Die Freuden eines Strohwitwers – Aufpolstern um viertel vor zwei

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Beim Beziehen des Bettes lauschte ich eben einem Interview mit Vicco von Bülow aus dem Jahr 1998. Dass dieser Mann der einzige ist, den ich neben einem anderen und mir verehre, ist im Grunde selbstredend, da er einen für mich wesentlichen Begriff geprägt hat: den der „Sitzgruppe“. Deutscher geht es nicht. Er thematisiert in einem seiner leider nur zwei Filme (obwohl er in dem Film „Die Brücke“ Stabsfeldwebel Zeisler gespielt hat) die Defintion einer „Sitzgruppe“, egal ob in mausgrau und steingrau (beides führt ja zum Suizid). Im oben verlinkten Interview fällt ein zweiter, völlig unterschätzter Begriff, der nun unter allen Umständen Einzug in mein Vokabular halten wird: „Aufpolstern“. Es ist für den spießigen Deutschen, den ich gerne vertrete

Exkurs: Der Begriff „Spießer“ ist wie der des „Zynikers“ völlig inflationär im Umlauf und daneben komplett falsch verstanden. Spießer meint ja eigentlich den Menschen, der nicht über seinen Tellerrand hinaus schaut und Veränderungen gegenüber skeptisch ist, nach Heinrich Mann auch jemanden, der ein autoritätshöriger Opportunist ist. Heute wird als spießig etikettiert, wer nicht jeden ausgeflippten Scheiß mitmacht. An anderer Stelle schrieb ich mal, dass ich es inzwischen als spießig empfinde, alles „normale“ möglichst krampfhaft abzulehnen, also sich irgendwie doch wieder mit einem neuen Tellerrand abzugrenzen. Oh, das klingt irgendwie gut. Ich erwarte aber Widerspruch. Ich selbst stelle mich gerne als Spießer dar, weil ich damit eine gewisse Angriffsfläche biete, auf die sofort angesprungen wird. Manch einer wartet nur so darauf. Das bringt mich zu den Moralaposteln, die ich für eine ganz schlimme Erscheinung halte. Gestern einen Scherz gemacht, dass meine Oma Fresien aus Schlesien mitgebracht habe. Großes Donnerwetter, politisch nicht korrekt, Menschen verletzt usw. Geht’s noch?!

absolute Pflicht, seine Sessel und Sofas aufzupolstern. Das brachte mich dazu, mir mal mein Sofa näher zu betrachten, das ich gestern Abend als Strohwitwer vergewaltigt habe. Siehe ganz oben. Das Modell von „Möbel Boss“ ist natürlich, wenn man es denn so sehen will, ein absolutes Spießer-Modell. Beim Kauf vor drei Jahren war es aber schlicht eine Frage des Preises. Es braucht ungefähr ein Viertel der Fläche meines „Medien-Raumes“, wie er spießergemäß heißt, und dürfte keinen Zentimeter breiter sein, es würde nicht mehr hineinpassen.

Eine Bildbesprechung

Wir sehen Kissen, die einem spießigen System folgend angeordnet sind. Alle von Ikea stammend umrahmen zwei schwarz-weiße drei grüne Kissen, während  ein weiteres grünes, rechts, das Muster abschließt, vielleicht sogar unterbricht. Ein Paar Simpsons-Socken umrahmt die Fernbedienung meines mich ausspionierenden Smart-Fernsehers, der gestern schlimme Dinge auf dem Sofa gesehen hätte, hätte er denn eine Webcam. Links davon der Spiele-Controller für meinen PC, da ich mit „Shootern“ groß geworden bin, ohne auch nur ansatzweise zu körperlicher Gewalt in der Lage zu sein. Obwohl es natürlich Menschen gibt, denen ich gerne mal ordentlich einen auf die Fresse geben würde. Das bleibt aber Theorie, da ich eher der Wegläufer bin, da das die Überlebenschancen erhöht. (Kürzlich wurde meine Mitbewohnerin in der Altstadt von einem Typen angemacht, während ich daneben stand. Geistig war er mir nicht ansatzweise gewachsen, dennoch wurde ich leicht aggressiv. Gefiel meiner Mitbewohnerin gar nicht. Ich würde es aber wieder so machen.)

Wer genau hinsieht, bemerkt, dass die Rückenpolster mit der Naht nach oben stehen. Das hat einen zugegebenermaßen wirklich spießigen Grund: Ich wende sie gelegentlich, damit sie sich symmetrisch verformen und nicht alsbald aufgepolstert werden müssen. Hinten sehen wir ein Tuch, das gestern eine Serviettenfunktion übernahm, da ich mir Hotdog-Sauce aus dem Bart wischen musste. Vorne im Bild, links, liegt ein Haufen Wäsche, der noch zu bügeln ist. Auch wieder spießig, seine Hemden zu bügeln?! Ich komme aus einem Beamtenhaushalt, wo Mutter noch gebügelt hat. Eine Tüte Tortillas, gestern noch an der Tanke gekauft, bedeckt den Pizza-Karton. Ich hatte eben nicht ausschließlich Hotdogs zu mir geführt. Rechts im Bild noch meine Sport-Utensilien und ein Handtuch, das als Schweißabsorber dient. Nicht zu vergessen der putzige Elch, der den Namen Ezekiel (Elch) trägt und den spionierenden Fernseher stets im Auge behält.

So sieht also mein spießiges Sofa aus und der Eindruck, ich wäre ein Chaot täuscht, denn nachdem ich gerade das Bett bezogen, die Wäsche aufgehängt habe (abermals), wird das Sofa wieder hergerichtet:

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Das Herrichten der Kissen ist dabei eher ein Job für Deko-Profis, zumal sie an Form verloren haben. Deshalb: Aufpolstern.

Die vergangene Nacht schlief ich eher mäßig, was zugegebenerweise mit meinem Strohwitwer-Dasein zu tun hat. Nach drei Jahren bin ich das alleinige Schlafen schlicht nicht mehr gewohnt. Obwohl es mir vorher leicht gefallen war, denn unter Schlaflosigkeit habe ich selbst bei größtem Stress nie gelitten, sehe ich mal von zurückliegenden Monaten ab, die von gewisser Turbulenz geprägt waren. (Schlaflosigkeit hat einen eigenen Artikel verdient.) Ich sehe also mit Freuden natürlich der Rückkehr meiner Schlafbegleiterin entgegen, die umgekehrt dieses Problem übrigens nicht hat. Was mich in diesem Moment nachdenklich stimmt. Heute Nacht hatte mich aber eine spektakuläre Nachricht erreicht, über deren Inhalt ich mich hier ausschweigen muss, aber sie verändert einiges bei mir. Zum Positiven. Nur ließ mich die Nummer nicht mehr schlafen, da halfen auch mehrere Episoden meiner Alf-Hörspiele nicht weiter. Man erfährt aus dem Nichts etwas Sensationelles von Menschen, die man zu kennen glaubte und kann diese nun ganz anders angehen.

Vicco von Bülow war doch im Grunde der einzige wirklich große Komiker, den dieses Land hervorgebracht hat. Neben Markus Maria Profitlich. Nein, Scherz. Was macht der eigentlich zur Zeit?! Dieses Beobachten von Alltags-Nichtigkeiten, die wir alle kennen. Ich entsinne mich eines Filmchens von Loriot, in dem sich eine Familie im Urlaub durch eine Betonwüste auf der Suche nach dem Strand befindet, ausgerüstet mit Luftmatratzen, Sonnenschirmen, Schaufeln, Eimern und Windschutz. Exakt so kenne ich es aus meiner Kindheit. Ich trug die Kühlbox, mien Knan Schirme und Handtücher, mein Bruder unsere zwei Schaufeln und meine Mutter cremte sich im Gehen mit Sonnencreme ein. Und niemand kennt den Weg zum Strand, für den man ja auch irgendwie Kur-Taxe entledigt hat. Das meine ich, wenn der Alltag im Grunde einfach nur komisch ist. Und dazu gehört auch das Aufpolstern von – Polstern.

Kleiner Nachtrag

wpid-20150620_150832.jpgDas meinte ich gestern mit Grobmotorik. Das Nachfüllen von Kaffeebohnen führt bei mir regelmäßig ins Desaster. Vielleicht ist es auch Schuld der Verpackungsindustrie. Wie soll ich denn einen Sack Bohnen zielgenau ins Behältnis füllen?! Wir fliegen bald zum Mars, scheitern ab an sowas?!

23 Kommentare

  1. ich dachte Polt wegen der schilderung des Filmchens
    jetzt könnte ich ja so viele namen nennen, und keiner würde stimmen
    also ich lass es mal und warte bis jemand die Nuss knackt

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      • ich meinte den film mit Gerhard Polt
        nicht der mit Loriot
        Gerhard Polt am mittelmeer mit seiner Frau und seinem sohn, der sohn taucht auf und hat auf seinem schnorchel ein Stück Scheisse kleben und Polt schaut nur nach seinem Auto, damit das nicht geklaut wird, säuft bier und liest bildzeitung # nach der Umgebung (Meer) sieht er nicht.
        ich meine keinen Film mit Loriot die kenne ich

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  2. Loriot kenn ich zwar auch gut, komme aber auch nicht drauf. Übrigens, das Ding mit den Verpackungen habe ich auch. Geht nie gescheit auf, egal wie genial konstruiert. Das liegt wohl am Mannsein.

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