Freude am Parken

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Wenn ich den Dachboden meines Mietshauses zu Wohnungen ausbaue, kann ich das nur, wenn ich gleichzeitig entsprechend Parkplätze für die künftigen Bewohner zur Verfügung stelle. Hier und da ist das auf diese Weise geregelt und somit dürfte Parkplatzmangel an sich gar nicht herrschen. Dürfte.

Dennoch ist meine Rückkehr von der Arbeit jeden Abend ein Glücksspiel, wenn es darum geht, das Auto nicht mit in die Wohnung nehmen zu müssen. Zum einen ist dort kein Platz und zum anderen weiß ich gar nicht, ob das erlaubt wäre. Allerdings, wenn ich das gerade vor meinem geistigen Auge so abspiele, stelle ich fest, ich bekäme das Auto gar nicht das Treppenhaus hoch. Es würde Macken geben – sowohl am Auto als auch am Treppengeländer – was nicht im Sinne des Hausbesitzers wäre. Um die Kurve käme ich vermutlich sowieso nicht und wenn doch, dann würde ich an der Wohnungstür scheitern, die dürfte zu schmal sein. Dann jedoch würde ich mir nicht ganz zu Unrecht die Frage stellen, wie ich es durch die nicht wesentlich breitere Haustüre geschafft habe.

Also, Auto mitnehmen ist nicht, somit stehe ich jeden Abend vor einem spannenden Parkabenteuer und ich werde nie das Phänomen verstehen, warum an einigen Tagen die Auswahl an freien und sogar für mich schaffbaren Stellplätzen unüberschaubar groß ist und an ganz anderen Tagen nicht ein einziger freier Platz zu finden ist – unabhängig von Wochentag oder Wetter. Zum Verhängnis wird mir der Umstand, dass ich erst gegen viertel nach Acht abends mein Viertel erreiche, wenn die Masse der Arbeitnehmer schon zuhause ist. Und die Nicht-Arbeitnehmer vermutlich auch. Auch die Arbeitgeber haben dann schon die besten Plätze beparkt. Es ist ein einziges, hemmungsloses Beparken freier Flächen.

Wenn ich in meine Straße einbiege und sehe, dass die ersten bereits in zweiter Reihe parken, dann ahne ich, dass es düster aussieht für mein Park-Unterfangen. Mittwochs ist immer Afrika-Tanz bei uns gegenüber in der Sporthalle, da hab‘ ich eh keine Chance, denn sie tanzen bis tief in die Nacht.

Ich fahre also inzwischen meine Standard-Route, die leider wegen eines Abbiegeverbotes so endet, dass ich an ihrem Ende mein Viertel unweigerlich verlassen muss und erst über ein riskantes Wendemanöver wieder befahren kann, was allerdings ohne Sind und Verstand wäre, denn ich weiß dann ja, dass dort kein freier Parkplatz ist. Ich fahre dann in ein Ausweichviertel, dass fußläufig etwa zehn Minuten von meiner Wohnung entfernt ist. Zu oft jedoch komme ich in Versuchung, meine Runde doch noch ein zweites Mal zu fahren in dem naiven Glauben, inzwischen sei ein Platz freigeworden. Denn jene zehn Minuten Fußweg gilt es unbedingt zu vermeiden. Das Dilemma an der Nummer: Mit jeder weiteren Runde verliere ich wertvolle Minuten, nur um am Ende festzustellen, dass diese sich zu den zehn Minuten Fußweg addieren, da ich ja doch letztlich im Ausweichviertel lande. Dennoch mache ich jeden Abend eben diesen Fehler. Nun sind zehn Minuten Fußweg nicht viel, angesichts einer überhaupt nur 15-minütigen Fahrzeit allerdings eher unverhältnismäßig.

Ein Kollege von mir plant pro Monat rund 50 Euro Strafgebühr für’s Falschparken ein, da die Situation in seiner Gegend noch schlimmer ist, sodass er keine andere Möglichkeit hat, als im absoluten Halteverbot zu parken, denn dort sind meist freie Plätze. Und an die 50 Euro monatlich sind eben noch günstiger als ein Monatsticket für den ÖPNV.

In der ersten Runde fällt man noch auf diese kleinen Autos herein, die so weit hinten in einer Parklücke stehen, dass diese in erster Annäherung als frei erscheint. Da schlägt dann plötzlich das Herz höher vor Freude und man fasst sein Glück kaum. Um so grauenhafter der Kater nach diesem kurzen Rausch, wenn ich feststelle, wieder ein „Smart“.

Schlimmer ist es, wenn bereits vor mir jemand fährt, dessen langsames Tempo mir deutet, er sucht auch. „Parkplatzkonkurrent“ nenne ich solche Typen, denn wenn nur noch ein Platz frei sein sollte, bekommt er ihn. In diesen Situationen raste ich aus. Ich bin sonst eher ein ruhiger, defensiver Autofahrer, aber geht’s um einen möglichst frühen Feierabend, werde ich aggressiv. „Fotzenschwein! Arschfotze, was will dieser Fotzenmann hier?!“, schreie ich dann alleine im Yaris herum und ergehe mich in Wut- und Schweißausbrüchen. Irgendwann wird das Fenster runtergelassen, damit frische Luftzufuhr mich beruhigt.

Noch aggressiver machen mich Menschen, die im Auto in der Parklücke stehen und nicht erkenntlich machen, ob sie gerade den Parkvorgang einleiten oder beenden. (Hab‘ ich heute morgen noch selber getan. Ich stieg in mein Auto ein und wechselte erstmal die CD (von Ska wechselte ich auf Ska) und sah nicht, dass inzwischen jemand meine Abfahrt ersehnte. Immerhin gab ich Gas, sobald ich ihn sah und nahm dabei fast noch einen Radfahrer mit, der mit zwei Rädern unterwegs war, was ich übrigens nicht kann. Mir kracht das führerlose mitgeführte immer in das von mir gesteuerte rein und dann lieg ich da.) Dann hält man an und versucht, via Augenkontakt das Anliegen vorzutragen und nichts passiert. „Fotze“, und wieder losfahren. „Fotze“ ist mein Wort. Ich sag, wie’s ist. Kraftvoller und beleidigender geht es im Deutschen nicht. Ich weiß, ich trete damit Frauen recht nahe (obwohl, ich verweise da auf die ursprüngliche Wortbedeutung), aber im geschlossenen Auto werde ich ja wohl nach gusto fluchen dürfen. Rational ist mir ja bewusst, dass die anderen Verkehrsteilnehmer nichts dafür können. Wie auch die vor mir fahrenden, die ebenfalls suchen. Ich beneide sie nur um ihre Position als Parkplatzkonkurrrent. Mich enerviert auch das langsame Tempo von Parkplatzsuchenden. Wohl wissend, dass ich ja auch langsamer fahre, wenn ich suche. Das macht die Wut des Autofahrers vielleicht auch aus, das Irrationale, das Ungerechte. Man wird zum Tier.

Ich bewundere die, die in meiner Ecke in zweiter Reihe parken, denn die Straße ist so schon eher eng gehalten. Ich wäre ein Kandidat, der nachts in diese Autos reinfährt. Schlaue schalten auf Kosten ihrer Batterie daher ihre Parkleuchte ein, besonders Schlaue meist die auf der falschen Seite. Parken in zweiter Reihe ist in Düsseldorf verboten, dennoch wird das Parken in dritter Reihe geduldet. Parken in dritter Reihe ist mutig, denn zum einen steht man dann schon auf der Gegenfahrbahn und zum anderen sollte man darauf achten, für die vorangehenden Reihen noch Ausfahrten freizulassen. Jüngst wurde das bei uns missachtet, sodass rund zehn PKW in der Nachbarstraße abgeschleppt wurden. Hab‘ ich beobachtet, als ich mit den Armen auf dem Fensterbrett lehnend herausguckte.

Die dritte Runde ist bei mir meist die letzte. Ich kapituliere und stelle fest, dass sich mein Feierabend dadurch um eine knappe halbe Stunde nach hinten geschoben hat und ich besser direkt meinen Ausweichparkplatz im benachbarten Stadtteil hätte ansteuern sollen. Da ist grundsätzlich immer was frei, was toll ist, aber es stellt sich die Frage, ob ich dann nicht direkt das Auto bei meinem Arbeitgeber stehen lassen sollte, da das auch nicht mehr viel weiter weg ist.

Der ein oder andere wird nun denken, dann fahre er doch mit dem öffentlichen Nahverkehr. Die Zeiten allerdings sind bei mir vorbei, das ist eine eigene Artikelserie wert. Meine Mitbewohnerin wird sagen „Fahr‘ doch mit dem Rad.“ Haha, da schmunzle ich herzhaft und verweise auf die Vorteile des Autos. Denn auf dem Rad könnte ich nicht unbeschwert „Fotzenarsch“ schreien. Sich angesprochen fühlende könnten zurückschlagen. Sie selber fährt jeden Morgen und Abend ’ne gute halbe Stunde bei Wind und Wetter, gerne auch mit viel Gepäck auf dem -träger, was Unmut in mir hervorruft, aber manche Dinge spreche ich besser gar nicht mehr an. Ich komme zwar aus Münster, lehne Radfahren aber inzwischen ab, denn in der angeblich „fahrradfreundlichen Stadt“ Düsseldorf ist Radfahren ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang.

Parkplätze sind Anlagen des ruhenden Verkehrs. So werden sie definiert. Und führen doch zu einer gewissen Unruhe. Ähnlich der Uhren-Unruh.

40 Kommentare

  1. Ja sag, wo wohnst Du denn? Ich habe Düsseldorf bislang als recht entspannt betrachtet, nun gut, ich fahre nur zum Arbeiten hin und habe den Luxus einer Tiefgarage in Rheinnähe, aber annopief in Köln, da hatte ich die gleichen Erlebnisse wie Du beschreibst. Jetzt bin ich gespannt auf den ÖPNV-Artikel 😉 und fluchen kannst Du allerschlimmst, ich hör’s ja nicht 😜

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  2. Andere Stadt, gleiches Problem. Das sieht bei uns genauso aus. Bin froh, wenn ich in der Früh einen Parkplatz in der nähe meiner Arbeit bekomme. Sonst parke ich beim Discounter gegenüber und hoffe, dass es nicht auffällt.

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  3. Du bist noch nicht so weit, dass Du Freizeit in Geld umrechnest.

    Nach meinem Wegzug aus Münster habe ich mir übrigens auch das Fahrradfahren abgewöhnt… Es gibt Gegenden, in denen es lebensgefährlich ist, nicht mit dem Auto zu fahren.
    Park doch ein Fahrrad für den Heimweg im Ausweichviertel und spar Dir die Suche im Heimatviertel gleich…

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  4. Entweder habe ich es überlesen oder du erwähnst nicht die „Fotzen“ (deine Rede!), die sich mitten auf einen 2er Parkplatz stellen. Ich könnte jedes Mal kotzen!
    Ich würde ja gerne Seminare für empathisches Parken anbieten, aber meine Geschäftsidee ist wohl zum Scheitern verurteilt…

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  5. Parkplatz suchen. Parkplatzklauen. Ich bin ganz sicher, daß genau hier und nirgendwo anders, die besten Mordideen im Affekt, nebst monumental besten und liebevollsten Betitelungen seines Gegenübers entspringen.

    Und auch der Teilzeitsadist hat hier die Gelegenheit voll auf seine Kosten zu kommen. Während er sich noch erstmal die Kippe anzündet, der Motor läuft. Ein Schluck aus der Coke. Während erwartungsvoll der Kerl in seinem Wagen mit gesetztem Blinker wartet. Und wartet. Während du dann leicht und locker den Motor ausmachst um kurz nochmal zu telefonieren.

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  6. Ich habe mich bei jedem Wort wiedererkannt :D. Zu geil. Falls es sich beruhigt, es würde keine Besserung mit sich bringen, solltest du aus irgendwelchen Gründen in Erwägung ziehen deinen Wohnort nach Frankfurt/Main zu verlagern. Bloß ist mir nicht bekannt, dass Parken in zweiter Reihe hier großartig geahndet wird.

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  7. Oh, die Situation kommt mir so bekannt vor! Ich wohne in einem Haus mit 96 Wohnungen und für die Mieter gibt es stolze 10 Parkplätze, wovon einer für die Familie der Rollstuhlfahrerin im EG reserviert ist und drei grundsätzlich von Motorrollern eingenommen werden.

    Da sich in dieser Sackgasse hier auch noch ein Ärztehaus und eine Schule befinden, grenzt es schon an ein Wunder, dass es hier noch nicht zu Massenschlägereien gekommen ist.

    Halten und parken in der zweiten Reihe liegt auch hier voll im Trend. Mit aller Vorliebe so, dass kein Mensch mehr aus der Siedlung kommt – es gibt schließlich nur diese eine kleine Kreuzung raus. Da tümmeln sich dann Taxen, Eltern die ihre Kinder am liebsten in’s Klassenzimmer fahren würden, Leute die kurz beim Bäcker was kaufen, Lieferanten, Paketdienste und und und…

    Mit dem Bus zur Arbeit zu fahren ist für mich keine Alternative. a) wäre ich jeden Tag fast 2 Std länger unterwegs, b) kostet das Ticket mehr als ein Dauerparkplatz in der City und c) käme ich am Abend sowieso gar nicht mehr auf die andere Rheinseite – es sei denn ich möchte erstmal 55 Minuten auf einen Bus warten.

    Fluchen kann ich übrigens auch sehr gut, am liebsten auf Schwedisch. Hört man von mir „Kör du jävel….!“, sollte man Gas geben. ;-)

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    • In Wien ist der öffentliche Verkehr so gut ausgebaut, dass die meisten kein privates Auto mehr haben. Aus diesem Grund gab es in den Randbezirken zu viele Parkplätze. Seit letzten Jahre gibt es darum eine neue Verordnung: Pro 100m2 Wohnfläche muss es einen Parkplatz geben. Um den gewonnenen Platz kann man mehr Grünflächen errichten.

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  8. Ja, das ICH im Auto. Gelassenheit beim Autofahren ist ein Gen, dass mir völlig fehlt, das hatte ich noch nie und werde es auch nie bekommen, fürchte ich. Aber die Alternative Rad ist schon besser für das Herzinfarktrisiko. Alternativ könntest Du kölsche Schimpfwörter benutzen wie z. B. Döspitter, hört sich dann noch freundlich an :). Es gibt auch andere Variationen – ich suche Dir gerne welche raus *lach*

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  9. Wie wäre es mit einen Autolift direkt in deine Wohnung? ;)
    In Wien kostet sie Jahreskarte 365€ – Ubahn, Bus, Straßenbahn und Stadtzug. Da hast du alles so nah um dich, dass du garantiert nirgends wo länger als 10 Minuten gehen musst. Aus diesem Grund haben von Jahr zu Jahr weniger Wiener ein eigenes Auto. Um umgerechnet 365€ bekommt man wenig Auto, aber viel Massenverkehrsmittel in einer Stadt! City Bike gibt es natürlich auch … gratis, wenn du es weniger als eine volle Stunde am Stück nützt.

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