Optimierungen

Kürzlich erfuhr der Leser hier noch von „der Zone“, jenem Zimmer unserer Wohnung, das zum eigenen Bedauern nicht von meinem Ordnungssinn profitiert. Profitieren darf. Denn es ist ja ihr Reich und wer wäre ich, ihr hilfreiche Tipps zu geben, wie

„Du könntest die Bücher ja auch sowohl thematisch als auch nach Größe ordnen!“

oder

„Die Hutablage ist eine Sensation, aber warum hängen da Schuhe dran?!“

Ordnungssinn hat auch etwas mit Rationalität zu tun und es ist cain Geheimnis, dass Frauen und Rationalität zwei sich diametral gegenüberstehenden und widersprechenden physikalischen Gesetzen gehorchen. „Die Zone“ ist für mich somit ein unerreichbares Universum, das zu erobern ich aufgegeben habe. Ich begnüge mich damit, immerhin dessen Schöpferin erobert zu haben.

Doch Mitte dieser Woche war es wieder so weit; einmal pro Jahr putze ich unsere Fenster. Jeder, der Fenster putzt, weiß, dass es einen erheblichen Unterschied zwischen dem Säubern der bloßen Scheibe – was schnell geht – und dem Reinigen des Fensterrahmens angeht, zumal wenn dieser weiß ist, beziehungsweise weiß sein sollte: Es ist ein schweißtreibender Akt, den man nie korrekt ausführen kann. Zum einen putze ich immer dann, wenn die Sonne scheint. Von meiner Oma weiß ich, dass man bei Sonnenschein Fenster nicht putzt. Zum weiteren putze ich immer, kurz bevor es gewittert, sodass das Fenster nur wenige Sekunden lang völlig sauber ist – und das eben auch nur einmal pro Jahr. Zum dritten geschieht es jedes Jahr aufs Neue, dass mir Mitbürger aus fernen Ländern von unten zurufend die Frage stellen, ob ich denn keine Frau hätte, die das erledigen könnte. Das ist kein Witz, das passiert tatsächlich. In dem Moment frage ich mich immer, ob ich nun ein sehr moderner Mann bin oder ein Waschlappen. Denn ist das Prädikat „modern“ vor „Mann“ nicht eher ein Euphemismus für „geschlechtslos“? Und zum anderen, zu guter Letzt, spiele ich beim Putzen des oberen Fensterrahmens grundsätzlich mit meinem Leben, da ich auf einem Stuhl stehend durch das offene Fenster zu fallen drohe, sollte ich das Gleichgewicht verlieren.

Doch all das wird belohnt mit der hernach überraschenden Feststellung, wie hell Räume werden, wenn die Fenster wieder transparent sind.

Ich wagte mich also in „die Zone“, um sie nach etwa einer Stunde und geputztem Fenster wieder zu verlassen. Das war der Plan. Aber es kam anders. Ich tobte mich als Innenarchtitekt aus. Ein Vabanquespiel.

Es beginnt damit, dass ich auf dem Stuhl stehend einen unverfälschten Ausblick auf die Deckenlampe habe. Ich erspähe auf dieser mehrere tote Marienkäfer und eine beeindruckende Schicht von Staub. Nun könnte mir das ja egal sein, da man diesen Umstand von unten nicht sieht. Seit fünf Jahren ist uns das offenbar entgangen – warum also etwas ändern?! Aber was könnte meine Mitbewohnerin dagegen haben, wenn ich kurz mal ihre Lampe abstaube?!

Nachdem ich die Leuchtmittel von mehreren toten Tieren und Hautschuppen – also Staub – befreit habe, wird mir klar, dass ich zumindest noch saugen muss, da der Dreck von oben nach unten, auf den Teppich also, gewandert ist. Gut, saugen werde ich ja noch dürfen. Und während ich so sauge, überlege ich, ob ich nicht auch einmal unter dem Sofa saugen könnte; schaden kann’s ja nicht.

Also schiebe ich das Sofa zur Seite vor den Heizkörper und es bietet sich mir ein Bild des Grauens. Das ist aber schnell weggesaugt, denke ich und überlege gleichzeitig, ob das Sofa nicht ohnehin da besser steht, wo ich es hingeschoben habe. Das Zimmer wirkt plötzlich viel größer! Da kann meine Mitbewohnerin ja kaum was dagegen haben – und wenn: Dann schiebe ich es halt wieder zurück. Das ist ja kein Akt.

Nicht entgeht mir allerdings dieser seltsam große Fleck auf dem Teppichboden, wo eben noch das Sofa stand. Vermutlich haben wir uns damals eben wegen dieser Verunreinigung für diesen Platz als Standort für die Couch entschieden. Denn dieser dunkle Fleck entspricht nicht meinem Hygienestandard. Was sollen denn Gäste denken?! Gut, dass ich immer einen Teppichreiniger vorrätig habe. Seife das verdreckte Areal also ein und ernte Misserfolg; der Fleck zeigt sich unbeeindruckt. Vielleicht sieht man den Flecken überhaupt nur, weil wieder so viel Licht ins Zimmer gelangt, überlege ich, bevor ich „Lenor“ zur Hilfe hole. Und heute kann ich sagen, dass Lenor im Reinigen von Teppichböden besser ist als der eigens dafür hergestellte Teppichschaum. Gilt auch der Umkehrschluss? Teppichschaum in die Waschmaschine?

Nach der Teppichreinigung beschließe ich, meiner Mitbewohnerin per „Facebook Messenger“ mitzuteilen, dass sie ihr Zimmer nicht ohne Schuhe betreten sollte:

pass auf, wenn du gleich in dein zimmer gehst, der teppich ist klatschnass. ich hab ihn gereinigt. bisschen viel wasser genommen.

Das trocknet. In zwei, drei Tagen ist der wie neu, rede ich mir Mut zu, und sie antwortet:

wolltest du nicht nur das fenster putzen? räum ja nichts um!

Hmm, wie antworte ich da taktisch klug? Erwähne ich das Sofa?

hier und da habe ich etwas optimiert!

Das klingt gut, das klingt positiv beladen, da kann sie kaum was gegen sagen.

optimiert?! solange das sofa nicht am heizkörper steht!

Woher weiß sie das?!

wäre das ein problem?

Wäre es, sagt sie, weil sie dann keinen Platz mehr für den Schreibtischstuhl habe. Der Stuhl! Den hatte ich völlig vergessen! Steht im Flur, hole ihn wieder und merke, ja, der passt nicht, das Sofa ist zu breit. Darum haben wir uns damals gegen diesen Sofa-Standort entschieden. Ich bekomme einen Schweißausbruch. Und eine Idee. Wenn ich  nun den Schreibtisch an die andere Wand stellte …

Gedacht, getan. Sie muss nun nur etwas aufpassen mit ihrer Schreibtischlampe, die nahe an den Vorhängen steht. Nicht, dass die abfackeln.

Die Vorhänge! Waren die nicht auch mal weiß? Sie sind so grau! Ich könnte sie ja mal schnell waschen. Bei 30 Grad. Feucht wieder aufhängen, dann hängen sie sich glatt. Kurzwaschgang. Dann sind die fertig, bevor meine Mitbewohnerin wiederkommt. Was sollte sie gegen gewaschene Vorhänge haben?!

Ich hole mir eine Leiter aus dem Keller und die Vorhänge von der Stange. Dabei erinnere ich mich daran, was für ein Krampf es war, diese Stange an die Wand zu montieren. Unser Bohrer war damals völlig ungeeignet für diesen Stahlbeton, entsprechend wackelig unsere Konstruktion, die aber bestens hält, als ich die Vorhänge abziehe.

Während die also nun in der Waschmaschine ihre Runden drehen, ziehe ich in Betracht, den Spiegel meiner Mitbewohnerin zu reinigen, da sie da kaum etwas gegen haben könne. Hier mache ich es kurz: Der Spiegel kracht mir runter, wir brauchen nun dringend einen neuen. Die Frage, welcher Dilettant einen so schweren Spiegel an nur einen Nagel hängt, schenke ich mir, da ich die Antwort zu genau kenne.

Nachdem ich den Teppich und meinen rechten Fuß von Glassplittern befreit habe, hole ich die Vorhänge aus der Waschmaschine. Dass der rechte Vorhang plötzlich deutlich kürzer ist als der linke, war mir vorher nie aufgefallen. Nach Kontrolle der Waschmaschine realisiere ich, dass ich zwar das Kurzwahlprogramm angewählt hatte, das aber bei 60 Grad durchlaufen ließ. Nun spielt mir das Schicksal in meine Hände, da der rechte Vorhang jetzt aufgrund meiner Möbeloptimierung vom Sofa verdeckt ist, sodass gar nicht auffällt, dass er nicht mehr bis zum Boden reicht. Das also wird ihr gar nicht auffallen, ich sollte es am besten erst gar nicht erwähnen.

Ihr wird allerdings auffallen, was dann geschieht: Der rechte Vorhang hängt bereits wieder, doch mit der linken Seite tue ich mich schwer. Das Rütteln an der Gardinenstange stellt sich als Fehler heraus, als sie aus der Wand reißt und mir entgegenkommt. Hier kommt mir erstmals der Gedanke, dass ich „die Zone“ hätte nie betreten dürfen. Ich bade in Schweiß, die Situation wächst mir über den Kopf.

Vorhang und Vorhangstange räume ich beiseite und schreibe meiner Mitbewohnerin:

dein zimmer wirkt viel größer, wenn man die vorhänge weglässt! sieht viel offener und moderner aus!

Sie antwortet:

was ist passiert?

Warum muss denn immer gleich was passiert sein!? Hat denn diese Frau kein Vertrauen zu mir?

durch die erschütterungen der straßenbahn vor der tür hat sich offenbar, als ich im wohnzimmer war, die gardinenstange aus der verankerung gelöst und ist aufs sofa gekracht!

Antwort:

aufs sofa?! auf das sofa, das gegenüber an der wand steht?

Oh, verplappert.

ich musste das sofa wegen des dunklen fleckes kurz an die heizung schieben. und ich habe deine lampe sauber gemacht!

Ich bade nun in Schweiß. Denn nebenbei fällt mir auf, dass man die Zimmertür nicht mehr ganz aufbekommt, weil sie nun gegen den Schreibtisch stößt. Also ziehe ich den Rückbau meiner Optimierungen in Betracht oder aber:

was hältst du vom „offenen wohnkonzept“? brauchst du eine zimmertür?

Ich erhalte keine Antwort mehr und draußen prasselt der aufkommende Regen gegen das saubere Fenster. Immerhin hing kein Bild schief.

 

33 Kommentare

  1. Herrlich! Und das kommt mir so bekannt vor. Gefährlich wird es, wenn mein Mann sagt: Ich mache MAL EBEN … Dann sehe ich ihn in der Regel die nächsten 3-4 Stunden nicht mehr und in dieser Zeit habe ich immer etwas Angst, was er MAL EBEN so macht und welche Konsequenzen das MAL EBEN haben können …

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  2. Ich will auch immer nur mal kurz staubwischen gehen.
    Sechs Stunden später findet Männe mich oben auf der Leiter festgefroren, weil ich vor zwei Stunden einen Höhenagstanfall bekam, als ich gerade draußen die Regenrinne säuberte.

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  3. Ich dachte der Optimierungswahn wäre Frauensache? Mal eben alles umstellen, weil es so doch viel besser ist….
    Ich müsste eigentlich auch mal eben, da mein Wochenende aber gerade erst angefangen hat vor 10 Minuten gebe ich mir weitere 10 Minuten um erstmal zu aklimatisieren. Es ist warm hier… Hui

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  4. Einer deiner besten Beiträge der letzten Zeit. – Ähnliches passiert mir, wenn ich wieder einmal kurz die Festplatte meines PCs von altem Müll befreien will und danach regelmässig eine Nachtschicht bis zum Morgengrauen einschalten muss, damit wieder alles problemlos läuft …

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  5. Viel interessanter fände ich noch das Gespräch mit deiner Mitbewohnerin bei ihrer Heimkehr. Zum Glück lässt sich mein Mann so etwas nicht einfallen. Da bin ich eher diejenige die den Mann zur Hilfe ruft und dann fallen mir noch 1000 Kleinigkeiten ein weil man ja gerade dabei ist.

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  6. Artikeltraum, ja den Artikel finde ich sooo gut. Ich hoffe auch auf eine Fortsetzung. So etwas wie: Mitbewohnerin kommt nach Hause, haut die Tür gegen den Schreibtisch, die Lampe fällt gegen das gardinenlose Fenster und ist natürlich kaputt, im Schreibtisch eine Macke und im Fuss der Frau ein riesen Splitter..
    Gut, dass du noch eine Bleibe in Berlin hast

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  7. sehr gut geschrieben … 🙂
    Da ist mal zu sehen, dass auch Männer einen Putzlappen in die Hand nehmen können. Meiner ist auch so ein gutes Exemplar, das sich nicht davor scheut den Dreck zu entsorgen. Hausarbeit ist schließlich Teamarbeit – vor allem, wenn beide die gleiche Zeit in der Arbeit zubringen.

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  8. Das kommt mir so bekannt vor. Ich liebe es, in der Wohnung umzuräumen. Meist brauche ich einen halben Tag, um die Möbel umzustellen. Und dann stelle ich oft fest, dass mir die neue Anordnung nicht gefällt und räume wieder alles zurück…

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  9. Grandios. Mir fallen in dem Zusammenhang die Metaphern „Rattenschwanz“ und „vom Hundertsten ins Tausendste“ ein.

    Sehr lebensnah, und aus diesem Grund ist auch nach viereinhalb Jahren in meiner „neuen“ Wohnung noch nicht alles zu hundert Prozent auf- oder weggeräumt. Berlin ist halt zu spannend.

    Aber ich komme noch dazu. Bestimmt. Eines Tages mache ich mich richtig daran, und dann aber alles auf einmal. Oder doch zu 90 Prozent. Versprochen.

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  10. Und außerdem scheint Deine Kommentarfunktion oder Homepage-Server oder was auch immer noch Winterzeiit oder doch Sommerzeit oder was auch immer zu haben.
    Jedenfalls zeigt es eine Stunde früher als in „echt“ an.

    Ordnung muss sein, sicher ist es nur ein winzig kleiner Handgriff …

    Jetzt aber nicht „seppolog“ zerstören.

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