Herr Abendfahl blickt zurück

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(Auch diese Zeichnung stammt aus der von ihrer Hand geführten Feder meiner Mitbewohnerin.)

Nachdem Herr Abendfahl für sich festgestellt hat, dass die Neuauflagen der Spielshowklassiker „Familienduell“ und „Riskant!“ blanker Hohn sind, der noch billiger produziert ist, als es in den Neunzigerjahren bereits der Fall gewesen war, legt er endgültig für sich fest, dass früher zwar nichts besser war, es aber wirklich immer den entsprechenden Anschein habe.

„Das Früher ist die Utopie des Heute“, sagt er und beginnt damit einen weiteren Tag in seinem betont unspektakulären Leben, das er selbst allerdings als ausreichend abwechslungsreich empfindet. Da war beispielsweise jener Tag, den er still sitzend auf einem Drogenumschlagplatz verbracht hatte, den er für eine Parkanlage gehalten hatte, deren größte Attraktion die Taubenplage sei. Während „RTL plus“ läuft und Inka Bause sich in dämlichen Fragen an Familie Detthold verheddert, was sie selbst mit der Bemerkung „Ich habe mich verheddert“ unterstreicht, fällt Herr Abendfahl in einen Dämmerschlaf, der, wäre er 20 Jahre älter, vielleicht lebensbedrohlich wäre. Immer, wenn Herrn Abendfahl die Langeweile plagt, schläft er ein, nachdem er nur wenige Stunden vorher hellwach und schockiert festgestellt hatte, dass im Internet jeder, aber auch wirklich jeder Fetisch bedient wird.

„Die koten sich allen Ernstes gegenseitig an. Was ist aus meiner Welt geworden?!“, fragte er sich bass erstaunt und surfte weiter auf einen Laufblog, der offensichtlich versucht, „magazinig“ anzumuten. In einem Artikel ging es um das Verbrennen von Kalorien und Büchern. Herr Abendfahl kam da nicht ganz mit und ordnete es in die Schublade „Schundliteratur“ ein.

An all das denkt er nicht, als er in den Tag hinein träumt … und sich wiederfindet an jenem Tag, als er einen Samstag in Angriff nahm …

Es ist Sonntag. Herr Abendfahl startet ein Experiment und nimmt an jenem Sonntag einen Sonnabend in Angriff. Er hat viel über das Raumzeitgefüge gelesen und fragt sich, ob er es vermag, dieses auf jene Weise durcheinanderzubringen. Herr Abendfahl geht in den Park.

Seit vier Jahren wohnt er bereits an diesem Park, der wenig einladend anmutet, was wohl der Grund für seinen späten Erstbesuch ist. Er sucht die Stille, nimmt Platz auf einer der wenigen akzeptablen Bänke, wobei er jedoch ein Tuch zwischen sich und Holz platziert, um seine Hose nicht unnötiger Beschmutzung auszusetzen. Zuvorderst will er das haben, das ihn zu dem gemacht hat, was er ist: Herr Abendfahl will seine Ruhe haben und wählt die Bank mit Bedacht, da niemand außer ihm einen Radius von 20 Metern bestückt.

Lest auch diese Geschichte von Herrn Abendfahl!

Herr Abendfahl ergeht sich gerne in Gedanken und so bekommt er nur am Rande mit, dass ein älterer, leicht gebrechlicher Herr seinen Radius entert. Jener Herr bedient sich der Hilfe eines Rollators, der sein langsames Fortkommen wohl kaum beschleunigt, aber überhaupt erst ermöglicht. Zu einer Taube sagt Herr Abendfahl mangels menschlicher Gesprächspartner:

„Seit geraumer Zeit nähert sich mir ein Mann. Ich sehe, dass er geht, aber er kommt und kommt nicht näher, so scheint es mir.“

Die Taube kackt vor Herrn Abendfahl unbeeindruckt auf den Boden, während sich jener fremde Senior wider Erwarten auf wenige Armlängen Herrn Abendfahl angenähert hat. Offenbar sucht dieser Mann ein Gespräch und bestätigt damit Herrn Abendfahls schlimmste Befürchtungen.

„Ich hatte gedacht, auf diese Bank scheint noch die Sonne!“, sagt der alte Herr.

In Gedanken antwortet Herr Abendfahl: „Als Sie losgegangen sind, da schien womöglich noch die Sonne.“, aber laut spricht er aus:

„Ja. Aber der große Baum wirft alles in seinen Schatten. Und die Sonne scheint sowieso nicht.“

Der alte Mann setzt sich neben Herrn Abendfahl auf die Bank. Dem gefällt das nicht und nur widerwillig gibt er nicht seinem Drang nach, von dem neuen Sitznachbarn wegzurücken. Ein typisch Abendfahl’sches Dilemma: Bleibt er aus Höflichkeit sitzen oder steht er auf und nimmt die Bank auf der gegenüberliegenden Seite des Parkes in Anspruch?

Herr Abendfahl entscheidet sich in diesen Situationen stets für die egoistische Variante, geht es ihm doch gerade um das Alleinsein. Just als er aufsteht, erhebt der alte Mann das Wort:

„Gras?“

Herr Abendfahl stutzt. Sieht sich nach Gras um. Findet keines.

„Wollen Sie etwas kaufen?“, insistiert der alte Mann.

„Grundsätzlich ja. Ich bin Konsum nicht abgeneigt. Unser Wirtschaftssystem bricht ohne Konsum zusammen und dann wundert sich der Konsumfeind, warum er arbeitslos wird. Aber jetzt, in diesem Moment, nein, also ich wollte an sich …“

„Ob Sie Gras kaufen wollen?!“

Nun fällt auch bei Herrn Abendfahl ein Groschen.

„Sehe ich aus, als würde ich Gras rauchen wollen?“, fragt er leicht erheitert und zieht für einige Sekunden in Betracht, dass er wirklich so aussehen könnte. Verwirft diesen Gedanken und verweist auf die wesentlichen Merkmale seiner optischen Erscheinung:

„Ich sitze hier auf einer Bank in einem Anzug und trage eine Fliege. Sehen so Ihre Kunden aus?!“

„Gegenfrage: Wissen Sie, woran ich meine Kunden erkenne?“

„Gegenfrage: Nein, Sie?“

„Ja. Wer sich zu mir auf meine Bank setzt, der ist mein Kunde. Nur Kunden tun das.“

„Aber Sie haben sich doch zu mir gesetzt!“

„Was zu beweisen wäre. Also, Gras?“

Herr Abendfahl setzt sein Aufstehen fort und geht zügigen Schrittes hinüber zur Alternativbank. Auch die erweist sich als überraschend annehmbar. Sein Tuch kann er dieses Mal nicht platzieren, dieses hat er neben dem alten Dealer leider vergessen. Herr Abendfahl setzt sich, steht auf und setzt sich wieder. Verwirrung. Übersprungshandlung.

„Hoffentlich hat das niemand gesehen“, denkt er und verbleibt in der bequemen Sitzhaltung.

Die Anzahl der Tauben gibt ihm zu bedenken. Natürlich weiß er um die Tatsache, dass viele Städte unter einer Taubenplage leiden. Ihm macht nur Sorge, dass eines der Tiere ihn im Startvorgang übersehen und gegen seinen Kopf fliegen könnte. Beide – Taube und Herr Abendfahl – hätten von einer solchen Begegnung nichts. Im Gegenteil. Herr Abendfahl kann nicht ausschließen, dass er aus Gründen des Schrecks um sich schlüge und dabei die verirrte Taube erfasse, sie zu Boden risse und sie stürbe. Welche Pflicht habe man als Bürger, wenn man auf die Weise eine Taube verletze? Müsse er samt Taube zum Tierarzt? Oder obliege ihm das Recht, kurzen Prozess mit dem Flugtier zu machen, das sich sonst nur vor Schmerzen wünde?

Angesichts der offenen Fragen in Bezug auf die Vögel beschließt Herr Abendfahl, den Park zu verlassen. Seinem Projekt, einen Samstag an einem Sonntag zu begehen, drückt er den Stempel „gescheitert“ auf und fragt sich, ob er sich an diese Lebensepisode würde je erinnern.

Ein Fernsehtrailer reißt Herrn Abendfahl aus seiner Retrospektive. Auch das „Glücksrad“ soll bald neu aufgelegt werden bei RTLs Antwort auf „Sat.1 Gold“. Da freut sich Herr Abendfahl ein bisschen drauf, weil er gerne unvollständige Wörter vervollst ndigt.


Ich darf auf meinen neuen Blog verweisen, der sich sehr sachlich und subjektiv des Themas Laufen annimmt. Jüngst, heute, erschien dort ein sehr, sehr lehrreicher Artikel. Schaut gerne einmal vorbei! Lauf Dein Leben!

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6 Kommentare

  1. Das Früher ist die Utopie des Heute“

    Was daran liegen könnte, daß die Zukunft uns eben immer wieder enttäuscht hat. Die Schlampe. Und manche Dinge waren früher – entgegen der Meinung von Herrn Abendfahl – sehr wohl besser. Ich war früher beispielsweise 20 Jahre jünger. Das mag die Welt nicht unbedingt verbessert haben, aber das persönliche Verhältnis war stellenweise entspannter. Aber Zukunft ist eben nicht mehr das, was sie mal war.

    Keinen Fernseher haben hilft allerding dabei, sie zu verb ssern. Man gibt weniger Geld aus f r B chst b n.

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    • der spruch ist anders gemeint, was du vermutlich auch so verstanden hast. es ging eher darum, dass wir alles verklären. enttäuscht die zukunft? das halte ich für ausgesprochen pessimistisch und denke das gegenteil. denn erst in zukunft wissen wir, wie schön es ist, 20 jahre jünger zu sein.

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      • Also, ich bin alt genug, um das jetzt schon zu wissen mit den 20 Jahren jünger 😀
        Und klar enttäuscht die Zukunft. Denn auch die Zukunft unterliegt Gesetzmäßigkeiten, die entwickelt sich nicht einfach so.

        Hinweise darauf in meinem Blog, wie du sicherlich weißt 😉

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