Junge Männer, die um Frauen werben

Screenshot_2016-01-03-12-12-23

Wann merkt man, dass man alt ist? Zumindest älter als Jüngere? Wann realisiert man, dass man eben doch nicht 20 geblieben ist, auch wenn man immer selbst von sich glaubt, sich das Jugendhafte bewahrt zu haben?

Ich selber bin absolut davon überzeugt, dass mein geistiges Alter dem körperlichen weit hinterher hechtet. Und das muss stimmen, denn kein vernünftiger Mensch würde das so offenherzig zugeben.

Doch auf der Rückfahrt aus Niedersachsen, Hameln ganz genau, wo wir Silvester verbracht hatten, wurde ich im Zug mit dem konfrontiert, was man als „junge Menschen“ bezeichnet. Ein Typ und ein Mädel, kein Pärchen, haben uns auf unserer Rückreise unfreiwillig zwar, aber sehr gut unterhalten.

Ich rege mich ja hier und da über den Gebrauch von Anglizismen auf, ganz einfach, weil es albern ist. Ich bin damit sehr alleine, ich weiß das und bringe mich eventuell deshalb um. Aber noch nicht heute. Denn meine Mitbewohnerin, die im Zug neben mir saß, hat das Gespräch der jungen Nachwuchsmenschen in Teilen protokolliert. Denn sie weiß inzwischen, was ich verwerte und was nicht. Und das verwerte ich mit Sicherheit. Jetzt.

Der Junge, der gerade frisch studiert, wenn ich das richtig seinem Gespräch entnommen habe, hatte irgendwann die „Beats auf voller Lautstärke“, was seiner „Sis und der Ma der Sis“ nicht gefallen hatte. Und das regte ihn „fucking auf“, was nur verständlich ist. Obwohl es genau das nicht ist. So reden sie heute offenbar. Er sah gar nicht danach aus. Was zeigt, dass ich das gar nicht einschätzen kann.

Seine Sis habe aber letztlich für ihn Partei ergriffen, was er richtig „cute“ von ihr fand, womit er natürlich absolut Recht hat, ist ja wirklich ein netter train seiner „Sis“. Zumal nebenbei im Fernsehen etwas lief, was wohl „deep shit“ war.

Nicht verstanden habe ich die Passage, in der er erzählte, dass er seine „energy-dosen nur an gepflegte menschen auf konz“ gebe. Meint er wirkliche Dosen? „Red Bull“? Oder die Dosis seiner Energie?! Und was ist „konz“?! Hier wird deutlich, dass es durchaus Sinn ergibt, wenn sich eine Gesellschaft auf eine Art gemeinsame Sprache einigt. Vielleicht hat er Welt bewegendes von sich gegeben, das aber auf immer unverstanden bleibt! Und dann sagt er dem übrigens aus Russland stammenden Mädel: „Bei dir is eher so waking up“. Kapier‘ ich auch nicht. Dass sie nicht schläft, ist offensichtlich, klar ist sie wach! Zumal er ihr ja tolle Geschichten erzählt. Und sie werden noch intimer. Er hat Ärger mit seinen „parents“ und überhaupt neige er dazu, Menschen gegenüber zu heucheln. Aha. Nun wird es interessant, denn das Mädel hakt nach.

„Heuchelst du auch mir gegenüber?“

Ich blicke zu den beiden herüber, verliere jede schamhafte Diskretion. Denn das würde mich nun auch durchaus interessieren. Und er, völlig ehrlich: „Ja.“

Das gibt dem Gespräch eine Wende. Vorher hatte ich den Eindruck, zwischen den beiden entwickelt sich etwas, das auch in seinem Interesse war. Das war offensichtlich, wie er sich an sie ranschmiss. Aber hier hätte er lügen müssen. Idiot! Zuviel der Ehrlichkeit. Sie verliert jedes Interesse an ihm, das Gespräch erlahmt. Welche Frau wird schon gerne belogen? Bumms. Jetzt bräuchte er ne „energy-dose“, hat aber offenbar keine.

Wenn Männer, junge Männer, sich an Frauen ranmachen, um sie werben, verhalten sie sich meist idiotisch. Ich kenne das von mir. Ich bin ein Musterbeispiel der Idiotie in diesem Zusammenhang. Mitunter verliert man auch ein wenig an Würde. Immer dann, wenn man sich zugunsten der Frau verbiegt und es mit der Aufmerksamkeit für diese maßlos übertreibt, was gerade von außen betrachtet ausgesprochen trottelig wirkt. Wenn mann dann noch anfängt, der Frau übermäßig viele Geschenke zu machen, wird’s peinlich. Und das beste: Mann weiß es in dem Moment, es ist einem aber egal. Denn mann hat ja ein Ziel. Vermutlich ist dieses Werben um das andere oder manchmal auch gleiche Geschlecht in uns Männern drin. Die ganze Tierwelt ist ja auch ein Werben, warum sollte es beim Menschen anders sein?! Vielleicht ist aber auch diese manchmal tölpelhafte Aufmerksamkeit das, was Frauen dann „süß“ nennen. Wir Männer tun dann so, als würden die das Attribut „süß“ ablehnen. Aber da wir natürlich wissen, dass „süß“ bei Frauen positiv in ihrer Konnotation besetzt ist, freuen wir uns insgeheim darüber. Und gewichten es dann noch viel stärker, als es gemeint war.

So gesehen hat sich der junge Mann im Zug gar nicht so übel verhalten; er hat ihr nicht nach dem Mund geredet, seine Würde behalten, das Mädel aber verloren. Sie haben eh nicht zueinander gepasst, soviel kann ich mit meiner Altersweisheit im Rücken beurteilen.

Merken Frauen es eigentlich, wenn Männer plötzlich auffallend aufmerksam sind? Deuten sie es richtig? Genießen sie es gar? Nutzen sie es aus? Vermutlich gibt es solche und solche, auch ich habe beides erlebt. Und schätze die Frauen, die es freilich nicht ausnutzen.


Von einem Besuch meiner Facebook-Vertretung rate ich weitestgehend ab!

Seppo_logo

32 Kommentare

  1. Wie könnte eine Wortfetischistin wie ich in Frieden weiterleben, ohne zu wissen, was „auf konz“ bedeutet?

    Vermute, eine anglizierte Schreibweise hilft weiter. Er sagte „auf cons“. Kann heissen „auf Konzerten“, eventuell auch an „Real-Life-Meetings“, welche durch Internetgruppen und -foren veranstaltet werden.

    Man sieht, auch ich bin ganz minim aus dem Alter und dem entsprechenden Vokabular heraus gewachsen. Aber wenigstens der Mittagsschlaf ist jetzt gesichert.

    Gefällt 3 Personen

  2. Oh wow – ich hoffe mal ganz stark, dass du da grade an einen Ausnahmefall geraten bist. In meinem Freundeskreis (alle 20 bis kurz vor der 30) redet niemand so. Ich habe auch noch nie jemanden getroffen der so redet.
    Sollte ich nach dem Studium plötzlich kopfüber in eine Arbeitswelt voll solcher Leute stürzen, behalte ich mir das Recht vor mich ebenfalls vorzeitig „abzumelden“.

    Gefällt 2 Personen

  3. Bis auf ganz wenige Ausnahmen, nutzen alle Frauen aus, wenn der Mann sich zu sehr verbiegt. Also einfach nicht verbiegen! Bleib du. Einfaches Rezept.

    Ich habe bei Fernsehfilmen oft gedacht, dass diese Jugendsprache übertrieben dargestellt wird, Aussprache und Stimmlage, aber in unserem Ort gibt es auch Leute, die so reden.
    Ich finde es grässlich!

    Gefällt mir

  4. Wenn ich „jugendlichen“ zuhöre, denke ich oft sie sprechen eine ganz andere Sprache und fühle mit meinen Eltern, welche die Augen verdrehten als mein älteres Geschwisterchen mit Cool und Geil daherkam.
    Das „traurige“ daran, sie merken nicht, dass ihnen diese selstamen Reden einiges verbauen, da sie zwischen Privat und Beruf nicht unterscheiden können und auch in der Lehrstelle (bei Euch Azubi) so daherreden, womit ihr berufliches weiterkommen in der Firma meist schon im Sterben liegt, bevor es angefangen hat.

    Zu weit ausgeschwiffen, witzig nur das es in Deutschland die Stadt Konz gibt, bei Reihnland-Pflaz: https://de.wikipedia.org/wiki/Konz

    Zu Deinen Fragen, ich mag es nicht wenn Männer plötzlich „super Aufmerksam“ sind, in der „Werbungsphase“ gibt es dann ein „böses“ Erwachen, wenn es zur Beziehung kommt, immerhin verliebt man sich ja auch aufgrund von Nettigkeiten, weil man Interesse des anderen spürt, welche dann „verschwindet“ … Wäre mein „Galan“ plötzlich ungewohnt Aufmerksam würde ich denken er hätte was „verbockt“ …

    Gefällt 1 Person

  5. Vorweg sei gesagt, mit deiner Abneigung gegen Anglizismen bist du definitiv nicht alleine es ist halt einfach bescheuert. Dann muss gesagt werden, egal wie jung jemand ist, es gibt jüngere die die augen verdrehen wenn sie anderen zuhören, sprich es gibt solche und solche. Manche sprechen so lächerlich das es einem selbst schon peinlich ist nur vom zuhören. Aber ansonsten unterhaltsam geschrieben wie so oft und du bzw. Wir werden nicht alt, wir sind alt weißt du doch 😉

    Gefällt 1 Person

  6. Sowas versüßt einem doch den Nachmittag! 😀 Ich schwanke zwar bei solchen live erlebten Situationen irgendwo zwischen Autoaggression und Lachkrampf, lese aber echt gerne von der subjektiven Wahrnehmung solcher Gespräche.

    Gefällt 1 Person

  7. Da ich täglich viel mit jungen Leuten zu tun habe, freute mich dein Beitrag. „Auf Konz“ sein, könnte heißen, „voll konzentriert sein“, „dabei sein“ „bei der Sache sein. ich dachte auch an „Konstanz“, die *absolutely* Modeuni unter den jungen Leuten.
    Meine Anglizismen sind auch wach dabei(wie du siehst. Und das Wort „süß“ erfreut sich einer Revolution in der Mädchenwelt(und im Echo dann bei den Jungs).
    Das Adjektiv wickelt tatsächlich die Mädels um den Finger. Es hat bei diesem Mädchen aber nicht gereicht. Schade, dass das Mädel das Geständnis, dass der Junge im Zug nicht immer aufrichtig ist, nicht zu schätzen wusste.
    Denn: WER ist denn schon immer ehrlich?Gar redlich? Eine Illusion, das zu glauben. HIER hätte es der Beginn einer guten Beziehung werden können.
    Wie schade, dass der Kontakt dann abbrach und damit die Kommunikation.

    Merci für deine Mitschrift und den Artikel.
    Ich lese dich ja eh schon länger hab‘ dich aber jetzt verlinkt, da ich ja nun bei wordpress bloggen muss..

    Herzliche Grüß‘
    die Mizzi

    Gefällt 1 Person

  8. Sprache ist ja lebendig und auch wenn ich die deutschen Ausdrücke bevorzuge, fallen mir selbst manchmal die englischen zuerst ein. Das liegt daran, dass ich viel in englisch lese und mir Serien und Filme gerne im O-Ton anschaue. Wenn die Gedanken im Kopf dann schon englisch sind, merke ich gar nicht, dass sich die Sprachen dann vermischen. Ich glaube, er meinte wohl auf Cons, also auf Conventions. Sahen die 2 aus wie Cosplayer?

    Gefällt 1 Person

  9. Ich hatte in meinen insbesondere heterosexuellen (aber auch queeren) und auch freundschaftlichen Konstellationen immer Schwierigkeiten Geschenke anzunehmen oder mich einladen zu lassen. Was dann auch oft missverständlich als Kränkung gedeutet wurde. War nicht so geschickt von mir. Aber ja der Unsbhängigkeit halber. Liebe Grüße, EJ

    Gefällt 1 Person

  10. Hat dies auf grassrooots rebloggt und kommentierte:
    https://seppolog.com/2016/01/03/junge-maenner-die-um-frauen-werben/

    Merken Frauen es eigentlich, wenn Männer plötzlich auffallend aufmerksam sind? Deuten sie es richtig? Genießen sie es gar? Nutzen sie es aus? Vermutlich gibt es solche und solche, auch ich habe beides erlebt. Und schätze die Frauen, die es freilich nicht ausnutzen.

    Ganz ehrlich- Ja, ja, ja und ja. Ist dieses gesellschaftlich wohl etablierte Spiel des Aufmerksamkeit-Suchen-und- Geben nicht eine direkte Folge des Evolutions-Drucks oder vielmehr elementarer Teil des Seins? Lässt sich Aufmersamkeit-Suchen-und Geben irgendwie vermeiden – (was ich nicht glaube) und falls doch – warum sollte man?
    Fangen wir doch mal mit der ersten Frage an (mir ist heute so rebellisch zu Mute…)– „Merken Frauen es eigentlich, wenn Männer plötzlich auffallend aufmerksam sind?“ Die Antwort ist hier schon impliziert- auffallend aufmerksam. Also wenn jemand so auffallend aufmerksam ist, dass es auffällt, ist es relativ wahrscheinlich dass es Frauen auffällt.
    Interessant (und kompliziert und Stoff aus dem Ratgeber-Landschaften und Frauenzeitschrift-Wüsten gemacht sind) wird es dann, wenn es eben nicht auffallend ist. Oder nicht auffallend genug, dass es so auffallend wäre, dass es auffallen würde. Ich persönlich werde in solchen Kontexten gerne als „naiv“ bezeichnet oder – meiner Ansicht nach viel treffender – auf dem romantischen Auge blind. Ich verstehe Avancen nicht, halte Nett eben für Nett und Aufmerksamkeit ist ja nicht gleich sexuell konnotiertes Gefieder-Aufplustern. Oder doch? Gegenfrage- wenn ein Mann auffallend aufmerksam ist- will er denn dass das auffällt? Oder schafft er nicht, dass er aufhält was auffällt?
    Genießen sie es gar?
    Klar. Solange die Aufmerksamkeit nicht zu Aufdringlich kippt ist doch Aufmerksamkeit, Höflichkeit und eventuell sogar Komplimente eine der größten Triebfedern unseres Handelns und Facebook-Nutzverhalten. Warum also nicht genießen, von einer Person das Gefühl vermittelt zu bekommen, interessant zu sein, ein nettes Gespräch zu führen… Abgesehen von dem Kontext, den ich jetzt mal ganz grob mit „Flirten“ umreißen möchte, ist Aufmerksamkeit etwas, worum „wir“ (jetzt mal gar nicht allgemein gesprochen) uns doch gerne bemühen (und einer der Gründe warum unsere Konsumgesellschaft so prima funktioniert)- Arbeitsplatz, Freundeskreis, Familie, Sportplatz, Kneipe- Aufmerksamkeit ist etwas Schönes und vor allem – wichtiges. Warum also nicht genießen?
    Gehen wir einen Schritt weiter von genießen zu ausnutzen. Auch hier muss ich sagen: ja, bestimmt schon mal vorgekommen.
    Das Gespräch am Laufen halten, die spendierten Getränke genießen, bis man (Frau) genug Komplimente bekommen hat und die Freundin in die nächste Bar weiterziehen will- und dann (maximal) mit einem höflichen Lächeln den Mann stehen lassen und in der nächsten Bar ein sehr ähnliches Gespräch nochmal von vorne beginnen… Klingt jetzt nicht unbedingt nach Science-Fiction, oder? Genau zu wissen, dass er XY aus dem Freundeskreis mehr wie nur freundschaftliches Interesse hegt, die nichtsahnende spielen, gleichzeitig das Interesse mit Nettigkeiten hier und da in diesem Schwebezustand am Leben halten, denn wer weiß, wann man mal nen Kerl braucht, der alles stehen und liegen lässt, um in der Stunde der Not rettend einzuschreiten… Wenn der Alkoholvorrat ausgebraucht ist, das Auto nicht anspringt, die Küche eingebaut werden muss, man dringend jemanden zum Fremd- oder überhaupt irgendwohin gehen braucht…Wie du ja selbst meintest- es gibt solche und solche. Und auch ich schätze sowohl Geschlechtsgenossen als auch im Allgemeinen Menschen, dies persönlich nicht so mit ausnutzen haben. Soziale Qualitäten und sowas. Mag ich irgendwie einfach…
    Um meinem eigenen Text ganz schnell wieder die Berechtigung zu nehmen: Ich habe keine Ahnung. Ich habe keine Ahnung was Frauen so denken, was Frauen so merken und was Frauen so tun. Ja, ich bin eine Frau. Ich versteh mich oftmals selbst nicht, wie soll ich 3.456.780.650 Frauen auf dieser Welt verstehen?

    Gefällt mir

Deinen Senf dazu!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s