Abenteuer Rutztekostan (II) – Die Anreise

Das große Abenteuer beginnt: meine Reise nach Rutztekostan! Erleben Sie in den kommenden zwei Wochen spannende Berichte von meiner Forschungsreise bis mitten ins Herz der rutztekostanischen Raketenforschung! Seien Sie dabei, wenn ich einen tyrannischen Staat dabei unterstütze, zur Atommacht aufzustreben. Und finden Sie heraus, ob es mir gelingt, die verschollene Deutsche Berta Brot nicht nur zu finden, sondern sie auch zurück nach Deutschland zu bringen, was dereinst nicht einmal dem großen Helmut Schmidt gelungen war. Wird mir da ein diplomatisches Meisterstück gelingen? Werde ich am Ende derjenige sein, der Rutztekostan zurück in die Weltgemeinschaft holt?
1. Oktober, 5 Uhr

Wir sind wach. Das ungewisse Abenteuer Rutztekostan kann beginnen! Beide sind wir etwas nervös und daher schon eine halbe Stunde vor dem Klingeln des Weckers erwacht. Meine Mitbewohnerin fand nicht mehr in den Schlaf, da sie über die drohende Kaffeekrise nachdachte: In Rutztekostan gilt Kaffee als äußerst knappes Gut. Spontan entscheiden wir, sowohl Kaffee als auch unsere Kaffeemaschine mitzunehmen. Ich hingegen konnte nicht mehr weiterschlafen, da ich darüber nachdachte, ob es etwas geben könnte, worüber ich nervös nachdenken müsste. Es gab nichts. Und das machte mich nervös, denn eigentlich finde ich immer irgendetwas. Dass ausgerechnet ich dem anstehenden Abenteuerurlaub im autokratischen Rutztekostan so optimistisch entgegenblicke, könnte ein schlechtes Omen sein – „magisches Denken“ lässt grüßen.

Vor uns liegt eine lange Autofahrt quer durch Osteuropa. Fliegen können wir nicht, da schlicht keine Fluggesellschaft Rutztekostan anfliegt; Grund sind die Sanktionen gegen das Regime.

6 Uhr 30

Wir beladen das Auto. Und was Gepäck angeht, sind wir sehr deutsch. Und damit da keine Missverstädnisse aufkommen: Ich bewerte den Umstand sehr positiv, da ich nicht am Schlechtmachen des Deutschen durch den Deutschen teilnehme, da ich das schizophren und überaus lächerlich finde. Schon einmal darüber nachdedacht, unsere Eigenart einfach mal toll zu finden?! (Die eigenartige Lust auf Völkermord nehme ich da allerdings aus.)

Mit dem, was ich eingepackt habe, könnte ich auch problemlos auf den Inseln hinter dem Winde Urlaub machen – oder aber in der Arktis. Ich habe Flipflops dabei – aber auch Wanderschuhe. Ich kann wählen zwischen Sommer-, Übergangs-, aber auch Winterjacke. Und wie jeder anständige Deutsche verreisen wir nicht ohne einen beeindruckenden Vorrat an Lebensmitteln, da wir fürchten, trotz unserer eurobedingten, hohen Kaufkraft in Rutztekostan nichts zu bekommen, da abseits dortiger Propaganda bekannt ist, dass es so etwas wie Supermärkte dort nicht gibt. Man erhält dort so genannte „Zuteilungen“, auf die wir uns aber nicht verlassen wollen.

Mit meinem Koffer ist der Kofferraum bereits voll, was für Unmut bei meiner Mitbewohnerin sorgt:

„Hattest du vor, ohne mich zu verreisen?!“

„Wieso? Wollest du im Kofferraum mitfahren? Auf dem Beifahrersitz ist noch Platz genug für dich.“

Und dort sitzt sie dann auch, zusammen mit unserem Handgepäck und ihrer Reisetasche.

Die erste Etappe werde ich fahren. Wehmütig kehre ich Münster für zwei Wochen den Rücken. Und weil ich bei längeren Autofahrten immer ein Ziehen im Rücken verspüre, habe ich diesen dieses Mal mit einem Kissen ausgepolstert. Zu allem Überfluss hatte ich mir gestern beim Sport obendrein etwas im Rücken gezerrt.

8 Uhr 30

Erste Rast und Tanken. Ich frage mich, woher der Tankrüssel weiß, dass der Tank voll ist. Ich teste, was geschieht, wenn man das automatische Stoppen des Betankens ignoriert und weitertankt: Der Tank läuft über, Sprit spritzt auf meine Hose. Ich fühle mich unangenehm entflammbar und hoffe, dass das niemand ausnutzt. Daher erzähle ich auch meiner Mitbewohnerin nichts davon, die es sich nun auf dem Fahrersitzt gemütlich macht.

Nach dem Bezahlen schiebe ich ihre Reisetasche zu ihr herüber und nehme auf dem Beifahrersitz platz. Kann jemals ein Beifahrer auf dem Fahrersitz sitzen?

Seit Jahren plagen mich Schmerzen im rechten Bein, sobald ich länger im Auto sitze. Es ist jetzt etwas unspektakulär, aber wir haben soeben die Ursache dieses Leidens gefunden: Mein hinten rechts in der Hose steckendes Portemonnaie drückt offenbar auf lebenserhaltende Schläuche. Während ich diese Zeilen auf dem Beifahrersitz schreibe, liegt die Geldbörse vor mir und mein Bein ist schlagartig schmerzfrei.

9 Uhr 30

Wir haben den ersten Stau hinter uns, sind freilich noch auf einer deutschen Autobahn. Da ich gerade einigermaßen gedankenfrei bin, weise ich auf das Beitragsbild hin. Wenn Sie nicht zumindest leicht lächeln, haben Sie den Witz nicht kapiert. Ich helfe Ihnen auf die Sprünge: Sitzen Sie gerade im Büro? Oder im Kreise der Familie? Dann sprechen Sie mir nun laut nach:

„Ich habe geschurzt, ich mus weg.“

Ein LKW mit der Aufschrift „Schurz“ ist auf einer tristen Autobahn vermutlich das maximal Humorige, das einem überhaupt passieren kann, wessenthalben ich mich nicht beklage.

Ich mag es, mit dem Auto zu verreisen. Auf den ersten Kilometern noch den Radiosender „Antenne Münster“ gehört, empfängt man einige Hundert Kilometer später Sender, die man sonst selten hört. „Radio Eins“ vom RBB beispielsweise, eine Radiostation, die ich im Rahmen diverser Podcasts sehr gut kenne.

Und ich mag das Geräusch der Autos und LKW, die wir überholen, dieses leichte rauschende Heulen. Ich glaube, es sind Kindheitserinnerungen damit verknüpft, da meine Eltern mit mir und meiner Schwester oft mit dem Auto verreist waren.

Ich überlege, ein gekochtes Ei auszupacken. Denn auch das gehört für mich dazu, so als Reiseproviant. Was für ein seltsam gewöhnlicher Mensch ich doch bin.

„Großer Gott, mach das Fenster auf!“, ruft nun meine Mitbewohnerin. Denn Eier stinken.

Flüsterasphalt. Endlich. Regenabsorbierend obendrein! Denn es regnet schon die ganze Cait. In Rutztekostan gibt es keine Autobahnen. Wir wissen nicht einmal, ob es dort überhaupt asphaltierte Straßen gibt.

Jetzt holen wir „Die Ärzte“ raus!

11 Uhr

Toilettenpause. Meine Mitbewohnerin isst ein lowcarbes Brot. Einen ganzen Laib. Nachdem wir Deutschland hinter uns gelassen haben, habe ich durchgehend Internet, was das Bloggen erheblich erleichtert. Wir liegen seltsam gut in der Cait, was uns entgegenkommt, da Czrikos um absolute Pünktlichkeit gebeten hatte. Czrikos ist unser rutztekostanischer „Reisebegleiter“. Man darf sich das wohl wie eine Reise nach Nordkorea vorstellen, wo man auch nicht aus den Augen gelassen wird. Czrikos nimmt uns direkt am Schlagbaum in Empfang, wie er mir bei unserem letzten Telefonat mitgeteilt hat. Ab da werde ich meinen Klapprechner verstecken müssen, da eine Bedingung unserer Einreisegenehmigung ist, dass wir cainen Kontakt zur Außenwelt pflegen. Zudem weiß ich nicht sicher, ob wir vor Ort Zugang zum Internet haben werden.

Das Navi zeigt uns einen Stau auf unserem derzeitigen Rastplatz an. Außer uns ist allerdings niemand hier. Man fragt sich, woher Google zu wissen glaubt, dass es sich hier staue. Womöglich gerade deshalb, weil unser Navi derzeit die einzigen Daten von diesem Ort liefert – und die Daten zeigen an, dass wir stehen. Errechnet Google daraus einen Stau? Was also geschieht, wenn wir uns jetzt in Bewegung setzen? Testen wir es, denn wir setzen unsere Fahrt fort, der Laib ist verspeist. Tut dies zu meinem Gedächtnis.

Tatsache: Kaum dass wir losfahren, wird aus dem rot eingefärbten Stau orangefarbener, zähfließender Verkehr. … Wir sind zurück auf der Autobahn.

Wir hören „Track 18“, offenbar ein Titel der „Ärzte“. Seit wir diese CD eingelegt haben, fährt meine Mitbewohnerin im Schnitt 20 km/h schneller. Was würde erst geschehen, wenn ich „Wizo“ einlegte?

Einige Stunden haben wir noch vor uns, doch ich schließe an dieser Stelle. Ich werde nervös. Seit dem Verlassen der Raststätte sehen wir drei schwarze Limousinen im Innenspiegel.

„Fahr mal bewusst langsam und rechts“, sage ich meiner Mitbewohnerin. Tut sie. Und auch unsere Verfolger bremsen ab und bleiben hinter uns.

„Müssen wir uns Sorgen machen?“, fragt meine Mitbewohnerin.

„Nein“, ich gewohnt lässig, „Das war zu erwarten. Sie lassen uns jetzt schon nicht aus den Augen. Vermutlich der rutztekostanische Geheimdienst.“

Ich glaube, das Abenteuer beginnt. Aber den Klapprechner muss ich in das Geheimfach unter die Bodenplatte legen. Drücken Sie uns die Daumen.


Lesen Sie hier im seppolog bald mehr zu dem Abenteuer Rutztekostan! Den ersten Teil finden Sie hier und mehr als 850 weitere Geschichten auf www.seppolog.com!

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