„Mein März ist voll“

„Mein März ist voll“ ist mein persönlicher running gag während meiner Phase der Arbeitslosigkeit geworden. Ich war von Januar bis April dieses Jahres arbeitssuchend, wie es euphemistisch heißt. Diesen Begriff habe ich allerdings vermieden, wo es ging, so verlockend er auch ist.

Die bei gesellschaftlichen Anlässen unerträgliche Frage „Und, was machst du so, also beruflich?“ wurde mir derart oft gestellt, dass ich nach einigen Wochen schon im vorauseilenden Gehorsam smalltalk damit begann, rundheraus zu sagen, dass ich arbeitslos bin. Icebreaker! Denn viele wissen nicht, wie sie reagieren sollen, da sie eher einen hochspannenden Bericht über meine Arbeit erwartet hatten. Und so habe ich immer direkt dazuerklärt, dass es sich um freiwillige Arbeitslosigkeit handele, da ich mich – und jetzt kommt’s! – „neu aufstelle“. Das stimmte auch, ist aber auch irgendwie euphemistisch. Ich hätte ja auch sagen können, ich machte gerade ein sabbatical

Von der Agentur für Arbeit Münster-Ahlen oder Ahlen-Münster bekam ich im Februar den Befehl, mich in Hamm auf eine Stelle zu bewerben, die zugegebenermaßen tatsächlich ganz gut zu mir passte. „Bitte bewerben Sie sich umgehend“, steht in den Briefen der Agentur geschrieben, sodass ich natürlich umgehend bei Google Maps nachschlug, wie lange man wohl mit dem Auto von Münster nach Hamm brauche: keine halbe Stunde. Berufsverkehr: viele Stunden. Naja, dachte ich, vielleicht laden sie mich ja gar nicht zum Vorstellungsgespräch ein. Es gibt diese Bewerbungen, die schreibt man in der Hoffnung, bloß nie eine positive Antwort zu bekommen.

Weit gefehlt. Man finde meine Bewerbung „interessant“, man sei „neugierig“ auf mich. Das sind auch so Begriffe, die in der Regel sehr hohl sind, aber freilich nett gemeint. Und so schlug mir jene Kreativagentur mehrere mögliche Termine vor. Und nun war es ja nicht so, dass ich während der Arbeitslosigkeit Gefahr lief, in terminliche Schwulitäten zu geraten – ich konnte immer. Dennoch reagierte ich nicht auf diese E-Mail, da ich schon caine Lust hatte, den beschwerlichen Weg auch nur fürs Vorstellungsgespräch auf mich zu nehmen. Wie sollte das erstmal werden, würde ich dort täglich hinfahren müssen?! Hamm! Ich habe während meiner Pendelzeit Hamm zu hassen gelernt, da ich regelmäßig auf dem Hammer Bahnhof gestrandet war, wenn ich von Münster nach Berlin fuhr.

Natürlich ist mir klar, dass ein Anfahrtsweg von 30 bis 60 Minuten an sich kein Thema ist. Da klage ich auf hohem Niveau. Doch muss der Leser dazu wissen, dass ich mich in einer Lebensphase befand, in der ich bestimmen wollte, wie es weitergeht. Und eine Frage, die viele Arbeitssuchende kennen, spielte ebenfalls eine Rolle: Nimmt man wirklich den erstbesten Job? Klar, kurz vor ALG II nimmt man alles – aber auch im zweiten Monat der Arbeitslosigkeit? Man ist kein Bittsteller – man bietet Arbeit an und fragt sie eben nicht nach!

Den erstbesten Job also? Diese Frage stellt man sich selbst, man stellt sie nicht der Arbeitsagentur, denn deren Antwort ist klar. Doch zu dem Zeitpunkt der Einladung zum Vorstellungsgespräch war mir bereits entfallen, dass es sich um ein Stellenangebot vermittelt von der Arbeitsagentur handelte. Denn ein solches auszuschlagen sollte man sich seeeeehr gut überlegen. Warum? Weil manche Arbeitgeber der Arbeitsagentur Rückmeldung geben.

Einige Wochen später ereignete sich eine Kette unglücklicher Zufälle. Ich wollte nun endlich auf die Terminvorschläge mit einer Absage reagieren, zumal ich andere Vorstellungsgespräche anberaumt hatte, die mir sympathischer erschienen. Eine Werbeagentur in Münster hatte mir unterdessen so gut wie zugesagt, sodass ich von Hamm nichts mehr wissen wollte. Ich schrieb sinngemäß:

Da sich meine berufliche Situation geändert hat, muss ich Ihnen leider kurzfristig mitteilen, dass ich keinen der von Ihnen vorgeschlagenen Termine wahrnehmen kann.

Glatt gelogen.

Derweil schrieb ich Sabrina USA, jener in den USA lebenden Freundin, von den neuesten Bewerbungsfortschritten und eben dieser Absage. Mir war vollkommen klar, dass sie da ganz auf meiner Seite ist. Weit gefehlt.

Ob das klug war, Seppo?! War das nicht ein Stellenangebot von der Arbeitsagentur vorgeschlagen? Finden die das gut, wenn die rauskriegen, dass Du das einfach so ausschlägst?!

Verdammt. Stimmt ja! Das war vom Amt! Da ich ausgesprochen behördenhörig bin, wurde ich kaltschweißig-panisch. Und zu allem Überfluss klingelte nun das Handy. Eine Nummer, die mir unbekannt war, auch die Vorwahl mir ein Rätsel.

„Flotho?“

„Guten Tag, Herr Flotho. Mein Name ist Kahldach.“

Verdammt. Kahldach. Den Namen kannte ich.

„Ich wollte mal nachhaken; Ihre Bewerbung bei uns fanden wir sehr interessant und sind neugierig, Sie mal kennenzulernen. Ich hatte Ihnen eine Mail mit Terminvorschlägen geschickt. Ist da ein Termin für Sie dabei?“

„Äh, ja, also ich habe Ihnen vor drei Minuten tatsächlich eine Antwort geschickt [nach Wochen!]. Also es ist so, es hat sich bei mir beruflich einiges geändert.“

„Achso, Sie haben eine neue Stelle?“

„Nun, nicht direkt. Also es ist eher ein Anbahnen.“

„Ah, jetzt sehe ich Ihre Mail. Verstehe. Ja, das ist schade.“

Es war ein meinerseits unsouveräner Moment. Denn mit Sabrinas Erinnerung im Nacken, dass die Arbeitsagentur von meinem Manöver erfahren könnte, wurde ich plötzlich sehr flexibel:

„Frau Kahldach, also vielleicht könnte man sich ja doch mal zusammensetzen.“

„Ach, jetzt doch?“

„Ja, also Ihre Terminvorschläge … schwierig. Im März werde ich es nicht mehr schaffen … Ich schau mal eben nach … Mein März ist voll.“

Sein März ist voll. Der Arbeitslose sagt diesen albernen Satz „Mein März ist voll“. Also wenn ein März bei mir mal nicht voll war, dann ja wohl der März 2019.

Das Telefonat war unangenehm und endete damit, dass Frau Kahldach mir neue Terminvorschläge schicken wollte. Das ist bis heute nie passiert. Warum auch?! Da sagt einer per E-Mail ab. Drei Minuten später am Telefon will er doch, aber nicht im März, denn der ist ja voll. Hut ab, Seppo, würdevoll und souverän wie eh und je!

Sabrina, kein Witz: Die riefen gerade an. Ich hab dann doch zugesagt. Aber irgendwie auch nicht. Hab gesagt „Mein März ist voll“.

„Mein März ist voll“ traf genau ihren Humor und es kam nur ein

HHAHAHAHAHAHAHAHAHHAHAHAAH

zurück.

Ob die Agentur für Arbeit jemals von jener Kreativagentur eine Rückmeldung zu meinem Verhalten bekommen hat, weiß ich nicht. Tatsächlich macht die Arbeitsagentur Stichproben, hakt nach: Hat ein Kandidat sich wirklich beworben? Manche Arbeitsagenturen lassen sich von ihren „Kunden“ (so heißt man dort als Arbeitssuchender wirklich) genau Buch über ihre Bewerbungen führen. Ich habe das auch getan, allerdings nie vorzeigen müssen. Bewerbungen auf Stellenangebote, die die Arbeitsagentur vermittelt, muss man dieser bestätigen. Und man muss angeben, was daraus geworden ist. Dieses Feld ließ ich im Zusammenhang mit der Hammer Kreativagentur einfach offen. Was sollte ich ankreuzen? „Ja, es kam zu einem Vorstellungsgespräch, aber leider musste ich es absagen, da mein März voll war“?! Letztlich dachte ich mir, Frau Kahldach wollte mir ja neue Termine schicken. Hat sie nicht gemacht, selbst schuld, bin ich fein raus.

Es waren auch solche Dinge, die mich während meiner Arbeitssuche nicht ruhig schlafen ließen. Doch am Ende kann ich sagen:

Um einen neuen Job zu bekommen, wenn man eher schwammig qualifiziert ist (Geisteswissenschaften!), braucht es Glück. Denn man muss immer auch sein Gegenüber überzeugen, wofür man in einem Vorstellungsgespräch nur rund eine Stunde Zeit hat. Mindestens einmal war ich weit gekommen, schlug mich bei einem Probearbeiten sehr gut, bis man mir sagte, ich sei vielleicht doch ein bisschen zu alt (39!). Man hat nicht alles in seiner Hand, man muss dennoch das Beste geben und dann auf Glück und Zufall setzen. Und ich behaupte: Irgendwann ergibt sich diese Konstellation. Und im Nachhinein sage ich, meine Hammer Absage, so unsouverän und feige sie war, war letztlich richtig. Seit Mai habe ich einen Job mit einer Fahrrad-Anfahrt von 13 Minuten. Ich wäre doch doof gewesen, einen Job in Hamm anzunehmen – und dann auch noch in der Privatwirtschaft! Manche Risiken lohnen sich und auch als gegängelter Arbeitsloser hat man jedes Recht darauf, mit realistischem Blick das zu tun, was man will. Abschließend der Hinweis, dass sich die Arbeitsagentur mir gegenüber immer fair und freundlich verhalten hat. Ich ahne aber, dass das auch immer von der Dauer der Arbeitslosigkeit abhängt. Und weil nicht jeder im Thema ist: Die Arbeitsagentur ist nicht mit dem Jobcenter gleichzusetzen. Ein Jobcenter habe ich zu meinem Glück noch nie von innen gesehen …

Geschrieben am 21. September 2019.


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10 Kommentare

  1. also bei dem satz zu deinem alter von seiten deines potentiellen arbeitgebers hab ich jetzt doch leichte schnappatmung gekriegt – normal sind es ja immer die frauen die für irgendwas immer * zu alt * sind aber ein mann mit knapp 40 ! im großen und ganzen hast du mal wieder alles richtig gemacht ! dass du noch kein jobcenter von innen gesehen hast da kannst du dich wirklich glücklich schätzen und ich persönlich wünsche dir dass dir das auch für den rest deiner arbeitsfähigen jahre erspart bleibt – wer diese phase durchlaufen mußte hat garantiert keine angst mehr vor der hölle und ihren bewohnern – dieses klientel lernst du unter den sachbearbeitern zur genüge kennen. ich bin mittlerweile seit vier jahren zwangsverrentet und der zorn auf diese mitarbeiter ist bis heute nicht abgeflaut . nun wünsch ich noch einen schönen abend und alles gute fürs weitere leben … :)

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  2. Ich wollte nur mal sagen dass es großartig ist, dass du wieder da bist! Aus Angst, dass dein erster Beitrag nach so langer Zeit, der einzige sein könnte, habe ich 5 gesammelt und auf einmal gelesen 😎
    Ich kann verstehen dass es sich für dich immer gleich liest, aber ich mag deinen Humor und habe dich echt vermisst!

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  3. Ebenfalls von mir ein Großartig, dass Du wieder da bist. Und Glückwunsch zum neuen Job, der nur 13 Rad-Minuten entfernt ist. 13 ist aber eine unschöne Zahl, ich brauche trotz bekloppter Autofahrer 10 bis 12. Unter 10 ist schon saugut, wird aber selten erreicht …

    Und als hauptberuflicher Erbsenzähler habe ich etwas entdeckt, was für die Blog-Pflege vielleicht wichtig ist:

    “ … regelmäßig auf dem Hammer Bahnhof gestrandet war, wenn ich von Münster nach Berlin fuhr.“ …

    Auch wenn Du das D-Wort vielleicht aus Prinzip nicht in den Mund nimmst: Gemeint war wohl “ … von Düsseldorf nach Berlin …“ ??

    Nichts für ungut.

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