Pfandringe und Frauen

Muss ich ein Frauenmagnet sein! Schon wieder! Ich ziehe sie an!

Wegen der heutigen technischen Unmöglichkeit, mir einen Sitzplatz im ICE von Düsseldorf nach Berlin-Gesundbrunnen zu reservieren, placiere ich mich in das Bordbistro, was sich als ausgezeichnete Idee herausstellen sollte. Denn hier habe ich unverschämt viel Platz und muss dazu lediglich einen großen Kaffee über vier Stunden Fahrzeit strecken. Großer Kaffee: Drei Euro 50, Sitzplatz: Vier Euro 50. Reibachseppo!

Als mich diese sensationelle Idee überkam und der Bahnchef davon erfuhr, organisierte dieser eine Blaskapelle, die mich heute Morgen um sieben Uhr am Düsseldorfer Hauptbahnhof mit feierlicher Marschmusik erwartete, um meine Idee und ein wenig auch mich zu zelebrieren. Für die Kinder gab es eine Tombola und Limonade.

Es gibt übrigens eine große Lücke in der Welt des Humors: Es mangelt an Limonaden-Scherzen. Der Begriff „Limo“ ist wie gemacht für heitere zwischenmenschliche Scherze. Das ist ein viel zu selten beackertes Terrain, da muss ich mir auch an die eigene Nase fassen und mich beim Leser entschuldigen. So ich es nicht vergesse, werde ich mich schon bald ins Limonaden-Scherz-Geschäft stürzen. Limo … ich schmeiß mich weg!

„Ein Hoch auf Herrn Flotho!“, rief der Dirigent und die Musikantengruppierung legte los. Während des feierlichen Ufftataas setzte ich mich auf die gitternde Bank auf dem Bahnsteig 18, was aufgrund meiner Hosenkette immer wieder ein Vabanquespiel ist, da diese sich gerne mal in den Gitterzellen verfängt.

Es dauert nicht lange, als der erste Mitbürger des Weges kommt, der mir gegen ein überschaubares Entgelt eine so genannte „Obdachlosenzeitung“ übergeben möchte. Ich lehne ab, zugegebenermaßen sehr wortkarg, was aber auch an der frühen Uhrzeit liegt. Ich beobachte, wie er weiterzieht und den nächsten Mitmenschen behelligt, der ebenfalls ablehnt. Und so komme ich ins Grübeln. Ob es nicht ziemlich anmaßend von mir sei, ihm nicht wenigstens das Entgelt zu überlassen, ohne die Gazette in Anspruch zu nehmen. Was sind für mich schon zwei Euro und was bedeuten sie wohl ihm? Da ich pro Monat vier Mal am Bahnsteig 18 sitze, kämen so Kosten auf mich zu, die unter denen meines „Netflix“-Abos lägen – ich würde nicht Teil des Prekariats.

Doch nun kam jene Dame zu mir, die mich ebenfalls jeden Montagmorgen um einen Euro erleichtern wollte. Sie brauchte das nötige Kleingeld für eine Bahnfahrt, sagte sie. Ich weiß es strenggenommen nicht sicher, aber ich halte das für eine kleine (moralisch vertretbare) Lüge. Sie ist sicherlich in Not. Ich kann ja unmöglich davon ausgehen, dass sie eine organisierte, geschäftsmäßige Geldeintreiberin ist, was es ja wohl auch geben soll. Man hört ja so einiges, was man sich als bequemes Argument für das Nicht-Geben zurechtlegen könnte. Unabhängig davon verneinte ich auch hier ich ihr Anliegen, woraufhin sie mir freundlich einen guten Tag wünschte. Fünf Minuten später kam sie wieder. So verhält es sich jeden Montag. Mein Eindruck ist, dass sie insgesamt wenig Erfolg hatte; ich sah niemanden, der seine Patte zückte.

Ich hätte ihr den Euro geben können, dann wäre ich heute bei insgesamt drei Euro gewesen. Mal vier macht zwölf Euro im Monat, daran gehe ich sicher nicht zu Grunde. Wobei wir das verdoppeln müssen, denn auch dort, wo ich gleich ankommen werde, bittet man mich freundlich um etwas Kleingeld. Ist man moralisch verpflichtet, jedes Mal etwas zu geben? Denn so ehrlich muss ich sein, dass ich mir jedes Mal schlecht vorkomme, wenn ich nichts gebe, deutlich besser, wenn ich was gebe, was ich gelegentlich durchaus tue. Will ich mich allein durch die Frage meiner Moral von dieser freikaufen? Ich weiß die Antwort doch längst!

Mich ärgert das Staatsversagen, das (auch) dahintersteckt. Beispiel Tafeln. Wer würde behaupten, es sei schlecht, dass es sie gibt? Bedürftige erhalten kostenfrei Lebensmittel, die Supermärkte aus seltamen Gründen aussortieren, die somit nicht im Müll landen. Doch leider führen solche Initiativen dazu, dass der Staat, der diese Versorgungslücken eigentlich schließen sollte, dieses nicht mehr tut; es wäre aber seine Aufgabe. Wir leben in einem reichen Land, dessen staatlicher Oberbau die Grundversorgung eben nicht mehr gewährleisten kann – irre! Und weil er – in diesem Punkt – versagt (Der Begriff „Staatsversagen“ wird inflationär benutzt, tatsächlich versagt unser Staat nicht.), denkt sich die großzügige Zivilgesellschaft Dinge wie den Pfandring aus, damit sich „Abgehängte“ nicht mehr über die Mülleimer beugen müssen, um den Wohlstandsmüll herauszufischen, dessen Pfandhöhe manchem zu niedrig ist, um die entsprechende Flasche am Pfandautomaten einzulösen: Ich halte das für absolut widerlich und möchtegerngutmenschlich. Pfandringe sind blanker Hohn, sie sind das Auslachen der Armen durch die „wohltätigen“ Reichen. Doch sind beide Systeme – Pfandring und Tafeln – erst einmal da, sind sie eben nicht mehr ersetzbar und der Wohlfahrtsstaat fein raus.

Nun gut, ich verfehle gerade kollossal das Thema, denn eigentlich geht es doch um meinen luxuriösen Sitzplatz im Bordbistro, das übrigens etwas vollkommen anderes ist als ein „Bordrestaurant„, wobei ich den Unterschied noch nicht begriffen habe. Und natürlich möchte man meinen, dass ich künftig immer auf meine Platzreservierung verzichten (Ich sparte dann vier Euro 50, die ich am Bahnsteig ja anderen überlassen könnte …) und mich ins Bistro setzen könnte. Leider denken sehr viele Menschen so, sodass das Bistro meist überfüllt ist – heute aber hatte ich Glück.

Bis Bielefeld hatte ich einen Vierertisch für mich allein, was ich als unverschämten Luxus empfand, den ich aber durchaus verdient habe, denke ich an meine vergangene Zugfahrt zurück, bei der ich mir wie ein Pfandring vorkam. In Bielefeld nahm mein Platzüberschuss allerdings sein jähes Ende, zwei Mädels setzten sich zu mir. Die eine langhaarig und blond und die andere eher mein Fall: dunkelhaarig und nicht ganz so langes Haar. Wobei mir Haarlänge immer einigermaßen egal ist und die Farbe auch. Blicke ich aber zurück auf jene Damen, die mir meinen Kopf in Drehung versetzt haben, sehe ich bis auf eine Ausnahme ausnahmslos nur brünette Vertreterinnen. Und auch diese Dunkelhaarige gefiel mir ziemlicht gut. Sehr nettes Gesicht, irgendwie normal. Ich stehe auf normal. Ich habe das Gegenteil erlebt. Ich sehne mich geradezu nach normal. Und natürlich, ich habe mich mit der optischen Erscheinung der beiden ganz offensichtlich beschäftigt. Wer täte das nicht?!

Mir war sofort klar, wer von den beiden Mädels das Sagen hat, das Alphatier ist: Es war die Blonde. Sie gab den Ton an, dem sich die Dunkelhaarige merklich unterwarf. Die Blonde traf Aussagen, die Dunkelhaarige stimmte grundsätzlich zu und es war nicht zu übermerken, dass die Blonde auch nichts anderes erwartet hat. Widerspruch schien sie mir nicht zu dulden, was die Brünette vermutlich schon einmal lernen musste.

Die Blonde sah sehr hübsch aus, war aber nicht mein Fall. Sie war auf die Weise hübsch, die man womöglich bei „Germany’s next Topmodel“ trifft, die ich aber irgendwie als aalglatt, als belanglos empfinde. Sie war mir zu makellos, zu nullachtfünfzehn irgendwie – ich kann es schwer begreiflich machen. Und innerhalb weniger Sekunden wurde sie mir abgrundtief unsympathisch – wie auch ihre Freundin mit den an sich so mich ansprechenden Rehaugen.

Oder Arbeitskollegin, ganz klar wurde mir das nicht, bis die beiden in Hannover ausstiegen. Doch sie haben es in der Kürze der Zeit geschafft, ein Klischee zu bestätigen: Frauen lästern. Frauen lästern gnadenlos. Und leider völlig durchschaubar. Diese beiden haben innerhalb weniger Minuten über acht Personen hergezogen, aber oftmals vorab ein „Er/sie ist ja sooo ganz nett“ geschoben, um dann zu begründen, warum er oder sie eine Unmöglichkeit an Mensch ist. Ich saß hier teilweise fassungslos neben den beiden und hörte gebannt zu, als ich zumindest dem Anschein nach die neue „Men’s Fitness“ mit Gerard Butler auf der Titelseite las. Die Blonde legte stets vor, die Brünette bestätigte. Ein einziges Mal versuchte sie, Partei für das dritte Opfer zu ergreifen, ließ sich aber schnell von der Blonden vom Gegenteil überzeugen.

Erschreckend fand ich das stetige Kleinbeigeben der Brünetten, die möglicherweise verkannt hat, was das Problem am Lästern ist. Diese beiden haben sich durch Abgrenzung von ihren Opfern zu einer Allianz zusammengetan, innerhalb derer sie sich sicher fühlen. Die Brünette mag gedacht haben, sie sei bei der Blonden nun besonders beliebt, habe diese auf ihrer Seite. Ich interpretiere hier freilich nur, denn wirklich wissen kann ich nichts. Abere man darf ja mal sinnieren. Doch nun das Problem:

Wann immer mir gegenüber jemand über eine dritte Person lästert, gehe ich umgehend davon aus, dass derjenige gegenüber der dritten oder einer vierten Person natürlich auch über mich lästert. Da ist also immer Vorsicht geboten! Aus diesem Grunde vermeide ich selbst das Lästern, was mir natüüüüüürlich nicht immer gelingt, schon gar nicht gegenüber mir sehr nahen Menschen, denen ich voll vertraue; bei denen lege ich dann aber umso mehr los. Deren gibt es zwei, die eine ist meine Mitbewohnerin. Doch nie habe ich es erlebt, dass zwei Männer untereinander so gnadenlos über andere herziehen wie ich es bei vielen Frauen manchmal sehen darf. Es fielen da eben Begriffe und Vergleiche, die mich aus semantischer Sicht staunen machten, jedoch inhaltlich unter aller Kanone waren. Und so wie die Blonde sich über eine Dritte belustigte, so wird sie es in anderer Konstellation auch über die Brünette tun. Oder aber Blondie verkennt den Boomerang-Effekt: Im besten Fall ist sie bekannt für ihre Art und selbst größtes Opfer von Lästereien, die hier allerdings eher in Beschimpfungen ausarteten. Und ganz nebenbei wunderte mich, dass ihnen völlig egal war, dass das ganze Bistro zuhören könnte. Einigermaßen schamlos, allein das ließ mich tief blicken.

Oha, hier kommt gerade jemand vorbei, den ich kenne. Wie klein ist bitte die Welt? Es ist Herr Schontermann. Kurios. Verfolgt er mich?! Ich verstecke mich hinter meiner Zeitung. Er will seit einigen Wochen irgendwas von mir, aber ich habe keine Ahnung, was. Ich weiß nicht einmal, wer er eigentlich ist.

„Herr Flotho!“

Verdammt. „Ah, hallo, Herr Schontermann! So klein ist die Welt.“

„Ich habe nun weißgott keine Zeit, Herr Flotho. Ich muss meinen Zug bekommen“, sagt er und hastet in den nächsten Waggon. Was ist hier los?!

Aus der ersten Klasse, direkt neben dem Bordbistro, höre ich Marschmusik. Lenkt mich doch sehr vom Denken ab. Ich muss hier schließen, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass mir bewusst ist, dass dieser Text keine neuen gesellschaftspolitischen Erkenntnisse enthält, und darauf, dass Frauen tolle Vertreterinnen ihres Geschlechtes sind.


 

58 Kommentare

    • solche endlosdebatten müßte man viel öfter mit noch mehr leuten führen bis sich endlich in deren köpfen -politiker, möchtegern-gutmenschen , lästerschwestern und brüder eingeprägt hat was da schon wieder so alles falsch läuft! danke seppo , du sprichst mir aus der seele , vor allen zum thema *pfandringe* und lästerweiber … und nein , es ist nicht unmoralisch nicht immer gleich zu geben wenn jemand die hand ausstreckt. ich habe beide seiten schon erlebt , bedürftige und schnorrer ,wenn ich kann gebe ich was , wenn ich nicht kann gibts halt nichts. man sollte vermeiden über diese menschen herzuziehen , selbst der schnorrer war nicht immer so , wer weiß welche situation ihn dazu gemacht hat.

      da gibt es zwei sprichwörter die es zu beachten gilt 1) zum thema lästerschwestern : wer heute bei dir über andere spricht verschont dich morgen bei anderen nicht ! und 2)zum thema schnorrer : urteile nie über jemand wenn du nicht einige meilen in seinen schuhen gegangen bist ! einen schönen lästerfreien tag wünscht die wolfskatze :-)

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      • Sehe ich ähnlich, man sollte solche Diskussionen bei jeder sich bietenden Gelegenheit führen.

        Stattdessen behaupten Leute wie Jens Spahn „Niemand müsste in Deutschland hungern, wenn es die Tafeln nicht gäbe.“, da mit Hartz IV „jeder das, was er zum Leben braucht“ schon hat.

        Unfassbar, eigentlich!

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        • Exakt, „unverschämt“ trifft es ziemlich gut. Nicht ganz so abartig wie Westerwelles „spätrömische Dekadenz“ seinerzeit, aber doch nahe dran. Man sollte immer vorsichtig sein, sich über Personengruppen zu äußern, von deren Lebensrealität man selbst meilenweit entfernt ist. Das lernt Herr Spahn vielleicht auch noch …

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        • Das kann ich dir Zahlen technisch nicht sagen. Ich denke nur das es zu niedrig angesetzt ist. Und alle Erhöhungen, z.B. Kindergeld, werden verrechnet. So haben diejenigen, die es wirklich brauchen, nichts davon.

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        • Hm. Also meine MB kam eigtl ganz gut klar damit. Allerdings hat sie auch viel von mir mitbenutzt. Andererseits hat sie nicht unerheblich viel davon für Cannabis ausgegeben. Ich weiß nicht…schwierig einfach, da voll vom Individuum anhängig.

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        • Ich sehe es hin und wieder in der Schule meiner Jungs wie manche Eltern sich abmühen müssen. Oft kommen Kinder ohne Essen in die Schule oder tragen unendlich lang kaputte Sachen weil kein Geld da ist für Neues.
          Wir sind in der glücklichen Lage das es uns gut geht. Aber man kann schneller unten sein als es einem lieb ist.

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        • Ja, es gibt viel Elend. Die Frage ist nur, wie man es löst. Mehr Hartz-IV? Ich weiß nicht. Kommunikation auf Augenhöhe wäre ein Anfang. Auch mit Bettlern. Reden, Zuhören, Anteil nehmen… Aber das kostet mehr als Geld. Z.B. Überwindung und Verlassen der Komfort-Zone. Den altbekannten Bettler mal fragen wie er heißt etc

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        • Die Raffgier von oben muss aufhören. Immer mehr Gewinne auf Kosten der Mitarbeiter, Qualität usw.
          Mitarbeiter kündigen, Löhne drücken, Zeit Arbeiter, Sub-Sub-Unternehmer.
          Da muss so mancher trotz 45 Jahre Arbeit zum Amt um noch etwas zu bekommen damit er irgendwie leben kann.

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        • Wenn ich so nachdenke: als erstes müsste man sensibel klären, ob die Eltern Hilfe wollen/ brauchen. Ich bin als Kind auch gern ohne Frühstück und mit den Klamotten meiner älteren Geschwister in der Schule aufgeschlagen. Zudem verdreckt, weil ich vor der Schule noch gern Mist gebaut habe. Und wir waren nicht arm.

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        • Die Kinder helfen sich beim Frühstücken gegenseitig, jeder gibt mal was ab. Das finde ich Klasse.
          Bei der Kleidung ist es schon schwieriger. Da ist viel Scham dabei, bei den betroffenen Eltern. Sie möchten nicht als Bettler dastehen und auch keine Aufmerksamkeit hervorrufen. Kann man auch verstehen und muss es akzeptieren.

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        • Sicher. Helfen kann man nur, wenn es zugelassen wird. Aber es gibt viele Möglichkeiten günstig an gute Klamotten zu kommen. Kinderbazare etc. Ich kenn viele nicht arme Eltern, die preiswerte Kleidung kaufen, weil sie’s nicht einsehen. Vllt informieren, zusammen hinfahren o.ä. Internet! EBay Kleinanzeigen etc.
          Supi von den kids!

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        • Finde ich auch. Der Klassenzusammenhalt ist echt super.
          Ich habe früher die Kleidung auch auf Kindertrödel gekauft. Für die paar Monate wie sie getragen wird, reicht es. Die Kleidung ist teilweise echt Neuwertig und man muss keine Angst haben das noch Chemie drin ist.
          Ich wünsche dir einen schönen Abend.
          LG, Nati

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        • Gerade erst in einer bedeutenden norddeutschen Satire-Sendung aufgeschnappt:

          „Frühlingsanfang! Und ein Kälteschock durchzieht Deutschland. Man friert, fröstelt, schaudert …
          Aber genug von Jens Spahn, kommen wir nun zum Wetter.“

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  1. Die Antwort auf die Frage ob man gibt oder nicht muss jede/r für sich ausmachen und es kommt ja auch immer auf die Person an, die fragt und wie gefragt wird.

    Eventuell hilft folgendes, wenn du geben wollen würdest, aber nur einmalig und kein Geld: Wenn dein Zug noch nicht da ist, auch noch nicht in Sicht, und der Bahnsteig hat einen Ditsch oder so was, die gibt es ja auf einigen Gleisen, frag die Person (wenn sie dir sympathisch ist) ob er/sie schon gegessen hat und spendiere eine Brezel oder einen Kaffee. Wenn die Person sagt, dass das nicht gewollt ist frage nach warum. Gerade bei jemand mit Straßenzeitung kann es sein, dass vielleicht das Geld für Notschlafstellen oder Fahrscheine dahin gebraucht wird (oder zur Tafel oder Kleiderkammer hin). Wenn der Person das ernst ist wird er/sie weiterhin versuchen dich zur Zeitung zu überreden, denn wenn du nur das Geld geben würdest, dann würde das wie Almosen empfunden werden und die brauchen oft für ihr Selbstbewusstsein, dass sie die Zeitungen verkauft, also ihr Geld verdient haben. Aber das kommt auch immer auf die Person an.

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  2. Das mit den Pfandringen sehe ich anders.
    Wäre ja in etwa so, wenn man einer Bedienung kein Trinkgeld gibt sondern es stattdessen wegwirft. Naja, im weitesten Sinne.
    Es ist doch irgendwie „erniedrigender“ für einen Bedürftigen, wenn er im Müll wühlen muss, als wenn er sich einfach der Flaschen außenrum bedient.
    Wie siehst Du die Flaschen- und Dosensammler vor Veranstaltungen? Das sind ja richtig organisierte Clans, die allerdings für ihr Geld (Pfand) arbeiten.

    Bei den Lästereien stimme ich hingegen uneingeschränkt zu. Nicht nur lästern Frauen mehr, sie versauen die stillen Örtlichkeiten auch weitaus massiver als wir Kerle. (Hab ich grade gelästert?)

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    • seh ich anders – alleine schon der verweis *damit die bedürftigen sich nicht in die tonne beugen müssen* ist doch menschenverachtend , bedeitet der doch dass alle bedürftigen sich ihr „zubrot“ mit müll sammeln verdienen müssen … weiterhin läßt sich so sehr leicht kontrollieren wer wieviel flaschen gesammelt hat .. das jobcenter freut sich dann weil das neue sanktionen rechtfertigt die von pipi-langstrumpf-nahles ja noch unterstützt und verstärkt wurden … zwischen trinkgeld für die kellnerin und flaschen sammeln besteht ein großer unterschied eben gerade weil sich die kellnerin meine cents nicht im müll zusammen suchen muß .

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      • Wenn Flaschen sammeln Sanktionen durch das JobCenter rechtfertigt, dann wird es nicht mehr lange dauern, bis der Gegenwert der bei den Tafeln erhaltenen Lebensmittel auf die Grundsicherung angerechnet wird. Aber ich will niemanden der Verantwortlichen auf Ideen bringen … :-)

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        • Äh, fraggle, die Ideen gibt es schon. Wird nur nicht so ausgedrückt. Siehe Regelsatz für Kinder. Von dem übrigens Schulmaterial, Kopiergeld, Milchgeld, Klassenfahrten und Co. angespart werden müssen und auf den das Kindergeld angerechnet wird. In der Parallelklasse vom Kind ist ein betroffenes Zwillingspaar. Der Vater hat jede Woche Angst, dass er eine Nummer zieht, die zu weit hinten ist als dass es noch Obst, Gemüse oder Milch gibt. Man kann insbesondere Kinder nicht vollwertig von Nudeln, Toastbrot und Leitungswasser ernähren…

          (Hoffentlich kommt der Kommentar an die richtige Stelle)

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        • Hängt vielleicht auch davon ab ob Optionskommune oder nicht. Ich habe schon so erlebt: Mein Bruder in einer Nicht-Optionskommune hat z.B. die Bescheinigung für die Rundfunkgebühr mit dem Bescheid über die Leistungen gemeinsam zugeschickt bekommen – einfach so. Eine Frau in einer benachbarten Optionskommune muss jedes Mal am Empfang selbstvorsprechen, dass sie befreit werden möchte. Eventuell gibt es da Entscheidungsspielraum wie die Kommunen das handhaben. Würde ich vermuten. Das mit den Schulsachen und -fahrten könnte ähnlich sein.

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        • Bei uns in den Klassen werden automatisch die Anträge an die entsprechenden Eltern verteilt.
          Bei der Einschulung saß auch eine Dame von der Stadt in der Aula und informierte alle Eltern darüber.

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        • Also Schulsachen werden sehr sicher bezahlt. Aber es zeigt sich mal wieder die Problematik: man muss es wissen und sich drum kümmern. DA braucht’s Hilfestellungen. Dass das Geld auch da landet wo es soll. Familienhilfen etc. Mir fällt da auch eine Bekannte ein. Grundschullehrerin. Die kaufte einem Schüler in letzter Verzweiflung Hefte. Nach zwei Wochen waren sie kaputt und unbrauchbar. Da muss man den Eltern und Kindern helfen, dies nicht hinbekommen. Warum auch immer. Und mehr Geld hilft da erstmal nix. Bzw Geld für Personal

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      • Man kann nicht alle(s) über einen Kamm scheren, es hat vermutlich jeder „Bedürftige“ sein eigenes Schicksal.
        Manch einer kann nichts dafür, manch einer wurde in die Situation getrieben, manche wählen dieses Los freiwillig.
        Habe auch schon öfters gehört, dass manche Obdachlose gar nicht nicht-Obdachlos sein wollen.

        Was ich damit sagen will/wollte – gar nicht auf die Aussagen div. Politiker oder Jobcenter gemünzt: Es macht für manche wohl einen Unterschied, ob man kopfüber im Müll wühlt (seh ich oft genug an Bahnhöfen), oder sich einfach der Flaschen bedient, die jemand nicht mehr benötigt. Das „letzte bisschen Würde“. Keine Ahnung, kann’s grad schwer in Worte fassen, zu komplex ist das Thema.

        Ich hab vor einigen Monaten mal an einem Bahnhof eine Flasche Bier getrunken und wollte die leere dann aber nicht wegwerfen, sondern einem „Bedürftigen“ geben. Bekam ein „Danke“ dafür mit großen Augen und wir beide waren auf unsere Art und Weise zufrieden.

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        • du hast es erfasst , man kann die flaschen , sofern es pfandflaschen sind, gleich dem bedürftigen ( nun stellt sich wieder die frage woran erkennt man einen bedürftigen -nach der kleidung kann man nicht gehen) in die hand zu geben …

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  3. Auweh, sehr komplexes Thema. Geben oder nicht? Ist von Tagesform-, Geldbeutel- und Zigarettenschachtel-Zustand abhängig. Und von Freundlichkeit. Von frecher Lüge „sorry, ist die letzte“ bis „na klar, brauchste Feuer?“ (obwohl es die letzte ist und kein Geld für neue inne Täsch) geht alles. „Mir fehlen zwei Euro für…“ Janee, ich hab die grad über, Wodka oder Ticket, is doch ok. Alternativ lange Spaziergänge am Gleis, weil die „Profis“ nerven, denen ich ausweichen will.
    Richtig genervt hat mich mal ein Junkie, der mir aggressiv den letzten Zehner stibitzt hat, aber ich war auch schon mit viel Dankbarkeit konfrontiert.
    Spahn ist irgendwie Sarrazin reloaded (musste ich kurz noch loswerden).
    Frauen können lästern? Das ist mir ja noch nie aufgefallen (Zynismus off, sie sind Weltmeister darin. Oops, WeltmeisterInnen) :-)

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  4. Die Kommentare sind interessanter als der Beitrag.

    Aber der Beitrag istsehr amüsant.

    An jedem Sonntag spielt bei uns an der Brücke ein Akkordeon-Musiker. Er lächelt dabei so herrlich, man kann ihm richtig die Leidenschaft ansehen. Ich gebe ihm fast immer etwas, wenn ich an ihm vorbei laufe. Er bedankt sich sehr herzlich und wünscht mir alles Gute. JedeS Mal.

    Und auch sonst ist es so, dass ich gern gebe, wenn jemand etwas dafür tut und dankbar ist.
    Ein Problem habe ich mit Menschen, die provokant mit ihrer Münzentasse vor meiner Nase schütteln. Da geb ich nichts.

    Das mit den Tafeln und den Pfandringen ist ein besonderer Denkansatz, aus dessen Perspektive ich die Sache noch gar nicht betrachtet habe. Danke für den Denkanstoß.

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  5. Eigentlich wollte ich schon lange im Bett sein, aber ich habe mich an deinem Blog festgelesen. Auch mit der Stichwortsuche ‚Flüchtling‘ habe ich keinen Grund gefunden nicht mehr weiter zu lesen.
    Danke dafür, dass es noch politische Denkweisen gibt, die jenseits von Pegida oder Neoliberalismus unterwegs sind.
    Und danke auch für den Einblick in die Lästerschwestern. Auch wenn ich da etwas zwiespältig bin…
    Vielleicht nickt die brünette ja nur ab um schnell aus dem Theater flüchten zu können (bei Arbeitskollegen in einem Zug ein eher schwieriges Unterfangen)?

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  6. Immer wieder gut zu lesender Schreibstil 🙂
    …aber Frauenmagnet? …diese eher nach Mädels, denn nach Frauen klingenden Schönheiten fühlten sich wohl v.a. von dem freien Platz als dem Manne angezogen (was sonst sicher anders ist) und machen halt das, was Mensch so macht zur Selbstwertstabilisierung bis er/sie denn etwas erwachsener geworden ist

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  7. „damit sich “Abgehängte” nicht mehr über die Mülleimer beugen müssen, um den Wohlstandsmüll herauszufischen, dessen Pfandhöhe manchem zu niedrig ist, um die entsprechende Flasche am Pfandautomaten einzulösen“

    Der Pfandring dient nicht der Bequemlichkeit, sondern ist eine Erfindung, die die Würde (wühlt im Dreck anderer) und die Gesundheit schützt (schneidet sich beim Versuch, eine Dose heraus zu fischen an einer Scherbe).

    Er ist ein Anerkennen einer Situation, die sich nicht ändern lässt, die keiner ändern will, und ein Versuch, daraus das beste zu machen. In diesem Sinne ziehe ich ihn einem Schulterzucken vor.

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  8. Hat dies auf Geduldsprobe rebloggt und kommentierte:
    Reibachseppo, der mit grandioser Verschlagenheit durch den Erwerb eines Kaffees im Bordbistro und dem damit zugleich erworbenen Recht, seinen nach Menschenart mit sich geführten physischen Körper dort in Sitzhaltung aufzubewahren und natürlich transportieren zu lassen, durch Ersparung der Kosten einer Platzkarte einen Euro, was approximativ in etwa 100 Eurocent gleichkommt, hat dabei – und das verschwieg seine Bescheidenheit höflich – dabei ganz nebenbei eine nicht minder spektakuläre Geduldsprobe quasi im Preis enthalten, mit Bravour gemeistert! Es gelang ihm etwas, was selbst dem Erfinder, Pächter und Großmeister der Geduld (wie der Bescheidenheit), also dem Herrn G. Dull-Digga den größten Respekt abnötigt. Es ist ihm gelungen, von dem Bistrokaffee zu berichten, ohne in Wut und Wallung von der wahren Natur dieser Flüssigkeit fluchend zu berichten. Denn diese Plörre ist dermaßen plörrig, dass, gäbe es den Begriff der „Plörre“ noch nicht, derselbe hier erfunden worden wäre. Respekt!

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