Image-Werte und Imagewerte

bindestrich

„Seppo, du musst etwas ändern. Deine Image-Werte sind desaströs.“

„Ich habe Image-Werte?!“

Ein Dialog vom Samstagabend zwischen meiner Lektorin und mir. Um es direkt vorwegzunehmen: Sie hat vollumfänglich Recht und sie ist nicht etwa meine Mitbewohnerin. Wir nennen sie hier gelegentlich KM. KM hat mir den Kopf etwas zurückgerecht, worüber ich gerade, noch schlaftrunken, länger nachgedacht habe, weil ich ahnte, da stimmt etwas nicht. Also, sie hat ihn mir zurechtgerückt, was gar nicht mal so schlecht ist, wenn man auf eventuelle Höhenflüge hingewiesen wird.

[Hier wies mich KM gerade darauf hin, dass man "zurechtgerückt" zusammenschreibt. Auch das ein Standardfehler von mir. Ich habe es korrigiert.]

„Dein Artikel letztens zu deinen sportlichen Aktivitäten, der war ziemlich arrogant. Vermutlich bist du gar nicht so, aber so kamst du für mich rüber. Du feierst dich und machst dich über Menschen lustig, die ’nur‘ mäßig Sport betreiben. Du gibst an!“

Bei solchen Dingen bin ich immer relativ schnell einsichtig, hake aber nach:

„Kürzlich nannte mich mal eine Leserin ‚Großkotz‘. Ich glaube, mein hier transportiertes Image war schon immer bedenklich. Ich glaube, privat bin ich gar kein Großkotz.“

„Das werde ich dann ja vielleicht noch irgendwann erfahren können.“

„Wir kennen uns nun seit etwa Mai. Seitdem überlegst du, ob ich arrogant sei?!“, ich bass erstaunt, zumal „bass erstaunt“ mir sehr gut gefällt.

„Ich kannte dich zunächst ja aus dem Fernsehen. Da warst du ja massiv arrogant.“

„Ja, aber das war ja für kluge Menschen erkennbar eine Rolle.“

„Siehst du! Schon wieder!“

„Was schon wieder?!“, ich blöd.

„Seitenhieb auf aus deiner Sicht nicht so kluge Menschen!“

„Aber ist das schon arrogant? Nennen wir es ‚bissig‘. Leicht provokant. Es ist ein Spiel.“

Sie hat aber Recht. Es gibt Frauen, denen ich zugestehen muss, dass sie meist Recht haben. KM ist so eine Kandidatin. Nicht, weil sie rechthaberisch wäre, was sie nicht ist, sondern weil sie nachdenkt, bevor sie etwas äußert. Ich denke auch vorher nach, aber selten zuende.

Sie ist also so etwas wie meine Lektorin und auch diesen Text wird sie vermutlich nach Fehlern durchforsten. Wir sind uns beide inzwischen einig, dass die deutsche Sprache toll, aber es unmöglich ist, sie gänzlich zu beherrschen. Da ist die Sache mit dem Apostroph. Ganz arrogant sage ich, dass mir ein „Snack’s“ natürlich nie unterlaufen würde, da sich das ja herumgesprochen haben dürfte. Kluge Menschen werden das wissen. Aber bis heute habe ich beispielsweise bei

Ich hab‘ gegessen.

einen Apostroph für eben die Auslassung gesetzt. Doch das ist tatsächlich falsch. Man lässt es weg. Das hat mein Weltbild erschüttert. Ich setz‘ es also nicht mehr.

[KM korrigierte hier mein "ein Apostroph", da es nicht "das", sondern "der" Apostroph ist.]

Und dann ist da die Sache mit dem Binde-Strich. Es ist ja gerade die Sensation unserer Sprache, dass wir Substantive nach Belieben zusammensetzen können. Seit einigen Jahren neige ich aber dazu, sie selten ohne Bindestrich zusammenzusetzen. Manchmal ist er durchaus angezeigt, meist jedoch erinnert er KM an das unselige Konzept der „Leichten Sprache“, das wir beide hassen.

Soviel und so viel. Sooft und so oft. Ich schreibe diese Konjunktionen im Grunde immer zusammen. Was aber nicht immer korrekt ist. Das ist im Grunde nicht aus mir herauszukriegen; ich biete KM demnächst möglicherweise das neue „so-viel“ an. Ich frage mich manchmal, was sie so denkt, wenn sie wieder auf ein „sooft“ trifft, wo es „so oft“ heißen müsste. Ob sie mich für unbelehrbar hält?

[Wortwiederholung "im Grunde". KM hat im Grunde Recht, aber der Veranschaulichung wegen lasse ich es stehen.]

Dieser Beitrag geht übrigens gleich unlektoriert online. Später des Tages findet sie vielleicht die Zeit, nach Fehlern zu suchen. Ich werde diese dann rot markieren, auch wenn ich gerade der Meinung bin, dass ich mir keinen Fehler geleistet habe. Aber sie findet sie alle!

 

„Seppo, früher kamst du so sympathisch in den Artikeln herüber. Jetzt nicht mehr unbedingt. Warum nicht?“, fragte sie.

[KM moniert, dass ich in gesprochener Sprache, in obiger wörtlichen Rede also, "herüber" schreibe. Sagen würde man aber eher "rüber".]

„Erfolg und Geld verderben den Charakter.“

„Hm. Also daran liegt es schon einmal nicht.“

„Naja, also es ist natürlich wirklich eine Rolle. Man überhöht das literarische Ich und lässt es dann tief fallen. Das ist diese Fallhöhe, die ich immer meine, aus der sich Humor speisen kann. Der kluge Leser erkennt das.“

„Da! Schon wieder!“

„Man überhöht den Protagonisten, der ja hier zweifelsfrei ich bin, und stellt ihn dann als Idioten dar. Das hab (ohne Apostroph!) ich mir von John Cleese abgeguckt. Das birgt natürlich die Gefahr, als arrogant zu gelten, aber der kluge Leser … naja.“

„Naja“ schreibt man übrigens „na ja“. Das war auch KM neu. „Jaja“ wiederum bleibt zusammen.

„Du hast dich genug überhöht. Wir machen aus dir einen Sympathie-Träger ohne Bindestrich. Spende doch mal was. Für einen guten Zweck. Und erwähne es beiläufig.“

„Ich soll spenden?! Mit welchem Recht sollen die Schnorrer da draußen …“

Das meine ich! Sowas solltest du keinesfalls schreiben!“

„Ich könnte ja einen Wal retten“, schlage ich vor.

„Vor was?“

„Ja, vor was rettet man Wale? Vor den Harpunen!“

„Finanziert nicht ein Harpunen-Hersteller deinen Blog?“

„Stimmt. Der fände das nicht gut. Außerdem reibe ich mich jeden Morgen mit Wal-Öl ein. Ist sehr gut für die Haut.“

„Erwähne das auf keinen Fall! Das könnte deinem Image den Todesstoß versetzen.“

„Aber wie wäre es, wenn ich auf mein Image praktisch scheiße?! Also nicht praktisch, sondern metaphorisch. Wenn da jemand sagt ‚Mein Image ist mir egal!‘, dann könnte das gut für sein Image sein, das ihm in Wahrheit gar nicht egal ist!“

„Oder du schreibst darüber, wie du diese zwei Hunde-Welpen ohne Bindestrich von der Straße geholt hast.“

„Sie sind mir beide innerhalb einer Woche eingegangen.“

„Den Teil lässt du einfach aus. Die Hunde hatten keine Chance, es war ja nicht dein Fehler.“

„Hm, ich hätte sie füttern müssen. Meine Mitbewohnerin ist der Meinung, ich sei die Hauptursache ihres Todes.“

„Sie ist tot?!“

„Nein, die Hunde.“

„Seppo, weißt du überhaupt, wie man sympathisch ist?!“

„Mir ist einigermaßen wichtig, dass einige wenige Menschen mich sympathisch finden. Aber ich kann ja nicht permanent mit Sympathischsein beschäftigt sein.“

[KM fand auch hier einen Fehler, ich schrieb ursprünglich " ... dass eine wenige Menschen ..." Ich habe es dankbarst korrigiert.]

„Das ist Arbeit für dich?!“

Mit einem gezielten Schlag schlug ich KM nieder, weil mir die Argumente ausgegangen waren. KM jedoch bewies Standhaftigkeit und trat mir mit einer überraschenden Wucht zwischen die Beine. Nachdem ich mir die Tränen weggewischt hatte, griff ich zum Stuhl und zog ihn ihr über den Kopf.

„Wie kannst du denn das jetzt schreiben?!“, fragt sie. Bass erstaunt.

„Neues Image.“

„Das des Frauenschlägers?“

„Ich habe letztens bei Karstadt für ein Frauenhaus gespendet. An der Kasse konnte man sein Kleingeld auf die Weise loswerden. Das war ein seltsames Gefühl. Als würde ich mich freikaufen. ‚Mann errichtet Frauenhaus und schlägt dann seine Frau‘. Hat was von Ablasszahlung.“

„Seppo, das auch auf keinen Fall schreiben. Du hast ja vollkommen die Kontrolle verloren. Bitte erwähne nie, dass wir uns kennen. Dein mieses Image färbt ja auf mich ab!“

„Bei mir hast du ein sehr gutes Image. Vielleicht schaffen wir es, dass sich dein Image auf mich überträgt! Ein Jammer, dass die Menschen nicht das Vergnügen haben, dich zu kennen.“


Hoerbar_haare
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10 Kommentare

  1. Getrennt und auseinander blickt kein Mensch mehr. (Duden hilft)
    Und wenigstens heißt es bei Bindestrich-Formulierungen immer, man *kann* auch ohne Bindestrich, heißt im Klartext muss man aber nicht …
    Außerdem weiß der kluge Leser, dass der Protagonist nur eine fiktive Person ist. ;-)

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  2. Image wird von Leuten erfunden, welche sich nie die Mühe gemacht haben zwischen den Zeilen zu lesen, da sie dort nichts stehen sahen. Übrigens Schreibfehler mache ich absichtlich, denn dies erhöht die Aufmerksamkeit des Lesers, jedenfalls bei einer interessanten Schreibe … (außerdem hat eine Tennisballattacke die Tastatur beschädigt)

    Gefällt 1 Person

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