Pavel ist tot, fristet hier jedoch sein weiteres Dasein

Leben ist seine Sache nicht, denn Pavel ist schon seit einiger Cait tot. Das wurde angemessen betrauert, zumal er mich viele Jahre meines Lebens begleitet hat, weitere jedoch nicht. Im Leben wie im Tod ist er konsequent.

Als ich vor drei Jahren begann, an dieser Stelle zu schreiben, spielte Pavel im seppolog, Sie halten es gerade in Ihren Händen, eine große Rolle, beispielsweise hier. Ich weiß noch heute, wie ich jenes niederschrieb, ich saß dabei neben meiner Mitbewohnerin im Bett.

Nun fühle ich mich jedoch nicht gebunden an seinen leichtsinnigen Tod. Es mag sein, dass er diesen unglücklichen Zustand angenommen hat, doch bedeutet das für mich nicht, dass ich mich seiner Abwesenheit anpasse. Angepasst war er ja auch nie, so gesehen ist es in seinem Sinne, dass er hier weiterlebt.

Übrigens ein Totschlagargument, wenn man Toten, die sich im Widersprechen schwertun, unterstellt, irgendetwas sei ja in ihrem Sinne. Wer weiß, was nach mir alles kommt mit der Begründung:

„Es ist sicherlich ganz in Seppos Sinne.“

Letztlich ist es mir egal, ob es in Pavels Sinne ist, denn was will er groß tun?! Mir eine Unterlassungserklärung zukommen lassen?! Vielleicht schickt er mir seine Eltern vorbei, die aber ohnehin schon seit unserer gemeinsamen Schulzeit nicht mehr mit mir reden, weil sie mich offenbar kacke fanden und finden. Ich selbst habe eine mir eine ungeahnte Abneigung seiner Mutter gegenüber zu eigen gemacht, während sein Vater ein ungeheuer lustiger Geselle ist. Als junger Sprößling hoffte ich dereinst, einmal dessen humoristisches Niveau zu erreichen. Seine Eltern leben inzwischen getrennt und dadurch vermutlich besser, während ich von seinem Bruder nichts mehr gehört habe. Auch der war ausgesprochen lustig, ist es vermutlich noch.

Es kommt mir während des Niederschreibens der Gedanke, dass man sich dringend mit lustigen Menschen umgeben muss, damit sie auf den eigenen Charakter wohltuend abfärben. Aus reinem Eigennutz also.

Und nun begab es sich eben nicht, dass Pavel mir am Montagmorgen über den Weg lief, als ich am Hauptbahnhof Düsseldorf auf den ICE gewartet hatte.

„Alter! Was machst du denn hier?“, fragte ich somit auch nicht und wunderte mich schon gar nicht mehr über das „Alter!“, das eigentlich so gar nicht zu mir passen will. Mir fehlt die notwendige Lässigkeit, jemanden kumpelhaft mit „Alter!“ anzusprechen, zumal ich nicht einmal von „Kumpeln“ spreche, sondern ganz altbacken von „Freunden“. Den Kumpel hole ich nur raus, wenn ich Erwartungen der Gesellschaft erfüllen möchte. Das „Alter!“ hingegen hab ich mir irgendwie angewöhnt. Und auch, als ich heute Morgen in der Berliner Dusche das Gleichgewicht verlor, rief ich „Alter!“ aus, da ich selbst einigermaßen erschrocken darüber war, in welches Ungleichgewicht der gestrige Weinkonsum mich gebracht hatte.

„Taaaach. Ich fahre nach Münster“, antwortete Pavel nicht.

„Taaaaaach“. Ein langgezogenes Tach, so haben wir uns immer begrüßt. Eigentlich wollten wir uns nie begrüßen. Warum sich begrüßen?! Man kennt sich seit der Kindergartenzeit – er in der grünen, ich in der gelben Gruppe -, und hat sich ja schon ausreichend häufig begrüßt. Also reichte es eben nur für ein unmotiviertes „Taaaaaach“.

„Taaaach. In die Heimat also!“, sagte ich dann nicht.

„Du nach Berlin?“, mutmaßte er nicht.

„Ja. Zug hat Verspätung.“

„Hm.“

„Und er fährt von einem anderen Gleis.“

„Okay.“

„Und er kommt mit geänderter Wagenreihung.“

„Ahso.“

„Und er fährt eine Umleitung über Gelsenkirchen wegen der Baustelle zwischen Duisburg und Essen.“

„Ja.“

„Da fährt er dann kilometerlang mit 17 km/h.“

„So schnell?“

„Ja, mit der Bahn-App kann man sich die Geschwindigkeit anzeigen lassen.“

„Oha.“

„Das tut man dann. Wegen der Langeweile. Man sitzt und guckt. Guckt und sitzt.“

„Klar.“

„Sieht dann: 17 km/h. Und guckt aus dem Fenster und denkt: Ja. Schnell ist das wirklich nicht.“

„Ne, schnell ist das nicht.“

„Was machst du in Münster? Drogen verticken?“, fragte ich nicht.

Denn was soll ich sagen, so etwas tat Pavel. Nicht Drogen im Sinne von Drogen. Sondern eher ein Vorstufenprodukt, das zur Herstellung irgendeiner Droge benutzt wird. Diese Chemikalie durfte man früher aus der EU ex-, aber nicht importieren. Oder umgekehrt. Ich hab’s nie begriffen, er hingegen schon. Denn er nutzte eine inzwischen geschlossene Gesetzeslücke, mit der er viel, sehr viel Geld gemacht hatte.

Aber dann begann er, die Droge selbst herzustellen. Und auch zu testen. Dann war er abhängig. Und ab da wurde die Freundschaft etwas unschön. Und dann zerbrach sie.

„Nein, ich muss zu Meudern.“

„Meudern“ ist Masematte für Mutter.

„Ärger mit meinem Knan“, fuhr er nicht fort.

„Knan“ ist der Vater. Es gab also Ärger. Ich hakte nicht nach, da es mich nicht interessierte. Und ich bin niemand, der aus Höflichcait nachhakt. Zumal er niemand war, der solche Dinge erzählte. Wir ergänzten uns also ganz prächtig.

Des Weiteren sagte er nicht: „Wann kommt ihr mal wieder nach Münster?“

„Bald, Pavel, sehr, sehr bald. Fährst du zum ‚Kiepenkerl‘?“

„Nein.“

Seit dem Wochenende ist die Gaststätte „Kiepenkerl“ deutschlandweit bekannt. Ich war dort schon, aber nie mit Pavel zusammen. Ich erinnere mich an einen Altstadtabend, als Pavel in einer anderen Kneipe plötzlich aufstand und sagte:

„Wir müssen weg. Ich habe kein Geld.“

„Wie?! Ich auch nicht. Ich dachte, du wolltest mir was leihen?!“, fragte ich.

Beide blickten wir dann meine Mitbewohnerin an, die mit uns unterwegs war.

„Also ich hab nicht so viel, dass ich für alle zahlen kann!“, sie leicht erbost.

„Gut, dann gibt es nur den einen Weg. Aufstehen und gehen. Wir prellen nun sehenden Auges die Zeche und machen uns eines auch moralisch fragwürdigen Vergehens schuldig“, überlegte ich laut.

„Wie wäre ein Bank-Automat?“, fragte meine Mitbewohnerin.

„Das scheint mir zu kompliziert“, sagte Pavel.

Wir standen auf, bewegten uns gekonnt unauffällig aus dem Etablissement, das wir danach nie wieder betreten konnten.

Und draußen wurde ich dann sauer. Warum er denn nicht vorher schon seinen Geldmangel nicht anmeldete. Warum er seelenruhig einen Rumcola nach dem anderen trank, wissend, dass wir zu elenden Zechprellern werden.

Er zuckte mit den Schultern. Es war ihm egal. Und ich wusste, der Mann ist gerade drauf oder auf Entzug.

Leider ruinieren Drogen einen Menschen manchmal. Das muss man ins Kalkül ziehen, wenn man Konsum in Betracht zieht. Ihn haben sie zerstört, noch vor ihm ging sein Humor drauf.

Pavel wohnt nun in Düsseldorf, nicht weit von uns in der Nähe des Volksgartens. Ich darf annehmen, dass er mich künftig häufiger besuchen wird. Denn glauben Sie mir, Sie werden auch etwas davon haben. Vergessen Sie aber nicht: Er ist bereits tot.

Und deshalb nahm er nicht den Zug nach Münster, während ich nach Berlin fuhr.


 

3 Kommentare

  1. Die letzten Absätze sind ja, entgegen Deiner Natur, relativ traurig.
    Zumal ich Ähnliches erlebt habe, der übermäßig kiffende Kumpel wollte wegen einer Nichtigkeit nichts mehr mit mir zu tun haben. Weiß gar nicht, ob er noch lebt.
    Selbst sein bester, ebenso übermäßig kiffender Kumpel wandte sich von ihm ab. Und der ist nun wirklich tot.
    Das Leben ist manchmal bösartig.

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  2. Naja, jeder entwickelt sich weiter, manche auch nicht, und dann passt es nicht mehr. Kiffer und Säufer habe ich schon lange aussortiert. Das angesprochen werden mit ‚Alter‘, ‚Alter was? und ‚Alter ja!‘ ist auch nicht meins und empfinde ich als primitiv.

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