„Ich könnte da günstig an Ausstellungsstücke kommen!“

buegel

„Ich könnte da günstig an Ausstellungsstücke kommen!“, sage ich zu Lara, nachdem diese meine Nachbarin mit pornösem Erscheinungsbild mir mitgeteilt hatte, dass ihre Katze verstorben sei. An sich lag mir eher die Nachfrage auf der Zunge, ob Tiere wirklich versterben oder eher dann doch gesterben. Ich entschied mich dann aber für den tröstenden Satz:

„Ich könnte da günstig an Ausstellungsstücke kommen.“

Dieser Satz geistert mir seit einigen Tagen durch den Kopf, da ich als Smalltalk-Versager und -weigerer festgestellt habe, dass er immer passt. Freilich ist er gelogen, denn ich wüsste gar nicht, wie ich zügig an eine neue Katze käme, die dann auch noch ein günstiges Ausstellungsstück wäre. Tierheim? Sind die Tiere in einem Tierheim „Ausstellungsstücke“?! Auf jeden Fall sind sie juristisch durchaus „Stücke“, also „Dinge“. Beschädige ich ein Tier, handelt es sich juristisch um Sachbeschädigung. Beschädige ich einen Menschen, ist das juristisch Menschenbeschädigung, auf jeden Fall keine Sachbeschädigung. Und überdies ungünstig für mich, wenn ich nicht aus Notwehr beschädigt hätte.

(Körperverletzung! Das ist das Wort, das mir gerade fehlte! Anm. d. Verf. beim Korrekturlesen.)

Als sehr rationaler und geordneter Mensch habe ich die fehlende Sensibilität des Satzes

„Ich könnte da günstig an Ausstellungsstücke kommen.“

unterschätzt. Lara sagte daraufhin zu mir:

„Arschloch.“

Das kann man in Wut schon einmal zu mir sagen, sehr mögen tue ich es nicht.

Ich bin in einer Facebook-Chatgruppe, wo ich den Satz

„Ich könnte da günstig an Ausstellungsstücke kommen.“

mehrfach getestet habe. Ich erntete anders als in Laras Falle lediglich betretenes Schweigen. Vielleicht sogar peinlich berührtes Schweigen.

„Was hat denn Seppo jetzt schon wieder?! Warum labert er immer so eine Scheiße?!“

Aber der Satz passte jedes Mal, so war es ja nicht. Es ging in dieser Gruppe um die Planung eines Grillabends und die Frage nach „Grillkroketten“. Ob es überhaupt so etwas wie „Grillkroketten“ gebe, fragte da jemand. Ich wusste keine Antwort und versuchte es daher mit

„Ich könnte da günstig an Ausstellungsstücke kommen.“

Schweigen. Selbst meine Mitbewohnerin, ebenfalls in dieser Gruppe, schwieg. Ich glaube, ich war ihr peinlich vor den anderen.

Mit betretenem Schweigen kenne ich mich aus. Ich ernte es oft. Man muss da durch und inzwischen geile ich mich auch etwas daran auf. Irgendwie finde ich es gut. Und bei schlechten beziehungsweise nicht als solche erkennbaren Scherzen gilt das Naturhumorgesetz, das besagt, dass eine vielfache Wiederholung des jeweiligen Scherzes dazu führt, dass irgendwann doch noch jemand lacht. Derjenige weiß dann zwar nicht genau, warum er gelacht hat, aber das spielt auch gar keine Rolle. Pointen sind überschätzt. Obwohl …

„Ich könnte da günstig an Ausstellungsstücke kommen.“

Das Publikum solcher Scherze teilt sich in verschiedene Gruppen auf. Da ist der eine Teil, der sich nicht groß weiter mit der Sachlage auseinandersetzt, da er mich per se schon mal für irgendwie komisch im Sinne von doof hält. „Ist halt Seppo“, mag dieser Teil denken, dem ich im besten Fall einfach nur egal bin. Dann ist da der für mich interessante Teil, der nicht realisiert, dass ich den Satz nicht ernst meine. Dieser Teil denkt dann darüber nach, kann sich aber auch nicht zu einer Nachfrage durchringen, weil er befürchtet, nachher selbst als doof dazustehen.

Jener Grillabend wurde nicht nur geplant, er wurde am Wochenende auch durchgeführt. Ein Kollege sagte auf dem Kölner Balkon (das ist ein Balkon in Köln, nicht etwa die populäre Düsseldorfer Bar „Zum Kölner Balkon“) zu mir, er würde grundsätzlich nicht viel mit mir reden wollen, da er nie wisse, ob ich gerade ironisch sei oder nicht. Damit hat er mir eine Freude gemacht und ich versicherte ihm, dass ich eigentlich nie ironisch sei. Dann lobte er mein Schuhwerk, das ihm offenbar gefiel und ich sagte:

„Ich könnte da günstig an Ausstellungsstücke kommen.“

Dann ging er, weil er sich nicht mehr mit mir unterhalten wollte, was er auch offen sagte. Das fand ich aber in Ordnung, denn mir war ja lediglich wichtig, den Satz aus der Facebook-Gruppe in der analogen Welt zu testen.

Ein weiterer Teil aus der Chatgruppe versicherte mir, er sei gar nicht peinlich berührt gewesen und habe durchaus vor dem Bildschirm jenen Satz lesend geschmunzelt. Das ist ein sehr höflicher Teil, dem ich das einfach mal glauben will. Allerdings erkundigte sich der eine oder andere dieses Teiles, ob ich denn wirklich günstig an Ausstellungsstücke von Grillkroketten kommen könnte. Aber das täte gar nicht not, da der Satz ja lediglich aussagt, dass ich so tolle Beziehungen zu irgendjemandem habe, dass ich immer günstig an Ausstellungsstücke von irgendwas kommen könnte und auch gerne bereit wäre, meine Hilfe anzubieten. Jeder hat ja schon einmal in seinem Leben Hilfe angeboten in der Hoffnung, dass bloß niemand auf das Angebot zurückkommt.

Bei diesem Grillabend wurden Spareribs gereicht. Nicht irgendwelche Spareribs, sondern die eines ausgezeichneten (im Wortsinne) Meistergrillmasters. Woher er die Spareribs hatte, weiß ich nicht mehr, bot aber im Gespräch während des Essens an, als diese Frage aufkam:

„Ich könnte da günstig an Ausstellungsstücke kommen.“

Da lachten immerhin schon zwei der Mitessenden, wobei zu dem Zeitpunkt bereits der erste Alkohol geflossen war, was es mir natürlich leichter gemacht hatte, jenen Satz nun auch inflationär und bei jeder Gelegenheit anzubringen, da die Hemmschwelle einfach noch niedriger war, als sie bei mir eh schon ist. Übrigens, Hemmschwellen:

„Ich könnte da günstig an Ausstellungsstücke kommen.“

Mehr und mehr hatte ich den Eindruck, dass ich mir selbst Smalltalk-Fähigkeiten beigebracht hatte. Mit diesem Satz kann mir im Alltag nichts mehr passieren. Mein Gegenüber muss nur irgendetwas erzählen mit einem Satz, der ein Substantiv enthält – schon passt meine Replik und der Gesprächspartner ist beeindruckt, oh, dieser Mann hat Beziehungen, er kommt an alles ran und bietet es mir sogar an!

Doch der Satz kann Gespräche auch abrupt beenden. Wenn das Gegenüber sich nicht ernstgenommen fühlt, siehe Laras Katze. Das ist aber mitnichten eine Schwäche dieses Universalsatzes, im Gegenteil! Es ist eine weitere Stärke! Ein vordergründig netter Satz, mit dem es aber ein Leichtes ist, unliebsame Gesprächspartner zu vergraulen. Auch damit habe ich kein Problem mehr, da ich im Laufe der Jahre gemerkt habe, man kann und sollte vor allem es nicht jedem Recht machen, nicht jeder kann mich mögen. Mir genügt es inzwischen sogar, wenn einige wenige mich mögen, die ich wiederum sehr mag. Ich kann mich dann auf die wenigen konzentrieren. Ich unterhielt mich nach dem Grillabend zufällig mit einer Freundin über dieses Thema. Sie neige eher dazu, es allen rechtzumachen. Ich neige seit ein, zwei Jahren zum Gegenteil. Auf die Weise habe ich in meinem so genannten sozialen Umfeld nur noch mit Menschen zu tun, die ich wirklich mag, bei denen ich eben nicht nur so tun muss. Die Erkenntnis, dass das geht und legitim ist, halte ich für die bislang in meinem Leben beste Erfahrung überhaupt: Wer versucht, von jedem gemocht zu werden, der wird kantenlos und schwer zu fassen. So wie ein Fernsehprogramm, dass sich am Massengeschmack orientiert. Ich hingegen spezialisiere mich auf kleinere Gruppen (Ich bin somit ein Spartenmensch), die dann auch einen möglicherweise feineren, subtileren Humor verstehen, denen ich Ironie nicht erst erklären muss. Im Gegenzug wird man von Ironieresistenten dann aber auch für „irgendwie komisch“ erklärt.

Nach einigen Tagen hat jeder begriffen, wie der Satz

„Ich könnte da günstig an Ausstellungsstücke kommen.“

gemeint ist. Es beginnt die Phase der Abnutzung und nur Hartgesottene ignorieren diesen Tatbestand. Ich gehöre nicht zu den Hartgesottenen.

Was eigentlich bedeutet „gesotten“?! Es ist das Partizip zu „sieden“. Kochend heißes Wasser, siedendes Wasser!, ist: gesotten! Habe ich nicht gewusst. Hier hat vielleicht auch manch Leser etwas gelernt …

Ich merke, wenn ein Scherz wirklich seinen Siedepunkt überschritten hat. Ich merke es nicht sehr früh, aber ich merke es. Dann nämlich, wenn auch der mir wohlgesonnene Publikumsteil nicht mehr lacht, sondern mich nur noch sehr ernst anblickt.

„Ja, ich gebe zu, der Scherz ist wohl nicht mehr sooo lustig“, sage ich dann beispielsweise und versöhne mich mit dem Publikum, das nach neuen Belanglossätzen giert. Ich könnte da günstig an Ausstellungsstücke kommen.

Mein letztes tatsächlich erworbenes Ausstellungsstück war übrigens mein Bügeleisen. Zehn Prozent Preisnachlass. Immerhin.


Weitere Ausstellungsstücke verhökere ich auf meiner Facebook-Seite!

13 Kommentare

  1. Gönnerhafter Deklarativ! Ganz herzlich danke ich dir für diese, mit dem Kohlebügeleisen breitgewalzte, ausführlichste Erläuterung der feinen, nicht unmittelbar einsichtigen Details des kommunikativen Humors.

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  2. Ach und ich dachte, es sei eine Bärenfalle…
    Mir gefällt der Satz.. er klingt nach borniertem Gast einer illustren Runde.. leise flüstert er ihn seiner Sitznachbarin ins Ohr… ich könnte günstig an Ausstellungsstücke kommen… sie seufzt leise und zwinkert ihm zu.

    Und irgendwie erinnert der mich an Monty Phyton…
    wir hatten bei der Arbeit einen sehr schönen Satz aus einer Folge… my hovercraft is full of eels… den wir immer ! angewendet haben.. lach…

    Mein aktueller Satz, gerade bei der Arbeit.. : ich mag Bäume und Steine… Steine mag ich lieber..

    Gruss S.

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  3. Mein Klugschiss dazu: Tiere sterben eigentlich nicht, Tiere verenden. Wenn ein Schweinelaster auf der Autobahn umkippt, dann verenden die Viecher darin. Sterben können allerdings Tiere, die einen Namen haben, so auch Hauskatzen und natürlich Promis wie Eisbär Knut. Die bekommen dann sogar ein Denkmal. (Platz für die Pointe:…………………………………………………………..) 🙂

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  4. Mann muss halt wissen, wann man einen Witz zu Tode geritten hat …

    Aber mal im Ernst: Wie kommt es eigentlich, dass immer weniger Leute Ironie verstehen? Das ist mir echt ein Rätsel. Auch in diversen Foren ist mir das schon aufgefallen. Und wenn man jedes Mal einen Hinweis hinterlassen muss: Achtung Ironie! macht es auch keinen Spaß mehr …

    Gefällt 2 Personen

    • Weil Denken offensichtlich wahnsinnig anstrengend ist und nur noch der Konsum zählt!
      Diejenigen, die keine Ironie verstehen, mögen auch keine langen Texte lesen und erst recht keine langen Texte, die mit der deutschen Sprache spielen.
      Alles wird auf 160 Zeichen runter gebrochen, möglichst simpel verpackt, damit es einfach zu komsumieren ist. Zwischen den Zeilen kann auch keiner mehr lesen.

      Es nehmen sich viele einfach zu Ernst und erwarten auch von anderen, dass sie das tun.
      Schade… Ironie ist so ein schönes Mittel die Welt erträglicher zu machen ^^.

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