Besinnlichkeit.

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(Weihnachten bei Flothos mit Neffe, Nichte und Mitbewohnerin.)

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Weihnachten naht. Ich persönlich finde das ja großartig. Ich hole bereits jetzt, nicht einmal Ende November, zum Schlage aus, um die zu treffen, die jedes Jahr ab Dezember meinen, jedem erzählen zu müssen, wie scheiße sie Weihnachten finden. Niemand ist gezwungen, sich die Hektik anzutun. Ich zum Beispiel bin kein Freund von Weihnachtsmärkten. Denen wie auch den Weihnachtseinkäufen kurz vor knapp kann man ohne große Mühen aus dem Wege gehen. Und dass schon Lebkuchen und Ko. in den Supermarktregalen stehen, tut genau so wenig weh, wie die Butter, die dort ganzjährig steht (Das schrieb ich schon im vergangenen Jahr. Kann mal jemand die entsprechende Stelle suchen? Kommt mir so bekannt vor …). Es ist ein künstliches sich Aufregen.

Am zurückliegenden Wochenende war ich auf Heimatbesuch in Münster. Anders als Düsseldorf hat Münster schöne Weihnachtsmärkte. Die ich aber ebenfalls meide, weil zu viele andere exakt das nicht tun. Außer Glühwein zu trinken, weiß ich nicht, was ich dort eigentlich soll. Und ich bin nicht einmal großer Glühweinfan. Ebenso wenig wie mein Neffe und meine Nichte. Zwillinge. Sieben Jahre alt. Beide. Sie glauben natürlich nicht mehr ans Christkind. Stolz erzählten sie mir, dass sie inzwischen sehr genau wüssten, dass man den Wunschzettel nicht an jenes adressiert, sondern an Leibhaftige. Auch mir haben sie einen geschrieben.

„Das könnt ihr vergessen. Ich werde zwar demnächst mit Geld zugeschissen, aber ich werde es doch wohl kaum für diesen Spielzeugschrott ausgeben“, erklärte ich ihnen.

„Jetzt musst du einen Euro ins Sparschwein werfen!“, triumphierte mein Neffe.

„Warum? Was?“

„Weil du was mit ‚Scheiße‘ gesagt hast!“

„Achja. Wer bekommt eigentlich das Geld aus dem Sparschwein?“

„Papa.“

Mein Bruder also. Da ich ihm den Euro nicht gönne, lenke ich routiniert ab, zeige aus dem Fenster und rufe:

„Oh, ein Elefant!“

Doch die Zeiten, in denen sie auf diesen billigen Trick reingefallen sind, sind leider vorbei. Ihr Gehirn hat sich gottseidank weiterentwickelt. Ich warf also den Euro ein.

Mein Neffe wünscht sich ein ferngesteuertes Auto. Das allein wäre ja nicht ungewöhnlich, sieht man davon ab, dass er bereits eines hat. Doch dieses spezielle Auto führt eine Drohne mit sich, die ebenfalls ferngesteuert werden kann. Überhaupt wimmelt es in den Spielzeugkatalogen für Kinder nur so von Drohnen.

„Oma dreht am Rad, wenn du hier eine Drohne im Haus aufsteigen lässt!“, sage ich meinem Neffen.

„Dreht am Rad?“

„Naja, es würde ihr nicht gefallen. Überlege mal, wie oft du zum Beispiel schon vor die Glastür im Wohnzimmer gerannt bist. Weihnachten würdest du mit deiner Drohne permanent gegen die Tür fliegen. Das wird Oma nicht lange mitmachen!“

„Opa ist auch schon mal vor die Tür gerannt!“, freute er sich.

Ja, das ist in der Tat eine humorige Geschichte. Mein Vater. Das ist Jahre her. Diese Anekdote wird aber immer wieder aufgetischt. Vor unserem Haus flanierte eine Fronleichnamsprozession. Mein Vater, einigermaßen gläubig, wollte sich das ansehen und nahm an Tempo auf, als er vom Wohnzimmer zur Haustür rennen wollte und übersah dabei das Transparente, die Tür. Im ganzen Haus vernahm man einen dumpfen Aufprall. Es war die Nase, die ungebremst auf Glas traf. In so einem Moment lacht man nicht. Man lässt einige Jahre ins Land ziehen, dann erst darf man darüber lachen. Denn der Schaden im Gesicht meines Vaters war immens.

Bei Neffe und Nichte hofft man stets, dass sie irgendwann vor die Tür rennen, damit sie endlich zur Ruhe kommen. Kinder sind ja unangenehm aktiv und nicht zu bremsen. Nur durch Glastüren eben. Es ist jedes Mal nur eine Frage der Zeit, bis sie davorlaufen in ihrem Toben, in jämmerliches Gebrüll ausbrechen, um danach etwas pflegeleichter zu sein. Kinder tun sich ja auch nie etwas. Sie verfügen über seltsam unempfindliche Körper, die jeden Aufprall scheinbar dankbar absorbieren.

Wenn es mal wieder kracht im Hause Flotho sen. und es folgt kein Gebrüll, weiß man, dass es der Hund war, der vor die Tür gerannt ist. Dem ist das relativ egal, er scheint die Tatsache, dass es dieses unsichtbare Hindernis gibt, jedes Mal recht zügig wieder zu vergessen.

Weihnachten 2016 findet wieder in meinem Elternhause statt. Darauf wirke jedes Jahr aufs Neue ich hin. Zwar wird gelegentlich auch bei meinem Bruder gefeiert, doch bin ich der Meinung, dass wenn ich 35 Jahre lang bei meinen Eltern beschert werde, dieses sich nie ändern darf, zumindest solange sie noch leben. Es ist nach Helmut Kohl und Papst Johannes Paul #2 eine Konstante meiner Kindheit und die letzt verbliebene, die ich konserviere. Auf ewig. Und ich glaube, schon vergangenes Jahr schrieb ich von meinem Plan, meine Eltern, so sie das Zeitliche segnen, auszustopfen und jedes Jahr Weihnachten zusammen mit der Weihnachtsdeko aus dem Keller zu holen, um Weihnachten wie eh und je zu feiern. Hat was von Norman Bates. Nur, dass ich niemanden nebenbei unter der Dusche ermorde. Schon gar nicht zur Weihnachtszeit, denn das störte ja die Besinnlichkeit.

Darum geht es mir Weihnachten. Um ein Höchstmaß an Besinnlichkeit. Keine Störungen von außen, die absolute Entspannung. Kein Facebook, kein Handy, kein Blog. Kontakt ausschließlich mit den Menschen, mit denen man freiwillig Kontakt hat. Meine Eltern bauen den Gabentisch auf, während ich in meinem alten Kinderzimmer warte. So machen wir es seit 36 Jahren. Denn nach wie vor scheißen wir uns zu mit Geschenken.

„Einen Euro ins Sparschwein!“

Meine Mutter bekommt das, was sie jedes Jahr von mir bekommt, sehr praktisch, und mein Vater irgendein Werkzeug, von dem er nicht weiß, wozu er es eigentlich braucht. Klassiker ist dabei der „Flammenwerfer“, um Unkraut den Garaus zu machen. Ich sollte ihm einmal zeigen, wie das Ding funktioniert, zog es mir dabei versehentlich über den Fuß und versengte meinen Schuh. Seitdem gilt das Gerät bei uns als gefährlich. Wie auch die elektrische Heckenschere. Mangels Hecke noch nie benutzt. Vielleicht schenke ich ihm dieses Jahr eine Hecke.

Meine Mutter kauft ganzjährig bei Tchibo ein. Ich kann also erahnen, was ich bekomme. Allerlei von „TCM“ eben. Die Dinge, die ich wirklich haben will, bestelle ich selbst bei Amazon und lasse sie an meine elterliche Adresse versenden.

Streit gibt es bei uns zu Weihnachten eigentlich selten bis nie. Das hat etwas mit dem Harmoniebedürfnis meines Vaters zu tun, das ich geerbt habe. Das trübt er immer selbst durch das, was er meiner Mutter schenkt. Unvergessen, wie auch die Glastür, ist die große Buddha-Statue, die er ihr einmal schenkte. Allen am Gabentisch Sitzenden entglitten die Gesichtszüge, als meine Mutter die Betonstatue auspackte.

„Was zur Hölle soll ich denn damit?“

„Ich fand sie schön.“

Und sie steht noch heute im Keller bei der Heckenschere und dem Flammenwerfer. Nur noch wenige Wochen, dann ist es wieder soweit. Die alten Geschichten werden ausgepackt. Ich freue mich. Wie ein Kind.


Besinnlich bin ich auch bei Facebook.

16 Kommentare

  1. Mit der Art, wie ich Weihnachten heute zelebriere, wische ich jedes Jahr aufs Neue die Kindheitserinnerungen zur Seite. Denn das Weihnachten, wie es schon immer war, mag ich gar nicht. Es gibt neue Rituale. Wenn die Abkömmlinge in der Zukunft ein paar davon für sich selbst adoptieren, genügt mir das vollends. Wenn sie das nicht tun, nehme ich das hin und erfreue mich an ihren Ideen.

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