Das Dampfbügeleisen

bügeleisen

Ich habe mit zwei Frauen geschlafen! Erklärt das meine gute Laune? Gut, es fand nacheinander statt. Aber dennoch. Lagen auch ein paar Monate dazwischen. Aber das ist doch letztlich Traum vieler Männer.

Das ist keine Gemeinsamkeit, die Immanuel Kant und ich teilen. Aber eine andere, die teilen wir: Das ereignislose Leben, da die Sensationen im Kopf stattfinden. Anders als er jedoch habe ich meine Heimatstadt durchaus schon einmal verlassen.

Weil ich bald wieder ein viel beschäftigter Mann sein werde, vermutlich mehr als je zuvor, suche ich derzeit nach einer Putzfrau, die es unter exakt einer Bewerberin zu erkiesen gilt. Eigentlich nach einer Reinigungskraft, aber Putzfrauen sind günstiger und ehrlich gesagt will ich auch eine Frau, die hier über die Ordnung wacht. Sie soll nur wachen, das Putzen bleibt meine Aufgabe. Ich bin niemand, der Frauen fürs Putzen bezahlt. Ein ehrbarer Beruf, keine Frage, was ich allein dadurch in Zweifel ziehe, dass ich es extra erwähne. Aber ich ziehe es mitnichten in Zweifel.

Vor einer Woche hat sich Rosinante bei mir vorgestellt und ich musste, weil ich ja so belesen bin, unweigerlich an Windmühlen denken …

„Rosinante, darf ich sie hamburgisch siezen?“, frage ich die etwa Vierzigjährige.

„Ja. Sebastian?“

„So ist es. Es ist mir eine Freude. Sie sind übrigens die erste und einzige Kandidatin.“

„Damit nehmen Sie mir einiges an Druck!“, sie erleichtert.

„Richtig. Und bringe mich in eine schlechte Verhandlungsposition. Rosinante, Sie können putzen?“

„Nein. Ich bin Putzfrau und keine Putzfrau.“

„Perfekt. Denn Sie sollen hier nur wachen. Es geht mir darum, dass jemand sich permanent in der Wohnung aufhält und ein Auge auf die hier Wohnenden wirft, damit diese erst gar nicht auf den Gedanken kommen, mir hier Unordnung zu verursachen.“

„Ein interessanter Ansatz, Sebastian“, staunt sie gut, also nicht schlecht.

Und sie hat ja Recht. Denn dieser Ansatz basiert auf jahrelanger, empirischer Forschung: Oft ist es sauber, doch es sind nicht die Bomben, die für Unordnung sorgen, es sind wir selbst, die Menschen. Ich habe viel Fersengeld leisten müssen, um das zu realisieren.

Wörtliches Fersengeld leistete ich vor nicht einer Stunde, als ich nach einem wetterreichen Lauf Bargeld für den heutigen Abend „ziehen“ wollte. Man „zieht“ Geld, zumindest tut mein Vater dieses immer.

„Ich gehe mal Geld ziehen“, sagte er mir schon, als ich noch deutlich jünger und im Zuge dessen kleiner war. Ich kam dann oft mit und für mich war klar: Mein Vater hat einen tollen Job. Er zieht das Geld einfach. Leider wagte ich dann den Schritt in eine höchst unsichere Branche, kann aber auch Geld ziehen, nur nicht sooft. Kommt auf die Stückelung an. Übrigens hasse ich EC-Automaten, die einen nach der Stückelung der Scheine fragen. Das verlängert das Bargeldziehen um etwa ein Viertel der sonst üblichen Zeitistgeld.

Der Automat, den ich heute ansteuerte, war außer Betrieb, sodass ich tatsächlich meinen Lauf bis zur nächsten Filiale verlängern musste und das, obwohl ich unter Zeitdruck stand. Denn, nennen wir sie Katrin, gab mir auf mein Verlangen hin fünf Begriffe, die es gilt, hier unterzubringen. Es sind, soweit ich das überblicken kann, Begriffe, die ich hier noch nicht im seppolog benutzt habe, sieht man von „gemach“ einmal ab, denn der ist alltäglicher Teil meines Wortschatzes. Vielleicht findet der ein oder andere Leser diese für mich untypischen Begriffe hier in diesem Artikel.

Und außerdem ist da auch noch Rosinante und unweigerlich muss ich an ein Pferd denken. Sie war nun fünf Tage probearbeiten bei mir und Montag möchte ich ihr mitteilen, ob ich sie übernehme. Keine Frage, ihren Job erledigt sie sehr effizient. Aber das Leben in dieser Wohnung hat an Qualität erheblich eingebüßt.

Es fing harmlos an. Zunächst gaben meine Mitbewohnerin und ich uns nur wenig Mühe, die Ordnung aufrecht zu erhalten, was sich rächen sollte. Denn Rosinante nimmt ihre Wach-Tätigkeit sehr ernst. Anfangs wies sie uns nur bestimmt, aber freundlich darauf hin, benutztes Geschirr beispielsweise bitte umgehend in die Spülmaschine zu stellen oder eben abzuspülen.

Als ich es nach einem Lauf wagte, mit dreckigen Laufschuhen die Wohnung zu betreten, brüllte sie mich unvermittelt an.

„Hanebüchen! Sie wollen ein Saubermann sein?!“, kreischte sie, auch um einen der fünf Begriffe unterzubringen. Ich zog reumütig die Schuhe aus und sie blickte befriedigt rein. Wie immer, wenn ich Frauen einen Gefallen tue.

Am Donnerstag kam ich von meiner nicht vorhandenen Arbeit nach Hause. Eine schluchzende Mitbewohnerin fiel mir in die Arme, ihr Gesicht blutüberströmt.

„Großer Gott, was ist passiert“, frage ich, betont gelassen, um die Situation für sie so angenehm wie möglich zu machen, „Ich muss dich das fragen!“

„Ich habe keinen Untersetzer benutzt! Im Wohnzimmer! Sie ging mit deinem scheiß Dampfbügeleisen auf mich los!“

Ich komme nicht um ein Schmunzeln umhin, denn dieses Dampfbügeleisen habe ich ersteigert. Von meinem letzten Arbeitgeber. Da ich generell gerne viel Dampf erzeuge. Zu meiner ersten Bewerbung fügte ich Dampferzeugnisse als Anhang hinzu. Kam als Gag ganz gut an, war aber auch der Grund dafür, dass man mich nicht in die weitere Auswahl genommen hat.

Ich muss mal nachgucken, ob noch ein unterzubringender Begriff fehlt. Nein! Alle verbraten. Ich könnte jetzt hier aufhören, aber die Geschichte braucht mindestens ein unwürdiges Ende.

Frauen wecken bei mir, wie bei den wohl meisten gestandenen Männern, so etwas wie einen Beschützerinstinkt. Und so gehe ich ohne groß zu überlegen zu Rosinante, die gerade in der Küche wacht, und nehme sie in den Arm, sage:

„Rosinante, es ist nur halb so schlimm. Ein fehlender Untersetzer eben. Was soll’s. Das ist schnell weggewischt.“

„Ach, Sebastian, Sie sind so freundlich.“

Ich gehe zu meiner Mitbewohnerin, tadele sie und sage: „Siehst du, ich bin freundlich! Sei du es bitte auch, Rosinante nimmt ihren Job sehr ernst.“

Sie hat ein Einsehen, zieht mir dennoch den Schreibtisch-Chefsessel durchs Gesicht, was Rosinante gar nicht gerne sieht, da das Blut an die Wände spritzt. Und dann geschieht das, was selbst mich als Rosinante-Fan beirrt: Sie packt meinen Kopf (gottseidank habe ich einen badhairday) und schmettert ihn gegen die blutverschmierte Wand und ruft dabei:

„Blut neutralisiert Blut!“

Und sie hat Recht. Die weiße Wand wird wieder weiß.


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