audio Die sechs Grundemotionen: Wut

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„Viele Menschen haben Emotionen oder haben schon mal davon gehört.“ – Dampfbloque

Das ärgert mich. Obiges Zitat hätte von mir sein müssen. Habe überlegt, es einfach zu klauen, aber ich habe so etwas wie Anstand. Zumindest flackerte ein vergleichbares Gefühl in mir auf, als ich den ursprünglichen Einstiegssatz begann mit:

„Wie sage ich immer so schön? ‚Viele Menschen haben Emotionen oder haben schon mal davon gehört‘.“

Doch ich sage das nie. Die Tatsache, dass jener Ausspruch also nicht von mir kommt, macht mich nahezu wütend, womit ich bei der ersten von sechs Grund- oder Basisemotionen gelandet bin; es bietet sich geradezu an, mich nun in wütende Rage zu schreiben, bevor in den kommenden Wochen es um die weiteren grundsätzlichen Emotionen des Menschen geht:

Trauer, Freude, Überraschung, Ekel und schließlich Angst.

Die Idee, darüber zu schreiben, hatte ich bereits im vergangenen Jahr, als ich große Erfolge mit den Sieben Todsünden feierte, um festzustellen, dass ich die ein oder andere derer in meinem Verhalten durchaus wiederfinde. Ich komme somit in die Hölle, sofern ich der Beichte fernbleibe.

Gefühle oder eben Emotionen sind etwas anderes. Die Sünde begehe ich meist sehenden Auges. Ich weiß, wenn ich nicht einigermaßen doof und blind bin, wann ich mich einer Sünde schuldig mache. Man muss es ja nicht so nennen, aber man könnte von unmoralischem Verhalten sprechen.

Doch hier über tatsächliche Emotionen zu schreiben, bedeutet ja auch, so etwas mir fremdes wie Menschlichkeit ins Spiel zu bringen. Ich halte mich vielleicht wider Erwarten gerne zurück mit dem Offenbaren von Gefühlen, schon gar nicht in dieser Öffentlichkeit. Darum lag die Idee dieser Serie so lange im Nichts herum. Auch privat wurde mir schon vorgeworfen – nicht zu Unrecht – Gefühle eher zu verbergen. Aber ich habe auch ganz andere Momente …

Für Emotionen kann man nichts. Die Frage ist eher, inwiefern man sie auslebt oder eben im Zaum hält. Doch ich käme nicht auf die Idee, mich einer Emotion zu schämen, höchstens ihrer Zurschaustellung, was nicht immer angebracht ist.

Das Beitragsbild oben soll „Wut“ ausrücken. Fachleute würden sofort erkennen, der Typ, der offenbar heute kein T-Shirt trägt, ist gar nicht wütend, er tut nur so. Das ist korrekt. Denn derzeit dominieren bei mir ganz andere Basisemotionen, die ich bildlich unmöglich hier darstellen werden kann.

So aber sehe ich in etwa aus, wenn ich wütend bin. Ich bin’s nur selten.

Basisemotionen sind nicht erlernt und keine kulturelle Errungenschaft. Sie sind genetisch bedingt. Das habe ich selber erforscht, wessenthalben ich hier keine Quelle meiner Erkenntnis nennen werde. Der Leser möge es nachschlagen, auch, um dann festzustellen, dass mitunter von sieben Grundgefühlen die Rede ist.

Denke ich an Wut bei mir, fällt mir seit einigen Monaten immer nur ein Ereignis ein, das ich aus Gründen des Datenschutzes hier nicht detailliert darlegen kann. Nur soviel: Ein Mitmensch brachte mich durch eine Anschuldigung dermaßen in Rage, dass ich entgegen meine Gewohnheit öffentlich explodierte. Und das zeigt, dass sich da etwas angestaut hatte – nämlich Wut. Und jeder kennt diesen Moment, in dem das Fass überläuft. Erst tropft es, dann explodiert es.

Das ist mit relativ viel freigesetzter Energie verbunden, sodass ich mich auch an Gegenständen ausließ, was in der Tat sehr befreiend war und die Frage aufwirft, warum ich überhaupt erst soviel Wut mir angefressen hatte. Das wiederum hängt mit einer gewissen Konfliktscheu zusammen, die leider nicht immer dazu führt, dass Konflikte tatsächlich vermieden werden. Ich bleibe allerdings einem Prinzip treu: Ich gieße nie Öl ins Feuer.

Bei jenem Wutausbruch jedoch brachen die Dämme, selbst ich ließ mir nicht mehr auf der Nase ‚rumtanzen, wozu ich auch gerne neige, durchaus aber darum wissend.

Wut heißt im Lateinischen furor und wird auch mit „Raserei“ oder, was mir sehr gut gefällt, „Leidenschaft“ übersetzt. Wut versus Leidenschaft, das sind an sich Unterschiede, denn im Bett verhalte ich mich eher nicht wütend. Doch Leidenschaft kann ja so vieles bedeuten, es riecht nach einem separaten Artikel.

Wut ist aggressiv und vor allem impulsiv. Das ist leider der Haken, wenn sie sich Bahn bricht und es zum Befreiungsschlag kommt: Irgend jemand, irgend etwas bekommt sie zu spüren. Meist jemand, der es nicht verdient hat. Lebt man sie gegenüber dem Verursacher aus, kann es zu Krieg kommen und das ist es eben, das Gießen von Öl ins Feuer. Wut ist nicht sehr konstruktiv, macht die Dinge nur noch schlimmer und daher wird sie zurecht den Affekten zugeordnet. Und ein jeder, der schon einmal offen wütend war, wird es nachher bereut haben. Ich halte es in den seltenen Fällen dann so, dass ich zunächst auf Abstand gehe und dann wirklich ein paar Schritte gehe, um nach nur wenigen Minuten zu merken, dass man sich selber auf die Weise entschärfen kann.

Körperlich macht sich Wut, wie vermutlich jede Emotion, bemerkbar. Ich will es gar nicht nachschlagen, ich antizipiere es von meiner eigenen Person:

  • Herzklopfen.
  • Blut schießt in den Kopf.
  • Kopf wird rot.
  • Vorher nie gesehene Adern auf der Stirn drohen sich durch die Haut vorzuarbeiten, um dann zu platzen.
  • Trotz der erhöhten Blutmasse im Kopf ist klares Denken nicht mehr möglich.
  • Tunnelblick.
  • Fehlende Hemmschwellen.
  • Keine Selbstkontrolle mehr.

Treffen die Kriterien zu, spricht man vom „Wüterich“, was ein albernes Wort ist.

Zorn ist möglicherweise ein Teil der Wut, jedoch sagen Psychologen, dass Wut anders als Zorn auf das Ich bezogen ist. Wütend bin ich also dann, wenn etwas gegen mich ging. Ich raste beispielsweise aus, wenn ich etwas als krachend ungerecht empfinde. Mir gegenüber, aber eben auch anderen, nahe stehenden Menschen gegenüber. Ich behaupte, dass ich natürlich auch Wut empfinde, richtet sich etwas gegen meine Mitbewohnerin oder gegen Personen, die einen nahezu ähnlichen Status bei mir genießen. Ungerechtigkeit macht mich mehr als zornig, nämlich wütend. Ergo: Alle Psychologen irren.

Im Laufe dieser Niederschrift bemerke ich wie auch der aufmerksame Leser, dass ich offenbar häufiger Wut empfinde, als eingangs behauptet. Ergo: Ich habe gelogen. Ich bitte den Leser um Verzeihung, weise aber auch auf den Umstand hin, dass das Schreiben offenbar auch ein Lernprozess ist. Wenn ich das nächste Mal wütend werde, erinnere ich mich hoffentlich an diesen Text. Denn: Der Ausdruck, das Zurschaustellen von Wut gilt – je nach Kulturkreis – als Charakterschwäche. Klar, man verliert die Kontrolle über sich selber. In unserer Gesellschaft ist Kontrolle jedoch alles. Zurecht, denn wo kämen wir hin, jeder würde jederzeit ausrasten?!

Ich stand heute im Supermarkt an der Kasse. Ein Typ hinter mir rückte mir bedrohlich nahe auf die Pelle. Das kann ich ohnehin schon nicht ab, aber wenn dann selbst jener intime Radius von 50 Zentimetern, wie man ja so sagt, unterschritten wird und es zu Berührungen kommt, weckt das Aggressionen in mir, es sei denn, es handelt sich um eine schöne Frau. Aber selbst die würde ich zunächst einmal gerne etwas näher kennenlernen wollen.

„Wollen Sie schmusen?“, fragte ich.

Und die Tatsache, dass ich überhaupt jemanden in einer Warteschlange anspreche, zeigt, dass ich wirklich wütend bin. Er reagierte etwas verstört, ging aber nicht auf Distanz. Ich hatte den Eindruck, er wägte ab, ob er mit mir schmusen wolle oder nicht.

Abschließend erfinde ich schnell noch eine Bonus-Emotion: Die Meta-Wut, also die Wut über die eigene Wut. Denn spätestens im Nachhinein bereut man seine Wut und wird vor lauter Reue wütend. Ich werde oft metawütend, wenn ich mir Gedanken über die Ursache der Wut mache und mich frage, wie es denn sein kann, dass ich wegen dieser Sache oder Person dermaßen mich beeinflussen lasse, dass ich wütend werde. Oftmals ist dann das Resümee:

Sie war es nicht wert.


Ich bin wütend über das Verständnis Facebooks von Datenschutzregeln. Dennoch habe ich dort eine öffentliche Seite.

23 Kommentare

  1. Über Gefühle zu schreiben ist immer wieder spannend – gerade für den Leser. In diesem Fall für mich. Beim lesen des Textes ist mir eine neue Information zu gekommen: wie überraschend zu erfahren, dass die Überraschung zu den Grundgefühlen gehört?! Viele Fragezeichen in meinem Kopf: Wie fühlt sich das an? Wie zeigt sie sich? Wo kann ich das nachschlagen?
    Die Wut ist ein starkes Gefühl-wurde wunderbar im obrigen Text dargestellt. Was mir ein wenig Unbehagen bereitet( oder ist es meine Wut?) ist die negative Darstellung dieses Gefühls. Wenn ich davon ausgehe, das ich Wut empfinde, weil mir etwas nicht passt – dann schützt sie mich oder weist mich auf Dinge hin oder … ! Aus diesem Kontext betrachtet hat die Wut ebenso einen positiven Aspekt – für mich 😉
    Ich bin schon voller Neugier auf die anderen Berichte.
    In diesem Sinne sende ich sonnige Grüße
    Jana

    Gefällt 5 Personen

    • ja, du hast recht, ein möglicher positiver aspekt kommt zu kurz, gerade wenn es um wut über ungerechtigkeit kommt. beim schreiben des textes dachte ich übrigens an dein tun. … die ordnung der grundgefühle variiert, es gibt verschiedene klassifikationen, ich entschied mich ohne großen grund für diese.

      Gefällt 3 Personen

  2. Daraus, dass Psychologen behaupten, Wut empfinde man nur bei gegen einen selbst gerichteter Ungerechtigkeit, schließe ich, dass diese nicht sonderlich empathisch sind… Ungerechtigkeit gegen andere macht mich sogar fast noch wütender als solche gegen mich selbst.

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  3. Ich werde nicht wütend. Auch nicht zornig. Glaube ich. Oder? Entweder jemand verletzt unwissentlich eine Regel, worüber er ggf aufzuklären wäre, hat gerade „einen schlechten Tag“, oder zeigt, dass man vielleicht die Rahmenbedingungen der Bekanntschaft neu überdenken sollte. Bei letzter Variante kann er dann gerne Regeln – woher sie auch kommen mögen – verletzen. Woanders. (Solange er sich im Rahmen des Gesetzes bewegt, welches ja zumindest meistens doch ganz sinnvoll ist.)
    Passanten des Alltags nehme ich durch Resignation hin..^^

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  4. „Meta-Wut“, die Mega-Wut, genau!
    Der Artikel ist eine großartige empirische Studie und sollte ob seiner Erweiterung des bisher benannten (eingeschränkten) Spektrums auf jeden Fall Eingang in die gängige Fachliteratur finden. Hast du schon daran gedacht, den Beitrag als wissenschaftliche Publikation in entsprechendem Rahmen heraus zu bringen (z.B. „Psychologie zwischen gestern und morgen“, „Journal of seppologischer Psychobloggie“)?
    Falls du Probanden suchst zur Belegung deiner Theorie, stehe ich gerne zur Verfügung. Kindliche Trotzanfälle lösen leider öfter mütterliche Wutanfälle (inkl. Meta-Wut) aus als mir lieb ist. Dann hätten die wenigstens endlich auch einen positiv(istisch)en Sinn …

    Gefällt 2 Personen

  5. Also ich bin definitiv auch wütender, wenn es um meine Familie (inkl Freunden) geht bei falschen Anschuldigungen oder sonstigen Angriffen, als wenn es um mich geht. Da entspreche ich dann wohl meinem Sternzeichen :D. Die Löwin, die ihre Liebsten verteidigt.
    *seufz.. Dummerweise entspreche ich auch dem Cliché der heulenden Tuse (nicht Tusse!), wenn ich wütend gegenüber einem Familienmitglied bin. Zumal die Männer der Familie das noch mehr nervt und ein Streit dann eher eskaliert… Ich kann das aber nicht unterdrücken, da hilft nur weggehen, Distanz bekommen, und in der größten Not ggf schreiben. Brief (oder total modern WhatsApp :D). Das verschafft mir Distanz und meinem gegenüber Ruhe um über meinen Punkt nachzudenken. Geht aber lange nicht bei jedem. Sich selbst die Punkte aufschreiben aber schon, da diskutiert es sich dann sachlicher über die Themen, die einen wütend gemacht haben, sofern eine Diskussion sinnvoll ist ^^.

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  6. Schade finde ich es schon, wenn du die Verachtung nicht dazu nimmst…
    Ich sehe diese Emotionen als die Schnittstelle zwischen Innenleben und Außenwelt an, und Wut schleudert spontan raus, was sich unerlaubt reindrängen will… (und ist ein prima Turbo für Gartenarbeiten wie umgraben.)
    Bestimmt kennst du den Film „Alles steht Kopf“, oder? Wenn nicht -hiermit empfohlen!

    Gefällt 1 Person

  7. Hallo Seppo,
    klasse Beitrag! Deine Worte haben mich sehr inspiriert. Obwohl ich dich nicht gefunden hätte, wenn du nicht auf meinem Blog vorbei geschaut hättest (danke dir dafür, dass ich dich dafür gefunden habe ;P). Das Thema mit den Emotionen und Gefühlen ist auch ein großes Thema bei mir und ich dachte auch schon oft darüber nach, eine Artikel-Serie darüber zu schreiben. Wenn es dir nichts ausmacht, schreibe ich dieses Thema aus meiner Sicht und verlinke diese Artikel-Serie von dir bei mir auf den Blog (wenn es soweit ist).
    Offiziell bin ich dein neuer Fan 😉
    Liebe Grüße
    Sabrina

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