.

Er löscht das nur noch schwache Feuer im Kamin, während Hupe zur Haustüre schlurft und neben seiner Hundeleine wartet. Herr Abendfahl kommt nach, zieht sich seinen Mantel über und legt Hupe die Leine an.

Der Mond scheint in dieser Nacht besonders hell; östlich von ihm strahlt der Orion mit seinen acht Sternen.

„Klarer als im Winter ist er nie zu sehen.“

Ein weiteres Stück im Osten zeigt sich das Sternbild Einhorn. Herr Abendfahl blickt Hupe an und sagt: „Das bist du mit einem Horn auf deiner Nase.“ Hupe bellt kurz auf und stürzt sich in den Schnee.

„So bringt das nichts mit der Leine“, sagt Herr Abendfahl, als ihm deren Ende aus den Händen rutscht, „Aber immerhin sehe ich so, wo du gerade bist“, denn Hupe versinkt gänzlich im frischen Schnee.

„Ein Lawinenhund wirst du sicher nicht mehr!“

Herr Abendfahl zieht Hupe aus dem hohen Schnee, der sich am Wegesrand aufgetürmt hat, und setzt ihn in den weniger tiefen Schnee in der Wegesmitte. Bedächtig schauen beide nun wieder in den Himmel, wo die Flocken das Sternenlicht reflektieren.

„Ja, es ist Weihnachten. Man kann es hören. Man kann es riechen. Und man kann es fühlen.“

Sechs Füße stapfen so durch den Schnee, bis ihren Besitzern ein seltsames Muster im strahlenden Weiß auffällt. Eine Schleifspur.

„Nanu? Was mag das sein?“

Hupe schnüffelt kurz und wendet sich wieder den fallenden Flocken zu, die er einfach nicht begreifen kann. Wie ein Menschenkind versucht er, sie mit seiner Zunge aufzufangen, was bei einem Hund noch alberner aussieht als bei einem Menschen.

„Hier wurde etwas durch den Schnee gezogen. Hupe, es gibt zwei Arten von Spuren im Schnee. Die eine haben wir gerade vor uns und für die zweite bist du zuständig.“

Hupe gehorcht und macht, dass ein Teil des Schnees gelb wird.

Herr Abendfahl beschließt, der anderen Spur zu folgen. Er ahnt, womit sie es zu tun haben. Einzelne Tannennadeln neben der Spur verraten, was hier durch den Weihnachtspuder gezogen wurde.

„Hier zieht jemand einen Baum hinter sich her, einen Weihnachtsbaum! Hoffentlich ist der Weg nicht zu lang, sonst hat der Baum am Ende keine einzige Nadel mehr! Im Schnitt, Hupe, hat eine Tanne rund 180.000 Nadeln. Wusstest du das? Nein, das wusstest du natürlich nicht. Du kannst ja höchstens bis drei zählen …“

Hupe bellt auf. Er lässt von den Schneeflocken ab und starrt gebannt nach vorn. Ja, da ist etwas. Da ist jemand. Eine seltsame Kreatur, denkt Hupe womöglich, zwei Beine, ja, das kennt er, aber scheint es kein Mensch zu sein. Oder doch! Es ist ein kleiner Mensch, der irgendetwas hinter sich herzuziehen scheint.

„Hallo?“, ruft Herr Abendfahl.

Stille. Der kleine Mensch hält inne. Nur Hupe hört das kaum vernehmbare Wimmern und tastet sich langsamen Schrittes heran. Herr Abendfahl folgt und hört nun auch leises Schluchzen.

„Ich kenne dich doch, du bist Lisa!“

„Nein, Luise!“, empört sich das kleine Mädchen.

„Du bist das Mädchen mit der Mondrakete! Ich erinnere mich und weiß, dass du inzwischen auf dem Mond warst und Pilze für die Mondmenschen gesammelt hast!“

„Ja, und jetzt will ich ihnen einen Weihnachtsbaum bringen. Aber er ist einfach zu groß und zu schwer für mich!“

Herr Abendfahl betrachtet grübelnd den viel zu großen Baum, den das kleine Mädchen hinter sich herzieht.

„Du hast dir aber auch einen sehr großen Baum ausgesucht. Sind die Mondmenschen besonders hochgewachsen?“, fragt er mit ernster Miene.

„Ja, natürlich. Ist doch klar, bei der geringen Anziehungskraft auf dem Mond! Da hält wenig die Köpfe am Boden. Und außerdem will ich ihnen zeigen, was für schöne Bäume hier auf der Erde wachsen!“, klärt Luise Herrn Abendfahl auf.

„Da auf dem Mond kein einziger Baum wächst, bin ich mir sicher, dass schon ein kleiner Baum die Mondmenschen sehr beeindrucken würde. Vielleicht suchen wir einen nicht ganz so hohen Baum, der auch in deine Mondrakete passt, denn wie ich mich erinnere, ist die ja kaum größer als du!“

Daran hatte das kleine Mädchen gar nicht gedacht.

„Ach herrje … Aber was ist dann mit diesem Baum? Soll er einfach so hier liegenbleiben? Das hätte der Baum nicht verdient!“

Hupe guckt Herrn Abendfahl an, als würde er diesen Einwand durchaus unterstützen.

„Äh …“, sagt Herr Abendfahl und blickt in zwei leicht empörte Gesichter, „Ich werfe folgendes in den Raum: Da mein Hund Hupe und ich selbst noch keinen Weihnachtsbaum haben, schlage ich vor, dass du uns diesen Baum überlässt und wir einen etwas handlicheren für dich suchen!“

„Handlicher?“, wiederholt Luise fragend.

„Naja, einen kleineren, der aber immer noch so schön ist, dass er Mondmenschen zu beeindrucken vermag!“

„Und wie finden wir einen solchen Baum?“

„Nun, wenn es um das Finden geeigneter Bäume geht, ist mein Hund Hupe der richtige Ansprechpartner. Er hat selbst ein ausgeprägtes Interesse an Bäumen und ich kann dir verraten, er nimmt nicht jeden! Hupe ist ein Hund mit Ansprüchen, wie du übrigens sehen könntest, würdest du den gelben Spuren folgen, die er auf unserem Weg gelegt hat. Es sind … naja … Baummarkierungen!“

Herr Abendfahl schnappt sich die Spitze des Baumes und zieht los: „Kommt, suchen wir Luises Baum!“

Und es dauert nicht lang, da finden sie am Wegesrand einen Baum, der in etwa von der Größe des kleinen Mädchens ist.

„Nun bin ich aber gespannt, wie wir den Baum fällen“, murmelt Herr Abendfahl, der die Aspekte politischer Korrektheit in Bezug auf ökologisch korrektes Handeln hier beiseite schieben muss.

„Das ist kein Problem“, sagt Luise, die plötzlich eine Sichel in ihrer Hand trägt.

„Wo hast du diese Axt her?!“

„Das ist eine Sichel. Da, vom Sternbild des Löwen“, erklärt Luise nüchtern und abgeklärt und deutet in den Himmel zum Sternbild des Löwen, dessen untere Sichel … fehlt.

„Mein Gott, die Sichel … Wo ist … Wie ist das möglich?“

„Stell nicht immer so viele Fragen. Es ist Weihnachten!“

Mit einem Hieb schlägt Luise den Baum und sagt nur: „Danke. Ich glaube, diesen Baum kann ich bis zu meiner Rakete ziehen. Und ja, er ist so schön, dass er die Mondmenschen beeindrucken wird!“

„Die Sichel … Wie hast Du … ?!“

Das Mädchen mit dem Weihnachtsbaum verschwindet in der Dunkelheit, während Hupe und Herr Abendfahl in den Himmel starren.

„Wie hat sie das … Mein Gott, die Sichel ist wieder zu sehen!“

So beeindruckt war Herr Abendfahl das letzte Mal, als er ein kleines Mädchen traf, das sich anschickte, mit einer Rakete zum Mond zu fliegen.

„Sie hat Recht. Es ist Weihnachten.“

Mit dem großen Weihnachtsbaum im Schlepptau gehen Herr Abendfahl und sein Hund Hupe zurück zum Haus, wo Herr Abendfahl den Baum noch am gleichen Abend nicht nur aufstellt, sondern auch schmückt. Hupe indes blickt wieder aus dem Fenster und beobachtet den Schweif, den die Mondrakete auf ihrem Flug zum Mond hinter sich herzieht.

Die sechs bislang erschienenen Geschichten mit Herrn Abendfahl

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