Die Leistenbruch-Chroniken II: Wartezimmer

Das Drama um Star-Blogger begann hier! Aber auch unabhängig davon lesbar.

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Bloggen hat den Nebeneffekt, dass man damit Zeit totschlagen kann, mitunter auch Leser. Ich sitze nun im Wartezimmer und wäre fast das erste Mal in meinem Leben zu spät irgendwo hin gekommen, da ich vergessen hatte, dass ich mein Auto wegen chronischen Parkplatzmangels in dieser verfluchten Stadt im benachbarten Stadtteil geparkt hatte. Gerade noch pünktlich muss ich dennoch warten und sitze – ich beschreibe nur die Realität – zwischen älteren Menschen, die an Leibesfülle und Ausdünstungen nicht sparen. Es ist aber auch warm und stickig hier im Warteraum und ich werde heute noch viel warten müssen. Ich schwitze leider auch. Und auch genau da, wo sonst nur meine rechte Hand und meine Mitbewohnerin exklusiven Zugriff haben. Das ist mir vor der Ärztin natürlich leicht unangenehm, aber dann möge sie die Praxis hier klimatisierien. Sie ist jung und hübsch übrigens. Heute ist ihr Glückstag.

Ich habe gestern den Fehler gemacht, mir durchzulesen, welche Komplikationen bei einem Leistenbruch auftreten können. Da können Nervenbahnen durchtrennt werden, Teile des Darms absterben und eine versehentliche Kastration ist auch nicht ausgeschlossen. Das war ein absoluter Stimmungstöter, nachdem man mir bereits von Urinbeuteln statt Penis berichtet hatte.

Ich warte nun seit rund einer Stunde und frage erst gar nicht, warum Ärzte ihre Termine, also meine Termine, so organisieren. In meiner Welt ist es so: 11 Uhr 40 heißt 11 Uhr 40. Einige von meinen Leidensgenossen gehen hier zwischendurch an der Anmeldung fragen, wann sie denn drankämen. Hat das das Warten eines Patienten jemals verkürzt?!

Ich habe derweil alle hier im Raum überlebt und dürfte der nächste sein. Reine Theorie. Vermutlich werde ich eh erstmal nur auf einen Stuhl vor eine Tür verpflanzt, wo ich dann weiter warten darf.

Vor mir sitzt einer, der – ohne das Auslösegeräusch auszuschalten – Fotos der „AutoBild“ schießt, die er durchblättert. Irgendwelche Tabellen zu Motorenleistungen. Ich glaube, er ist nur hier, um der Printjournaille auf diese Weise Schaden zuzufügen. Neben mir sitzt eine, die mitliest, was ich auf meinem Handy schreibe. Hallo. Wartest Du schon lange?

Einige der Patienten hier stöhnen in regelmäßigen Abständen, um uns anderen zu signalisieren: „Ich warte schon sehr lange.“ Wieder ein anderer kämpft mit dem Fenster. Macht es auf, und es fällt wieder zu. Derjenige bin ich. Ich würde gerne meinen Schritt noch einmal durchlüften. Aber je länger ich hier warten muss, desto mehr Lust habe ich, es der Ärztin olfaktorisch zurückzuzahlen.

Nanu, jetzt kam aber jemand dran, der erst nach mir kam! Ein Wutbürger würde nun aufstehen und diesen Umstand lauthals jedem in der Praxis mitteilen. Ich hingegen: die Ruhe selbst. Obwohl ich natürlich kotzen könnte.

Ich muss gleich noch meiner Mitbewohnerin im „Mediamarkt“ einen neuen Rechner kaufen. Wir waren am Samstag bereits im „Mediamarkt“, aber ihre Entscheidungsfreude kennt frühe Grenzen. Sie entschied sich dann zuhause und der kranke Mann mit Leistenbruch würde ihr ja sogar die Welt zu Füßen legen, wenn es denn gewünscht ist, aber er darf nur fünf Kilo heben und zunächst genügt ein Lenovo All-In-One mit gefühlten 40 Zoll (acht Kilo!).

Puh, meine Geduld wird arg strapaziert. Ich hätte gerne schon während dieses Wartevorgangs eine Vollnarkose bekommen.

Die genervten, Augen verdrehenden Blicke meines Gegenübers bringen mich zum Schmunzeln. Ich muss so tun, als läse ich gerade was wahnsinnig komisches auf meinem Handy. Oha. Ihm reicht’s! Er steht auf und beklagt sich. Der kam weit nach mir … Ich werde heute allerdings auch erfragen, ob man hier immer mit dieser Wartezeit rechnen müsse, denn dann würde ich beim nächsten Mal einfach zuhause warten und zwei Stunden später kommen.

Der nächste steht auf. Geht zum Fenster. Öffnet es. Es fällt wieder zu. Wie bei mir. Hätte er wissen können. Wir sind eingesperrt. Eine Schicksalsgemeinschaft. Man überlegt schon, wen man als ersten isst. Ich würde ja sagen, den krankesten. Ich weiß nicht, was sie haben, aber mit einem Leistenbruch könnte ich gute Chancen haben, nicht der erste zu sein. Nun liegt es mir aber auch fern, jemanden zu essen, zumal es hier auch keine Getränke gibt.

Wir sind nur noch zu dritt. Alle anderen sind vorne, sich beschweren. Sie kehren nicht zurück. Offenbar ist es keine gute Idee, sich zu beschweren. Immerhin arbeiten hier Chirurgen, Künstler am Messer also. Und unten im Gebäude ist ein Metzger. Ich schätze überhaupt Filme wie „Delicatessen“, wo ein Metzger Menschenfleisch serviert.

Oh, ich habe mich gerade dabei erwischt, genervt geguckt zu haben. Ja so langsam könnte man sich mal meines Leistenbruch es annehmen.

Nach neunzig Minuten (das übrigens in Düsseldorf in der Neunzigstraße!) bin ich gerade der einzig verbliebene im Wartezimmer. Ohne Witz jetzt, aber alle anderen sind auch weg. Schließt die Praxis gerade? Wurde ich vergessen? Im Ernst. Hier stimmt was nicht.

An sich sollte es hier nur ums Wartezimmer gehen, aber ich bin um eine Erfahrung reicher. Mein Hinterausgang, mein Anus Seppus, bleibt Einbahnstraße. Und ich verstehe, dass man eine anale Vergewaltigung nicht einfach mal so über sich ergehen lassen kann, sie ist definitiv mit schwersten Schmerzen verbunden. Hintergrund der heutigen Enddarmuntersuchung ist der, dass ein Leistenbruch irgendwas mit dem Enddarm zu tun haben könnte. Bei mir nicht. Überhaupt, das war heute alles würdeloser als bei meiner Musterung. Da steckte der Finger einfach reglos drin, dieses Mal hat er irgend etwas getan. Gekreist. Rotiert. Gesucht. Dann liegt man da mit Arsch Richtung Ärztin und Arzthelferin, die ich ausnehmend sympathisch fand, die aber nun meine tiefsten Geheimnisse kennt. Man kann dann nicht mehr unbeschwert flirten. Vorher noch heitere Scherze gemacht, ihr sogar am Rechner geholfen, weil der abstürzte und dann die viel zu frühe körperliche Offenbarung. Aber weibliche Leser, so genannte Leserinnen, wissen das natürlich besser als ich.

17 Kommentare

  1. Das mit den Wartezeiten kenn ich auch. Zunächst 4-8 Wochen, je nach Fachrichtung, bis zum Termin, und dann Geduldsprobe im Wartezimmer. Ich frag mich da auch immer, wozu Terminabsprachen überhaupt gut sind, wenn sie sich dann als Makulatur herausstellen.
    Und JA, in Wartezimmern kann man auch so etliches Erleben, was die Lächelmuskeln animiert. Der liebe Gott hat schon einen irre großen Tiergarten.

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  2. „Kommen Sie um 7 Uhr morgens zur OP.“ Ich stehe um 7 Uhr auf der Matte und die Krankenschwestern. „Was wollen Sie denn schon hier? Haben Sie’s eilig?“ Ja, vielen Dank auch … Um 11 Uhr hatte ich dann ein Bett in einem Zimmer, und dann – erst dann – konnte es weitergehen.

    Übrigens: Alles wird gut.

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  3. :-) Kann ich fast toppen! Stuttgart… fremder Hautarzt … Vorsorgecheck… 45°c ohne Klimaanlage… Fenster + Rollos offen. Kurzes „Guten Tag“ und dann „…legen sie sich frei..“… kein Sichtschutz, keine Privatsphäre.. nur ein blöder alter Drehstuhl und ein alter Mann. Untersuchung erspare ich mir wiederzugeben, da müsste ich sonst in die Abgründe der deutschen Sprache eintauchen! Jaja, der Mensch ungeheuer Groß, wird zum Ungeheuer selbst.. Lg

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  4. Ich belustige meinen Hausarzt immer damit, für einen Termin mit Wasserflasche, Zeitung/Buch, Stift und Notizzetteln einzurücken, ich weiß ja, worauf ich mich einlasse.
    Bzgl. des Verspeisens: Es gilt: Nicht der Kränkeste, sondern denjenigen mit der harmlosesten Krankheit zuerst! Wer weiß, was man sich sonst einhandelt, wenn man überlebt. Beim letzten Mal hatte ich die Wahl zwischen etwas, das verdächtig nach Lepra im Endstadium aussah und einem gebrochenen Arm. Das ist wie Garen im Bratschlauch. ;)

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  5. OK, das ist genau „meine Geschichte“, nur dass ich in Hamburg wohne. Ich bin Zwangsneurotiker und sitze mit meinem Angelhocker schon eine Stunde vor Öffnungszeit vor der Praxis, dann weiß ich wenigstens, dass ich drin nur 2 Stunden warten muss. Oft werde ich wegen meines Faltstuhls mit Rucksack belächelt, but so what ? Trotzdem erlebe ich drinnen die Sache, dass Leute, die auf Position 20 ff ankamen vor mir fröhlich Tschüss sagen. Da ich auch noch Taoist bin stelle ich mir dann immer vor, dass ich gerade erst ankam und so bleibt mein Blutdruck stabil, aber schön ist das nicht, näääh…

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  6. Nachtrag: Ganz außergewöhnlich finde ich auch immer diese Spontannotfälle, wenn Leute auf Position 30 mit Leuten auf Position 40 fröhlich vor der Praxis um 5 Minuten vor dem Einlaß Party feiern, aber an der Theke plötzlich DER Herzanfall, DER Vogelgrippale oder DER EHEC-Fall sind und dann mein Innenwarten nochmal auf 2-3 Stunden verlängern; ich könnte dann morden. Aber da ich auch excelenter Demagoge bin, rastet oft ein anderer im Team aus. Ich selbst habe mit Ausraster kontraproduktive Erfahrungen, wurde oft separiert nur, weil ich einen etwas stärkeren Bass habe. Nein, Einsamkeit in der Praxis geht gar nicht…

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  7. Herzlichen Glückwunsch zum ersten? Leistenbruch. ;) Ich hatte schon 4 jeweils links und rechts, einmal sogar etwas eingeklemmt. Gute Besserung…auch das geht vorbei…spätestens nach Narkose und ungewollter Kastration. ;)

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      • Keine Ursache. Eigentlich nicht, kommt aber glaube ich, immer darauf an, was eingeklemmt ist. Bei mir war es ein Eierstock, was aber keine Komplikationen mit sich trug und die haben mich einige Tage damit durch die Gegend „hüpfen“lassen. Ich habe mal gehört, das wenn sich der Darm einklemmt, der quasi abgeklemmt werden kann, so das er eben auch blau wird etc. man sein Geschäft nicht verrichten kann und es notoperiert werden muss.

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