Jogger vs. Läufer – Teil II

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Schwierig, wenn man einen mehrteiligen Artikel beginnt. „Jogger vs. Läufer – Teil I„, vor Unzeiten verfasst, setzt mich schwer unter Druck, die heitere Serie fortzuführen. Drei Typen von laufenden Menschen will ich klassifizieren, leider hab ich schon vergessen, welche drei ich da glaube, unterscheiden zu können. Nach dem „Hobby-Jogger“ soll es jetzt um einen Typen gehen, der sich vermutlich für einen Läufer hält:

Teil 2: Der Pseudo-Läufer

… ist eigentlich Jogger. Technisch allerdings ist er dermaßen hochgerüstet, dass es für ihn gar nicht mehr erwähnenswert ist, dass er ein Läufer ist. Weit gefehlt, Sportsmann! Ich habe erst vor Kurzem von einer App erfahren, die den Lauf natürlich in allen möglichen Formen aufzeichnet, um dann am Ende tatsächlich dem Nutzer mitteilen zu können, wie hoch sein Flüssigkeitsbedarf ist. Keinesfalls will ich da jemanden zu nahe treten, aber keine App der Welt kennt irgendjemandes Flüssigkeitsbedarf nach sportlicher Betätigung! Was geschieht, wenn ich mehr trinke, als die App mir nahelegt? Ist das dann mein Ende?! Vermutlich wird da mit statistischen Werten gearbeitet, die aber individuell keinerlei Relevanz haben (können!). Hier wird versucht, Software mit sinnlosen Funktionen zu überladen, damit sie gekauft wird. Dasselbe gilt für die maximale Herzfrequenz, die nicht wenige kluger Laufliteratur entnehmen, die ebenfalls mit Durchschnittswerten arbeitet. Und danach richtet der Pseudo-Läufer sein Training aus und meint plötzlich auch zu wissen, wann er seine anaerobe Schwelle erreicht hat. Es bleibt letztlich jedem selbst überlassen, aber alles was zu technisch wird, lenkt vom eigentlichen, dem Laufen, ab. Eine Erektion bekommt man auch auf anderem Wege.

Nun laufe ich nicht mit einer App, weil ich ganz einfach mein Handy nicht mitnehmen will. Allerdings laufe ich mit einer TomTom-Sportuhr mit GPS, die mir unter anderem Tempo und Geschwindigkeit liefert – und: die Laufstrecke mitzeichnet und mir nachher am Rechner anzeigt. Auf diese Weise kann ich gleichwertige Läufe miteinander vergleichen. Die Uhr, die TomTom vermutlich darüber informiert, wo ich mich so bewege, informiert mich überdies auch über meinen Kalorienverbrauch. Und natürlich ist auch das Quatsch, denn die Uhr kann meinen Verbrauch gar nicht kennen. Auch hier wieder: statistische Durchschnittswerte, die mit dem Einzelnen nichts zu tun haben. Außerdem laufen nur Jogger, um abzunehmen. Durch Laufen nimmt man kaum ab.

Der Pseudo-Läufer ist ein Jogger, der sich für einen Läufer hält, weil er das Unterfangen der Fortbewegung ausgesprochen ernst nimmt. Alles wird gemessen und zuhause ausgewertet, um dann falsche Schlüsse zu ziehen. Und fortan wird gefachsimpelt über Laktatwerte und Ko. Ich selber bin mal einige Monate mit einem Pulsmesser gelaufen. Was änderte das für mich? Ich blickte zwischendurch auf meine Pulsuhr, sah meinen Puls und lief weiter. Immerhin habe ich eine Ahnung davon, dass ich einen sehr hohen Maximalpuls habe, was bei manch einem die Alarmglocken schrillen lässt, was aber ebenfalls Unsinn ist: Es entscheidet der Ruhepuls. Wer gut trainiert, hat einen sehr niedrigen, meiner liegt im Schnitt bei 46. Nicht unwichtig ist allerdings, dass der Puls sich von seinem Maximun zügig wieder erholt; das macht letztlich die Kondition aus.

Der Läufer hat die Phase des technischen Hochrüstens bereits hinter sich. Vielleicht hat er auch wie ich mehrere Lauf-Magazine im Abo gehabt, um festzustellen, dass diese sich, weil sie sonst nichts zu publizieren hätten, alle zwölf Ausgaben widersprechen und es mit der Trennung von redaktionellen und werbenden Inhalten nicht ganz so ernst nehmen, was der Tod von Journalismus ist (bei diesen Magazinen sollte man allerdings auch keine journalistischen Ansprüche anlegen). Das für mich prägenste Beispiel ist das Hochloben der Schuh-Innenstützen vor rund zehn Jahren, während später zu lesen war, wie viele Gelenke die Innenstütze ruiniert hat. Auf sowas fallen nur Jogger rein, der Läufer kann nur müde lächeln und hat sich die hier an den Tag gelegte Arroganz vollumfänglich verdient.

Was ich letztlich so schade finde, ist das Missverstehen des Laufens, geht es doch dabei genau darum, eine sehr unkomplizierte Sportart auszuüben, die sogar Ball-Legastheniker (politisch nicht korrekt, aber es liest niemand) wie ich ausüben können. Kost‘ kaum Geld, man braucht keinen Trainer (wenn man, was für alles hier gilt, vom Hochleistungsläufer einmal absieht) und kann es jederzeit unabhängig von irgend etwas tun. Ich panzere mich doch nicht mit Gerätschaften, die dem Lauf das Idyllische nehmen. Ich binde mir doch keine Messgeräte sonst wohin, um nachher irgendwelche Zahlenkolonnen auszuwerten; das raubt der Sache den Spaß. Steigt der Puls zu hoch, merke ich das selber. Regnet es, merke ich es selber. Verliere ich Flüssigkeit, trinke ich nachher. Dabei fällt mir die Zwei-Liter-Regel ein. Soviel solle man am Tag trinken. Keiner kennt den Flüssigkeitsbedarf meines Körpers. Ich trinke, wenn ich Durst habe und komme allein wegen des Laufens auf weit mehr als zwei Liter am Tag. Und natürlich darf Kaffee mitgerechnet werden. Das sind da so die von Laufzeitschriften verbreiteten Mythen, die sie selber irgendwann widerrufen. Jüngst wurde die Zwei-Liter-Regel widerlegt.

Hier entsteht jetzt der Eindruck, ich wisse alles besser. Ich staune selber! Aber letztlich sind es eigene Erfahrungswerte aus 13 Jahren des Laufens, in denen ich auch alles ausprobiert habe. Auch ich habe mich mal nach dem Laufen täglich gedehnt. Was für ein kolossaler Unsinn, dem ich da aufsaß! Dehnen schadet mitunter sogar, denn Laufen ist kein Kraftsport. Der Jogger ist derjenige, der zwischendurch an Parkbänken halt macht, um deren Sitzflächen für furiose Verrenkungen zu missbrauchen. Jogger sind im Übrigen auch die, die an einer roten Ampel partout nicht stillstehen können, sondern auf der Stelle weiterhüpfen. Ich stelle mich gerne daneben, um sie auszulachen. Freunde, geht’s noch?! Ich schreibe mich in Rage, bin aber heute ohnehin sehr aggressiv.

Kürzlich kamen mir zwei Läufer entgegen, die sich darüber unterhielten, wie viel Sinn es ergibt (macht!), sich für fünf Kilometer überhaupt die Schuhe anzuziehen. Sie tönte, dafür würde sie erst gar nicht vor die Tür gehen. Pure Angeberei natürlich, denn wer mal fünf Kilometer mit beinahe Sprinttempo zurückgelegt hat, weiß, es lohnt sich auf jeden Fall. Aber das kann man einem Jogger natürlich nicht verständlich machen, der zwei-, dreimal die Woche „laufen“ geht. Daran erkennt man übrigens auch einen Jogger; am „zwei- dreimal“.

Fühlt sich irgendwer beleidigt? Dann bitte Kommentare! Derweil kehre ich in mich und überlege, welchen dritten Typ des laufenden Menschen ich noch einordnen wollte. Ihr werdet davon erfahren!

Obiges Bild entstammt den „Westfälischen Nachrichten“ aus dem Jahr 2005. Ich nehme mir heraus, das Urheberrecht hier mit den Füßen zu treten, denn mich hatte damals auch keiner gefragt, ob ich in dem Kontext mit Graffitis fotografiert werden möchte. Eine Nachbarin meiner Eltern fragte diese damals: „Hat der Sebastian was mit diesen Schmierereien zu tun?“ Damit nicht, aber mit dem Fersenlauf, den man auf dem Bild sehr deutlich sieht. Schwerer Fehler!

20 Kommentare

  1. Ich hätte jetzt erwartet, das als 3. Teil der echte Läufer bei dir veröffentlicht wird 😉
    Ich geh total gerne laufen, muss aber ne Menge tragen. Das stört mich aber nicht, ich laufe gern, überwinde in 90% recht problemlos meinen Schweinehund, würde gerne öfter als ich aktuell schaffe (sind so die typischen 3x/Woche) und Regen, Matsche oder Schnee stört mich nicht. Achja und ich hab ne Pace von 9min/km und arbeite daran schneller zu werden ^^ Also? Deine psychologische Einschätzung? 😉

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    • ja, ich glaube, „der echte läufer“ war mein plan. dich einzuschätzen würde ich mir nie anmaßen; was weiß denn schon ich. ohne zu wissen, wie viel du mit dir rumschleppst, ist ja ein tempo von 9min/km nicht per se schlecht. es sind ja eher die langsamen läfue, die unterschätzt werden. ich stelle das immer wieder fest, wenn ich mit meiner mitbewohnerin laufe, die langsamer läuft. ein gemächlcihes tempo trainiert die ausdauer, man verbrennt eher fett (auchj wenn ich die fett-kohlenhydrate-theorie eher ablehne, denn man verbrennt IMMER fett), und man hält länger durch. versuch doch mal, einmal die woche einen intervall-lauf einzubauen: 10min locker einlaufen, dann 1 min eher schneller als gewohnt, dann 1min wieder betont langsam. das dann fünf- oder mehrmals wiederholen, 10mion locker auslaufen. zeitweise bis an die grenze gehen zahlt sich auch bei den lockeren läufen aus; man wird ganz automatisch schneller auch bei den eigentlich langsamen läfuen. alles erfahrungswerte, mehr nicht. außerdem druchbricht es die monotonie beim laufen, die absolut tödlich ist. ach, saehe gerade dein profilbild. du stehst natürlich falschrum auf dem bild. versuch es mit den füßen am boden, dann wirst du automatisch schneller 😉

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      • Hohooo, was ne Antwort. Ist ja fein positiv überrascht zu werden, ich dachte ich werde jetzt abgestempelt 😉 Die Anpassungen der Geschwindigkeiten bei den Läufen habe ich begonnen, dann hab ich es übertrieben und ne leichte Zerrung die nicht weg will. Sobald die mich nicht mehr nervt gehts weiter. Sonntag ganz entspannt ein bisschen Hügel rauf und Hügel runter war schon was anderes, aber hat mehr Spaß gemacht als stupide im Kreis zu rennen 😀 Dafür das ich auf den Händenlaufen ist meine Durchschnittsgeschwindigkeit dann sicher doch nicht so schlecht, oder? ^^

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        • absolut beneidenswert dein hände-tempo. da ist nur meine rechte hand schneller… ich würde auch nie jemanden abstempeln, es sind ja subjektive eindrücke und ein profiläufer würde mich vermutlich vollkommen zurecht belächeln. also tempo ist überschätzt, es droht negativer trainingseffekt. hätte ich beim hobby-jogger dazuschreiben sollen. läuft gerne mal zu schnell, was absolut auch für mich galt, und wundert sich, dass er nach einigen wochen oder monaten seine form verliert. ich lief jahrelang monton und seit ich vor 1,5 jahren mit intervall- und tempoläufen anfing, bemerkte ich plötzlich, dass mein eigentliches entspanntes tempo immer höher wurde, ganz ohne zusaätzliche anstrengung.

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        • Jap das stimmt mit den subjektiven Eindrücken. Genau das Problem hatte ich vor 2 Jahren als ich mal große Klappe hatte und nur mit 3 Wochen Vorarbeit (vorher noch nie gelaufen) bei einem der Stadtläufe mitmachen musste. Da gings dann mehr ums schaffen und mithalten, als ich dann mal mit einem Pulsgurt unterwegs war und mein Puls sich so im Bereich jenseits der 180 getummelt hat, hab ich es dann erst ganz sein lassen und jetzt nochmal dieses Jahr ganz anders begonnen. Ich sehe und merke Fortschritte, aber ich bin ungeduldig 😉 Die Intervallstraining bringen mir auch so viel mehr, aber ich wollte ja auch erstmal schaffen eine gewisse Zeit am Stück durchzulaufen ohne Gehpause. Da musste ich erstmal hinkommen.

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  2. Achja, ich habe mein Handy immer dabei (für Musik), schau aber nie drauf. Habe eine M400 um meine Laufeinheit aufzuzeichnen, ich bin nämlich ein Statistikjunkie.

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    • musste erstmal m400 googlen. ich hab die tomtom running oder so. die wesentlichen daten erfasse ich natürlich auch. gerade für die intervallläufe ist die anzeige des tempos nicht unbedingt schlecht. kann man sich ziele setzen und eben zusehen, dass man in den schnellen intervallen ein bestimmtes tempo läuft. und man kann, wie bei der m400 vermutlich auch, die intervalle vorher programmieren.

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      • Jap, alles schon drin 😉 Bisher habe ich den Puls als Intervall eingestellt (mal höher, mal niedriger), jetzt weiß ich das der nicht mehr so viel rumspinnt wie früher. Also werde ich bald anfangen die Geschwindigkeiten als Fixpunkt für die Intervalleinheiten zu nutzen.

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  3. Du liest Dich wie eine Glosse aus einem Laufmagazin. In 12 Monaten bist Du wahrscheinlich Fersenläufer 😉

    Ich habe in einer Firmengruppe mit einer Lauftrainerin angefangen zu Joggen und die „Laufschule“ mittendrin für die Koordination hat allen gefallen. Ein wenig „Ministry of silly walks“.

    Ein einfacher Sport+Wasser-Tipp: danach soviel trinken, dass man gleich viel wiegt wie vor dem Sport.

    Ein Sporttrainer hat einmal den schönen Unterschied zwischen Bewegung, Sport und Training beschrieben: Bewegung hat einen Grund, Sport macht nur Spaß und erst für das Training braucht man den Pulsmesser. In dem Sinn: Jogger sind Läufer sind Jogger.

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  4. Echt lustige Serie mit den Joggern und Läufern. Ich hab mich selber gewundert in welche Kategorie ich wohl falle, aber das ist mir nicht so wichtig, solange ich mich nach dem Laufen/Joggen gut fühle ;). Da ich grad aber in Münster bin, schmunzele ich immer wenn alle aus ihren Löchern kriechen sobald die Sonne scheint. Ich bevorzuge da sogar noch leichten Regen und grauen Himmel, weil es dann so schön leer ist.

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  5. Danke Seppo für den Link.Weis nun was Du einst wenn Du „Läufer“ und „Jogger“ schreibst.Ich denke immer an das Sprichwort!=man kann alles wenn man will — aber wenn man nicht will dann tut sich nichts.= wenn jemand zu mir sagt …..oh mann ich könnte das nie nähen …… dann sage ich zeig mal her -hast du keine Hände- ach doch hast du ja auch -also kannst du auch nähen -du mußt es nur lernen. Und wenn du nicht willst dann kannst du es nicht.

    Und so ergeht es mir seit 50Jahren.Laufen war das größte für mich als Schülerin.Aber mit den Jahren ändert sich doch alles-aber laufen find ich immer nocht gut.Ich bewundere die Läufer /innen die mir begegnen auf meiner Walkingstrecke.Und wenn ich demnächst wieder eine/n sehe werde ich 100% an Dich denken.Denn alle schauen–wenn sie überhaupt schauen— auf die kleine fette Walkerin herab.Klein und fett bedeutet 156m und 95 kg.Am liebsten laufe äh sorry–walke ich noch vor Tagesanbruch da hab ich alles für mich alleine .Der Mann liegt noch und atmet gleichmäßig während ich meine Verrenkungen auf der Bettkante mache und dann gehe ich aus dem Bett direkt in die Walkingklamotten ohne dusch nur Toi.Die Vibram Five Fingers an und die Stöcke und dann gibt es eine Stunde auf die Knochen.Es ist wirklich so hinterher ist man noch fitter.Neulich waar ich ganz mutig.Weit und breit war niemand und ich hab die Stöcke angehoben und bin gejoggt.Ich sprach zu mir das ich dass jetzt so lang mache bis ich irgend etwas irgendwo an meinem Körper merke was mich einschränkt. Und ich wartete und wartete und lass es 50 meter gewesen sein.Du lachst jetzt.Aber ich ab diese „Menge“ niemals einkalkuliert.Dann walkte ich wieder .Und mein Körper saagte zu mir =los nochmal= und ich machte es nochmal.Der Grund der mich abhält ist mein sehr dicker Bauch. Ich denke selbst wenn ich mit dem Kopf siege und la…jogge llos bis ich nicht mehr kann wir diese Fettmasse hoch und runtergeschleudert und da hängen doch auch innen die ganzen Fettmassen an den Organen herum–das kann nicht gut sein.Also da ich das weis hab ich über die Jahre solche Miederchen und

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