Infulminanzen

infulminanzen

Zunächst möchte ich auf neue Geschichten bei seppolog_HÖRBAR hinweisen. Derer drei dieser Woche findet der erregte Hörer bei Soundcloud und iTunes!


„Bloggst du heute oder schlafen wir miteinander?“, fragt meine Mitbewohnerin mich.

„Da muss ich nicht lange überlegen“, schreie ich heraus, was so offensichtlich ist, „aber ich habe noch kein Thema.“

Meine Mitbewohnerin verlässt die Küche. Und mir wird klar, warum sie den Küchentisch freigeräumt hatte. Zuletzt hatte ich mich an der Etagere verletzt, als ich sie voller Leidenschaft wegdonnerte. Die Etagere, nicht meine Mitbewohnerin. Die würde ich niemals wegdonnern. Und eine Etagere erwischt es eben auch nur in einem Zustande, in dem das Blut sich auf die Versorgung lediglich eines Organes beschränkt und damit auf das für den Mann Wesentliche, was im Übrigen für die Schwarmintelligenz der weißen und roten Blutkörperchen spricht. Sie wissen, wo sie gebraucht werden.

„Wenn du doch kein Thema hast, ist Bloggen einfach mal keine Option!“, sagt meine Mitbewohnerin mir später, als sie wieder mit mir spricht.

„Aber ich habe ein Thema!“, erkläre ich ihr, „meine Infulminanzen müssen an die Öffentlichkeit.“

Niemand würde sich für meine Infulminanzen interessieren, mutmaßt sie, doch ich sage ihr, dass niemand besser als ich wisse, was die Zuleser interessiere, womit ich aber regelmäßig falsch liege.

Doch das Problem der Infulminanzen dürfte allgemein bekannt sein, jedoch noch tabuisiert.

„Sagst du nicht immer, es gebe keine Tabus mehr?“, sie dann.

Ja, das sage ich immer. Es gibt nichts, worüber nicht schon geschrieben wurde und jeder Tabu-Bruch ist im Zweifel ein gewollter. Wie „Feuchtgebiete“. Ich habe es nicht gelesen. Weil ich gewollte Tabu-Brüche bereits langweilig finde. Und schon Nina Hagen hat in einer Talkshow vor Jahrzehnten ihre Beine angehoben und mit einem ihrer Finger Masturbation angedeutet. Das war wohl mal spektakulär, mich hingegen widert es noch heute an, was aber an Nina Hagen liegen könnte.

Gott Atum. Diese altägyptische Gottheit war mir bislang nicht bekannt, da ich Probleme habe, mich mit dem Alten Ägypten auseinanderzusetzen. Mir fehlt der Hang zur sehr alten Geschichte. Doch Gott Atum hat mein Interesse geweckt. Weil er Universen geschaffen hat. Und wie hat er das vermocht? Durch Masturbation. Damit hat Geschichte mich. Und die Vorstellung, qua Masturbieren ein Universum zu schaffen, mich gefesselt. Erschaffe auch ich permanent kleine Universen? Auf die Weise wäre die Theorie der Multiversen bereits bestätigt. Fliegt, kleine Seppos, fliegt! Vielleicht gelingt mir bald schon ein Ultraversum!

„Schreib‘ keinesfalls darüber, Seppo“, rät mir meine Mitbewohnerin.

„Warum nicht?“

„Du hast deinen Zenit überschritten und wirst zunehmend peinlich.“

„Nein, das ist lehrreich. Ich lehre die altägyptische Geschichte und gleichzeitig erkläre ich den Urknall. Das ist ein Blog mit Mehrwert! Damit wird er google-relevant! Wenn du nächste Woche nach ‚Urknall‘ googelst, wird mein Blog angezeigt! Und ich kenne eine, die das ausprobieren wird“, kläre ich meine unwissende Mitbewohnerin auf.

Nachdem ich heute ein Universum erschaffen hatte, ging ich laufen. Jeden Tag laufe ich an einem Baugerüst vorbei, auf dem ich noch nie Menschen gesehen habe, geschweige denn Handwerker. Heute wurde das Gerüst abgebaut und ich fragte einen der abbauenden Bauarbeiter, einen Abbauarbeiter:

„Bob, warum waren da nie Menschen drauf?“

„Weil das Haus leer steht.“

„Und dann steht auch das Gerüst leer?“

„So ist es. Wegen der Infulminanzen.“

Und das erklärte alles. Und erinnerte mich vor allem an meine Infulminanzen, die ich bislang nie öffentlich machte. Lediglich einer Freundin, KM, erzählte ich von diesen. Gerade Frauen gegenüber ist das nicht unbedingt einfach, sich mit Infulminanzen anzuvertrauen, bei ihr fand ich jedoch Vertrauen.

Und nun wage ich den Schritt an die breite Öffentlichkeit: Ja, ich leide unter stellenweisen Infulminanzen. Na und? Bin ich jetzt minderwertig? Wird die AfD mich aus dem Lande schmeißen, weil sie möglicherweise einem idealen Menschenbild folgt? Verliere ich nun Freunde? Werde ich nun auf der Straße anders angesehen? Werde ich meinen baldigen Geburtstag alleine feiern?

Zeit, einen Psychologen aufzusuchen. Ich kenne zumindest Zontibur. Zontibur, der in Wirklichkeit Zammodex heißt, aber hier verschleiert werden möchte, hat 13 (!) Semester Psychologie studiert und ist den lieben langen Tag damit beschäftigt, seine Mitmenschen wider Willen zu analysieren. Zontibur selber sieht sich als völlig gesunden Geiste durchs Leben wandeln, was ich, ausgerechnet ich!, in Zweifel ziehe, da Zontibur abends auf dem Sofa einen Stiefel auf dem Kopf trägt. Das ist kein Witz, so etwas könnte ich mir nicht ausdenken. Und der Stiefel ist nur einer der vielen Gründe dafür, warum ich mit Zontibur nur verhalten Kontakt pflege.

Gestern suche ich Zontibur auf. Er wohnt wie ich in Oberbilk, wo heute schon wieder eine Großrazzia war („Maghreb-Viertel“ Düsseldorf), worüber Zontibur sich jedes Mal wieder herzhaft aufregt. Er hat ja nicht Unrecht. Doch der Rechtsstaat hat Recht. Das Recht, das zu tun. Rumzurazzieren. Ich also bei Zontibur mit meiner Frage:

„Zontibur, ich bin mir ziemlich sicher, unter Infulminanzen zu leiden. Kann das sein?“

Zontibur zieht sich seinen Stiefel ins Gesicht und grübelt.

„Ja, Seppo. Von der Hand ist das nicht zu weisen. Ist ja nicht so, dass mir das nicht schon lange aufgefallen wäre.“

Der Stiefel rutscht nun gänzlich in Zontiburs Gesicht.

„Was soll das immer mit dem Stiefel?!“, frage ich.

„Welcher Stiefel?“, sagt er und rückt seinen Stiefel wieder über die Stirn.

Zontibur holt sein Psychologen-Lexikon hervor, das er immer hervorholt, wenn er mir etwas erklären will. Und er zitiert:

„Infulminanzen. In Bezug auf Kredenzien häufiges Symptom im Zusammenhang mit Asymptomen zu finden, wenn eine Telediagnostik zu -> Rumpfzittern führt.“

Ich verstehe kein Wort, schmunzele aber herzhaft bei „Rumpfzittern“.

„Was zur Hölle ist ‚Rumpfzittern‘?!“, frage ich also.

„Wenn der Rumpf zittert“, Zontibur nüchtern.

Wortlos verlasse ich Zontiburs Wohnung, der mir aus dem Fenster hinterher sieht. Und ruft:

„Du dreckiges Infulminanzen-Schwein!“

Das sitzt. Selbst er als Psychologe vermag es nicht, ansatzweise Verständnis aufzubringen. Ich bin enttäuscht und entmutigt.

Wie bereits angedeutet, jährt sich bald mein Dasein. Und ich sehe mich in einer Phase, in der ich auch geistig an Alter zulege. Ich habe zuletzt viele Dinge über Menschen, aber auch über mich gelernt. Und eines dieser Dinge war: Ich muss mich so nehmen, wie ich bin. Denn alles, was ich bislang, in 36 oder 37 Jahren nicht geändert habe, das werde ich auch nicht mehr ändern. Man kann sich nicht permanent ändern. Man muss sich annehmen mit all seinen auch schlechten Eigenschaften. Wenn ich jemandem nicht passe, dann vermeide ich es, mich anzupassen. Dann ist es eben so. Und wenn da jemand ein Problem mit meinen Infulminanzen hat, dann ist es doch sein, aber nicht mein Problem.


Drei neue Geschichten bei seppolog_HÖRBAR!


Wer sich schon einmal die AGB von Facebook durchgelesen hat, wird sehr genau wissen, was Infulminanzen für die Werbewirtschaft im Netz bedeuten.

12 Kommentare

  1. „Weil ich gewollte Tabu-Brüche bereits langweilig finde.“ Danke im Quadrat – allein schon für diesen Satz.

    „Wenn ich jemandem nicht passe, dann vermeide ich es, mich anzupassen. Dann ist es eben so.“ Auch hierfür: danke. Das habe ich zwar schon früh begriffen, aber es dauerte recht lange, es auch umzusetzen. :-) Aber sogar ich habe es geschafft. ;-)

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  2. Ich vermute, dass die Infulminanzien auf der mangelnden Bereitschaft beruhen, sich anzupassen, wenn Du jemandem nicht passt. Vermutlich hast Du eine hochaktive Form des LMAA-Gens. Manche Menschen brauchen bedeutend mehr, als 36 oder 37 Jahre dafür. Gratuliere.

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