Darmdrang beim Laufen

420721_315861171782407_1024864794_n

Es war für mich die unangenehmste Erfahrung beim Laufen, die ich sammeln durfte und aus gutem Grund nicht missen möchte. Ich wohnte damals noch im Studentenwohnheim, es muss also im Jahre 2004 gewesen sein, als ich mich wie jeden Morgen zu einem Lauf aufraffte. Ich zähle mich zu den Läufern der Auf-leeren-Magen-Schule und seit jenem verhängnisvollen Lauf setze ich zusätzlich auf geleerte Därme, denn Restkot kann zu einem unangenehmen Laufbegleiter werden wie an jenem Sommertag.

Als ich mich ausgerechnet auch noch dazu entschlossen hatte, möglichst weit zu laufen. Münsteraner kennen die „Bettentürme“, die bald in neuem Glanz erscheinen. Da ging es schon los, als ich dieses passierte; diverse Flatulenzen brachen sich Bahn, was mitnichten dieselbe Wirkung wie Rückenwind beim Laufen entfaltet. Ich dachte mir noch nichts dabei.

Wenige Minuten später wurde ich zumindest nachdenklich, denn ich verspürte den Drang abzuführen. Nun ist es ja nicht so, als hätte man das nicht unter Kontrolle, doch man unterschätzt die Dringlichkeit, wenn es sich beim Laufen anbahnt. Ich vergleiche es mit einem Sack Zement, der einem da im Darm liegt: Mit jedem weiteren Laufschritt und dank der Schwerkraft drückt sich dieser immer komprimierter gen Erdboden. Doch vor dem Erdboben ist noch der eigene Schließmuskel, auf den ungeahnte Schwerstarbeit zukommen sollte, als ich die ersten tönenden Warnungen meines Verdauungssystems nicht ernstnahm. Denn nur wenige weitere Kilometer später war für mich in kristallklarer Deutlichkeit unverkennbar: Du brauchst einen Baum oder ein Gebüsch oder am besten ein Klo. Wäre ich abgeschieden in einem Wald gewesen: kein Thema, Tempos habe ich immer dabei. Mitten in der Stadt: Kein Ding, irgendwo lässt man mich schon die Toilette benutzen. Ich befand mich allerdings in einer Zwischenwelt, ausgemacht von belebten Straßen und Fußgängern, aber ohne irgendwelche Etablissements oder Büschen.

Es ist schwierig herüberzubringen, wie es mir damals ging. Was erst lustig mit Blähungen begann, mutierte zu einem wirklich sehr schmerzhaften Gefühl, das mit Panik einherging: Wie lange kann ich dem Druck noch standhalten? Natürlich lief ich nicht mehr, ich ging; eierte vielmehr, da ich, um den Schließmuskel bei seiner Mammutaufgabe zu unterstützen, alles zusammenkniff, was ich nur zusammenkneifen konnte. Mein erster Plan war, in einen Bus zu steigen, der mich schnell nach Hause bringt. Ich müsste dem Busfahrer nur klarmachen, warum ich schwarzfahren muss („Einstieg nur vorn“). Allerdings hatte ich die schlichte Sorge, in den Bus kacken zu müssen. Nochmal: Man hat keinerlei Kontrolle mehr. Nie hab‘ ich mir sehnlicher eine Toilette herbeigewünscht!

Ich ging weiter. Panische Blicke nach rechts und links. Doch in das kleine Gebüsch?! Keine Chance, jeder könnte mir dabei zusehen. Außerdem: Wie kackt man im Hocken? War damals schon lange nicht mehr in die Verlegenheit gekommen. Unfassbare Schmerzen, heulende Panik, das nächste potenzielle Klo weit weg: das vom Institut der Soziologie meiner Alma Mater. Das müsste gehen. Aber … zu weit weg. Das schaff ich nicht.

Die Lösung kam näher und völlig überraschend: das „Franz-Hitze-Haus“, eine Einrichtung für kulturelle, politische, gesellschaftliche usw. Begegnung. Hatte da mal ein Blockseminar. Die müssen mich reinlassen. Ich erreichte es (kurz vorm Aasee) und der Pförtner sah mir meine Not an, als ich um die Toilettenbenutzung bat. Ich kannte mich ja aus, saß schnell am Ziel und etwas Ungewöhnliches geschah: Ich konnte nicht. Ich konnte trotz des denkbar massivsten Kackdranges nicht kacken.

Nach einigen Minuten gab ich auf und verließ die „Akademie“. Ich lief sogar wieder einige Schritte. Angstschweißgebadet. Doch das war ein vorhersehbarer Fehler: Der Drang war zurück! Vergangene Szenen wiederholten sich. Und auch das Soziologie-Institut war nun in Reichweite. Während ich meine biologischen Vorgänge verfluche, die ja nun wirklich widersinnig waren, erlebe ich die böse Überrschung, dass das Institut am Sonntag geschlossen hat. Ich denke ernsthaft über einen Einbruch nach, verwerfe den Gedanken, denn nun besteht die Möglichkeit, es bis nach Hause zu schaffen. Und das gelang auch nach längerer Zeit, weil ich mich wieder aufs Gehen verlagerte.

Und so komme ich zuhause an, stelle fest, dass ich zwischen Präsenz (historisches!) und (Im-)Perfekt nach Gutdünken wechsle, und setze mich auf mein eigenes Klo. Und es war schön. Und ich habe meine Lehren daraus gezogen.

Wer von Euch Läufern, die ich ja unter meinen Lesern tatsächlich habe, hat ähnliche Erfahrungen machen dürfen? Freue mich über etwaige Kommentare!

28 Kommentare

  1. Ich laufe derzeit nicht viel (nein, ich bin kein Jogger), aber beim Seilspringen kenne ich die Problematik, wenn sich nach 45 oder 50 Minuten in den unteren Regionen ein gewisser Druck-Faktor einstellt… Da muss ich dann auch schnell das Stockwerk wechseln… 😁

    Gefällt 2 Personen

  2. Oha, Münster, meine Nachbarstadt seit fast 2 Jahren.
    Im Franz-Hitze-Haus war mein Mann öfter zu Vorträgen.
    Leider kann ich nicht mehr so schnell oder überhaupt normal laufen.
    ich arbeite daran, hoffentlich noch einmal normal gehen zu können.
    Aber so ein Druck, der kann einen schon verrückt machen.
    Viele Grüße Bärbel

    Gefällt 1 Person

  3. Ich war in Indien in einem Bus unterwegs. Links und rechts Wüste und ein Busfahrer, der nicht stoppen wollte. Ich bekam von einer Sekunden auf die nächste extremen Number Two Druck und flehte den Fahrer an zu halten, bot ihm sogar Geld. Der Druck war so stark, daß ich wirklich vor allen im Sand gehockt hätte….ohne Deckung….um mich zu erleichtern. Der Fahrer weigerte sich aber. Das waren die schlimmsten Minuten meines Lebens. Zum Glück kam dann plötzlich vom Himmel geschickt eine „Raststätte“. Also ich weiß wie sich so etwas anfühlt…..und seitdem hasse ich es den Bus zu nehmen 🙂

    Gefällt 4 Personen

  4. Es gibt eine Steigerung all dessen: Ein Haus weit und breit, Winter mit kahlen Bäumen und eine Lauftight, die damit sie nicht im Wege ist, ganz aus muß. Ich sage nur: Ein Hoch auf den immergrünen Ilex.

    Grüße aus dem Norden
    Volker

    Gefällt 3 Personen

  5. Rückengymnastik und Blähungen sind auch eine fantastische Kombination. Gurgelnd-zischende Geräusche sind eine wunderbare Geräuschkulisse beim Bauchmuskeltraining, vorzugsweise in Rückenlage mit um 90° angehobenen Beinen…

    Gefällt 1 Person

  6. Das ist mir vor einigen Jahren in Aachen tatsächlich auch passiert, an einem frühen Sonntagmorgen. Ich hatte bei den Schmerzen meine Tour abbrechen müssen, nachdem ich keinen intimen Busch finden konnte. Zum Glück hatte auf dem Rückweg eine Bäckerei um die Uhrzeit schon auf.

    Gefällt mir

  7. Ich habe sehr gelacht… kenn ich, die körperlichen Vorgänge sind ein Grund, warum ich Joggen hasse. Sowieso fließt bei diesem Sport ja alles: Nase, Darm, und ich muss so als Frau sagen, dass ich zum Joggen eigentlich Slipeinlagen bräuchte. Ausfluss, ne.

    Gefällt 1 Person

  8. Da ist er wieder… Noch ein Grund fürs einsam zwischen Wäldern und Seen wohnen 😉 Ich glaube jeder Läufer kennt diese Problematik, ob nun in festem oder flüssigem Zustand. Wie haben jedenfalls eben Tränen gelacht und lachen hält ja bekanntlich jung 😉 Vielen Dank also für die kostenlose Verjüngungskur und viele Grüße aus Schweden!

    Gefällt 2 Personen

  9. Ich habe jetzt überlegt, ob ich erzählen soll, dass die Zwerchfellbewegungen beim Lesen Peristaltikaktivitäten verursacht haben… Was soll’s: danke für die „Abfuhr“! 🙂

    Gefällt 2 Personen

  10. Herrlicher Artikel. Ich habe trotz der Tragik Tränen gelacht, was aber ausschließlich an deinem großartig bildlichen Schreibstil liegt. Danke fürs Teilhaben dieses Jedermann Problems – unabhängig ob Läufer oder nicht.

    Gefällt 1 Person

  11. Und ich dachte, ich wäre dank Reizdarms die Einzige, die sich in derart peinlichen Situationen wiederfindet. Leider läßt sich das Reizdarm-Problem nicht (immer) durch „vorher gehen“ lösen. Ich weiß genau, welche Läden in der Stadt eine Kundentoilette haben, wo sie ist und ob’s was kostet…
    Danke fürs Folgen! Verrätst Du mir, wie Du auf meinen Blog gekommen bist? 🙂

    Gefällt mir

  12. Muha… das kenne ich. Allerdings nicht vom Joggen.
    Frauen sind da ja etwas…. hmm… zurückhaltender, was Entleerung in der „Öffentlichkeit“ (also alles, was nicht zu Hause ist) angeht. Ich bin von der Arbeit aus auch schon mal Mittags nach Hause gefahren, weil ich so dringend musste, dass ich mit Magenschmerzen und Schweißausbrüchen/Schüttelfrost (durch die Magenschmerzen) auf der Arbeit saß und dort nicht gekonnt hätte (es ist zu hellhörig im Büro :D).
    Das fieseste war allerdings die Bauphase bei meinem Bruder. Neubaugebiet, kein Dixie oder ähnliches in der Nähe, nur das Maisfeld. Als auch der abgeerntet war, musste der riesige Hügel aus Mutterboden als Sichtschutz dienen (was kniffelig war, auf der anderen Seite waren Häuser und ein Weg…) und eines Tages musste ich leider auch dort. Im Hocken. Es geht. Ist aber echt nicht schön. Au weia… lange verdrängt :D.

    Gefällt mir

  13. Wunderbarer Beitrag, den ich hervorragend nachvollziehen kann. Auch ich könnte einiges zum Thema beisteuern … 😉 Unvergessen eine Fahrt mit dem Auto von NRW nach Hessen mit meinem damaligen Freund. Halt an Raststätte, um etwas zu essen zu kaufen. Im Auto während der Fahrt gegessen. Plötzlich überfällt mich das, was Du hier so anschaulich beschrieben hast. Ich sage: „Sorry, aber wir müssen an der nächsten Raststätte raus.“ Und ich erkläre, weswegen. Mein damaliger Freund scheint Ernst der Lage zu unterschätzen, und da er weiter über Land fahren will, fährt er von der Autobahn. Ich frage: „Was machst du? Ich muss! Dringend!“ Aber noch immer scheint er das Problem nicht für ein solches zu halten, während wir durch malerische Dörfer fahren, vorbei an rettenden Gaststätten, obwohl ich wieder und wieder erkläre, dass es pressiere. Auf der Taunus-Höhenstraße schließlich schreie ich: „Wenn du hier nicht SO! FORT! irgendwo anhältst, sehe ich keine Chance, zu verhindern, dein Auto zu beschmutzen!“ Das wirkte, und er fuhr in einen Waldweg. Ich habe zu erwähnen vergessen, dass wir auf dem Weg zu einer Party waren, ich aufgebrezelt und in Minirock und Wildlederpumps et al. Und es war im Winter, im Wald lag noch Schnee … Ich erinnere mich lebhaft, wie ich mit kaltem Schweiß auf der Stirn und einer Packung Tempo in der Hand etwas in den Wald hineinstolperte, mitten in den ebenfalls kalten Schnee, der mir oben in die Schuhe rann, was ich in meiner Not jedoch nicht bemerkte, und den ich alsbald zum Schmelzen brachte. Zumindest an einer Stelle. Welche Erleichterung … Wieder im Auto angekommen, bemerkte mein damaliger Freund: „Das war ja wirklich dringend.“ Ich gestehe, da hätte ich ihn am liebsten massakriert. Habe ich aber nicht, mich jedoch einige Zeit später von ihm getrennt, wenn auch nicht dieser Sache wegen. 😉

    Gefällt 1 Person

Deinen Senf dazu!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s