Nachbarn für Gerechtigkeit!

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Ich bin kein Mensch, der eine Affinität zu einer gewissen Ruhe hat. Ich brauche das Abenteuer, ich brauche Lärm, für Gemächlichkeit im Alltag bin ich nicht zu haben. Daher war es für mich klar, dass ich, als ich innerhalb Düsseldorfs mit meiner Mitbewohnerin zusammenzog, die erst dadurch Mitbewohnerin wurde, obwohl sie es vorher schon war, was für Neuleser jetzt völlig unverständlich sein dürfte, eine Wohnung in einen rechtsfreien Raum beziehe. Düsseldorf hält ja sehr viel auf sich. Ein paar Monate las ich mal die heimische Postille, die „Rheinische Post“, um das Lokale etwas besser kennezulernen und ich war nachhaltig erschüttert, wie sehr sie sich feiern, die Düsseldorfer, was für einen Westfalen aus Überzeugung mit seiner Bescheiden- und Sturheit nicht nachvollziehbar ist. Aber gut, dachte ich, wenn die Stadt so toll ist, dann sollen sie das gerne zelebrieren. „Klein-Paris“ nennt die Stadt sich gelegentlich, weil es noch höher wohl nicht geht. Kein Wunder, dass die Kölner die Düsseldorfer auslachen.

Es brauchte nur wenige Tage, bis ich feststellte, die Stadt ist gar nicht so toll, wie sie denken. Touristen, die sich in Wohngebiete abseits des Rheins verirren, werden wissen, was ich meine. Aber reden wir nicht über heruntergekommene Fassaden und eine Verkehrspolitik, die nur gewollt so miserabel sein kann. (Ich lästere hier oft über Düsseldorf, mir ist das bewusst. Aber wenn man sich der unverschuldeten Gunst der Geburt in Münster erfreuen darf, kennt man ein solches Stadtbild eben nur von osteuropäischen Städten aus Zeiten des Kalten Krieges. Während Düsseldorf sich im Laufe der Jahrzehnte umliegende Städte einverleibt hat, hat Münster die runtergekommenen Viertel einfach ausgemeindet. In den Siebzigern gab es von der städtischen Regierung das Programm „Ausgemeinden statt Sanieren!“, das den Wähler überzeugt hat. Bis er selber ausgemeindet wurde und nun in einem Satelliten-Slum sein Dasein fristet. So, mehr Hochnäsigkeit geht nicht.)

Wir fanden eine Behausung in Oberbilk. Zentrumsnah und vor allem nahe meiner Arbeitsstelle. Und billig. Bei RTL läuft derzeit eine gescriptete Sendung mit dem Titel „Der Blaulicht Report“. Abgesehen davon, dass sie den Bindestrich vergessen haben, machen sie damit einen Marktanteil von mehr als zwanzig Prozent. Ich habe es nicht nötig, mir so etwas anzusehen, denn ich muss nur aus dem Fenster blicken und sehe da die realen Vorbilder der Sendung, ganz unzensiert und ohne Laiendarsteller. Ich kann die Polizeieinsätze in diesem Viertel gar nicht mehr zählen und auch nicht mehr, wie oft man mich am nahen „Lessingplatz“ für einen potenziellen Kunden für diverse Drogen hielt. „Wolle Drogen kaufen?“, werde ich dort oft gefragt, obwohl ich nur mein Altpapier zum nahen Container bringen will. „Nein, heute nicht. Hab‘ noch was im Gefrierfach.“

Kürzlich geriet Oberbilk in die überregionalen Schlagzeilen, als zwei Polizeibeamte sich einer Großfamilie gegenübersahen, die auf die beiden mit schlechten Absichten losging. „Rechtsfreier Raum“ ist natürlich übertrieben, aber was man hier so sieht, ist nicht schön. Höhepunkt war eine Schlägerei direkt vor meinem Fenster. Wenn menschliche Körper fallen, gibt es unangenehme Geräusche. Wenn Köpfe gegen Wände gestoßen werden, ist das erstaunlich laut und so nimmt es nicht Wunder, wenn der dazugehörige Körper gen Boden bewusstlos zusammensackt. Dieses Schauspiel, in dem eine sagen wir mal Rocker-Gruppierung involviert war, beobachtete unser gesamtes Mietshaus aus dem Fenster. Eine schöne Gelegenheit, einmal mit den Nachbarn in Kontakt zu treten. Ein heiterer Plausch während einer Schlägerei. Nach und nach griffen wir alle zum Telefon, da die Situation eskalierte und auch den nachbarschaftlichen Plausch störte. Es war unser Hausmeister Herr Fahrgescheit, den ich anfangs versehentlich immer Herr „Fahrenheit“ nannte, was er stets höflich überging, bis meine Mitbewohnerin mich auf diesen Fauxpas hinwies, der also als erster die Polizei am Apparat hatte. Herr Fahrgescheit ist etwas schwerhörig und meint, deshalb auch lauter reden zu müssen. Ich kenne das von meinem Hörsturz, man schreit plötzlich ohne es zu merken. Aber so wurde ich Zeuge dieses Telefonats:

„Hier Fahrgescheit, Sternstraße, Bürgerwehr. Wir brauchen ’nen Zugriff! Schlägerei …“

Zugriff. Der Mann wusste, wovon er redet. Aber „Bürgerwehr“?! Warum wurde ich beim Einzug nicht darüber informiert, dass sich die Bürger des rechtsfreien Raumes annehmen? Private Sicherheitsdienste halte ich für eine an sich schlechte Idee, aber in den ersten Monaten des Wohnens hier wurde mir klar, es geht nicht anders, wenn der Staat versagt.

Im ersten Winter, in der dunklen Jahreszeit also, kam ich gelegentlich mit der Bürgerwehr in Kontakt, die diesen schönen prägnanten Titel „Oberbilker Bürger für Bürger gegen Würger“ trägt. Hielt ich zunächst für einen schlechten Gag, für den ich im Grunde immer zu haben bin, aber Hintergrund ist eine Serie von Übergriffen auf zumeist Damen im fortgeschrittenen Alter, nein, am Scheideweg zum Tod, die gerne im Schutz der Dunkelheit ausgraubt wurden. Parierten sie nicht, wurden sie gewürgt. Und irgendwann ergab es sich, dass auch Frau Fahrgescheit Opfer wurde, die übrigens die gute Seele unseres Hauses ist, zumal sie das Treppenhaus wöchentlich wischt. Gegen eine Mietminderung, versteht sich. Herr Fahrgescheit wollte das nicht auf sich sitzen lassen und gründete daher eben jene Bürgerwehr, die spät abends, wie man es auch amerikanischen Filmen kennt, durch die Straße zieht. Es sind überwiegend ältere Herren, die in ihren Rollen aber wunderbar aufgehen. So lief ich mal, wie es meine Art ist, mit Smartphone durch die Gegend, um zu überprüfen, wer mir nicht geschrieben hat via Whatsapp oder wie sie alle heißen. Plötzlich kam eine Dreiergruppe auf mich zu und ich dachte, jetzt will man mir wieder Drogen andrehen. Gerade als ich meinen Einstieg in den Konsum schwerer Drogen beschließe, erkenne ich, dass es sich um drei Herren handelt, die eine Art Uniform tragen. Und wäre nicht Herr Fahrgescheit dabei gewesen, hätte ich mir Sorgen gemacht.

„Herr Flotho! So spät noch unterwegs?“

„Naja, elf Uhr. Geht.“

„Wir haben Ihr leuchtendes Handy gesehen. Stecken Se das mal besser weg. Lockt nur Ungeziefer an.“

In meiner grenzenlosen Naivität denke ich an Mücken, die mein Display für den Mond halten könnten, doch Herr Fahrgescheit referiert weiter.

„Die ziehen Ihnen das Ding sofort ab. Sie verhalten sich wie ein Opfer, Herr Flotho. Ich sag’s Ihnen nur zu Ihrer eigenen Sicherheit.“

Seltsamerweise hatte ich mich nie bedrohter gefühlt.

Doch. Eines nachts, ich kam mal wieder zu Fuß aus der Altstadt nach Hause (ohne rekonstruieren zu können, warum eigentlich nicht mit dem Taxi), kam ein Typ auf mich zu, noch betrunkener als ich, und fragte – das ist nicht ausgedacht! -, ob ich ihm einen runterholen wolle. Aus verschiedenen Gründen wollte ich nicht, zumal ich auch viel zu müde war und es kaum abwarten konnte, meine Mitbewohnerin aus dem Schlaf zu klingeln. Der Mann wurde etwas aufdringlich, scherzte aber gleichzeitig dabei, sodass ich die Situation gar nicht einschätzen konnte. Das Ganze spielte sich unmittelbar vor meinem Haus ab, das gar nicht mir gehört, und ich hatte das Glück, dass Herr Fahrgescheit sich das Geschehen aus dem Fenster heraus ansah. Ich wunderte mich, dass er offenbar auch nachts auf einem Kissen gestützt aus dem Fenster guckt. Allerdings entging mir auch sein Schnarchen nicht und so rief ich laut:

„Herr Fahrgescheit! Jetzt bräuchte ich die Würgerwehr!“

Ein kleiner Wortwitz, den ich nicht ungenutzt vorbeiziehen lassen wollte. Herr Fahrgescheit kam jedoch nicht in dessen Genuss, denn im Schlaf ist er noch viel schwerhöriger als ohnehin schon. Somit beschloss ich, noch einmal sehr deutlich zu machen, dass ich in dieser Nacht niemandem irgend etwas runterholen würde. Klingelte und ging rein. Der Mann war weniger aggressiv als befürchtet und ging unverrichteter Dinge von dannen. Aber nun überlegte ich am folgenden Tag, was, wenn der Typ auch Damen anspricht? Meine Mitbewohnerin beispielsweise, der ich immer eintrichtere, ein Taxi zu nehmen. Und so wurde mir unwohl und sprach sodann Herrn Fahrgescheit darauf an, wie man denn im Notfalle die Bürgerwehr in Alarmstimmung versetzen könne.

„Was?“

Schwerhörig. Ich wiederholte also die Frage, wie man denn im Notfalle die Bürgerwehr in Alarmstimmung versetzen könne.

„Wir haben alle zwei Wochen Vereinstreffen. Kommen Se mal vorbei.“

Da ich nichts mehr als den Kontakt zu Menschen suche, leistete ich der Einladung folge, wovon ich hier berichte.

15 Kommentare

  1. Eine „Würgerwehr“ brauchts in meiner Gegend zwar noch nicht…aber ab und an spuken da auch zwielichtige Gestalten rum… Na hoffentlich macht sich die „Action vor Ort“ bei dir zumindest durch günstige Miete bemerkbar. Ich jedenfalls würde mir bei Schlägereien vor meinem Fenster über eine Verlagerung meines Wohnortes Gedanken machen.

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  2. ich finde so eine bürgerwehr gar nicht mal das schlechteste, grade wenn man in einer gegend wohnt wo entsprechend was los ist… sorge würde mir nur der rechtliche rahmen machen, wenn ich als mitglied einer bürgerwehr irgendwo eingreifen müsste…

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