Seppofiktion

Der Pathologe aus dem Park, nein, Unsinn … Der Ganove aus dem Grab (II)

Die Sonnenstrahlen des herbstlichen Wintersommers fallen wie eine fürsorglich streichelnde Hand auf das Gesicht von Oberbürgermeister Vlothow, der selig elf Uhr am Vormittag vor sich hin schlummert.

„Mamaaa“, flüstert dieser im Schlaf der Gerechten.

Was auch sollte ihn umtreiben?! Der Stadt, dessen Oberhaupt er ist, geht es blendend. Wohlstand, wohin man sieht, nur hier und da ein, zwei mit Blattgold besteckte Decken, unter denen Obdachlose liegen, die hier einen Neuanfang suchen, der ihnen in Städten wie Düsseldorf verwehrt geblieben war.

Draußen vor dem Bürgermeisterfenster der Bürgermeistervilla in Münster-Neutor zwitschern die Papageien, die Vlothow extra hat einfliegen lassen. Friedlich stapfen Elefanten durch den größten Privatzoo Europas, linsen Giraffen durch den Zaun der Gepardengehege, lupfen Löwen ihre Mähne, springen Eisbären von Baum zu Baum und maändern Mäander durch die artgerechten Anlagen. Vlothow ist zuhause in den Nationalparks dieser Welt, aus denen er sich jedes Mal ein neues Tier mitbringt und die, die auf dem Transport in die Alte Welt nicht verenden, finden in seinem Tiergarten eine neue, bessere Heimat.

Die "Tuckesburg". Hier lebte der Gründer des Alten Zoos an dessen Rande: Hermann Landois. Vom Alten Zoo selbst stehen nur noch wenige Anlagen, vom neuen dafür umso mehr.

Doch dann plötzlich: Die Papageien werden jäh aufgeschreckt von einem Ohren betäubenden Schrei aus Vlothos Schlafzimmer. Dieser sitzt aufrecht in seinem Bett, wühlt fassungslos zwischen den Bettdecken herum, starrt dann auf seine blutüberströmte Hand. Ist es sein Blut?! Ist er verletzt?! Er fühlt keinen Schmerz. Er klappt die Decken zurück und dort liegt …

… ein abgetrennter …

Dort liegt ein abgetrennter Zeigefinger -finger -finger (Echoeffekt)!

Wenige Sekunden vor diesen Ereignissen empfängt Vlothos Empfangshandlanger Nestor einen prominenten Gast in der Eingangshalle der Oberbürgermeistervilla.

„Florist Ohßem! Welche Freude! Ich bin sicher, der Oberbürgermeister ist ganz entzückt über Ihren Besuch. Allerdings ist er um diese Uhrzeit stets sehr in Arbeit versunken. In die Belange seines Volkes. Er opfert sich ja so auf. Selbstlos, wie er ist. Naja, Sie kennen ihn ja.“

„Nestor, mein Guter, ich bin nicht als Florist hier“, gibt Ohßem unbeirrt zurück.

„Ach, sondern?“

„Als Detektiv. Hier ist meine Karte.“

Nestor betrachtet verwundert die Karte, denn kaum jemand in Münster weiß um die zweite Identität des Friedhofsblumenhändlers: „Detektiv Doppel-Null …“, liest er.

„Doppel-O! Das ist ein O! O wie Ordophob Ohßem! Ich bin hier wegen des Fingers!“

„Wegen welchen Fingers?!“

In diesem Moment ist Vlothos ohrenbetäubener Schrei in der Eingangshalle zu hören.

„Wegen dieses Fingers!“, ruft Ohßem und eilt die Treppe hinauf. Nestor hinterher, der jedoch an einer kaputten Stufe zu Fall kommt.

„Nestoooor, die Stufeeeee!“, warnt Ohßem ihn noch, doch dieser liegt bereits regungslos am Fuß der Treppe. Ohßem muss nun entscheiden wie ein autonom fahrendes Automobil: Wen rettet er? Den schreienden Vlothow oder den bereits gefallenen Nestor? Ein Oberbürgermeister scheint ihm wertvoller zu sein: Fällt Vlothow einem Anschlag zum Opfer, wackelt ganz Münster. Also setzt er seinen Weg fort, reißt die Tür zu Vlothos Schlafgemach auf und ruft:

„Dieser abgetrennte Finger, Herr Oberbürgermeister, ist der Zinken eines Gauners!“

„Eine Nase?“, fragt Vlothow verdutzt.

„Nein!“, Ohßem rollt mit den Augen, „Gaunerzinken, verstehen Sie? Zinken sind geheime Botschaften, die Ganoven hinterlassen. Der abgetrennte Zeigefinger bedeutet ‚Fast hätte ich Sie getötet‘! Sie sind Opfer eines grauenvollen Beinahe-Mordanschlags!“

„Nein!“

„Doch!“

„Nein!“

„Doch!“

„Nein!“

„Lassen Sie das.“

„Wer sollte mir denn beinahe ans Leder wollen?! Ich bin allseits beliebt!“

„Nun, auf die Frage gibt es eine Menge antworten. Doch die Frage ist eine andere: Wer will Ihnen und dem Antiquar Salomon Solder beinahe ans Leder?!“

Denn erst vor einer Nacht fand Münsters Antiquar Solder ebenfalls einen abgetrennten Zeigefinger vor seiner Tür. Lesen Sie hier den ersten Teil dieses spannenden Münster-Krimis!

„Wo ist eigentlich mein Empfangs-Handlanger Nestor?!“, fragt Vlothow.

„Er stürzte über die kaputte Stufe. Ich hatte Ihnen schon einmal gesagt, reparieren Sie besser die Stufe. … Was ist das?!“

Ohßem beugt sich zu Boden. Erde liegt dort, die er mit seiner Fingerspitze aufnimmt und kostet: „Friedhofserde … Ich hatte es mir gedacht. Wie bei Salomon Solder. Vlothow, wir müssen zum Zentralfriedhof! Nehmen wir einen Ihrer Wagen!“

„Das geht nicht“, erwidert Vlothow, „Die First Lady patroulliert um diese Zeit mit meinen Grenzhandlangern immer an der Stadtgrenze, um Düsseldorfer Flüchtlinge … naja … dazu zu bewegen, zurück nach Düsseldorf zu gehen … aus freien Stücken. Die hiesige Bahnhofsmission hat keine Zeit, sich um Bedürftige zu kümmern, da ich sie in meinem Zoo einsetze, um sich der Pflege meiner Tasmanischen Beutelwölfe zu widmen.“

„Der Tasmanische Beutelwolf ist doch längst ausgestorben!“

„Nicht ganz … Jedenfalls ist gerade keines der Autos da.“

„Ihr Hubschrauber!“

Münsters Fernmeldeturm. Mit knapp 230 Metern ist er um 100 Meter höher als der Rheinturm und ein beliebtes Ausflugsziel für Suizidgefährdete.

„Mein Helikopter? Schwierig, mit dem bin ich gestern Abend randvoll gegen den Fernsehturm gedonnert. Die Rotorblätter sind etwas verbogen. Sie hätten mich mal sehen sollen, wie ich nach einer kompletten Flasche Captain Morgan das Ding noch in die Luft gekriegt habe! Das sind so die kleinen Dinge, vor denen meine Münsteraner Respekt haben! Darum haben die Nazis von der AfD hier auch keine Chance!“

„Weil es hier einen noch Irreren gibt …“, flüstert Ohßem.

„Wir nehmen die Kutsche!“ ruft Vlothow!

(C) Fotocommunity, Nutzter JossieK: Der Prinzipalexpress auf dem Prinzipalmarkt.

Mit dem Prinzipalexpress, dem Privat-Shuttleservice von Vlothow, den gegen einen kleines Obolus auch die Münsteraner nutzen können, rasen unsere Helden Richtung Zentralfriedhof, wobei sie einen Umweg über den Prinzipalmarkt machen.

„Herrgott, warum so ein Umweg?!“, ruft Ohßem.

Es antwortet der Kutscher: „Na weil wir feste Routen haben. Sie haben ‚Rund um die Altstadt‘ gebucht, 20 Minuten, sechs Euro für jeden.“

„Für jeden?!“, empört Vlothow sich.

„Na, nicht für Sie, Herr Oberbürgermeister“, beschwichtigt Kurt Kutsche, der Kutscher, „Wenn Sie zusätzlich zum Alten Zoo, zum Aasee, am Schloss vorbei und zum Zentralfriedhof wollen, macht’s neun Euro!“

„Wir hätten den Bus nehmen sollen. Wer betreibt eigentlich den ÖPNV in Münster, Herr Oberbürgermeister?“

„Die fantastischen Stadtwerke Münster. Wenn Sie kostengünstig und schnell an Ihr Ziel wollen, empfehle ich das 90-Minuten-Ticket!“

„Halt! Ich muss einschreiten. Der Autor dieser Zeilen bekommt Probleme, wenn er hier Werbung für die Stadtwerke Münster macht. Dieser Blog ist eine reine Privatveranstaltung, ein Hobby, mit dem der Autor kein Geld verdient.“

„Ich habe ja die PlusCard“, ergänzt Kurt Kutsche.

„RUHEEEEEEEEEEEEE! KEINE WERBUNG!!!!!!!!!!“

Das Verwaltungsgebäude der Stadtwerke Münster am Hafenplatz.

Für den Rest der Fahrt schweigen die erst Drei, später Vier, da sie noch Salomon Solder unterwegs einsammeln.

„Wohin geht die Reise?“, fragt dieser verdutzt.

„Der Oberbürgermeister wurde genau wie Sie beinahe ermordet! Der Täter hatte abermals Erde vom Zentralfriedhof unter seinen Schuhen. Ich bin sicher, dort hat er sein Versteck!“

Fast touchiert sie ein Krankenwagen, der mit Martinshorn an ihnen vorbeisaust. Was unsere vier Freunde nicht wissen: Drinnen liegt Nestor und kämpft um sein Leben. Doch für solche Nebenstränge haben wir hier keinen Platz. Wir drücken Nestor die Daumen. Kopf hoch, kleiner Pirat, das wird schon wieder!

Am Zentralfriedhof angekommen, Eingang Robert-Koch-Straße, ist inzwischen die Dunkelheit über Münster hereingebrochen.

„Mein Gott, wie lange waren wir denn unterwegs?!“, fragt Ohßem in die Runde.

„Alles in allem sieben Stunden. Es war ja nicht meine Idee, durch den Ludgerikreisel zu fahren“, so Karsten Kutscher.

Der Ludgerikreisel in Münster. 1240 erbaut war er der erste Kutschenkreisverkehr der Welt. Heute deregulierter Verkehrsknotenpunkt Münsters.

„Herr Oberbürgermeister“, setzt Ohßem an, bevor er fortfährt, „Eine Stadt, die sich Fahrradstadt nennt, ist nicht in der Lage, sich eine Lösung für das jahrzehntealte Problem Ludgerikreisel auszudenken? Eine Stadt, die daran scheitert, kann sich kaum verkehrsinnovativ nennen, meinen Sie nicht?!“

„Also auf meiner Einfahrt zuhause regelt auch ein Kreisverkehr die Zufahrten zu meinen Garagen. Da läuft es reibungslos, zumal die U-Bahn praktisch geräuschlos darunter herfährt“, erklärt Vlothow.

„Moment, U-Bahn?! Münster hat eine U-Bahn?!“

„Äh, ja, also keine in dem Sinne öffentliche. Aber wenn ich als OB mal schnell wohin muss, dann steht mir eine U-Bahn zur Verfügung.“

„Abgesehen davon, dass ich da Ihren nächsten Skandal wittere, frage ich mich, warum wir jetzt mit der scheiß Kutsche-„, Ohßem wird unterbrochen.

Scheiß Kutsche?!“, empört sich Kurt Kutsche, „Sie hätten ja auch zu Fuß gehen können!“

„Dann hätten wir keine Viertelstunde gebraucht“, rechnet Salomon Solder vor sich hin.

„U-Bahn ging aber nicht, da ich mein 90-Minuten-Ticket zuhause vergessen habe“, rechtfertigt sich Vlothow.

Während unsere vier Freunde sich streiten, bekommt nur der auf dem Zentralfriedhof begrabene Reichskanzler Heinrich Brüning mit, dass jemand nervös über den Friedhof stapft.


Hui, wie spannend sich dieser Münster-Krimi zuspitzt! Wir dürfen also gespannt auf die dritte Folge sein. Lesen Sie ergänzend gerne diesen Text zum Phänomen „Münster-Krimi“.

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5 Kommentare

  1. Von was ist eigentlich Ordophob phobisch? Von einem Ordo? Was genau ist das? Ich frage nur, weil ich es nicht weiß. Und was anderes: kannst Du mal die berühmte Bibliothek von Münster mit in die Geschichte einfließen lassen? Ist doch auch ein ziemlich wichtiger Ort für Münsteraner. Oder irre ich? ;-) Mir gefiel der Ort (also die Bücherei) immer sehr. (Der Ludgerikreisel ist übrigens mörderisch, das muss ich wissen weil ich früher Fahrradfahrerin war…)

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