Von Entdeckungs- und Hitzeläufen

Ist das ein Wetter?!

Ob das ein Wetter ist, habe ich gefragt! Ja, das ist ein Wetter. Joggte (im Folgenden korrekt: lief) ich bis vor zwei Wochen noch durch eisiges Schneetreiben (in Berlin), hat vergangene Woche endlich das eingesetzt, das man Frühling nennt und in meinen Augen das ideale Laufwetter darstellt: luftige 15 bis 20 Grad, dabei Sonnenschein. Nicht zu heiß, aber eben auch nicht zu frisch. Etwas dazwischen, eine Mischung aus beidem: freiß.

Bei freißem Wetter zu laufen bedeutet eine Leichtigkeit, die man, beziehungsweise ich, beim Laufen sonst nicht immer hat. In den Zwischenjahreszeiten, den so genannten Übergangszeiten, für die es eigens Übergangsjacken gibt, die immer zu warm oder zu kalt sind, läuft es sich eher monton und gelangweilt. Der Himmel überwiegend grau und meist fällt nerviger Nieselregen aus ihm heraus. Der macht einen nicht nass, aber irgendwie auch nicht trocken. Der „Fahrtwind“ enerviert mit seinem unablässigen Rauschen und kommt wundersamerweise stets als Gegenwind daher.

Doch kaum schlägt das Wetter um, zeigt sich die Sonne, dann ist sie wieder da, die Leichtigkeit des Laufens, die Fachmagazine flow nennen, der einhergeht mit einer Lust an der Bewegung. Diese Lust sollte man gespürt haben, bevor man sagt, Laufen sei einer der langweiligsten Sportbetätigungen. Auch, wenn ich diese Meinung nachvollziehen kann, sehe ich es für mich anders.

Am zurückliegenden Donnerstag machte ich mich zu einem Lauf auf, von dem ich vorher nicht wusste, wo er mich hinführen sollte. Doch es sind oftmals diese ungeplanten Läufe, die ihren ganz eigenen Charakter entwickeln: Ich nenne sie seit 16 Jahren „Entdeckungsläufe“, da ich ihren Streckenverlauf im Vorfeld nicht plane, nicht einmal ihre Länge, und in mir unbekanntes Terrain vorstoße. Wenn’s gut läuft, laufe ich weiter, wenn nicht, laufe ich halt meine gewohnten zehn Kilometer.

Am Donnerstag lief es gut, es war der erste wirklich warme Tag, allerdings waren die drei Stunden Kraftsport vorher nicht die beste Idee, da mein Körper nicht darauf eingestellt war, letztlich noch 18 Kilometer zu laufen. Doch darum kann es ja auch gehen, beim Sport: darum, alles zu geben, Grenzen zu verschieben und am Ende, wieder Zuhause, völlig fertig zu sein.

Mit meiner Mitbewohnerin lebe ich in Düsseldorf-Oberbilk, südlich des Stadtzentrums. Dementsprechend ist es immer wieder, insbesondere bei freißem Wetter, eine Herausforderung, sich an die Ränder des Stadtgebietes vorzuwagen. Das übrigens war zu meiner Zeit in der deutlich schöneren Stadt Münster aufgrund ihrer geringeren Größe deutlich einfacher. Das „Entdeckung“ in Entdeckungslauf macht aber genau das aus: den Trieb, sich immer weiter vorzuwagen. Und so fand ich mich vergangene Woche im Düsseldorfer Norden wieder, sah den Funkturm des Flughafens und haderte mit mir. Denn man rechnet in solchen Situationen:

„Laufe ich bis zu den Terminals, wäre das kein Problem. Eine zusätzliche halbe Stunde … die muss ich aber auch wieder zurück, dann ist es schon eine ganze Stunde mehr …“

Schon öfter lief ich in der Vergangenheit die weite Strecke zum Flughafen. Unvergessen jener Lauf, der letztlich 36 Kilometer lang wurde, als ich mich auf dem Flughafengelände befand, aber nicht mehr dort rausfand. Mit dem Auto wäre das kein Problem gewesen; aber zu Fuß war es schwierig. Denn es gibt exakt zwei Fußwege, die den Flughafen anbinden: Über den einen war ich gekommen und den anderen muss man erst suchen. Er ist ein unscheinbarer Tunnelweg, der unter den Autobahnen herführt.

Am Donnerstag schenkte ich mir den Flughafen mit dem Wissen, dass ich ihn diese Woche nachholen muss, da er mich andernfalls besiegt hätte. Doch wenn ich vor einem Lauf schon weiß, er wird fast 40 Kilometer lang sein, dann macht er weniger Spaß, als wenn ich während eines Laufes nach zehn Kilometern beschließe, einfach weiterzulaufen. Ich lief am Donnerstag einfach weiter, wenn auch in eine andere Richtung. Und fand mich wieder auf einer Straße mit dem albernen Namen „An der Piwipp“. Und dort überkam mich – wie sooft beim Laufen – eine emotionale Mischung aus Nostalgie und Melancholie: Nostalcholie. Dafür ist man beim Laufen ohnehin anfälliger, was vermutlich mit irgendwelchen Hormonausschüttungen zu tun hat. Doch hier fand ich mich in einer Gegend wieder, in der ich vor sechs Jahren öfter gelaufen war, als ich noch im Düsseldorfer Norden wohnte. Damals war ich noch frisch in Düsseldorf, damals hatte ich tatsächlich noch neue Gegenden der Stadt für mich zu „entdecken“, zu erschließen. Inzwischen kenne ich jeden Winkel, selbst in Vororten wie Benrath, die an sich mit Düsseldorf zumindest gefühlsmäßig nichts mehr zu tun haben. Sie wurden halt irgendwann einmal vom Moloch Düsseldorf eingemeindet.

Bei solchen Läufen ist man sein eigener Pionier. Nie weiß man so ganz genau, wo man hingelangt, biegt man in den frisch erschlossenen Regionen einfach mal links oder rechts ab. Man kennt nur herausragende Wegmarken, die einem bei der Orientierung helfen. In Düsseldorf sind das für mich zum einen der Rheinturm, dessen Abriss übrigens jüngst beschlossen wurde, sowie das „Arag“-Hochaus oder das Gebäude der Deutschen Rentenversicherung, dass man auch im tiefsten Süden der Stadt am Horizont noch sehen kann. Sie können ein Kompass in der Ferne sein, hat man sich mal schwer verlaufen. Als ich mich vor vielen Jahren dereinst in jenem Benrath verlief und nicht mehr wusste, wie ich wieder ins richtige Düsseldorf gelange, halfen mir die Schornsteine der „Henkel“-Werke.

Oft genug habe ich Fehlentscheidungen getroffen, wurde das Laufen zur Hölle, weil ich einfach nicht mehr nach Hause fand. Man weiß, zuhause wird man das alles wahnsinnig lustig und faszinierend finden, aber in dem Moment überkommt einen mitunter auch Verzweiflung, wenn man ahnt, es liegen womöglich doch noch 20 irrende Kilometer vor einem. Und ich muss wohl nicht dazusagen, dass es sich verbietet, in eine Straßenbahn zu steigen, die einen nach Hause bringt! Das wäre eine Niederlage, die ich mir in meinen 16 Laufjahren nicht einmal zugefügt habe.

Heute geht das nicht mehr. Heute hat man ein Smartphone dabei, dessen Kartendienst einem die totale Kontrolle gibt. Was ein bisschen schade ist. Gut, ich könnte das Handy zuhause lassen, doch rechne ich gelegentlich mit plötzlichem Herzstillstand beim Laufen und mittels Handy kann man mich dann leichter bergen. Ich bin da in einer Zwickmühle. Wie auch gestern, als ich meine Mitbewohnerin auf einen solchen „Entdeckungslauf“ mitnahm: in den Düsseldorfer Süden. Ich glaube, die durchkreuzten Vororte heißen Itter und Holthausen. Ziel war nicht irgendein Ziel, Ziel war das sich totale Aussetzen der gestrigen Sonne. Dort unten zwischen dem Rhein und Feldern ist nichts, das Schatten spendet. Ab 25 Grad nenne ich diese Art Läufe übrigens gerne „Hitzeläufe“. Ab 30 Grad ebenfalls, dann jedoch sind sie für das Herzkreislaufsystem eine Herausforderung. Sie sind der jährliche Höhepunkt meiner Laufjahre: Ich darf ganz pathetisch sagen, dass ich es liebe, bei 35 Grad praller Sonne zu laufen. Das übrigens ist nicht per se gesundheitsschädlich, man sollte sich jedoch gut vorbereiten. Diese Läufe, aber auch mildere wie der gestrige, haben für mich absolute Orgasmus-Qualität. Diese Läufe spenden mir ein monumentales Hochgefühl – und das wollte ich gestern meiner Mitbewohnerin nahebringen. Und es dauerte nicht lang, bis sie sagte:

„Es fühlt sich irgendwie wie Urlaub an!“

Das Wetter fantastisch und die Gegend für sie neu. Ich lernte die Ecke kennen, als ich damals von Benrath Richtung Henkel-Werke gelaufen bin. Die Landschaft ist atemberaubend, zumindest unter dem Einfluss von Serotonin, und vor allem absolut still. Man trifft Kühe, man trifft Rehe und mit etwas Glück auch Füchse. Erst einmal war mir ein Luchs vergönnt, der vielleicht aber auch eine andere Wildkatze war, jedoch keine Hauskatze. Und dann sah ich auch sie gestern wieder, die Fabriken in der Ferne. Das Henkel-Logo. Und da fiel mir erst wieder ein, wie ich Jahre zuvor einigermaßen verzweifelt, aber gleichzeitig fasziniert von der (vom Menschen geschaffenen) Natur dort herlief, nicht wissend, wo ich rauskommen würde. Irgendwann sah ich dann den Rheinturm, die Fleher Brücke und auch die Deutsche Rentenversicherung, deren Briefe ich erst gar nicht öffne. Und dann findet man sich in der absurden Situation wieder zu denken:

„Geil, in zwei Stunden bist du zuhause!“

Wenn zwei Stunden plötzlich nicht mehr lang sind, man aber immerhin weiß, die Richtung stimmt!

Gestern mögen es 22 Grad gewesen sein, in der prallen Sonne vielleicht mehr. Von Hitze spreche ich aber erst, wenn man während des Laufens Wasser herbeisehnt. Denn ich nehme zum Laufen nie etwas zu trinken mit. Vor etwa sieben Jahren beging ich einmal den Fehler, mir unterwegs Wasser bei einer „Shell“-Tanke zu kaufen. Wider besseres Wissen verschlang ich einen ganzen Liter, wonach ich hätte kotzen können, da es sich mit vollem Magen ungünstig läuft. Seitdem lasse ich es und pflege lieber eine alte Tradition:

Nach besonders langen und heißen Läufen kaufe ich den Kiosk leer, dem gegenüber wir wohnen. Eine Melange aus freilich ungesunden Getränken gleicht meinen Flüssigkeitshaushalt wieder aus, während an Nahrungsaufnahme einige Zeit nach dem Laufen nicht zu denken ist. Ich habe dann schlicht keinen Hunger.

Auch gestern standen wir häufig an einem Scheideweg (hihi):

„Wenn wir links laufen, sind wir schnell wieder zuhause. Laufen wir rechts, könnte der Lauf ausarten“, erklärte ich meiner Mitbewohnerin.

Wir liefen freilich rechts. Allerdings vergewisserten wir uns mit dem Handy, wie sehr der Lauf ausarten würde. Das hätte es früher nicht gegeben, das ist schon ein Jammer, hat uns aber davor bewahrt, plötzlich 30 Kilometer lang unterwegs zu sein. Denn manchmal entpuppen sich Autobahnen – hier die A46 und A59 – als unüberwindbare Hindernisse, die kilometerweit umlaufen werden müssen, will man sie über- oder unterqueren.

In erwartender Freude sehe ich der neuen Woche entgegen, deren Wetteraussichten allerdings nicht so rosig sind, aber ich bin optimistisch, da ich ja mit dem Flughafen noch eine Rechnung aufhabe! Allein durch das Schreiben über das Laufen habe ich in diesem Moment, in einem ICE sitzend, den Drang zu laufen!


In der Rückschau stelle ich fest, dass ich jedes Jahr aufs Neue über das Laufen bei freißem Wetter schreibe – alle seppoFIT-Artikel: hier!


 

13 Kommentare

  1. Großen Respekt vor Deiner Lauferei.

    Ganz ähnlich bei mir, aus Faulheit jedoch per Fahrrad. Und außer dem Handy (zwecks Bergung bei Herzkasper) ist auch immer der anfassbare Stadtplan im Fahrradkorb dabei. Ich mag’s halt analog.
    Und den größeren
    Überblick beim Aufschlagen (nicht Aufklappen), der Plan ist in Buchform, einer zum Falten würde ja augenblicklich zum Herzinfarkt führen, was dem Naturerlebnis auf dem Rad abträglich ist.

    Dieses Rad-Wetter genieße ich also ebenso und warte gebannt aufs Wochenende. Und darauf, dass ich nach Jahren mal wieder in den Bereich Spandau / Falkensee komme, wo noch Entdeckungstouren warten. Dort allerdings hast Du mir wohl einiges voraus.

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  2. Ich verlaufe mich immer noch gerne – gucke halt einfach nicht auf das Handy und muss sagen, ich finde den Gedanken: „Google Maps ist mein Fallback, aber ich WERDE ES NICHT BRAUCHEN!“ sehr angenehm. Bei uns südlich von Karlsruhe, insbesondere mit dem Hardtwald, gibt’s nicht ganz so viele markante Wegmarken, vor allem keine, auf die ich zulaufen kann, wenn ich nach Hause will – die Schornsteine des Karlsruher Rheinhafens sind die völlig falsche Richtung. Da schätze ich dann meine Richtung eher nach Sonnenstand und Tageszeit grob ab – irgendwann erreicht man schon B3, B36 oder eine der Straßen dazwischen und erkennt sie wieder, um sich dann im nächsten Trapez zwischen zwei Bundesstraßen und zwei Kreisstraßen neu zu verlaufen. Nur wenn ich eigentlich weiß, nördlich von Zuhause zu sein und der Schwarzwald taucht beim Verlassen des Waldes plötzlich auf der rechten Seite auf – dann könnte ich so ein bisschen in Panik verfallen ;)

    Sich bei freißem – aber gerne auch heißem Wetter (dann aber mit 700ml Wasser am Gürtel, muss man ja nicht auf einmal runterstürzen) zu verlaufen, das ist ’ne tolle Sache. Vor allem im Wald.

    … und auch wenn ich die Schilder mit Hinweisen zu den S-Bahn-Stationen sehr schätze, gebraucht habe ich sie auch noch nie.

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