Ein Jahr Neuanfang!

Freitagabend, 27. September 2019. Heute vor einem Jahr endete unser letzter Abend in Düsseldorf. In einer auseinandergebauten Küche saßen meine Mitbewohnerin und ich zwischen Schubladen und Schrankelementen. Trotz des Umzuges am frühen Folgetag ergab ich mich dem Weißwein. Es war so weit: Wir zogen endlich nach Münster. Schon angeheitert nahm ich mir vor, beim ersten Betreten Münsteraner Bodens diesen gebührend zu küssen. Viele Münsteraner berichteten später davon, in diesem Moment ein leichtes Beben in der Stadt verspürt zu haben … Es wird Zeit, einen Blick auf das erste Jahr in Münster zu werfen. War doch klar, dass ich mir das nicht nehmen lasse, am 28. Setpember 2019, dem Jahrestag!

„Dies ist ein historischer Augenblick“

Den Satz habe ich geklaut, wenn auch leicht abgewandelt. Er stammt aus dem unfassbar humorigen Film „Clockwise“ mit John Cleese in der Hauptrolle. Die Rolle des Schuldirektors, der viel Wert auf Pünktlichkeit und Etikette legt, aber doch immer wieder an seinen eigenen Ansprüchen wie auch an seiner Weltfremdheit scheitert, trifft mein Humorverständnis voll: Komme was wolle, der Mann – Mr. Stimpson – zieht sein Ding bis zum Ende durch, ungeachtet der Katastrophen um ihn herum. Immer wieder von mir zitiertes Humormotiv: die Fallhöhe, die sich aus einem gewissen Hochmut gespeist aus gnadenloser Selbstüberschätzung ergibt, einhergehend mit einer trotzigen Unbeirrbarcait. Mr. Stimpson verliert im Laufe des Filmes seine äußere Fassade, bleibt innerlich aber stur und vollendet am Ende eben doch seinen Plan, während alles im Chaos versinkt.

„Dies ist ein historischer Augenblick“, sagt er am Ende, als er sein Ziel gegen alle Widerstände pünktlich (!) erreicht. Und heute vor einem Jahr haben meine Mitbewohnerin und ich eines unserer großen Ziele erreicht. Und während dieses einen Jahres sagte ich bei jeder Gelegenheit zu meiner Mitbewohnerin: „Dies ist ein historischer Augenblick!“: Als wir das erste Mal wieder zusammen im „Enchilada“ waren, im „Road Stop“, als wir das erste Mal wieder den Aasee umrundeten, als wir das erste Mal wieder vor der Tuckesburg standen, wieder durch den Schlossgarten liefen oder als wir das erste Mal wieder am Kanal waren – es gab und gibt noch unzählige dieser ersten Male, bei denen ich jedes Mal denke, krass, ich bin echt wieder hier – und bleibe es auch.

Ich erinnere mich noch gut, als ich hier im seppolog erstmals darüber geschrieben habe. Das war im August des vergangenen Jahres, tatsächlich wussten wir beide natürlich viel früher, dass wir unsere Jobs in Düsseldorf beziehungsweise Berlin kündigen würden. In „Der Anpacker“ konnte ich zumindest schon im Januar 2018 verklausuliert darüber schreiben. Essenz jenes Artikels, der übirgens Sabrina USA sehr beeindruckt hatte (was für mich immer ein hoher Maßstab ist) war und bleibt: Man muss seine Ziele anpacken!

Und nun sind wir bereits seit einem Jahr in Münster. Und noch immer ist es mein Thema, was nur verdeutlicht, wie wichtig mir dieser Schritt nicht nur war, sondern immer noch ist. Ich bin selbst erstaunt darüber, dass ich auch nach einem Jahr in Münster, in dem ich nun schon wieder alle gängigen Jahreszeiten einmal erlebt habe, nicht abstumpfe. Noch immer ist es nicht selbstverständlich für mich geworden, wie damals vor elf Jahren wieder über die Promenade oder um den Aasee zu laufen. Noch immer fasziniert mich der Anblick der Überwasserkirche, meinem ganz persönlichen Wahrzeichen dieser sensationellen Stadt, die im Grunde ausschließlich aus Wahrzeichen besteht: dem Dom, der Lambertikirche, dem Kreisel, dem Schloss, dem Hafen, dem historischen Rathaus, dem Zwinger, der Speicherstadt und natürlich dem Prinzipalmarkt, der mit angehängter Ludgeristraße alle anderen Prachstraßen dieses Landes locker deklassiert. Wer noch nicht hier war, sollte schleunigst vorbeikommen: Der abendliche Blick über den Prinzipalmarkt ist eine beeindruckende Sensation.

Es ist Münsters Pfund, dass nach der nahezu totalen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg die Kaufleute entschieden haben, den Stadtkern nach historischem Vorbild wieder aufzubauen, wodurch der typische Baumberger Sandstein dem Stadtbild beispielsweise in Form der münstertypischen Arkadenbögen erhalten blieb. Und immer wieder gelingt es, moderne Architektur in das historische Stadtbild so einzufügen, als wäre alles aus einem Guss: die „Münster Arkaden“ beispielsweise oder einer meiner Lieblingsorte, die Stubengasse. Und genau die ist das letzte Großbauprojekt, das ich noch mitbekommen hatte, bevor ich 2008 grobfahrlässig Münster verließ, um in Düsseldorf mein Glück zu finden, das ich Narr doch schon 2005 bereits in Münster gefunden hatte …

Ich bereue freilich meine zehn Jahre in Düsseldorf nicht. Denn offenbar benötigte ich diese Zeit, diesen Ortswechsel, um Münster erst schätzen zu lernen, denn bevor ich wegging, war mir Münster an sich relativ egal. Vielleicht, so ergaben seppointerne Studien, weil es „normal“ war – ich kannte schlicht nichts anderes. Und so habe ich wohl erst in Düsseldorf gelernt, was Heimat bedeutet, was Heimat insbesondere mir bedeutet.

„Du hängst mehr an Orten als an Menschen“, sagte meine Mitbewohnerin kürzlich zu mir. Und sie hat wohl recht. Gut ist mir mein erster Lauf nach mehr als zehn Jahren zur Schleuse in Erinnerung: Da wurde ich tatsächlich einigermaßen emotional, was nur die wenigsten Menschen bei mir auslösen können. Immerhin hatte ich vor meiner Düsseldorf-Zeit den Neubau der Schleuse über Jahre verfolgt. Und nun kam ich wieder und die Schleuse war schon lange fertig.

Ich radele jeden Morgen am Schloss vorbei. In den ersten Wochen konnte ich dieses Glück kaum begreifen und auch heute noch ist es ein für mich erhebendes Gefühl – und noch lange keine Normalität. Zwar fährt man hier freilich Fahrrad, doch selbst wenn ich mit dem Auto im Berufsverkehr feststecke, beispielsweise am Kreisel, der hoffnungslos überfordert ist, stelle ich fest, dass ich anders als in Düsseldorf nicht ausraste und andere Autofahrer beschimpfe. Auch die seltsame Tatsache, dass es in Münster caine grünen Ampeln gibt, lässt mich völlig kalt. Im Gegenteil: In Münster stehe ich sogar gerne im Stau. Einfach, weil diese Stadt so unfassbar ästhetisch ist. In Düsseldorf hatte ich mir Jalousien in die Autofenster gehängt, um das Elend um mich herum nicht sehen zu müssen (Das nur nachmachen, wenn man die Fahrtwege auswendig kennt!), hier hingegen wird der Stau zum sightseeing.

„Westfälisch-sperrig“ hatte man mich kürzlich genannt und damit wohl auf die dem Westfalen nachgesagte Sturheit abgezielt, die ich ja eher als Prinzipientreue beschreiben würde. Und vielleicht ist es eben diese Sturheit, die mir im Rheinland, wo alle so wahnsinnig lustig sind, im Wege stand. Dieser plakative Humor, den man sich dort auf die Fahnen schreibt, ist meine Sache überhaupt nicht. Ich empfinde ihn als plump und aufdringlich und zudem als pointenarm. Das Subtile liegt in der Ruhe und die geht ihnen ab. Aber keine Frage: Das ist nicht das Problem der Rheinländer – sondern meines. Das ich ja gelöst habe.

Die ewigen Lobhudeleien auf Münster hier im seppolog mögen dem einen oder anderen auf den Sack gehen, das sehe ich sogar ein. Aber diese Nummer habe ich mir verdient, sie ist mir nicht zugeflogen, ich habe sie mir erarbeitet. Und da dieser Blog seit einigen Tagen den Untertitel „Irrelevanzen aus Münster“ trägt, muss der Leser damit rechnen, dass es hier vor allem um Münster geht. Naja, natürlich geht es vor allem um mich – um mich in Münster.

Einer meiner ersten Läufe vor einem Jahr führte mich vom Mauritzviertel in die Innenstadt. Ich war geflasht: Westfälische Sturheit? Konservative Münsteraner? Nichts dergleichen. Ich sah von der Salzstraße auf den Prinzipalmarkt kommend nur lächelnde Gesichter! Diese Stadt ist so viel lebendiger! Und wenn ich das nun in Kontrast stelle zu meinen Erfahrungen in Berlin-Spandau muss ich feststellen: Da liegen Welten zwischen! Münster ist, natürlich auch aufgrund des hohen Anteils junger Menschen aus allen Ländern, die hier studieren, eine unfassbar offene Stadt. Und solange es noch der Fall ist, betone ich abermals die Tatsache, dass die neuen Nazis hier in Münster bereits zum zweiten Mal unter fünf Prozent blieben – in keinem anderen Wahlkreis des Landes war das der Fall. Selbst mich Sofa-Demonstranten verschlug es Anfang dieses Jahres auf eine Anti-AfD-Demo auf dem Prinzipalmarkt, der nur so überquoll von Menschen, die sich gegen die Dummheit der Nazis stellten, während widerlichste AfD-Funktionäre bei Twitter versuchten, mit exzellenter NS-Propaganda dagegenzuhalten.

Vier Monate Arbeitslosigkeit waren im Grunde das einzige Opfer, dass ich bringen musste. Und der Verlust des Düsseldorfer Parkour-Parks an der dortigen Schlüterstraße. Wenn wir schon dabei sind: Einen Kritikpunkt an Münster habe ich. Obwohl dies eine Sportstadt ist, in der die Wege zwischen den unzähligen Sportstätten mit Tartan ausgelegt sind, sind sie hier offenbar noch nicht auf den Zug der calisthenics-Parks aufgesprungen! Nicht einmal so etwas wie eine simple Klimmzugstange, die auch Muscle-up-geeignet wäre, findet sich hier. Es ist mir ein Rätsel … jetzt haben wir sie uns eben ins Schlafzimmer gebaut.

Düsseldorf ist für Läufer eine absolut empfehlenswerte Stadt. Nicht etwa wegen des Rheins, denn wenig ist langweiliger als Seen zu umrunden oder entlang Flüssen zu laufen. Das macht man ein paar Male, dann wird es monoton. Diese Monotonie lässt sich in Düsseldorf aber hervorragend aufbrechen. Wenn ich etwas vermisse, dann meinen „Zwei-Brücken-Lauf“. Die Berliner Allee hoch über den neuen Corneliusplatz durch den Jägerhofpark (der womöglich ganz anders heißt) bis hin zur Oberkasselerbrücke. Nach einem kurzen Intermezzo in Oberkassel zurück über die Rheinkniebrücke und Herzogstraße – keine Strecke lief ich häufiger als diese. Hier habe ich die Atmosphäre der Strecke beschrieben.

Doch selbst diese schönen Seiten genügen nicht, um Wehmut bei mir auszulösen. Angekommen war ich in Düsseldorf nie. Wir passten einfach nicht zusammen und vermutlich bin ich derart unflexibel, dass mir das außerhalb Münster immer wieder passieren würde. Und vielleicht auch deshalb versprach ich meiner Nichte vor rund einem Jahr: „Ich werde Münster nie wieder verlassen!“

Inzwischen bin ich seit fünf Monaten im neuen Job. Stadtwerke Münster, Unternehmenkommunikation. Das ist natürlich eine Sensation, dass ich als Münsterfetischist ausgerechnet bei den Stadtwerken Münster lande! Kann das alles Zufall sein?! Ist das nicht alles zu schön, um wahr zu sein?!

Erst jetzt bin ich auch im Job angekommen. Langsam, aber sicher stellt sich Routine ein. Vielleicht auch deshalb ist der Kopf wieder freier, einem weiteren Aufblühen auf einer soliden Basis steht nichts im Wege! Und weitere Veränderungen stehen an …

Zu dieser späten Stunde darf ich pathetisch werden: Nach Münster zurück wollten wir immer. Im hohen Alter. Doch irgendwann stellte sich die Frage: Warum warten? Vielleicht ist hohes Alter uns gar nicht vergönnt! Und ist das nicht eh nur eine Ausrede, um es aufzuschieben und nicht sofort angehen zu müssen? Es lohnt sich, Dinge aufzugeben, um Neues zu ermöglichen. Ich sage nicht, dass das Leben zu kurz ist, denn die rund 80 Jahre, die man statistisch möglicherweise zu erwarten hat, sind eine ganze Menge. Aber warum sollte man etwas, das man unbedingt will, aufschieben? Hätten meine Mitbewohnerin und ich es nicht angepackt, wären uns die vergangenen sensationellen zwölf Monate entgangen!

Dies ist ein historischer Augenblick: Wir sind angekommen. Und wir bleiben.

4 Kommentare

  1. auf den beitrag hab ich die ganze zeit gewartet -läßt er doch hoffen in bälde wieder mehr vom seppo lesen zu können . ich denke eure entscheidung in jungen jahren den umzug zu wagen war richtig. alles gute auch weiterhin euch beiden :)

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