Links gemusst

links

„Wir hätten da hinten links gemusst. Und ich sach noch. Links, sach ich noch“, sach ich, als mein linker Arm im Grunde schon bar jeden Gefühls war.

„Lasst uns mal kurz abstellen“, meint auch Pavel, mein bester Kumpel.

Wir stellen ab und ein Beobachter hätte das Aufatmen von sechs Menschen vernommen. Ein Aufatmen der Erleichterung. Der körperlichen Entlastung.

Maurice macht einen Vorschlag: „Wir gehen einfach unverrichteter Dinge nach Hause.“

„Ja, das kommt bestimmt gut“, sagt Pavel.

„Würde das Ganze zumindest unvergesslich machen“, pflichte ich bei, „würde ich bei meiner Hochzeit vor dem Altar erbrechen müssen, wäre das wenigstens unvergesslich. Kleine Katastrophen an Hochzeiten sind eigentlich gar nicht so schlimm. Alle Gäste würden noch Jahrzehnte später sagen ‚Ach, das war doch, als Seppo ihr das weiße Kleid vollgegöbelt hatte und sie danach mit dem Pfarrer durchbrannte!'“

Maurice: „Im Ernst. Ich wüsste nicht einmal mehr, wo entlang es zurück geht.“

Ich: „Maurice, ich hasse dich irgendwie.“

Er: „Was?!“

Ich: „Im Ernst. Allein dein Name. ‚Maurice‘. Bist du was Besseres?! Ich kann auch ehrlich gesagt deine Gesichtszüge nicht ertragen. Ich könnte dir den ganzen Tag in deine Visage schlagen. Sorry, aber ist so.“

Er: „Was willst du denn jetzt?“

Pavel: „Seppo hat aber nicht ganz Unrecht. Ich sehe das ähnlich.“

Orkoschol schaltet sich ins Gespräch ein: „Das ist hier nicht der richtige Anlass für derartige Konflikte!“

Ich: „Ich wette, Maurice ist dafür verantwortlich, dass ich gestern mein Parkticket bei Kaufhof nicht mit EC-Karte zahlen konnte.“

Maurice: „Was zur Hölle habe ich denn damit zu tun?!“

Ich: „Nichts vermutlich. Aber jemand, der so heißt wie du, der wird eben schnell mal Sündenbock! Damit musst du rechnen, wenn du dich auch noch so verhältst, wie du es tust.“

Pavel: „Auch hier muss ich Seppo beipflichten. Natürlich hast du nichts mit dem Parkticket zu tun, aber die Naturgesetze schließen einen Zusammenhang zwischen dir und dem kaputten Automaten auch nicht zwingend aus!“

Maurice: „Leute, wir haben hier einen Job zu erledigen. Stellen wir die Amo-, die Anonymi-, nein, die Amörosi- …“

Ich, sehr schlau und belesen: „Animoritäten!“

Orkoschol: „Nein! Animositäten!“

Maurice: „Genau, stellen wir sie hintan.“

Ich: „Ich gebe dir gleich hintan!“

Maurice: „Was passt dir denn jetzt daran nicht?!“

Ich: „Ich bitte dich! Hintan, das sagt man nicht, das schreibt man höchstens. Niemand sagt hintan! Aber natürlich, wenn man ‚Maurice‘ heißt, dann sagt man …“

Es donnert.

Klorofield: „Na toll. Es gewittert. Übrigens, um mich in euer Gespräch einzubringen, ich hieße gerne ‚Maurice‘.“

Maurice: „Was hast du gegen deinen Namen?!“

Klorofield: „Ich muss immer an Chlorhühnchen denken.“

Ich: „Wusstet Ihr, dass die TTIP-Gegner das Chlorhühnchen ganz bewusst als Symbol für den Widerstand gegen das Abkommen gewählt haben, obwohl es mit TTIP nichts zu tun hat? Sie haben etwas gesucht, womit sie die mitunter leider sehr dumme Masse gegen das Abkommen aufbringen konnten. Oder die Schiedsgerichte: gibt es schon lange! Und waren tatsächlich eine deutsche Idee. Aber so ist das, die Wahrheit und Fakten interessieren nicht mehr. Hauptsache, dagegen sein. Dass aber gerade Deutschland von Handelsabkommen massiv profitiert und Handelsabkommen schon immer Maxime deutscher Politik waren, interessiert niemanden.“

Maurice: „Das bringt uns gerade nicht weiter. Schreib‘ das in deinem Seppoblog, Spacko.“

Orkoschol: „Freunde, wann beginnt eine Leiche eigentlich zu stinken?“

Ich: „Orkoschol hat Recht. Wir sollten den Sarg nun endlich zum Ziel bringen.“

 

Wir wurden zu Sargträgern auserkoren, nachdem unser Freund Schoribald das Zeitliche gesegnet hatte. Mieses Aneurysma. Wir hatten noch gescherzt, ob ich mit meinem abgebrochenen Medizinstudium die OP nicht auch durchführen könnte. Denn auch meine Lektorin Katrin weiß, dass ich fast Kopfchirurg geworden wäre und gelegentlich säge ich hobbymäßig Köpfe auf, um Gehirnleiden zu lindern. Allerdings lässt meine schwache Erfolgsquote es nicht zu, das professionell zu tun. Schoribald jedoch fichte das nicht an und so kam es, dass ich seinen Kopf öffnete, um das störende Aneurysma zu entfernen.

„Du bist sicher, dass du das ohne Betäubung machen willst, Schoribald?“, fragte ich ihn gewissenhaft.

„Ja. Da oben sind keine Nerven. Da merke ich nichts von. Und wenn du dich verschnibbelst, kann ich dir Bescheid stoßen.“

„Hm, okay. Du wirst bass erstaunt sein, wie galant ich mich durch dein Gehirn bewege.“

Also schnitt ich hier und da, nachdem ich seinen Kopf geöffnet hatte. So eine Schädelplatte sieht leicht kurios aus, wenn man sie abnimmt. Wegen der Haare, die noch dranhängen. Ich war mir ehrlich gesagt sehr unsicher, ob die nachher wieder weiterwachsen würden, wollte Schoribald aber auch nicht verunsichern und behielt meine Zweifel für mich.

„Pass auf, Schoribald, ich glaube, ich habe es gefunden. Ich würde jetzt mal zum Schnitt ansetzen. Sag‘ bescheid, wenn eine Körperfunktion aussetzen sollte.“

„Okay … Halt! Ich sehe jetzt nichts mehr.“

„Ah, okay. Sehzentrum. Dachte, es wäre das Aneurysma. Ähm, ja, also morgen am besten dann zum Augenarzt. Ich versuche es mal weiter links. Sieht alles so gleich aus.“

„Oh, Seppo. Moment. Irgendwie schlägt mein Herz nicht mehr.“

„Nach dem Augenarzt dann also zum Kardiologen. … Schori? Hallo? … Ach, verdammt. Schon wieder ein Griff ins Klo.“

 

Wir brechen mit dem Sarg von der Kapelle Richtung Grab auf. Und kommen eben so ins Quatschen. Und irgendwann sagt Klorofield:

„Wo ist der Friedhof hin?! Wir stehen hier mitten am Südring!“

Der Südring, muss der Leser wissen, ist so etwas wie eine Hauptverkehrsader Düsseldorfs. Selten findet man dort trotz gelegentlicher Unfallopfer Gräber. Wir haben uns also verirrt.

Maurice: „Verrückt. Jetzt stehen wir hier mit ’nem Sarg und finden den Friedhof nicht mehr.“

Ich: „Ob da überhaupt wirklich einer drin liegt, im Sarg? Ich meine, der Bestatter erzählt einem das so und man nimmt es hin. Bis heute zum Beispiel hat niemand mal nach Schoris Schädeldecke gefragt. Die liegt immer noch neben den Haschlollis im Gefrierfach bei uns.“

Orkoschol: „Lass‘ uns mal reingucken.“

Also öffnen wir den Sarg und darin liegt …

„Es ist Schoribald“, stellt Maurice fest.

Ich: „Irgendwie ernüchternd. Hatte gehofft, wir decken einen riesen Skandal auf. Ach übrigens, wusstet ihr, dass Pinguine sehr gut brennen? Wegen ihres Fettgehaltes. Hat mir gestern ein Blogger mitgeteilt. Im Rahmen des Walfangs oder so verwendet man Pinguine als Brennstoff. Skandalös eigentlich. Man bemitleidet den Wal und ahnt nicht, dass da Pinguine verbrannt werden.“

Maurice: „Unfassbar uninteressant, Seppo. Wie immer, wenn du redest.“

Ich: „Was glaubst du eigentlich, wer du bist, einen Anspruch darauf zu haben, von mir interessante Dinge zu erfahren?! Das ist ein völlig inakzeptables Anspruchsdenken von dir. Was steckt dahinter? Maurice kommt! Ab sofort nur noch interessante Dinge erzählen! Oder was?! Denk‘ mal darüber nach! Du bist wie eine Leserin von mir, die kürzlich kritisierte, dass …“

Maurice: „Sollen wir einfach die Polizei rufen? Ich meine, wir haben ja nichts verbrochen!“

Klorofield: „Das sagst du so. Gegen mich liegt ein Haftbefehl vor.“

Ich: „Gegen mich auch. Wegen der Hobby-Operationen. Ich verstoße da offenbar gegen geltendes Recht. Das wusste ich nicht. Aber gut, Nichtwissen schützt vor Strafe nicht.“

Klorofield: „Meine Schwiegermutter hat einen eingeklemmten Nerv am Hals. Meinst du, du könntest da mal was machen?“

Ich: „Du magst sie nicht, oder?“

Orkoschol: „Sollen wir den Sarg einfach in die Büsche da werfen und weggehen?“

Ich: „Halte ich für die reifste und klügste Entscheidung, die ich jemals getroffen habe. Isoliert betrachtet bleibt es aber wohl eine sehr schlechte Entscheidung, für die ich aber zu haben bin, da ich gleich noch zum Yoga muss.“

Maurice: „Du machst Yoga?!“

Ich: „Nein. Du?“


Hoerbar_haare
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Lieber Leser, das war aber ein kurioses Abenteuer! Aber im Ernst: Ich konnte heute nicht mit meiner EC-Karte beim Kaufhof-Parkhaus zahlen und musste dann zur „Targobank“, die die schnellsten Geldautomaten hat, die ich jemals erlebt habe. Meine Mitbewohnerin war kurz davor, dort umgehend ein Konto zu eröffnen. Das ist das einzige, was hier nicht erfunden ist. Wobei, die Sache mit der Hirn-OP, die stimmt auch. Weiter zu meiner Facebook-Seite.

4 Kommentare

  1. Welche Leserin? Du merkst gar nicht, dass ich längst nicht mehr bei Dir lese. Oder? ;.D
    Oder ist das mit der Hirnop jetzt eine Art Hinweismetapher? *grübel…*
    Aber den Anspruch, diese Leserin zu sein, trage ich ja gar nicht. Der liegt nur irgendwo rum. Auf einem OP-Tisch, vermutlich. 😉

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