Ein Münsteraner in Edinburgh 2: Das Apartment

Schreibt man „Appartment“ mit doppeltem P, meint man den französischen Wortursprung und eine suite, was letztlich „Zimmerflucht“ bedeutet. Streicht man hingegen ein P, sind wir im Englischen und meinen eine Mietwohnung. Und in genau einer solchen, einer kleinen Ferienwohnung, leben in diesen Tagen meine Mitbewohnerin und ich – im ansehnlichen Edinbrrrraow.

„Klein?! Warum schreibst du ‚klein‘?! Die Wohnung ist riesig!“, protestiert gerade meine neben mir sitzende Mitbewohnerin, die offenbar eher auf meinen Laptop als auf ihre Zeitung lugt. Wer will es ihr verübeln?!

Aber Recht hat sie, diese Wohnung kann sich durchaus mit der messen, die sie und ich Anfang Dezember in Münster beziehen werden. Vergangene Nacht verschwand meine Mitbewohnerin kurz mal für kleine Mädchen, was unserem Getränkekonsum am gestrigen Abend geschuldet war. Übrigens sind für Harndrang meist Getränke verantwortlich. Wie dem auch sei, sie kam zunächst nicht wieder. Im Halbschlaf lag ich da und wartete, nicht ohne die Gelegenheit zu nutzen, mir einen Teil unserer Bettdecke zurückzuerobern, da wir hier lediglich über eine, dafür aber sehr breite verfügen. Die Minuten vergingen. Und dann kam sie. Lachte.

„Es ist irre! Ich hab das Schlafzimmer nicht mehr gefunden! Ich war in der Küche und suchte das Bett!“

Die Flure des Apartments sind nicht nur lang, sie sind auch labyrinthartig verzweigt. Im Dunkeln hat man quasi keine Chance, sich hier ohne „Google Maps“ zurechtzufinden. Und wo ich gerade Google erwähne: Die Funktionsweise unserer hiesigen Toilettenspülung musste ich tatsächlich ergoogeln. Ich kann nun nicht unbedingt sagen, ich wüsste jetzt, wie sie funktioniert, aber, sagen wir mal so, das Gröbste ist weg. Jedenfalls ist es mit bloßer, intuitiver Betätigung des kleinen Hebels am Spülkasten nicht getan. Überhaupt funktioniert hier in dieser Wohnung alles etwas anders.

Der Fernseher beispielsweise. Den brauchen wir nicht, aber er läuft trotzdem. Wegen massiven Schlafmangels durch meine Route Berlin-Münster-Edinbrrrraow schliefen meine Mitbewohnerin und ich nach Ankunft ein, zwei Stündchen in diesem Bett, das etwa vier mal sechs Meter groß ist. Geweckt wurden wir durch einen Mob Engländer, der vor unserer Apartmenttür stand und heftig klopfte. So jedenfalls empfand ich es im schlaftrunkenen Zustand, bis ich bemerkte, dass sich aus unerfindlichen Gründen der „Blaupunkt“-Fernseher eingeschaltet hatte. Es lief „BBC One“, offenbar eine Art „7 Tage, 7 Köpfe“.

„Warum guckst du Fernsehen?!“, fragte meine ebenfalls schlaftrunkene Mitbewohnerin, als sie nach langen Umwegen ins Wohnzimmer gefunden hatte, wo ich gerade versuchte, das Gerät abzuschalten.

„Ich gucke nicht. Er läuft einfach so. Er läuft wenig anlassbezogen gewissermaßen.“

„Vielleicht ein intelligenter Fernseher, der angeht, wenn man davorsitzt.“

„Ich saß ja aber nicht davor. Erst ging er an, dann saß ich davor.“

„Ein intelligenter Seppo! Der davorsitzt, wenn er angeht!“

„Wir müssen den Stecker ziehen. Wo ist der Stecker?!“, fragte ich nervös.

„Das Kabel verschwindet in der Wand. Da ist kein Stecker.“

„Und wenn man am Kabel zieht?“

„Ich ziehe keine Kabel aus der Wand. Es muss doch einen Schalter am Gerät geben!“

„Das ist ein ‚Blaupunkt‘! Die haben nicht einfach irgendwelche Schalter. Die müssten von selbst wissen, wann sie sich ausschalten.“

„Vielleicht gehen wir einfach aus dem Raum“, schlug meine Mitbewohnerin und Blaupunktversteherin vor. Also verließen wir das Wohnzimmer – und siehe da: Der Fernseher schaltete sich aus. Offen blieb und bleibt die Frage, warum er überhaupt erst anging. Das konnte ja so nicht angehen! Das geht Sie nichts an.

In diese Wohnung überhaupt erst hineinzukommen, war einiges an Geraffel notwendig. Zunächst erwiesen wir uns als einigermaßen unfähig, die Adresse zu finden, nachdem wir mit dem „Airline 100“ zumindest in deren Nähe gefahren waren. Auch hier half uns letztlich wieder „Google Maps“, das Haus zu finden, das – wie wir nun wissen – zwei Adressen hat. Weil es ein Eckhaus ist?! Ich kann es leider nicht beantworten. Von außen sieht es auch nicht so aus, als würde man es unbedingt dauerhaft betreten wollen, doch zum Glück ist es von innen saniert.

Halten wir kurz inne: Ja, Edinbrrrraow ist eine sagenhaft tolle Stadt und ich werde hier nicht mosern. Aber ich bin mir nicht sicher, ob die Stadt nicht insbesondere für Touristen schön ist, die eben nicht dauerhaft hier leben. Als Außenstehender, als Fremder oder Besucher, neigt man ja durchaus dazu, solche Orte lediglich als Kulisse zu betrachten. So gesehen ist die Stadt in der Tat atemberaubend. Allein, mir fehlen noch viele Eindrücke, da ich erst morgen tief in die Stadt werde eintauchen können. Heute stehen andere Dinge an.

Als meine Mitbewohnerin und ich nun das richtige Haus gefunden geglaubt zu haben, rief meine Mitbewohnerin, die besseres Englisch als ich spricht, die Vermieterin an. So war es abgemacht, denn sie sollte uns nun erklären, wie wir an den Schlüssel kommen. Das ist einigermaßen simpel, befand der sich in so einer kleinen Box an der Hauswand, die mittels eines Codes geöffnet werden konnte. Bisher lief also alles reibungslos, doch dann kam ich ins Spiel.

Wir betraten das Haus, gingen in die oberste Etage, wo wir Apartment 8 suchten und fanden. Meine Mitbewohnerin telefonierte weiter, ich hielt den Schlüsselbund, der über drei Schlüssel verfügte. Die Vermieterin wies meine Mitbewohnerin an, mich anzuweisen, nun das Schloss zu öffnen. Nur wenige Menschen könnten hier etwas falschmachen und ich gehöre zu dieser exklusiven Gruppe.

Ich bekam es mit drei Schlössern zu tun. Ich steckte jeden Schlüssel in jedes Schloss hinein. Drehte mal links-, mal rechtsherum. In so einem Moment, wo sich dann nichts tat an der Tür, hält man es durchaus für möglich, dass in diesem Land nicht nur auf der Straße Linksverkehr herrscht, sondern auch bei Dingen, die man dreht. Hektisch drehte ich jeden Schlüssel in sämtliche Richtungen. Merkte, wie das oberste Schloss plötzlich verkantete, der Schlüssel nichts mehr ausrichtete. Ahnte schon, dass ich die Tür allein dadurch blockierte und die verbliebenen zwei Schlüssel nichts mehr bewirken konnten.

„Wait a second, please, my husband destroyed the … he destroyed everything. I am so sorry“, hörte ich sie sagen und rief:

„In spe! Husband in spe! In spiii!“

In dem Moment gab das obere Schloss nach, wir kamen rein! „He’s always so dramatic!“, sagte meine Mitbewohnerin und bedankte sich bei unserer Vermieterin für die Geduld. Zur Belohnung gab es dann das W-Lan-Passwort.


 

7 Kommentare

  1. Wer reist, der kann was erleben, du scheinst ein seltenes Exemplar zu sein, Englaender sind nun einmal keine Deutschen und vermutlich werden sie auch keine werden, aber vielleicht werden wir Deutschen alle Afrikáner, mit Woodoo habe ich es noch nicht versucht, das ist die Zukunft, subkultuerelle Vermischung nennt es EU-Timmermann. Schluessel brauchst du da auch keine mehr.

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  2. Es geht mich vielleicht wirklich nichts an, aber der selbst angehende Fernseher könnte Teil einer weltumspannenden KI-Verschwörung sein, die die Kohlenstoffeinheiten über Schlaf- und Bewegungsmangel in Kombination mit weiterer Verfettung langsam und nahezu unmerklich ausrotten möchte. Vielleicht hilft es, als erste spontane Notmaßnahme, einen Karton über dieses Gerät zu stülpen.

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  3. Jau, Edinburgh ist eine Stadt in Scotland … mit dem rollenden R und die Aussprache eines Stadtnamens ist (finde ich heute im fortgeschrittenen Alter) so unwichtig wie irgendwas … Hauptsache, man versteht es noch um welche Stadt es sich handelt.
    Das Englische ist doch sehr Sächsisch und die Angel-Sachsen waren es, die neben den friesischen Worten, die den deutschen Slang mitgenommen und in ihre Sprache implizierten. So tönt das Nein nicht N O sondern Nouw. Damit hatte ich schon in der Schule meine Probleme, weil ich den Unterschied zwischen einem nein / no und einem weiß / know einfach nicht hören konnte. Das KNOW wird N O (deutlich ausgesprochen nach den Buchstaben in Deutsch) gesprochen und Sprachunbegabte oder -ungeübte scheinen damit große Schwierigkeiten zu haben.

    Fliegen … ich finde es spannend. Da kann man alles aus der Vogelperspektive sehen und sogar Luftbilder machen. Wann kann man das schon. Ich finde das fliegen im Hubschrauber fast noch aufregender. Das ist Fahrstuhl mit Aussicht und Fortbewegung nicht nur in der vertikalen.
    Und ganz ehrlich: runter kommen sie alle … egal wie. …das will natürlich niemand erleben müssen und das stelle ich mir auch lieber nicht vor.

    Ich habe mal in einer Aeroflot an einer Tragfläche gesessen … deren Nieten sich bei jeder Windbewegung beim Anflug auf Moskau verdächtig vom Rumpf der Tragfläche lösten, um wieder in das Loch zurück zu rutschen. Da hatte ich tatsächlich etwas Angst. Im Angesicht eines bevorstehenden eventuellen Absturzes, konzentrierte ich mich auf die kommende Passkontrolle (das war in den 80er J.), die nicht weniger Schweißtreibend sein konnte.

    … wünsche schönen Aufenthalt … trotz Arbeit.

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