audio Das Ende des Alleinseins I

alleineIch bin selber ob der Kamm-Anzahl überrascht.

Hoerbar_haare
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Vor rund drei Wochen sagte meine Mitbewohnerin zu mir:

„Ich gehe kurz in den Asia-Laden, brauchst du was?“

„Bring‘ mir Verstand mit.“

Dass sie einen Asia-Laden auf den Philippinen meinte, war mir nicht sofort klar, erst als sie aus Dubai via Facebook tickerte:

„Sind nun in Dubai gelandet. Es ist recht warm. Fliegen gleich weiter. Es gab Probleme mit dem rechten Tragflügel.“

Das schreibt sie so nebenbei, sodass ich Raum für Panik hatte: „Tragflügel? Probleme?“

„Er ist lose. Er hängt so ‚rum.“

„Du scherzt hoffentlich.“

„Das hoffen hier gerade alle im Flieger.“

„Muss ihn nun jemand festhalten?“

„Wir losen gerade aus.“

 

Es sind nun also dreieinhalb Wochen vergangen und in diesen Stunden sitzt sie abermals in einem Flieger, die linke Tragfläche festhaltend, was, wie ich höre, wohl sehr Kräfte zehrend, aber nun mal notwendig sei. Sie fliegt irgendwie rund 20 Stunden in mehreren Etappen, um dann morgen früh meiner Cait in Frankfurt im Main zu landen. Von da aus wird sie dann zu Fuß gen Düsseldorf ziehen, wo ich sie gerne in Acht Empfang nehme.

Und dann wird ein von mir ausgearbeitetes Programm abgespult. Über Programmpunkt eins lasse ich mich an dieser Stelle nicht aus, weise aber auf einen Stau hin, für den ich nichts kann, der aber beseitigt werden muss. Das sind natürliche Triebe, die sich mit jedem Foto, das sie mir zusandte, nur noch potenzierten.

Programmpunkt zwei war zunächst an erster Stelle, doch schien er mir für den Spitzenplatz etwas zu sehr auf mich bezogen. Manchmal erkenne ich meinen Egoismus. Manchmal nicht. Aber das macht mich menschlich. Also, Programmpunkt zwei: Enthaaren.

Ich trug rund 17 Jahre lang so gut wie kein Haar. Nicht oben, nicht unten, nicht in der Mitte. Ich bin glatt wie ein Aal, was sich auch auf meinen Charakter bezieht. Haare auf dem Kopf bin ich nicht gewohnt, erst seit etwa neun Monaten leiste ich mir Deckhaar (Wobei es so wenig ist, dass da im Grunde kaum etwas verdeckt wird, blanker Hohn, da von „Deckhaar“ zu sprechen.). Doch an den Seiten herrscht eine 0,8 Millimeter-Diktatur. Haare müssen beim Mann kurz sein; ich bin da sehr konservativ, aber letztlich ist es eine Geschmacksfrage; mir kann ja unmöglich alles gefallen. Aber mal im Ernst: Ein Pferdeschwanz sollte Frauen und Pferden vorbehalten bleiben.

Bittere Erkenntnis: Ich werde wohl nicht einmal eine Fußnote der Geschichte sein.

Reden wir nicht über Schwänze, ich habe das bereits hinter mir. Die Haare, es ging um Haare. Die sind nun drei Wochen lang gewachsen, einen knappen Zentimeter. Denn es ist meine Mitbewohnerin, die das Privileg hat, mich zu frisieren, was sie ausnehmend gut kann (nicht: eine Gans ausnehmend). Wenn Mitbewohnerin also nicht da, dann bleibt nur noch eine Schere zurück, mit der ich nicht unbedingt umgehen kann. Ich schnitt mir vor einigen Wochen reichlich ungeschickt in den eigenen Hals. Was mir aber lieber ist, als in fremde Hälse zu schneiden. Ich stand vor dem Spiegel und wollte ein langes, graues Haar aus dem Bart entnehmen. Dass es grau war, ist nicht so das Thema. Die Länge war da des Eingriffes Induktion.

Im Übrigen finde ich derzeit sehr viele graue Haare im Bart. Risse ich sie raus, wäre der Bart futsch. Und so ungerecht es ist, graue Haare sehen beim Mann nicht übel aus. Das sage nicht ich, das höre ich immer wieder von Frauen.

Ich werde bald grau sein. Interessant eigentlich. Mal ein Tapetenwechsel. Überhaupt breche ich derzeit vieles in meinem Leben auf. Tolle Phase für die ein oder anderen Einschnitte. Aber eben nicht in den Hals. Das war ungünstig, aber immerhin verfehlte ich die Halsschlagader. Ich hätte eine riesen Sauerei hinterlassen. Das Blut, die Haare. Nicht sooo schön. Zumal das Blut natürlich außerhalb des Körpers zweckentfremdet wäre.

Achtung, ich komme zum Punkt: Meine Haare sind nun so lang, dass ich (wieder) Käppi trage. Überhaupt ist meine Käppi-Sammlung mit mehr als 60 Käppis viel zu kurz gekommen, seit ich so etwas wie eine Frisur trage.

Da fällt mir ein: Gestern lief ich mit Regenschirm durch die Stadt. Ich nutzte nie Regenschirme, da ich eine wasserresistente Frisur hatte. Das Nasswerden ist mir an sich egal. Hat sowas männlich-animalisches, wenn man so durchnässt über irgendwas flaniert. Gut, man bekommt dann möglicherweise einen Schnupfen, aber das ist ein Preis, den es zu zahlen gilt. Wie dem auch sei, mit Regenschirmen kann ich also noch nicht so gut umgehen. Relativ schnell fiel mir auf, dass man vieles nicht mehr sieht. Ich lief in einen – Düsseldorf ist noch immer eine einzige Baustelle – Bauzaun, als ich meinen Eltern den neuen „Kö-Tunnel“ zeigen wollte.

„So, da ist der Tunnel“, sagte ich und – rumms. Heiteres Gelächter bei meinen Eltern, heiteres Gefluche bei mir, da eine Stadtführung unter einem Regenschirm nicht praktikabel ist.

Also, es ging hier um Programmpunkte. Sie wird mir nach Programmpunkt eins die Haare schneiden. Damit ich wieder barkopf vor die Öffentlichkeit treten kann. Ich bin da Opfer meiner Eitelkeit, aus der ich inzwischen keinen Hehl mehr mache. Empfehle an dieser Stelle einen neuen Zweig meiner Lebenseinstellung: Vieles ist vollkommen latte. Ich gehe nun entspannter durchs Leben, vorzugsweise durch meines, aber gerne auch durch das meiner Mitbewohnerin. Zwei Leben – eine Fusion mit Synergieeffekten, die nun auch der Konzern „Bayer“ sucht. In unserer Beziehung ist sie „Bayer“ und ich „Monsanto“. Monsänto?

Heute, als ich so dasaß und den gestrigen Abend nach dem EM-Spiel verdaut habe, fiel mir auf, dass ich mich nach drei Wochen an das gewöhnt habe, dem ich zunächst mit Unwohlsein gegenüberstand: an drei Wochen des Daseins ohne sie. Sooft kommt das bei uns nicht vor. Diese Wochen gingen erst zäh, dann schneller und dann völlig um, sodass ich mich sehr gut an die Strohwitwer-Bedingungen angepasst habe. Ihre Bettseite als Ablagefläche werde ich vermissen. Wachte heute morgen beispielsweise neben einer Keksdose auf. Auf Keks- werde ich also ab morgen wieder verzichten müssen, doch tausche ich gerne Keksdose gegen …

Mein Tagesrhythmus hat gerade in den jüngeren Tagen eine Verschiebung erfahren. Nach hinten. Ich ging zu völligen Unzeiten ins Bett, teilweise stand ich auf und traf mich im Bad beim Zubettgehen. Das hat mich verwirrt und an meinem Verstand zweifeln lassen, was mir vor Augen führt: Es ist sehr, sehr gut für mich, dass sie sich entschlossen hat, zur Kasse zu gehen und diesen überlangen Einkauf zu beenden.


Hier geht es zur überlangen Chronik.

14 Kommentare

  1. Dann mal erfolgreiche Räumung des Staus. 😛

    Was die Haare betrifft: Sosehr ich dich um das Grau im Bart – und um den Bart selbst, so gut wächst meiner nicht ^^‘ – beneide, so wenig versteh ich, warum du nicht Lara oder einen Profi an die Haare gelassen hast. Da bin ich bei der Schneekönigin. 😉

    Gefällt 2 Personen

    • Lara wuerde das ausnutzen. Barbier: Termin für einen Zeitpunkt bekommen, wenn SIE schon wieder hier. Außerdem traue ich nur ihr, keinem Frisör. Und letztlich waren es nur drei Wochen, zähneknirschend zu ertragen!

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