Holmbruch

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Meinen ersten Holmbruch hatte ich mit 19 oder so. Es war die Phase nach dem Zivildienst, in der wir alle etwas orientierungslos an den Orientierungswochen an der Uni teilnahmen. In der Fachschaft Soziologie war man ohne Orientierung völlig aufgeschmissen, daher waren diese O-Wochen ’ne ganz sinnvolle Erfindung. Nur leider gab es dort keine Orientierung. Mein Desorientierung sollte sich durch das gesamte Grundstudium ziehen. Das allein war schon einfach mal scheiße, aber dazu kam eben jener Holmbruch, der die ganze Situation nur unnötig zusätzlich anspannte.

Sonntags frühstücken meine Mitbewohnerin und ich immer sehr ausgiebig. Wir reden dann nicht viel, sondern lesen so vor uns hin. In einem Text über das AfD-Milieu vertieft tastete ich so an mir ‚rum und fühlte plötzlich den Holmbruch.

„Du, ich glaub‘, ich hab wieder ’nen Holmbruch.“

„Am Sonntag? Sitzen wir gleich in der Notaufnahme? Kann ich erst frühstücken?“

„Ja. Kein Thema. Ist ja nicht dramatisch.“

„Irgendwas hast du ja immer. Erst die Grippe, jetzt ’nen Holmbruch. Ich muss auch mal zur Ruhe kommen.“

„Ja, ich beklage mich ja nicht, ich beschreibe lediglich die Realitäten!“

Aus ihrer Playlist tönt 50-er-Jahre-Swing. So würde ich das jetzt mal beschreiben. Da ich aber musikalischer Analphabet bin, könnte das auch alles andere sein. In unserer Küche steht ein gemütlicher Sessel, den ich noch aus WG-Zeiten gerettet habe. Ich beschließe, vom Stuhl in den Sessel rüberzumachen. Auch wegen des Holmbruchs. Ich falle unter Begleitung des Swings und der rotierenden Waschmaschine in einen leichten Dämmerzustand, den ich später in einem Verhörprotokoll als äußerst erholsam einstufen werde.

Das Verhörprotokoll:

Herr Flotho, Sie haben dann ab etwa 15.00 Uhr geschlafen?

Ja. Es war ein sehr erholsamer Schlaf. Nicht zu lang, nicht zu kurz. Genau richtig.

Gestatten Sie die Frage: Wie konnten Sie schlafen, wenn Sie sich kurz vorher einen Holmbruch diagnostiziert hatten?

Ja. Hm. Also ich gebe zu, das passt wirklich nicht zu mir. Im Normalfall führe ich sofort in die Notaufnahme. An Schlaf gar nicht zu denken. Aber die Swing-Musik! Die Waschmaschine! Die Mitbewohnerin, die da so beruhigend in ihrem Magazin blättert! Wer würde da sich nicht in Sicherheit wägen und wegdösen?

Verlassen Sie nicht das Land, nicht die Stadt. Wir werden noch einmal auf sie zurückkommen.

Mir soll es Recht sein. Daher warte ich jetzt hier. Ich hatte gar nicht vor, in nächster Zeit irgend etwas zu verlassen. Darum schränkt mich diese behördliche Anweisung auch erstmal gar nicht ein.

Wir machten dann einen Spaziergang, meine Mitbewohnerin und ich. Es sind derzeit entscheidende Spaziergänge, da die Bäume jeden Moment ausschlagen könnten. Wir wohnen unweit einer Allee, die wir gerne im Frühling regelmäßig durchschreiten, um die Grünwerdung genauestens beobachten zu können. Am Ende des Sommers werde ich wieder sagen:

„Weißt du noch, als wir am ersten Frühlingstag hier herschritten?“

„Ja“, wird sie dann sagen, „Du hattest einen Holmbruch.“

Achja, der Holmbruch. Man verdrängt so etwas so gerne.

„Ist das Swing?“, frage ich sie nun.

„Ja. Auch. 20-er-Jahre-Zeugs. Auch Jazz. Und Blues. ‚Ne Mischung.“

Lag ich gar nicht so falsch.

 

Holmbruch Nummer drei also. Ich erinnere mich noch gut an meinen zweiten. Damals ging ich zum Gesundheitsamt, um mich zu informieren. Ein Herr Walter stand mir Antwort.

„Folgende Situation: Ich habe durchaus über Holmbrüche mal was gelesen, hielt sie aber für ein Gespinst.“

„Herr Flotho, erstmal danke für Ihren Mut, sich dem offen zu stellen. Der Holmbruch geht nach wie vor – übrigens auch schon immer in unseren Breiten – um. Manch einer zieht sie magisch an, andere wiederum hätten gerne einen, bekommen ihn aber nie.“

„Gerne?! Wie kann man so etwas wollen?!“

„Beruhigen Sie sich erst einmal. Kaffee?“

„Äh, okay. Kaffee. Zur Beruhigung? Warum nicht.“

„Also, Herr … Flotho. Holmbruch. Denken Sie an die Vorteile! Machen Sie das Beste daraus! Bislang ist noch niemand daran gestorben. Wobei, ich müsste im Register nachsehen. Augenblick.“

Er blätterte in einem dicken Ordner, ging mit seinem Zeigefinger eine endlose Auflistung durch:

„Lebt … lebt … lebt … oha! Tot. Hm. Ein Herr aus dem Geschlecht der von Krudenworts erlag tatsächlich einem Holmbruch. Naja, vor mehr als hundert Jahren. Mag sein, dass das damals vorkam. Aber heute? Nein. … Und, beruflich, Herr Flotho?“

„Was?!“

„Egal. Wollte das Gespräch am Laufen halten. Also: Vielen Dank. Kopf hoch. Sie sind jung. Noch.“

Ich war da 28 oder so. Also die Zeiten, wo ein Holmbruch in die soziale Isolation führte, waren da eh schon vorbei. Das war bis in die Siebziger anders. Prominentester Holmbruch-Patient damals war wohl Fredo Freudenholz, ein schauspielender Showmaster, der für die ARD „Die große Festival-Sause“ moderierte. Als er sich öffentlich zu seinem Holmbruch bekannte, war er erledigt. Eine Show hat er noch moderieren dürfen, danach war er weg. Ich glaube, er verfiel dem Alkohol, ich weiß es nicht. Alles vor meiner Zeit. Ich glaube, er nahm sich letztlich das Leben.

Ich ging eben zum Kiosk. Kiosken ist allen eines gemein: der betont hässliche Schriftzug auf der Fensterfront. In möglichst hässlicher Schriftart steht dort geschrieben: „Trinkhalle“. Meist etwas geschwungen und mehrfarbig. Auch ein „Coffee2go“ darunter darf nicht fehlen. Das obligatorische „Open“-Schild in rot-blau, das natürlich leuchtet. Unser Kiosk hat jetzt zusätzlich zu den vielen Schildern ein weiteres. Über der Fensterfront. Da steht jetzt auch nochmal besonders groß und ultimativ: „Trinkhalle“. Jetzt steht dort dreimal das Wort „Trinkhalle“. Sie können es noch sooft drauf schreiben, für mich bleibt es ein Kiosk.

Und zwar einer, der alles verkauft. Waschpulver, Rasierklingen und auch Eier.

„Haben Sie was gegen Holmbruch?“, frage ich fast etwas naiv. Es wäre ein Wunder, würde der Kioskmann nun etwas unterm Tresen hervorzaubern, das mir helfen könnte.

„Nein. Raus hier!“

Oha, ich merke schon, auf Holmbruch ist man hier nicht gut zu sprechen. Ein Händler der alten Schule. Denn im 15. Jahrhundert waren Holmbruch-Patienten vogelfrei. Also blieb ihnen nichts als Wegelagerei und Plünderei. Davon bin ich aber weit entfernt, akzeptiere aber des Händlers Entscheidung.

Auf dem Rückweg kommt ein Mann im Anzug auf mich zu.

„Herr Flotho?“

„Ja?“

„Steigen Sie bitte ein.“

„Wo?“

„Achso. Moment.“

Wir warten. Dann fährt ein Auto vor. Sehr hastig, wie ich finde.

„Hier einsteigen?“

„Ja. Pardon, das war schlecht choreographiert. Das Auto sollte praktisch gleichzeitig mit mir kommen.“

„Macht nichts.“

Wir steigen ein.

„Herr Flotho, Sie wissen, worum es geht?“

„Ja. Ich kann es mir denken.“


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24 Kommentare

  1. Also zu meiner NRW Zeit ging man noch zu ‚Fred‘ zum Beispiel. Denn man kannte natürlich den Budenbesitzer persönlich.

    Hast du nun schon Harz in den Spalt zwischen Schale und Holm gekippt?

    Ich bin ja sehr dafür, dass deine Leser abwechselnd Wörter hier reinschmeißen, und du dazu etwas schreibst!

    Gefällt 2 Personen

  2. Hier in Dortmund heißen die „Trinkhalle“ und als ich hier her zog, dachte ich doch tatsächlich, dass es sich um Hallen handelt mit Stehtischen zum Bier trinken, was ich ziemlich irritierend und gleichzeitig abstoßend fand. Bei Halle denke ich jedenfalls an größere Räume. Dass es sich eigentlich nur um kleine Buden oder Kioske handelt, musste ich erst lernen, aber Bier haben die alle vorrätig. Logisch – hier im Ruhrgebiet.

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  3. Die Eltern meines Stiefvaters und die Schwägerin meiner Mutter stammen aus dem Ruhrgebiet, für die heißt das auch gesprochen „Trinkhalle“, wenn ich sage „Kiosk“, weil das in der Nähe von D’dorf eben so dransteht (zumindest an denen hier) wissen die nicht was gemeint ist. Die Schwägerin meiner Mutter kennt gesprochen auch noch „anne Bude.“ Und wenn es keine „Bude“ gibt, dann halt „anne Tanke.“

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  4. Hier im Kohlenpott, da sachte man früher „Selterbude“ – oder:
    „ich geh mal eben `anne Bude´“.
    Der Begriff „Trinkhalle“ ist auch zu hören, „Kiosk“ gehört schon eher zum hierorts seltenerem Hochdeutsch.
    So, gezz weisse Bescheid. 😉

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