Herr Abendfahl und der Hund

abendfahl3(Die Zeichnung entstammt der talentierten Hand meiner Mitbewohnerin.)

Herr Abendfahl genießt den Herbst. Jedes Jahr. Das hat ihn anfangs noch überrascht, hatte er sein halbes Leben lang diesen doch eher abgelehnt, da Herbst so etwas wie ein Lebensabend ist. Wenn im Frühling das Leben erwacht, dann stirbt es im Herbst. Jedoch, was er früher abgelehnt hatte, macht den Herbst nun zu seiner zweitliebsten Jahreszeit: die Kälte und die Dunkelheit.

„Muss was mit dem Alter zu tun haben. Ein alter Mann fühlt sich dem Herbst verbunden“, nuschelt Herr Abendfahl in seinen Bart.

So sitzt er nun auf einer Bank im Stadtpark, wo er vor einem Jahr noch einem Schwan den Hals umgedreht hatte (Was niemand wissen kann: Es war Notwehr. Der Schwan kam aus dem Nichts heraus von einem Baum gesprungen und wollte Herrn Abendfahl seinen Aktenkoffer entreißen, in dem er eine Urne mit sich trug, die ihm keinesfalls abhanden kommen durfte. Mit seinem Schnabel attackierte der Schwan, der offenbar den Namen Klaus trug, Herrn Abendfahls Augen, sodass dieser nicht lange zögerte, des Schwanes Hals griff und …), und erfreut sich an der Farbgebung des diesjährigen Blattwerkes, das seiner Meinung nach deutlich mehr Rostrot aufweise als im vergangenen Herbst.

„Vielleicht ist das aber auch der Batteriesäure geschuldet“, schmunzelt er in sich hinein. Für den streunenden Hund, der Zeuge dieses Selbstgespräches ist, bleibt unklar, was es mit der Batteriesäure auf sich hat.

„Du bist ein sehr, sehr kluges Tier“, sagt Herr Abendfahl zu dem Hund, „unter deinesgleichen bleibst du Einzelgänger, brauchst anders als der Wolf das Rudel nicht, doch du hast dir mit dem Menschen einen Gefährten gesucht, dem du auf ewig treu bleibst.“

Nur hat dieser Hund offenbar genau diesen Menschen nicht, da er ziemlich runtergekommen aussieht, vielleicht sogar misshandelt.

„Dann aber hättest du Angst vor mir, wärst scheu“, sagt Herr Abendfahl und streckt dem Hund seine Hand entgegen, „vielleicht bist du aber auch einfach ein sehr dummer Hund, der sich verirrt hat. Katzen, die ihr Territorium erweitern, verlaufen sich immer, finden aber meist durch Zufall wieder zurück, was ihre lange Abwesenheit mitunter erklärt. Interessieren dich Katzen? Ich bin ja eher der Hundetyp. Du wohl auch, so als Hund …“

Keine Antwort.

„Kennst du ‚pornhub‘?“, fragt Herr Abendfahl und bricht in sanftmütiges Lachen aus. Sanftmütig nur, um den Hund nicht zu erschrecken. Dieser senkt seinen Kopf nach unten, nähert sich der Hand und beschnuppert diese. Und dann leckt er sie.

„Warum müsst ihr immer gleich lecken?! Auf den Gedanken, dass das irgendwo auch eklig ist, kommt ihr erst gar nicht.“

Der Hund zieht seine rechte Augenbraue und beide Pupillen hoch.

„Na, dann leck halt weiter. Auf dass du frei von Parasiten bist …“

Es wird Abend und der Tag scheint feucht zu enden. Es beginnt zu regnen. Und zu riechen.

„Hund, dieser Gestank, der kommt von dir, oder?“

Herr Abendfahl beugt sich zum Hund herüber und atmet tief ein: „Ja. Das ist dein nasses Fell. Ich schätze euch ja sehr, aber mitunter müffelt ihr sehr intensiv. Ich empfehle dir, im Regen stehen zu bleiben. Ich aber werde nun aufbrechen. Denn ich müffele ebenfalls, wenn ich nass werde. Ich rieche nach älterem Herrn. Ich mache mir da nichts vor.“

Herrn Abendfahl fällt es nicht leicht zu gehen. Er zögert zunächst, zieht dann aber los. Blickt sich um nach dem Hund. Und dieser geht ihm nach, wenn auch mit gehörigem Abstand.

„Wie heißt du wohl, mein Freund?“, fragt Herr Abendfahl und überlegt, ob „Bello“ nicht der einzig sinnvolle Name für einen Temporärhund wäre. Vermutlich ist Bello der abgedroschenste Name für einen Hund überhaupt, doch noch vermutlicher heißt kein Hund dieser Welt Bello.

„Ich nenne dich Bello, Bello. Und nun gehe nach Hause, Bello. Wenn du denn eines hast.“

Doch Bello folgt Herrn Abendfahl weiter. Bleibt stehen, wenn er es tut, geht weiter, wenn er weitergeht. Eine halbe Stunde lang geht das so, bis Herr Abendfahl sich ein letztes Mal umdreht und Bello nicht mehr zu sehen ist.

Herr Abendfahl wollte immer einen Hund besitzen. Hunde scheinen ihm die besseren Gefährten zu sein. Und er denkt an den Witz, der sich mit der Frage befasst, wer von beiden sich freut beim Öffnen des Kofferraums eines Autos, in den man zwei Stunden zuvor seine Frau und seinen Hund eingesperrt hat. Hier zeigt sich die wahre bedingungslose Treue.


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Auch am nächsten Tag geht Herr Abendfahl in den Stadtpark. Und erwischt sich dabei, die Augen nach Bello offenzuhalten. Wieder nimmt er auf seiner Stammbank Platz und wieder betrachtet er das Farbenspiel des Herbstes.

„Deutlich gelber als vergangenen Herbst …“, murmelt der Senior. Diese verdammte Batteriesäure …

Plötzlich nimmt Herr Abendfahl einen unangenehmen Geruch wahr. „Hoffentlich ist kein Land mitge … Bello!“ Er dreht sich um und erblickt seinen schwanzwedelnden Freund, der umgehend auf Herrn Abendfahls ausgestreckte Hand zugeht, um diese gründlich abzulecken. Herr Abendfahl verschließt aus Ekel die Augen, lässt die Prozedur aber über sich ergehen. Und kramt alsbald Desinfektionsspray aus seiner Manteltasche hervor.

„Ich habe mich vorbereitet, Bello. Ich bin in solchen Dingen etwas schwierig. Etwas empfindlich.“

Während Herr Abendfahl seine Hände desinfiziert, betrachtet er den abgemagerten Hund: „Ich weiß, was du brauchst, Bello. Komm mal her …“

Bello kommt nicht her, also kommt Herr Abendfahl hin. Und sprüht Bello mit „Sagrotan“ ein. Bello gefällt das wider Erwarten und Herr Abendfahl stellt fest: „Wir können gute Freunde werden. Hygiene scheint ein gemeinsames Interesse zu sein.“

Wieder kramt Herr Abendfahl in seiner Manteltasche. Bello scheint „DanKlorix“ zu erwarten, doch ist es eine lange Edelsalami, die Herr Abendfahl aus seiner Tasche zieht. Er öffnet die Plastikverpackung, entfernt die Pelle und reicht Bello die Wurst. Jene Wurst, die auch Herr Abendfahl ausgesprochen gerne isst.

„Friss. Hat mit Fleisch vermutlich wenig zu tun die Wurst. Aber ich selbst esse sie ziemlich gerne. Vermutlich geschredderte Knochen oder so. Hauptsache, sie schmeckt. Zuhause habe ich noch mehr davon“, lockt Herr Abendfahl und kommt sich kriminell dabei vor, doch ist es ja kein Kind, das er mit Süßigkeiten in sein Haus locken würde.

„Ich nehme dich mit, Bello. Ich hab zwar keine Ahnung, wie ich dich bediene, aber ich nehme an, es gibt Literatur zuhauf über den Umgang mit Hunden. Mir wäre vor allem kontrolliertes und termingerechtes Koten wichtig. Aber das kann man vermutlich trainieren.“

Eine Weile noch sitzen Herr Abendfahl und der schwarze Labrador-Retriever an dem kleinen See im Stadtpark und diskutieren die politische Großwetterlage. Herr Abendfahl hat einen neuen Freund gefunden.


Alle bisherigen Geschichten von Herrn Abenfahl findet Ihr hier!

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13 Kommentare

  1. Ehrwürdiger Gerontologivum!
    Ich bin begeistert und überrascht ob dieses Textes. Es werden routiniert Handlungsstränge weitergesponnen und aus der Absurdität zu logischem Schluss geführt. Endlich, endlich klärt sich das Schicksal des bedauernswerten Schwanes. Mit gewohnter Souveränität und nicht ohne Respekt greifst Du gesellschaftlich wichtige Themen wie Alter, Tod und Tierschutz auf und überführst sie in die humorige Sphäre des Irrelevanten. Völlig unerwartet überrascht mich aber der milde, fast zärtliche Ton, eine sanfte Melancholie, eines Kaurismäki würdig. Nur ohne den Drang, abzuschalten oder einzuschlafen. Einzig eine diffuse Angst trübt den Lesegenuß, der Autor könne altersmilde geworden sein. Zum perfekten Text aber fehlt hier nur noch eine weibliche Rolle, zum Beispiel Lara.
    Herbstlich verträumte Grüße
    Alice Wunder

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