Das Horrorhaus von Detmold

Mit der folgenden Geschichte will ich nicht nur den inzwischen wieder entfernten und sehr, sehr kranken wie auch schlechten Text von gestern gutmachen, sondern auch etwas schildern, das sich am vergangenen Wochenende zutrug und auf wahren Begebenheiten beruht – wie so ziemlich alles hier. Voranstellen will ich auch den Hinweis, dass sich der Titel des Textes nicht auf das „Horrorhaus von Höxter“ oder das andere „Mordhaus“ in Detmold bezieht.


Samstag, 28. September. Von außen sieht das Haus, in dessen erster Etage sich unsere Unterkunft befindet, aus wie so ziemlich jedes Haus in Ostwestfalen: weiß verputzt, Fenster und Tür, unauffällig eben. Doch als sich uns eben jene Türe öffnet, blicken wir in den Abgrund des Grauens. Würden meine Mitbewohnerin und ich die kommende Nach überleben? Oder würden wir ganz wie es den Anschein hat im Keller dieses Hauses geschlachtet werden?

Meine Mitbewohnerin schellt. Wir warten. Nichts geschieht.

„Keiner da?“, frage ich, als würde meine Mitbewohnerin das wissen können. Ich deute auf den altmodischen Türklopfer aus möglicherweise Kupfer, das einen Hirschen formt mit einem Nasenring als Klopfer.

„Bambi“, sage ich, „Ist ja auch ein Klopfer.“

„Unsinn. Klopfer war das Karnickel“, sagt meine Mitbewohnerin.

„Ich habe ‚Bambi‘ nie gesehen. Klopf mal mit dem Klopfer.“

Meine Mitbewohnerin schüttelt den Kopf: „Wie kann man ‚Bambi‘ nicht kennen?!“

„Wie kann man den ‚Paten‘ nicht gut finden?!“, wehre ich mich schwach.

Meine Mitbewohnerin betätigt den Türklofper und unmittelbar danach öffnet sich die Tür. Ein unfassbar beißender Geruch erschlägt uns, während ich darüber nachdenke, wie lange die Frau am Rollator, die uns geöffnet hat, schon direkt an der Tür gestanden haben muss.

„Hallo, wir sind’s, die Flothos. Wir haben die Ferienwohnung gebucht.“

Die sehr alte Dame mustert uns. Erst sie, dann mich.

„Naja“, hebt sie an, „Wenn Sie meinen.“

Sie bewegt sich weg, qualvoll langsam, was weniger am Rollator selbst liegt als daran, dass sie mit diesem in dem schmalen Hausflur kaum zu wenden vermag. Krachend verhakt sich die Gehhilfe am Geländer der Treppe, die in den Keller führt. In den Keller des Grauens?!

„Warten Sie“, sagt sie.

Wir treten ein, während die Dame, die zweifellos eine der Quellen des sagenhaften Gestanks sein muss in einem Raum hinter dem Flur verschwindet.

Meine Mitbewohnerin blickt mich an und verzieht ihre Miene.

„Puh“, sage ich leise.

Wir sehen uns um. Intuitiv suchen wir nach Dingen, von denen dieser Geruch ausgehen könnte. Der Flur ist verdreckt und nur halb tapeziert; an einigen Stellen fällt Putz von den Wänden. An den Fußleisten türmen sich kleine Sandhäufchen auf.

Alldieweil wir warten, überlege ich, wie viel ich auf der anstehenden Hochzeit, die Grund unseres Aufenthaltes ist, trinken muss, um nach der nächtlichen Rückkehr in dieses Haus den Gestank nicht wahrnehmen zu können.

„So viel kann kein Mensch trinken“, flüstere ich meiner Mitbewohnerin zu, die meinen Gedankengang sofort versteht.

„Du schaffst das, Seppo“, spricht sie mir Mut zu.

Die alte Dame kommt wieder: „Meine Tochter kommt gleich“, sagt sie und dreht wieder ab.

Abermals warten wir. Ich würge kurz, als offenbar jene Tochter nun die Kellertreppe hochkommt. Sie begrüßt uns freundlich zwar, gibt uns aber nicht die Hand, worüber wir sehr glücklich sind. Denn auch sie macht den Eindruck, als würde hier nur zu Feiertagen gebadet.

Machen wir uns nichts vor: Hinter solchen Erscheinungen stecken meist bedauernswerte Schicksale. Der Tod Angehöriger womöglich, vielleicht sogar der von Kindern, die Menschen aus der Bahn werfen. Wir wissen es nicht und daher konzentrieren wir uns auf das Schicksal meiner Mitbewohnerin und mir.

„Sie gehen die Treppe hoch und dann die erste Tür rechts. Das ist Ihre Ferienwohnung. Wenn Sie W-Lan wollen – wollen Sie? …“

„Ja“, sage ich.

„Dann ist ‚fewodetmold2017‘ das Passwort für ‚fewodetmoldgast‘. Alles kleingeschrieben, keine Leerzeichen. Kaffee finden Sie in der Küche und das Licht vom Bad schaltet sich durch einen Bewegungssensor ein. Wollen Sie einen Stadtplan von Detmold?“

Nein, den lehnen wir ab, da wir lediglich zum Freilichtmuseum werden fahren müssen, wo die Hochzeit stattfindet. Und wer zur Hölle macht Urlaub ausgerechnet in Detmold?!

Und da die Tochter des Hauses nicht den Anschein macht, uns nach oben zu begleiten, stiefeln wir also alleine los. So wie wir hochgehen, geht die Tochter wieder zurück in den Keller.

Die Treppe ist ungewöhnlich steil, sodass ich schon vor meinem geistigen Auge sehe, wie ich in der kommenden Nacht an dieser Treppe scheitere und abgefüllt mit ‚Captain Morgan‘ aufs Gesicht falle, wie es mir so gerne passiert.

Der Anblick, der sich uns nun bietet, ist noch schlimmer. Der Flur der ersten Etage ist offenbar nur halb saniert worden. Der Boden teilweise neu verlegt, an einigen Stellen fehlt er ganz. Beim Öffnen unserer Tür habe ich die Klinke in meiner Hand.

„Weil du so stark bist!“, scherzt meine Mitbewohnerin, als ich die Klinke wieder reinschiebe.

„Das ist das Horrohaus von Detmold“, flüstere ich, „Die werden uns heute Nacht umbringen. Ich will dir ja keine Angst machen, aber das sind genau die Häuser, von denen man irgendwann auf ‚Bild.de‘ liest. Erst halten sie uns mehrere Jahre gefangen, dann schlachten sie mich ab, wonach dir die Flucht aus einem Kellerfenster gelingt. Du bist derart traumatisiert, dass du kein normales Leben mehr führen wirst und zum Ausgleich Tiere misshandelst oder so. Dann verfilmt ‚ServusTV‘ deine Geschichte, in der ich als seltsamer Trottel dargestellt werden, sodass du dich in unseren Entführer verliebst. Wegen Münchhausen-Syndrom. Er wird mehrere Kinder mit dir zeugen, aber alle aufessen. Genau so wird es laufen. Und was habe ich davon?!“

„Du wirst vermutlich drüber bloggen!“

Ja, das nehme ich mir vor: „Wenn wir hier wieder rauskommen.“

Ich öffne die Tür und zumindest ist der Gestank in unserem Domizil erträglich. Ich suche das Bett.

„Ich wette, die Betten sind voller Blut und Sperma“, male ich den Teufel an die Wand, treffe aber auf ein annehmbares Bett.

„Hast du Handtücher mitgenommen“, frage ich meine Mitbewohnerin.

„Ja. In der Tasche.“

Ich hole sie heraus und lege sie über die Kopfkissen. Auf diese Kissen will ich meinen Kopf ungern ungeschützt betten.

„Riechst du das Sperma?“, frage ich sie.

„Nein. Eigentlich nicht.“

„Weil sie alles fein säuberlich weggeputzt haben. Auch das Blut. Irgendwo sind sicher blutige Handabdrücke an den Wänden.“

„Nein. Sehe keine.“

„Weil sie alle weggewischt haben. Das sind Profis. Ich wette, dass sie das schon seit Jahrzehnten machen!“

„Was?“

„Na, das Entführen ihrer Gäste. Sieht auffällig sauber aus hier. Das kann mir cainer erzählen! Die kommen heute Nacht. Die kommen uns holen. Ich randvoll bin dir da keine große Hilfe, also den Helden spiele ich schonmal nicht. Ich nehme auch an, dass sie uns ein mit irgendwas getränktes Tuch vor die schlafenden Nasen halten, sodass wir von unserem Schicksal erst erfahren, wenn wir an Ketten gelegt uns im Keller wieder wiederfinden!“

„Seppo!“, ruft erschrocken meine Mitbewohnerin aus dem Wohnzimmer.

„Was ist?! Kommen sie jetzt schon?!“

„Hier ist ein Hund!“

Ich renne ins Wohnzimmer, in dem übrigens zwei Klappbetten stehen – und die sehen wirklich katastrophal ekelhaft aus. Mitten im Raum steht ein kleiner Hund.

„Ach guck“, sage ich und würde das Tier gerne streicheln. Allerdings scheint auch dieser Hund selten zu baden. Er stinkt und sieht auch so aus.

„Ob er sich wundert, dass er nie angefasst wird? Ist das traumatisch für einen Hund?! Hallo, Bello“, begrüße ich ihn, „Ob er wohl denen gehört, die aktuell im Keller gefangen gehalten werden?“

Es klopft.

„Es klopft!“, sage ich zu meiner Mitbewohnerin.

Wir gehen zur Tür, reißen die Klinke raus, schieben sie wieder rein und öffnen. Es ist die Tochter des Hauses, was nun auch Bello realisiert hat, da er dazukommt.

„Entschuldigung. Das ist Randy, unser Hund. Er sollte eigentlich hier nicht sein.“

Ich blicke Bello mitleidig an und plötzlich meine ich, wie er seine Lippen formt und „Verschwindet“ zu sagen scheint.

Samt Bello verschwindet die Tochter wieder, bevor ich auf den Klinkenzustand hinweisen will, da ich schon sehe, wie ich kommende Nacht die Klinke rausreiße und wir erst gar nicht in die Wohnung reinkommen.

„Der Hund hat ‚Verschwindet‘ sagen wollen!“, erzähle ich meiner Mitbewohnerin, „Der wollte uns warnen!“

Wir haben nicht viel Cait, uns weiter mit der Situation auseinanderzusetzen, da wir nun abgeholt werden. Die Schwester meiner Mitbewohnerin sowie ihr Freund fahren in einem „Jaguar“ vor. Beide haben eine Unterkunft in einem Hotel. Mit tollen Autos kann man mich nicht beeindrucken, aber in diesem Moment wünsche ich mir, in diesem Jaguar übernachten zu dürfen.

„Wenn ihr morgen nichts von uns hört, dann kommt bitte samt Militär hierhin und stürmt umgehend dieses Haus“, informiere ich die beiden.

„Warum?“

„Weil sie uns sonst abschlachten. Es stinkt darin nach Tod und Verderben, nach Kot und Kotze. Da war ein Hund, Bello, -„

„Randy. Er heißt Randy“, interveniert meine Mitbewohnerin.

„Nein. Bello. Ich bin sicher, sie sagte ‚Bello‘-„

„Bei dir heißt jeder Hund immer sofort ‚Bello‘!“

„Kein Hund heißt Randy!“

„Mein Kanarienvogel heißt Randy!“, sagt jetzt der Freund der Schwester meiner Mitbewohnerin.

„Dann kann der Hund ja nicht mehr Randy heißen. Und dieser Hund sagte zu mir ‚Verschwindet‘!“

„Mein Vogel macht piep.“

„Kanarienvogel und Jaguar passen irgendwie nicht zusammen.“

Nun, verehrter Leser, wie Sie feststellen können, lebe ich noch, was auch für meine Mitbewohnerin gilt. Gestern suchte ich noch nach Kundenrezensionen zu dieser Ferienwohnung, jedoch fand ich keine. Ich selbst werde auch keine schreiben, denn ich fürchte, wenn Mutter und Tochter mich als deren Absender identifizieren, werden sie kommen und mich holen!


Für mich und meine Mitbewohnerin geht es nun in den Urlaub. Stammleser erinnern sich womöglich noch daran, dass bislang jeder Urlaub hier auch Widerklang fand. Das wird auch dieses Mal so sein, zumal ich mir extra zu diesem Zwecke einen Klapprechner gekauft habe. Freuen Sie sich, wenn Sie in den kommenden zwei Wochen davon lesen werden, wie wir unsere Tage verbringen – in Rutztekostan! Vielleicht werden Sie ja erraten können, wo wir wirklich sind! Urlaubsseppo ™ ist zurück!


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30 Kommentare

  1. Na ja, der letzte Text war etwas peinlich, ist aber schon häufiger vorgekommen. Als Ansprechpartnerin für Gleichstellung fiel mir allerdings kein passender Kommentar ein, was mir sonst keine Mühe bereitet. Das Horrorhaus gleicht die Schlappe wieder aus, auf beiden Seiten…Mein bestes Übernachtungserlebnis dieser Art fand statt im Niemandsland vor Kassel und im Zentrum stand kein Hund, sondern eine popelgrün umkäkelte Klorolle. Nachts schloss ich als einziger Gast das Zimmer ab und lauschte einem heftigen Gewitter. Am nächsten Tag bekam ich aber ein tolles Frühstück. Was wollte ich sagen? Ach ja, schönen Urlaub!

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  2. schade dass du den kontroversen text von gestern rausgenommen hast -ich fand ihn nämlich durchaus lesenswert , mit dem horrorhaus kann ich nicht viel anfangen -solche erfahrungen hatte ich noch nicht machen *dürfen*. dann mal viel spaß im urlaub euch beiden ! :)

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