wanduhr

Da ist zum einen das Ticken der Uhr.

„Also das muss ich auch mal sagen: Sie tickt ja unentwegt. Als erkiese sie mich, mich mit der nicht enden wollenden Zeitmessung zu belästigen“, erkläre ich Merugin, der mich wiederum mit einer Neuausrichtung seiner Persönlichkeit überrascht. Er sei ab sofort nicht nur gegen vieles, sondern Weltgegner im Allgemeinen.

„Das beruhigt mich etwas. Denn wäre ich Weltgegner, man könnte es mir als Arroganz auslegen. Und mitnichten bin ich Gegner der Welt“, erkläre ich meinem bass erstaunten Gegenüber, das seinen Blick nicht mehr von der Wanduhr abwenden kann, da eine dritte, unbekannte Person seinen Kopf mit einem dreiseitigen Klebeband fixiert hat.

Szenenwechsel.

Da ist zum anderen die Wohnung Fahrgescheit. Frau Fahrgescheit ist außer Sicht. Was sie sonst nie ist, da sie gelernt hat, mit ihrem leicht jähzornigen, aber durchaus gütigen Mann Herrn Fahrgescheit zu leben. Übrigens ist sie nicht außer Sicht, sondern außer sich.

„Ich suche das Klebeband!“

„Welches?“, bereits leicht aufbrausend Herr Fahrgescheit.

„Das dreiseitige mit dem Flaschenaufzug.“

„Das wurde entwendet. Gestern Abend.“

Zeitenwechsel.

Gestern Abend. Herr Fahrgescheit sitzt im heimischen Sessel. Vor ihm liegt sein Werkzeugkasten aufgebahrt. Er ist geöffnet. Noch über dem Hammer liegt ein dreiseitiges Klebeband mit Flaschenaufzug und Angelschein.

„Ob Jesus einen Angelschein hatte?“, fragt Herr Fahrgescheit in sich hinein. Und schließt die Augen. Ein Fehler. Draußen vor dem Fenster steht ein Wachtmeister auf der Straße. Er sieht genau, wie Herr Fahrgescheit seine Augen schließt und will noch rufen:

„Augen auf!“ – Doch seine Stimme versagt. Der Wachtmeister stirbt. Herrn Fahrgescheit vor dem Einbrecher zu warnen: ein Ding der Unmöglichkeit. Das müssten jüngere Kollegen übernehmen. Stabwechsel im Wachtmeistertum – für Herrn Fahrgescheit zu spät.

Was wiederum des Einbrechers Glück ist, der nun den praktisch blinden Herrn Fahrgescheit um das dreiseitige Klebeband mit Flaschenaufzug und Angelschein erleichtert. Glanz in seinen Augen, als er stolz und voller Respekt seine Beute betrachtet:

„Ein Traum ist wahr geworden“, ruft er aus, jedoch ohne Stimme, da er ein kluger Dieb ist.

Zeiten- und Szenenwechsel.

Uhrmacher Urig sitzt urgemütlich in seiner Uhrmacherei. Er hat heute vier Uhren gebaut, die er alsbald verkaufen möchte, um seine Ausgaben zu finanzieren und noch etwas übrig zu behalten.

„Ich werde sehr, sehr reich“, denkt Herr Urig, während er seine Uhren aufzieht. Andere zögen Kinder auf, er halt Uhren. Man müsse sich entscheiden, sagt er immer, beides sei eine zwangsläufige Überforderung.

Stolz ist Urig auf seine W3000. Die W3000 ist eine Wanduhr, die speziell für solche Wände ausgelegt ist, die auf Wanduhren ausgelegt sind. Dazu arbeitet Urig mit einem Maurer zusammen. Eine Symbiose, die im deutschen Mittelstand ihresgleichen sucht, und das obgleich der zunehmenden Skalenerträge.

Derweil sitzen seine vier Kinder draußen vor der Nicht-Borchert’schen Tür auf der Bordsteinkante und warten auf Abholung.

Zeiten- und Szenenwechsel.

„Was macht einen Weltgegner zum Gegner der Welt?“, will ich von Merugin wissen.

„Der Hass auf das Konzept. Es beginnt bei der Unbegreiflichkeit des Ganzen.“

„Der Welt?“

„Exakt. Es beginnt ja schon bei der Fragestellung ‚Wo ist vorn, wo ist hinten'“, erklärt er mir selt- und duldsam.

„Vorn und hinten wo?!“

„Eben. Dann ist da die Frage nach dem kognitiven System. Ich selbst stelle sie mir bereits seit einigen Jahren. Es mag andere geben, die deutlich länger darüber sinnieren. Von einer etwaigen Antwort habe ich noch nichts gehört. Ich überlege auch grundsätzlich, selbst nicht mehr nachzudenken, sondern darauf zu warten, dass andere die Antworten finden. Spart meine Zeit, spart meine Energie und taktet meinen Alltag komplett neu. Die Uhr muss weg und dieses Klebeband auch.“

Die Uhr habe ich vor einigen Wochen bei Uhrmacher Urig erstanden. Das war eine denkbar komplizierte Angelegenheit, da er diese Uhr nur zusammen mit einer extra auf sie abgestimmten Wand veräußert hat. Es war das eine, meine Mitbewohnerin mit einer neuen Wanduhr zu konfrontieren, ein anderes aber, ihr weiszumachen, wir bräuchten eine neue Wand.

„Was spricht gegen die alte Wand?!“, wollte sie nicht ganz zu Unrecht wissen.

„Die Uhr war im bundle mit der Wand günstiger. Wir haben es hier mit einem Schnäppchen zu tun. Falle mir um den Hals, spare nicht mit Gratulationen und Dankbarkeit.“

„Ich geh jetzt zum Sport. Du machst wunderliche Dinge. Schon mal überlegt, warum ich so oft zum Sport gehe?! Ich komme zurück, wenn die Wand steht und die Uhr hängt. Ruf einfach an.“

Sie ward nie wieder gesehen. Seppo verlassen, Seppo allein.

Szenenwechsel.

„Ich bezahle die Hure nicht!“, ruft Sägemann, um auf Hercules‘ Widerstand zu stoßen.

„Sie übt einen sozialversicherungspflichtigen Job aus, es ist nichts dabei, sie zu bezahlen“, sagt dieser also.

Sägemann bezahlt artig und bilanziert sein Tun mit der Ankündigung Richtung Hercules, dass er homosexuell bleiben wolle, ihre Beziehung nicht in Gefahr sei. Arm in Arm gehen beide nach Hause. Und treffen dabei einen seltsam gut gelaunten Menschen mit einem dreiseitigen Klebeband unterm Arm, der recht zügig die Straßenzüge nimmt.

Szenenwechsel.

Eine Katze. Ist das eine Katze oder ein Kater? Dass er oder sie eine Krawatte trägt, heißt ja nichts, manch Frauen tragen sie ja gerne mal, weil sie sich offenbar nach einem Phallussymbol sehnen. Es handele sich aber um einen Kater, versichert man mir, um einen mit gewissen Eigenschaften: Eitelkeit, innen wie außen. Das Nichtverstehen der meisten Menschen. Das Tragen eines Zylinders beim Besuch von Baustellen. Der Kater heißt „Herr …“

Zeiten- und Szenenwechsel.

Donnerstagmorgen, sechs Uhr 15. Ein Autor sitzt an seinem Schreibtisch, bringt einen wirren Text zum Ende, den er am Vortag angefangen hat, nur weil eine Wanduhr hinter ihm zu ticken begonnen und ein Tonmeister doppelseitiges Klebeband gesucht hatte. Eine junge Frau gesellt sich zu ihm und sagt nach Lektüre des Textes:

„Darauf hat die Welt mit Sicherheit gewartet!“, dabei hämisch grinsend.

Des Autors Antwort: „Glaubst du etwa, ich warte erst solange, bis die Welt wartet?“


Hoerbar_haare
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