Das Exoskelett

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Es war in der vergangenen Woche (wie so vieles in diesem Blog), als ich meinem Kumpel Merugin die frohe Botschaft überbringen wollte:

„Merugin! Es ist vorbei! Mein Kühlschrank ist nicht mehr länger leer! Ich moderiere bald wieder eine Fernsehsendung!“, rief ich vor seiner Wohnungstür stehend.

Im wahren Leben übrigens stehe ich selten rufend vor Wohnungstüren. So etwas geschieht nur in der Fiktion. Als Rezipient nimmt man das dann so hin, aber es lohnt folgende Überlegung: Wenn man mal so ganz bedarft durch, sagen wir mal, eine Wohnsiedlung spaziert/flaniert, sieht man im Grunde nie Menschen, die vor Haus- und/oder Wohnungstüren stehen und rufen. Es käme einem ja wirklich auch befremdlich vor, würde das massiert auftreten.

Doch Merugin öffnete seine Tür einfach nicht, obwohl er hörbar zuhause war.

„Merugin, ich höre dich. Ich weiß, dass du da bist!“

Ich war mal Schauspieler in einer Laientruppe. Wir führten damals, es ist bestimmt zwölf Jahre her, ein Stück auf, das hieß „Ich weiß, dass du da bist“. Geschrieben habe, natürlich!, ich es und es war ein voller Flop. Aber dieser Satz, „Ich weiß, dass du da bist“, hat sein eigenes Stück verdient, dachte ich damals. Ich irrte. Man schmiss mich aus der Laientruppe raus, obwohl jeder wusste, dass ich der Beste von allen war. Übrigens, inzwischen sind sie alle verstorben. Nur ich, ich bin noch da. Darum interessiert sich die Kriminalpolizei derzeit vermehrt für meine Person … dazu später mal mehr.

„Seppo, ich weiß, dass du weißt, dass ich da bin!“, vernahm ich aus Merugins Domizil, „Aber ich kann dir nicht öffnen!“

„Warum nicht? Bist du nackt?“

„Nein. Oder ja.“

„Was nun?!“

„Seppo, ich habe etwas ausprobiert.“

„Das, lieber Merugin, ist hier auch exakt deine Rolle. Was hast du dieses Mal probiert?“

„Ich bin umgestiegen.“

„Von was?“

„Von Endoskelett.“

„Auf?“

„Auf Exoskelett!“

Merugin ist jemand, der alles, was neu ist, ausprobiert. Ich halte das für eine ausgesprochen positive Eigenschaft. Ich selbst mache das gerne im technischen Bereich so. So reicht mir zum Beispiel mein Chromecast nicht, es muss noch ein Amazon Fire TV Stick sein. Beide brauche ich nicht, da ich einen Smart-TV habe. Wenn mir jemand sagt, das sei alles überflüssig, antworte ich:

„Ja, das weiß ich.“

Mann spielt eben gerne und Konsumkritik lag mir schon immer fern, weil sie oft etwas uninformiert und vor allem: unreflektiert an mich herangetragen wird.

Merugin aber geht noch viel weiter. Er stellt sich beispielsweise als „Versuchskaninchen“ für medizinische Innovationen zur Verfügung. Das ist legal und legitim. Und genau daher war ich nicht überrascht, als er fortfuhr:

„Sie haben mir das Endoskelett herausoperiert und mich damit von außen neu eingerüstet.“

„Und warum kannst du mir nun nicht die Tür öffnen?!“

„Weil es etwas befremdlich anmuten könnte, also mein Anblick.“

„Du trägst deine Rippen nun außen?“

„Genau.“

„Als Kind habe ich Schweine bei meiner Oma geschlachtet, ich kann mit dem Anblick umgehen. Mach uff!“

Merugin öffnete die Tür nur leicht, linste durch den Spalt und bereits hier musste ich würgen, denn an eines hatte ich nicht gedacht:

„Verdammt, Merugin, ich vergaß, der Schädel! Du trägst auch die Schädelknochen nun außen!“

„Ja, es entspricht nicht dem Schönheitsideal, aber Haarausfall beispielsweise ist meine Sorge nun nicht mehr.“

Er öffnete die Tür nun ganz und ließ mich hinein. Ich rang um weitere Worte. Man darf es sich vorstellen wie eines der Skelette, die man womöglich noch aus der Schule kennt, nur eben gefüllt mit Organen und Ko. Innereien undsoweiter. Wie man das halt alles so nennt. Hier und da war auch Haut zu sehen, aber eben alles innerhalb Merugins Skelett.

„Seppo, ich fühle mich fantastisch! Das war die beste Entscheidung meines Lebens! Ich bin nun viel stabiler als vorher! Du zum Beispiel bist doch vergangene Woche über dein Bett gestolpert. Wenn mir das nun passiert, geschieht mir nichts. Prallt alles an meinen Knochen äußerlich ab.“

„Führ es mir vor. Stolper über irgendetwas!“, forderte ich ihn heraus und fasste mir dabei an meine Schrammen im Gesicht, die auch hier zu sehen sind.

Merugin führte zunächst mich in sein Schlafzimmer und dann vor, wie ihm geheißen. Er warf sich über die Ecke seines Bettes, prallte mit dem nun äußerlichen Nasenbein auf dessen Kante, während seine Exo-Rippen auf den Boden krachten. Nicht zu überhören dabei: ein Knacken.

„Verdammt, was war das?!“, Merugin in Panik.

„Deine Rippen. Sie sind rechts alle durch. Hier liegt eine.“

Merugin fasste sich an sein Exoskelett, möglicherweise schoss ihm sein Blut in den Kopf, was man aber wegen der äußeren Schädelplatte nicht sehen konnte, und geriet in Panik.

„Seppo! Was ist zu tun?! Mir rutschen die Organe raus!“

Und tatsächlich, rechts flutschte etwas von Merugin herab, das so aussah wie sein Magen. Man denkt ja immer, man weiß in etwa, wie Organe aussehen, aber letztlich ist es doch ein großer Matsch, wenn man sie dann mal so auf dem Teppich liegen sieht.

„Merugin, hier liegt dein Magen. Oder ist es die Leber? Nein, Moment. Hast du Mais gegessen? Es ist dein Magen! Das nenne ich mal einen massiven Magenkrampf!“

„Seppo, das ist nicht witzig“, rief er, als er seitlich zu Boden knickte. Seine Bauchmuskeln waren ihm ebenfalls herausgerutscht.

Geistesgegenwärtig, wie ich nie bin, griff ich zu den Holzlatten, die Merugin grundsätzlich im Flur stehen hat, damit ich nicht die plötzliche Herkunft irgendwelcher Latten erklären muss, nahm Hammer und Nägel aus meinem Werkzeuggürtel, den ich stets bei mir trage, da ich geborener Handwerker bin, und nagelte Merugin eine Art Baugerüst an die Seite.

„Das muss erstmal halten!“, sagte ich ihm, hob Magen und Bauchmuskelstränge auf und schob ihm diese wieder unter sein Exoskelett. Den Magen nagelte ich an die Innenseite des Holzgerüstes.

„Du hast mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt, Merugin!“

„Es ist noch nicht ganz ausgereift. Aber mit dem Holz geht’s ja irgendwie“, Merugin zufrieden und weiter: „Du wolltest mir etwas mitteilen, Seppo?“

„Ja, also das stinkt aber gegen deine Nummer hier ab. Geht um meinen Fernsehjob und so. Aber egal. Denn, also … ich muss dich das jetzt fragen … dein Penis … ich weiß, das geht mich nichts an und so … Sex ist ja nicht alles … wobei, doch, aber … Wo zur Hölle ist er?!“

„Was?! Mein Penis? Moment. Heute Morgen hatte ich ihn noch. Das ist eben noch nicht ganz ausgereift mit dem Exoskelett, mehr so Beta-Stadium. Da ist manchmal etwas Schwund“, erzählte er mir, während er aufgewühlt im Bett rumwühlte auf der Suche nach seinem Glied. Ich wollte helfen:

„Vielleicht in die Ritze gerutscht?“

„Unmöglich! Die Ritze ist viel zu eng. Du weißt, wie groß mein … Ah! Hier ist er!“, triumphierte er mir seinen Phallus vor die Nase haltend.

„Merugin, es reicht! Das wird mir zu infantil gerade.“

Und auch beim Leser möchte ich mich entschuldigen, aber exakt so und ohne jedwede Übertreibung hat es sich abgespielt. Das ist eben Merugin, der es immer wieder schafft, meine Geschichten in den Schatten zu stellen. Dabei wollte ich ihm lediglich mitteilen, dass ich montags, dienstags und donnerstags im Fernsehen bin. Nicht ganz unstolz. Aber ich gebe zu, ein Exoskelett ist spektakulärer.


„HandyHelden“, dienstags und donnerstags bei rheinmaintv und www.gamesnight.tv! (Und im digitalen Kabelnetz NRWs!)

Ich würde mich sehr über Likes und damit Unterstützung freuen. Auf diese Sendung haben wir viele Monate hingearbeitet. Das Ergebnis, das gestern seine Premiere hatte, kann sich durchaus sehen lassen!

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5 Kommentare

  1. Das wird mal ein schickes Halloween-Kostüm.
    Da aber das Endoskelett für den Innengebrauch optimiert wurde, muss ein Exoskelett ganz anders designt werden. Form follows function. Oder so. Das müsste dann eher wie bei Insektens aussehen, vielleicht mit praktischen Beuteln für die Organverwahrung.

    Gefällt 1 Person

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