Die Oberbilk-Chroniken

Ich lebe in einem recht lebhaften Viertel, das sich Oberbilk nennt und denjenigen als cool gilt, die sich mit den Zuständen dort ab- und eine euphemistische Bezeichnung für diese gefunden haben.

Lebhaft ist der Düsseldorfer Slum nicht etwa wegen spielender Kinder, sondern wegen ihrer sich schlagenden Eltern. So vergeht keine Woche, in der meine Mitbewohnerin und ich nicht mindestens einmal am Fenster stehen – aus Sicherheitsgründen auf der Innenseite -, um uns diverse Spektakel anzusehen. Meist werden wir auf diese neuen Folgen der Oberbilk-Chroniken durch Martinshörner oder eben die schreienden Beteiligten aufmerksam. Manchmal wird die Polizei hingegen durch uns aufmerksam, da wir sie natürlich – Bürgerpflicht! – entsprechend alarmieren. Ich kann die Nummer der Polizei bereits auswendig: 110.

„Seppo! Neue Folge! Komm ans Fenster!“, ruft mich meine Mitbewohnerin gerne, wenn wieder etwas geschieht, bevor ich alles stehen und liegen lasse, zum Beispiel Netflix pausiere. Netflix hat tolle Inhalte, beispielsweise „Tote Mädchen lügen nicht“ oder „Neues vom Süderhof“, aber die Oberbilk-Chroniken sind besser: scripted reality ohne das Scripted, also sowas wie real reality oder unscripted scripted reality, und das Leben schreibt ja – gleich nach mir – bekanntlich die besten Geschichten. Und meist ohne cliffhanger, sodass wir selten ratlos zurückbleiben. Manchmal aber eben doch. Wenn der vermeintliche Täter kurz vor Eintreffen der Polizei das Weite sucht, wird es schwierig für uns, später nachzuvollziehen, ob er wirklich Täter war und was überhaupt genau vorgefallen war. Nicht immer vermögen die Polizeipressemeldungen es, uns vollumfänglich aufzuklären. So wissen wir bis heute nicht, wie es dazu kam, dass vor unserem Fenster eine Gruppe Jugendlicher mit massiver Polizeigewalt festgehalten worden war, bevor sie plötzlich wieder gehen durfte.

„Ob sie was mit Drogen am Hut haben?“, fragte ich meine Mitbewohnerin. Denn bei uns gleich neben dem Spielplatz kann man Drogen für sämtliche Körperöffnungen erwerben. Das weiß ich, da die dortigen Händler in mir einmal einen solventen Abnehmer sahen, was jedoch nur ein Missverständnis aufgrund der Sprachbarriere war. Fast hätte ich aus Versehen ein Pfund Koks halb/halb gekauft. Das hätte von meiner Mitbewohnerin aber ein großes Hallo gegeben!

„Ob sie untereinander einen Konflikt haben? Sehen eigentlich aus wie Freunde“, spekulierte meine Mitbewohnerin weiter.

„Guck mal, da hinten, da sitzt noch einer gefesselt am Boden. Gehört der dazu? Oder ist das eine parallele Festnahme? In dem Fall müssten wir uns beim Gaffen aufteilen.“

Die Polizei „fesselt“ ja mit Kabelbindern, das haben wir nun schon gelernt. Und zu ihrer Taktik gehört das laute Anbrüllen der Festzusetzenden. Das soll sie einschüchtern. Und ohne Scheiß: Ich finde das enorm einschüchternd. Es ist kein aggressives Geschrei, es ist ein sehr überzeugendes Brüllen! In einer Folge der Oberbilk-Chroniken blickte der in dem Fall Angebrüllte zusätzlich noch in die Mündung einer polizeilichen Schusswaffe, was vermutlich ebenfalls extrem beeindruckend sein muss. Auch für uns als Gaff-, als Zuschauer, denn sowas kenne ich nur aus dem Fernsehen.

„Wann schießen sie denn mal?“, fragte mich meine Mitbewohnerin damals.

„Wenn er seine Waffe jetzt nicht ruhig auf den Boden legt.“

Hatte der dann aber, sodass wir einen einseitigen Schusswechsel leider nicht zu sehen bekamen.

„Geh ein Stück weiter vom Fenster weg“, ich besorgt, „Denk an den letzten Querschläger!“

Das ist immer die Gefahr, dass wir zu nahe am Fenster stehen. Zumal ich beim Gaffen nicht begafft werden will. Denn inzwischen sind ja nicht mehr nur Gaffer das Problem, sondern auch die Metagaffer, also die, die Gaffer beim Gaffen begaffen, was ich ziemlich asig finde. Schämt Euch! Ihr steht den Gaffern nur im Wege herum!

Diese Form des Gaffens finde ich übrigens völlig in Ordnung. Freilich gibt es Fälle, bei denen man das Gaffen durch Eingreifen ergänzen sollte, wie es hier schon einmal notwendig wurde. Geht hingegen die berüchtige Oberbilk-Gang auf die des angrenzenden Territoriums Unterbilk los, sehe ich mir das gerne an, da ich mich unbeteiligt fühle und allein aus diesen Gründen mich von kriminellen Milieus aller Art fernhalte, da ich eher der risikoaverse Typ bin. Kriminellen Vereinigungen ist es eigen, dass sie zum Durchsetzen ihrer Regeln nicht über hoheitliches Personal verfügen, sie also nicht auf die Polizeigewalt setzen können, sodass sie es selbst machen müssen. In einer frühen Folge der Oberbilk-Chroniken konnten wir das eindrucksvoll beobachten. Wieder gerieten zwei rivalisierende Gruppen aneinander, die für uns Zuschauer leider nicht zu unterscheiden waren, weshalb ich das Tragen von Trikots vorschlagen würde. Das seppolog würde die zumindest einer Mannschaft sogar sponsern. Die damalige Folge war FSK18. In dem Punkt waren meine Mitbewohnerin und ich einverstanden mit dieser restriktiven Einstufung, da ein Beteiligter von einem anderen Beteiligten recht beherzt gegen die Wand einer bei uns in der Straße ansässigen Turnhalle geschleudert wurde. Zu des Geschleuderten Unglück gehörte es, dass er mit dem Kopf an diese Wand prallte, was ein extrem unangenehmes Geräusch zur Folge hatte. Nahezu schockstarr griff ich zum Telefon, um die Polizei auf diese Episode aufmerksam zu machen, da ich es für möglich hielt, der Aufprall könne tödlich gewesen sein. Das glaubte auch der Schleudernde, da dieser die Flucht ergriff, nicht ohne vorher einen beeindruckenden, ausfahrbaren Schlagstock aus seiner Hose zu ziehen, um sich den Weg freizuknüppeln.

Der Geschleuderte berappelte sich derweil wieder und saß kopfschüttelnd vor jener Mauer, die ihm eben noch ein Hindernis war. Die sich schlagende Meute hielt inne, zumal einige Martinshörner das Kommen von Einsatzkräften ankündigten. Das Aufgebot der Polizei imponierte uns schwer, außerdem hatte sie die längeren Schlagstöcke.

Der Sommer naht. Im Sommer erhöht sich die Schlagzahl der Oberbilk-Chroniken, was auch die Polizei weiß, die derzeit wieder mehr Präsenz zeigt, was natürlich völlig sinnlos ist, denn die Schlägertrupps setzen sich ja erst dann in Bewegung, wenn die Polizei gerade in Unter- und nicht in Oberbilk patrouilliert. Blöd sind sie ja erst immer nach dem Aufprall an Wände … Meine Mitbewohnerin und ich haben die Winterpause genutzt, um uns eine Zuschauertribüne vor unserem Fenster (Innenseite wieder) installieren zu lassen, während wir die Fenster von außen verspiegelt haben, da wir bei entsprechenden Temperaturen vielleicht auch mal nackt gaffen wollen.

 

9 Kommentare

  1. „Zu des geschleuderten Unglück gehörte es…“ Das ist dem Dativ. Oder wie das hiess, bevor er ausgestorben wurde, nachdem 1957 das Saarland einer widerstrebenden Bundesrepublik beitrat. Saarländer haben keinen Dativ, dafür aber Schwenker.

    Gefällt 4 Personen

  2. Gaffer … Naja, Gaffer sind ja nicht unbedingt jene zu betiteln, die aus ihren Fenstern gaffen, wo sie wohnen oder auch mal nur so Unterschlupf bekamen, wobei ich nicht den Flüchtenden meinte, sondern eher den Touristen, der sich in einem Hotel / Pension einnistete, zwecks was auch immer.

    Als Gaffer würde ich die gaffenden Autofahrer bezeichnen, die Szenen von schweren Unfällen im Schleichtempo und gezückter Handy-Kamera aufzeichnen und danach mal eben bei Facebook / YouTube posten und noch einen Spruch dazu liefern.

    Was die Sicherheit hinter einer Glasscheibe angeht … filigran – äußerst filigran. Abstand wäre tatsächlich die bessere Alternative, noch besser gar nicht erst zu gaffen. Aber die Idee mit der Einwegspiegelfolie oder so, finde ich erstklassig.

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  3. Ihr habt’s ja nicht leicht in Oberbilk.

    Fast dachte ich, hier spricht jemand übers Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg.
    Hier kommen sie nicht bei Bedarf mit Martinshorn an, sondern stehen da dauerhaft präsent, was
    die Quote von Raub und Körperverletzungen um über 50 Prozent zurückgehen ließ.

    Leider ist dies nur ein Modellversuch, sodass die Polizei bald dort abgezogen wird, nur sporadisch vorbeischaut und alles wie immer, also vorher, ist.

    Ich wünsche weiter viel Spaß beim Gaffen, und lasst euch nicht von einem Stein treffen.

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