Ein Münsteraner in Edinburgh

Das Finden unserer Pension hier in Edinburgh hat sich als deutlich schwieriger erwiesen als deren Suchen, doch darf der Leser aus dem bloßen Vorhandensein dieser Zeilen schließen, dass es meiner Mitbewohnerin und mir letztlich gelang.

Kalt ist es hier in diesem beliebten Städtchen Eddingbörg, das ich nicht müde so auszusprechen werde, um hier deutlich zu machen, dass ich ein Tourist aus Deutschland bin, wobei ich oftmals hinterherschicke:

„Don’t mention the war.“

Ich bin noch unschlüssig, welcher deutsche Tourist mir sympathischer ist. Der, der auf Eddingbörg beharrt, oder der, der bei jeder Gelegenheit jedem ungefragt demonstriert, dass er mit der korrekten Aussprache durchaus vertraut ist, auch wenn selbst er sie nicht holperfrei über die Lippen bekommt: Edinbroooow. Den nächsten Klugscheißer werde ich darüber aufklären, dass es mindestens vier Aussprachen gibt. Grundsätzlich tendiere ich aber zum ehrlichen Touristen, der sich nicht anbiedert. Eine Lehre aus meinem bisherigen Leben, vor allem aus dem Beobachten anderer Menschen: Anbiedern führt höchstselten zum Erfolg und ist würdelos.

Mit Ihrer Erlaubnis fasse ich mich heute etwas kürzer, als Sie es von mir gewohnt sind, da ich – mit Verlaub – besseres zu tun habe als zu schreiben, obwohl Eddingbörg ganz offiziell die Weltliteraturhauptstadt ist, und ich es mir nicht nehmen lasse, in dieser besonderen Atmosphäre selbst ein paar Sätze zu verfassen, zumal das seppolog inzwischen für mich selbst ein kleiner Erinnerungsschatz geworden ist, der stetig wächst. Und so sitze ich gerade im Beisein meiner Mitbewohnerin in einer Bar unweit des Writer’s Museum, um die Atmosphäre zusätzlich aufzuladen. Beide trinken wir – das dürfte wohl klar sein – Whisky. Und ja, tatsächlich, ich spüre die Anwesenheit eines Sir Arthur Conan Doyles wie auch die Robert Louis Stevensons, beider Autoren, deren Werke ich gerne verschlang. Sie stehen vor mir, mustern mich, schütteln ihre Köpfe und ziehen weiter. Ich bin eben keiner von ihnen.

In diesem Moment liest meine Mitbewohnerin Stephen Hawking, der zwar kein Schotte war, aber immerhin einen Cousin dritten Grades in Edinburgh hatte, sodass das in Ordnung geht. Herr Hawking hat diesen Planeten verlassen und eine Botschaft hinterlassen: Wir werden alle sterben. Wegen KI. Ich hätte also heute dann genauso gut abstürzen können.

Ich fliege weder häufig noch gern, doch sitze ich noch weniger gerne in einem Bus, der etwa elf Stunden nach Eddingbörg gebraucht hätte, sodass ich wieder einmal mit schweißnassen Händen in einem Flugzeug saß, dieses mal in einem von „Eurowings“, das ich kurz vor dem Start ausführlich musterte, um eventuelle Schäden nicht erst in der Luft festzustellen. Während die Stewardess uns erklärte, wie man die Schwimmweste anlegt, sah ich aus dem Fenster, da mir vollkommen klar war, dass ich im Falle eines Absturzes ins kalte Wasser mit absoluter Sicherheit vergessen hätte, in welches Röhrchen man bläst, um die Weste mit der mich tragenden Luft zu befüllen, die ich sowieso nicht unter meinem Sitz gefunden hätte, weil es mich ja vorher schon aus dem brennenden Wrack herausgeschleudert hätte. Und was ich beim Blick aus dem Fenster sah, war für mich Grund genug, alle Poren meines Körpers aufzureißen, um nasskalten Panikschweiß auszudünsten:

„Die klappert ja schon im Stehen!“, informierte ich meine Mitbewohnerin.

„Wer?“

„Die Tragfläche! Warum eigentlich sitze ich immer direkt an den Tragflächen?! Siehst du das da?! Das ist doch Klebeband!“

Tatsächlich war ich davon überzeugt, die Tragfläche sei nur durch Klebeband zusammengehalten und überhaupt machte die „Maschine“ einen schlechten Eindruck auf mich.

„Die kann unmöglich flugtüchtig sein. Wenn ich nicht einmal meine Lehne nach hinten stellen kann, wie kann ich dann erwarten, dass die Turbinen zuverlässig laufen?!“

„Du musst auf diesen Knopf drücken, dann klappt die Lehne nach hinten“, erklärte mir ruhig meine Mitbewohnerin.

„Knopf?! Ah, Knopf!“

Ich drückte und krachte nach hinten. Drehte mich um und sah in die verärgerten Augen der Passagierin hinter mir, die meine Lehne im Gesicht trug.

„Verzeihung, ich fliege nicht sooft. Bin eher der Bahnfahrer. Da übrigens kann das nicht passieren, da befinden sich die Lehnen in so einer Schale, da merkt der hinter einem Sitzende das gar nicht …“

„Sorry, no German!“

„Ach? Ja dann. Nun gut, train is better. Wie dem auch sei.“

„Seppo, entspann dich. Lehn dich nach vorn und lies was“, nun meine Mitbewohnerin etwas weniger ruhig, da ich ihr peinlich war.

Im Flugzeug lese ich traditionell das „Handelsblatt“. Zum einen bin ich zuhause in der Wirtschaftspolitik, die ich damals wirklich gerne studiert habe, und zum anderen erscheint das Blatt im „Tabloid“-Format. Ich kann es also aufklappen, ohne meinem Sitznachbarn dabei ins Gesicht zu schlagen, was meiner Mitbewohnerin auch gar nicht gefallen würde.

Wir starteten. Ich muss zugeben, dass ich mit dem Starten grundsätzlich gewisse Probleme habe. Daher habe ich das auch dem Kapitän überlassen, dessen eisernes Schweigen mich bis zur Landung beunruhigte, da ich es für möglich hielt, dass er gar nicht an Bord war.

Den Start überstanden, stellte sich auch bei mir eine gewisse Entspannung ein, zumal es nun einen Kaffee gab, mit dem ich dieses seltsame Käsebrot herunterwürgte, das plötzlich vor mir lag, während meine Mitbewohnerin neben mir schlief. Wahnsinn! Wie kann man angesichts des Todes so seelenruhig schlafen?! Oder war sie bereits tot?! Im vorauseilenden Gehorsam verstorben?

Gelandet in Eddingbörg falsifizierte sie diese Annahme zu meiner Erleichterung, sodass wir nun zu zweit einige Stunden in der Passkontrolle verbringen konnten. Und hier kam er langsam, aber sicher zum Vorschein:

Urlaubsseppo ™!

Gelassen ertrug dieser diese Wartezeit, wusste er doch, dass auf diese Weise das Gepäck auf ihn und nicht er aufs Gepäck warten musste. Und so kam es dann auch, dass wir einigermaßen zügig im Bus zur „Hampton Terrace“ saßen. Jetzt, einige Stunden später, dreimal fast durch fehlendes Umdenken auf den Linksverkehr überfahren, stelle ich zwei, drei Dinge schon mal fest:

Verbotsschilder gibt es hier mehr als in der Heimat, der man das ja immer gerne unterstellt.

Elektronisches Bezahlen ist hier deutlich weiter verbreitet als in Deutschland, was mir aber egal ist, da ich die hiesigen Banknoten unfassbar schön finde und mir schon für Zuhause einige fotokopiert habe.

Der Modestil entspricht voll und ganz dem Klischee. Jetzt sage auch ich: Raus aus der EU! Nicht mit diesen Nylon-Strumpfhosen bei zehn Grad!

Der „Lidl“ sieht aus wie der „Lidl“, wofür ich mich ich als Deutscher hiermit entschuldige. Aber dass sie ihn im Leopardenmuster-Look betreten, ist nicht unsere Schuld. Immerhin hat er hier „SB-Kassen“, der Lidl.

Ich weiß, dass ich Eddingbörg-Fans unter meinen Lesern habe, was ich heute bereits bei Instagram feststellen durfte, wo ich bis Montag sicherlich noch das eine oder andere Foto posten werde. So bekam ich bereits einige Sehenswürdigkeiten-Anregungen, jedoch bin ich hier leider nicht als Urlauber, um ehrlich zu sein. So werden wir nicht die nötige Zeit haben, uns alles anzusehen, aber gerade genug, um sicherzustellen, dass nicht der Lidl die Hauptattraktion bleiben wird!

Ich schließe, wie ich sonst immer auf Postkarten schließe:

Mündlich mehr.


17 Kommentare

  1. Interessant – „Edinbroooow“ kannte ich noch nicht. Sorry, dass ich mich gestern derart „anbiederte“ und „Edinbrrra“ schrieb, so geäußert von mehreren Ortsansässigen, darunter einer echten Bahnmitarbeiterin am Bahnhof „Haymarket“. ;-) Immerhin beherrsche ich die Aussprache. ;-) Eine Variante nur, ich weiß das nur zu gut, denn das ist mein Metier … ;-)

    Viel Spaß dort.

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  2. Jau, Edinburgh ist eine Stadt in Scotland … mit dem rollenden R und die Aussprache eines Stadtnamens ist (finde ich heute im fortgeschrittenen Alter) so unwichtig wie irgendwas … Hauptsache, man versteht es noch um welche Stadt es sich handelt.
    Das Englische ist doch sehr Sächsisch und die Angel-Sachsen waren es, die neben den friesischen Worten, die den deutschen Slang mitgenommen und in ihre Sprache implizierten. So tönt das Nein nicht N O sondern Nouw. Damit hatte ich schon in der Schule meine Probleme, weil ich den Unterschied zwischen einem nein / no und einem weiß / know einfach nicht hören konnte. Das KNOW wird N O (deutlich ausgesprochen nach den Buchstaben in Deutsch) gesprochen und Sprachunbegabte oder -ungeübte scheinen damit große Schwierigkeiten zu haben.

    Fliegen … ich finde es spannend. Da kann man alles aus der Vogelperspektive sehen und sogar Luftbilder machen. Wann kann man das schon. Ich finde das fliegen im Hubschrauber fast noch aufregender. Das ist Fahrstuhl mit Aussicht und Fortbewegung nicht nur in der vertikalen.
    Und ganz ehrlich: runter kommen sie alle … egal wie. …das will natürlich niemand erleben müssen und das stelle ich mir auch lieber nicht vor.

    Ich habe mal in einer Aeroflot an einer Tragfläche gesessen … deren Nieten sich bei jeder Windbewegung beim Anflug auf Moskau verdächtig vom Rumpf der Tragfläche lösten, um wieder in das Loch zurück zu rutschen. Da hatte ich tatsächlich etwas Angst. Im Angesicht eines bevorstehenden eventuellen Absturzes, konzentrierte ich mich auf die kommende Passkontrolle (das war in den 80er J.), die nicht weniger Schweißtreibend sein konnte.

    … wünsche schönen Aufenthalt … trotz Arbeit.

    Gefällt 1 Person

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