Willkommen.

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„Cola light ist Mist“, war heute Morgen mein erster Gedanke.

Nein, mein erster Gedanke war: Schnell mal Facebook checken, was ich wem so geschrieben habe. Hahahaha. Noch lache ich. Denn erst dann erfahre ich, dass ich über eine offen stehende Schublade gestolpert war.

„Kinder und Betrunkene …“, sagte meine Mitbewohnerin, die ich sehr, sehr liebe, heute Morgen dazu.

„Ich bin kein Kind!“, sagte ich.

Jahrelang war ich der Auffassung, dass Cola light im Grunde genauso schmeckt wie das ganze andere Gesöff. Wie aromatisiertes Wasser irgendwie, schlicht zu süß.

Erinnert sich der Leser noch an den großen Erfolgsbeitrag „Abschied“? Ich durchlebte eine sehr unangenehme Zeit. Eine Zeit, von der ich wusste, sie wird irgendwann einmal ein Ende haben. Ich wusste nur nicht, wann. Völlig unvermittelt endet sie gerade.

Damals war ich für einen sehr konzentrierten Zeitraum sehr mit mir beschäftigt. Manch einer mag mir vorwerfen, immer mit mir beschäftigt zu sein. Aber das stimmt nicht. Meist bin ich mit anderen beschäftigt. Mit anderen im Kontext mit mir, natürlich. Nun bin ich wieder mit mir beschäftigt, da ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Was ich noch nicht realisiert habe. Ich ging gestern laufen, in der Hoffnung, es dabei zu kapieren. Ich lief dorthin, wo ich damals hinlief, als meine Welt zusammenbrach. Ich wusste dereinst, ich würde an genau diesen Ort zurückkehren, wenn meine Welt sich wieder fügt. Ich machte damals diesen Ort zu dem, was er für mich einige Monate lang war. Und tilgte dessen Bedeutung gestern wieder. Ein erhabenes Gefühl, eines der Genugtuung. Und ich empfinde in diesen Tagen eine unglaubliche Genugtuung, weil ich Prophezeiungen anderer Menschen zu meiner Person widerlegt habe. In die Fresse. Genugtuung kann man sich leisten, wenn man sie demütig und souverän erwartet und anstrebt.

Was für ein Sommer. Der beschissenste meines Lebens.

Ich kann jederzeit relativieren. Was wahres Unglück bedeutet, weiß ich noch gar nicht. Tod im nahen Umfeld kenne ich zwar, doch die Einschläge kamen bislang noch nicht derart nahe, dass sie mich aus der Bahn geworfen hätten.

„Ich versuche intensiv, Dich zu verstehen“, schreibt mir gerade jemand. Viel Glück, denke ich, das wird vermutlich nicht funktionieren.

Manchmal scheint einem die Sonne aus dem Arsch. Man erinnert sich aber im Leben zuvorderst an die schlechten Momente. Daher ist es auch für mich gerade sehr wichtig, dass ich auch Momente wie diesen niederschreibe.

Wenn wir harte Zeiten als Prüfung verstehen – was bleibt uns auch anderes übrig?! -, habe ich gerade eine Prüfung bestanden. Die sehr an mir, an meiner Seele gezerrt hat. Manche Tage gar nicht, an manchen aber sehr intensiv. Vor allem in manch Nacht, in der ich wach wurde und in ein Gedankenkarussell geriet. Und ich natürlich rational wusste: „Es ist die Nacht, Seppo.“

Es war viel mehr. Es war die pure Existenzangst. Immer wissend, es geht noch schlimmer. Doch der Gedanke half nicht mehr, da ich mir auch nichts vormachen wollte. Ich selbst schreibe hier, alles sei komisch, insbesondere das Tragische. Undsoweiter. Das ist natürlich Unsinn. Wobei, doch, es stimmt. Ich wusste immer, von außen betrachtet hat das Ganze jede Menge Komik.

Im zurückliegenden halben Jahr habe ich mein persönliches Leben komplett geändert. Einen Schnitt, der mir von außen aufgezwungen war, habe ich genutzt, um wirklich alles in Frage zu stellen. Vermutlich erlebt ein jeder mal solche Situationen. Für mich war sie neu. Und sie hatte bei all dem Ungemach viel Gutes. Ich bin etwas reiner als vorher, mit mir selbst vor allem. Es ist einfach, ich muss es so sagen, unfassbar gut, sich von Dingen zu lösen. Dinge zu beenden. Gnadenlos hinter sich zu lassen. Wer wie ich keine 40 Jahre alt ist, kann das noch tun. Sollte das vor allem tun, denn er ist erst auf der Hälfte des Lebensweges angekommen. Warum nicht noch einmal neu anfangen? Ging vor 40 Jahren doch auch.

Jetzt sitze ich hier. An jenem Tisch, an dem ich vor sieben Monaten saß und die Wand stundenlang anstarrte, weil es einfach das Naheliegendste war. Um neun Uhr morgens. Die einzige Konstante meines Lebens hat eben die Wohnung verlassen. Dieser sehr große Halt, der seit zwölf Jahren immer wieder zurück zu mir kommt. Der gestern die Wäsche aufhängen wollte und es nicht tat, wie ich gerade feststelle. Ich spüle nochmal. Sonst riecht die Wäsche nach einer Nacht in der Maschine etwas komisch.

Jeder hört mal in seinem Leben den Satz „Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere.“ Dieser Satz macht einen natürlich aggressiv, weil man selten darum bittet, dass sich eine Tür von alleine schließt. Aber es ist etwas dran an dem Satz. Ich muss es so zugeben. Und ich suche jetzt die Cola light. Ich brauche sie dringend.

Es regnet draußen. Ich höre das Rauschen der Autos über den Asphalt. Lauter ist gerade nur die Spülmaschine. Dass diese Maschine seit vier Jahren ohne Murren läuft, ist schon erstaunlich. Manche Dinge funktionieren. Tagein, tagaus. Sie tun, wofür sie da sind. Tue ich das auch? Nein. Natürlich nicht. Den Anspruch habe ich nicht einmal an mich selbst. Dass ich da bin, hat ja erstmal nichts mit mir zu tun. Ich habe nicht darum gebeten, würde es aber auch gar nicht ablehnen.

Im Mai schrieb ich:

„Nehmen wir Abschiede würdevoll hin und blicken zurück auf das, was uns niemand wird nehmen können. Gemeinsame Erlebnisse, Erinnerungen und auch Zukunftspläne. Nehmen wir das eigene Schicksal soweit es uns möglich ist, in die Hand.“

Das finde ich überraschend gut. Da muss ich mir selbst einmal auf die Schulter klopfen. Wie konnte ich angesichts einer Megascheiße so etwas schreiben?! Respekt. Bin ich doch härter im Nehmen, als ich es selbst für mich möglich hielt? Dieses Jahr, dieses 2016, ist für mich geprägt von Riesenarschwichse auf der einen, von unverhofften glücklichen Ereignissen auf der anderen Seite. Aber im Kern wird 2016 ein Riesenscheißjahr in meiner Erinnerung bleiben, ein Jahr der Veränderungen, die ich nicht bewusst angestrebt habe. Jeder wird solche Jahre in seinem Lebenslauf finden. Was waren Eure Drecksjahre? Das würde mich sehr interessieren.

Ich sitze hier nun und betrachte einen neuen Abschnitt, der vor mir liegt. Eine Zäsur. Übrigens hat mir jemand mein Auto verbeult. Für meinen Toyota ist das eine Zäsur. Ich werde ihn ausbeulen lassen. Ich bin nicht der Typ, der mit einer Schrottkarre durch die Gegend juckelt. Ich habe da klare Standards und Ansprüche an mich. Ich rege mich nicht darüber auf, dass mir jemand die Fahrertür verbeult hat. So ist es eben. Diese Dinge geschehen. Ich empfinde es nicht als großes Glück, aber auch nicht als Drama. So etwas geschieht. Es tangiert aber mein Dasein nicht. Wir dürfen uns nicht über Dinge aufregen wie verbeulte Autotüren. Wer das tut, weiß nicht, was Probleme sind. Zum Ausgleich trete ich in die Beifahrertür.

Ich war am Samstag in der Autowaschanlage. Jemand sagte mir danach, spießiger gehe es gar nicht. Als ich den Wahrheitsgehalt dessen realisierte, bekam ich eine Erektion. Denn: Wer samstags in die Waschanlage fährt, kann so schlecht nicht dran sein. Und da ist was dran. Mein Leben ist mitnichten aus der Bahn geraten. Es kam womöglich nur in ein erhebliches Schlawingern. Mehr nicht. Sehen wir von der offen stehenden Schublade, über die ich gestern stolperte, einmal ab, habe ich nach wie vor die Kontrolle behalten. Ich habe die Kontrolle nie mehr übernommen als in diesem Jahr. Ich habe Entscheidungen getroffen. Bittere waren dabei. So wie ich Briefe und andere Dokumente in ein Aktenordnersystem einordne, habe ich die Ordnung meines Lebens in einer schwierigen Phase beibehalten. Sie war nicht nur beruflich schwierig (eher ungünstig), sondern auch privat. Wenn das Leben kippt, sollte man im Zuge dessen alles zur Disposition stellen, was geht. Das habe ich getan, da ich nichts zu verlieren hatte. Und ich habe aufgeräumt. Was mir nun nützt.

Mein Credo war immer: Bis Weihnachten wird alles gut. Das scheint auch dieses Mal der Fall zu sein. Ich bin großer Weihnachtsfan. Der Weihnachten zugrunde liegende Gedanke spielt für mich dabei keine Rolle. Jesus hin, Jesus her. Mir geht es ausschließlich um ein penetrantes Maß an: Besinnlichkeit. Mehr will ich nicht. Aber es ist eine Maximalforderung. Und sie wird mir auch und trotz 2016 eingelöst. Dafür bin ich unfassbar dankbar. Voller Demut denke ich an das, was war und an das, was kommen wird. Aber vor allem an das, was ist.

15 Kommentare

  1. Es wird nicht das letzte Mal in deinem Leben gewesen sein. In der heutigen Zeit gehen nur noch sehr wenige beruflich einen geraden Weg. Ich habe so oft in meinem Leben sowohl beruflich, als auch privat von voerne oder etwas ganz anderes angefangen. Unser Schulrektor sagte bei der Abschlußfeier Ende der 60er Jahre: „Ihr werdet die erste Generation sein, die nicht mit einem Beruf in ihrem Leben auskommt“ und er sollte sowas von recht behalten.
    Am schlimmsten waren für mich die letzten beiden Jahre. 2015 habe ich meinen schwer krebskranken Mann gepflegt und musste nebenbei (da selbstständig) für unseren Lebensunterhalt sorgen. Er starb dann Ende Juni und rasch musste eine neue Wohnung her, da ich die alte nicht mehr bezahlen konnte. 2016 wühlte ich mich so langsam aus dem Schlamasel an die Oberfläche und bekam dann Mitte des Jahres selbst eine Krebsdiagnose. Der Krebs ist erst einmal weg, aber ich konnte nur wenig arbeiten. Hinzu kommt, dass mir eine Stimmlippe entfernt wurde und ich nur noch flüstern kann. Jeden Monat weiß ich nicht, ob ich meine Miete bezahlen kann. Nun brüte ich – mit 62 – darüber, was ich anderes, neues machen könnte.

    Du siehst, es kann viel passieren, aber man überlebt es. Du bist jung, du hast Talent – das wird schon.

    LG Karin

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  2. Hallo Seppo, das ist ja mal zum dreimal lesen…. aber jedesmal stolpere ich über eine Aussage, dabei kann ich mit dem Rest des Textes so schön glatt mitgehen. Obwohl das Jahr 2016 wie jede Münze zwei Seiten hat – es ist die Frage, welche betrachtet wird.

    „Alles hinter sich lassen“ geht immer, nicht nur mit 40 oder so. Denn das Leben misst sich nicht an der Zeit, die hinter uns liegt, sondern an der, die vor uns liegt.

    Und das wissen wir ja alle nicht. Da kann ein 20-Jähriger näher am Ende sein als eine 78-Jährige. Loslassen und neu starten sind keine Fragen des Alters sondern der Selbstachtung und des Mutes.
    Also, carpe diem und lass alles los, am besten jeden Tag. Denn: Mit dem Spatz in der Hand bekommt man nie die Taube auf dem Dach 😉

    Und als weise Dame dir jungem Spunt ein Tipp: Wenn wir tot sind, merken wir es nicht mehr, was also sollten wir fürchten?

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  3. Ein schöner Text zum Thema Umbrüche im Leben! Man weiss, dass sie einen immer treffen können, und doch treffen sie uns zu unerwarteten Zeitpunkten mit ungeahnter Wucht. Ein „Drecksjahr“ kann ich gerade nicht aufbieten, wohl aber eines, in dem sich unglaublich viel in meinem Leben geändert hat, und zwar in eine Richtung, die ich niemals erwartet hätte. Auf die Überraschungen im Leben!

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  4. Lieber Seppo, wenn ich das lese, muss ich sehr viel lachen. Es ist die Art wie du es schreibst. Herrlich! Obwohl ich noch nicht so im Seppo-Kosmos bin und meine, Cola light ist eh doofer Mist, vor allem für solche Heißdüsensportler wie du zu sein scheinst, habe ich doch den Verdacht, dass er sich mir irgendwann erschließen wird….genauso das Scheißjahr 2016! Liebe Grüße.

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  5. Puh. Verdammt hoher Wiedererkennungswert. Genau die richtigen Worte für etwas bekannt Verhasstes. Ist das unsere „Enddreißiger“-Generation? Irgendwie immer tröstlich, es mit einer Jahreszahl „weg zu sortieren“ Psychohygiene…

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  6. Stihilie Naaaacht, Haaaaaailiiigeee Naaaaaaaaaaaaaaaacht. Nächste Woche werde ich Plätzchen backen und den Adventskranz binden – falls ich dieses Jahr Tannengrün im Wald finde der auf meiner Höhe hängt.

    Danke für diese fantastische Feststellung „Es ist Nacht“, das werde ich mir auch mal sagen – vielleicht hört das Gestrudel dann auf 🙂

    Meine Drecksjahre? 97, 98, 99, 01, 04, 07, 09, 11, ..to be continued

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  7. Danke für diesen Text! Für mein 2016 passt er ebenfalls sehr gut. Nicht nur, dass ich beruflich alles umgeschmissen und auf eine Karte gesetzt habe, auch privat habe ich mein Leben umgekrempelt. Gleichzeitig. Die einzige Konstante in Form eines Menschen, fiel also auch noch weg, genau wie das dazugehörige Umfeld. Und alles Materielle. Meine einzige Konstante war somit allein meine Wenigkeit – und besonders konstant habe ich mich da in der Tat nicht gefühlt!
    Ich kann manchmal nicht glauben, wie beschisssen ich mich noch vor wenigen Monaten gefühlt habe und trotzdem nicht verrückt geworden bin. Auch wenn ich oft nah dran war.
    Aber wenn ich eines im Leben gelernt habe, dann dass es i r g e n d w a n n still und heimlich wieder besser wird. Und dieser Moment wenn man plötzlich merkt, dass es ein winziges Bisschen weniger weh tut, ist in der Tat erregend! 😉
    In diesem Sinne, alles Gute für 2017!

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  8. Da schließt sich doch endlich eine Klammer.
    Der Text ist mindestens genauso warm geschrieben, wie es „Abschied“ war.
    Mich freut es, dass sich das Chaos bei dir gelichtet hat. Zweifel daran bestanden irgendwie nie. 😉

    Ich.. hab ein durchwachsenes 2016 hinter mir. Es gab schlimmere Jahre, durchaus. Jahre, die mehr an mir gezehrt haben und mehr Grenzen antasteten. Dieses hier hatte sehr tiefe Tiefen, gerade am Jahresanfang, abgelöst von Hoffnung und Neuanfang im Sommer, gefolgt von gefühltem Überleben (ich übertreibe… 😀 Aber ich habe tagelang meine Möbel vermöbelt. Autsch :D), zurück zu viel Grübelei („Es ist Nacht!“ – momentan brauche ich den Satz glücklicherweise nicht!), und nun.. hm.. einem Abwarten.
    Die Adventszeit wird wie immer nicht so ruhig, wie ich sie gerne hätte, aber trotzdem erinnert sie immer wieder daran, was man hat. Familie. Und Freunde. Wohlfühloasen.

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