100 – das Interview!

seppo100

Am 2. Mai dieses Jahres veröffentlichte ich meinen ersten Beitrag im seppolog, eine Wortschöpfung meiner Mitbewohnerin (die seitdem viel ertragen musste) aus „Seppo“ und „Monolog“, also mitnichten aus „loggen“. Zunächst war nicht klar, wohin die Reise gehen würde; ich dachte an eine Mischung aus Lauf– und Bart-Blog, aber es gelang mir nicht, nicht über die eigene Person zu schreiben, was nicht unbedingt für mich spricht und auch die Frage aufwarf, wen es interessieren könnte. Die Frage stellt sich mir noch immer und es gibt genügend Artikel, nach deren Vollendung ich betrübt denke, diese ewige Selbstdarstellerei muss doch nerven. Aber ich hatte vorgebaut und den Blog mit „Irrelevanzlieferant“ untertitelt. Das nimmt Wind aus den Segeln.

Da ich selber davon ausging und noch immer ausgehe, dass es sich beim Bloggen um eine Phase handelt, die auch wieder vergeht, hatte ich nicht damit gerechnet, dass ich vier Monate dranbleibe an der Nummer und schon gar nicht damit, dass es für einhundert Beiträge reichen würde, bei denen die „Reblogs“ übrigens nicht mitgezählt sind.

Hundert Beiträge, Zeit also, mich selbst zu feiern. In mehr als zweitausend Kommentaren kam die ein oder andere Frage auf, die ich an dieser Stelle beantworten werde – in fröhlicher Zusammenarbeit mit dem hier bereits bekannten Pavel, meinem besten Kumpel und Ex-Nachbarn. Er stellt die Fragen, ich gebe die Antworten.

 

Pavel: Ich hatte Dir zu Anfang gesagt, Dein Blog werde niemand lesen. Warum auch?! Ich verstehe es nach wie vor nicht. Wann hast Du gemerkt, er wird doch gelesen?

Seppo: Als ich begann, über die Beziehungsfragen zu schreiben. Es lag so nahe. Weil es jeden irgendwie betrifft. Da stellte ich fest, ich kann über mich selbst schreiben, wenn ich es vermische mit Dingen, die jeder kennt. Die Beziehungsfragen sind nach wie vor die meist gelesenen Artikel, gerade der über das Fortsetzen eigentlich beendeter Gespräche mit mehreren tausend Aufrufen! Latte sehr hochgelegt, was inzwischen ein Problem ist, denn irgendwann ist jeder Aspekt einer Beziehung durchleuchtet. Das war also Anfang Juni und seitdem geht es bergauf.

Hat der Blog Einfluss auf Dein Privatleben?

Nein. Das habe ich schon immer gerne ausgeschlachtet. Nur hab‘ ich dieses Mal meine Mitbewohnerin mit reingezogen. Das hatte jüngst kuriose Folgen: Da träumte jemand sexuell von ihr, da ich in einem Artikel über einen möglichen Dreier schreibe. Und ihre Arbeitskollegen lesen inzwischen mit, es zieht also Kreise. Haken an der Nummer ist der, dass ich natürlich nur im Kern bei der Wahrheit bleibe, hier und da für eine Pointe die Realität zum Beispiel verbiege. Freunde glauben nun tatsächlich, ich sei ihr fremdgegangen, was nicht der Fall ist. Weil ich das irgendwo andeutete, obwohl ich es für einen erkennbaren Scherz hielt, womit ich daneben lag. Und wenn, würde ich es natürlich hier nicht schreiben!

Das ist ja eh ein Problem von Dir, dass Du hier und da im Blog lügst.

Ja, also „lügen“ würde ich das nicht nennen. Im Lügen steckt ja der moralische Aspekt. Geschichten müssen gepimpt werden, da mein Leben an sich eher langweilig ist. Da werden schon einmal zwei mitteltolle, reale Ereignisse zu einem megatollen verknüpft. Grundsätzlich wird übertrieben und es muss ja in meiner Hand bleiben, wie ich mein Privatleben breittrete. Aber ich betone: Im Kern stimmt alles. Es würde ja sonst keinen Sinn ergeben. Ausgedachtes ist selten so interessant wie Reales.

Wie kommst Du auf die Themen?

Krampfhaftes Nachdenken führt zu nichts. Das werden dann zwanghafte Artikel, nach denen ich deprimiert bin. Die Ideen kommen spontan aus dem Nichts, das sind meist die besten. Und die müssen dann umgehend umgesetzt werden, ich rutsche dann in eine Art Rausch und ich schreibe dann auch in Echtzeit. Keine Denkpause. In einem Rutsch runter. Es genügen kleine Dinge als Anreiz. Als ich beispielsweise den Begriff des „Aufpolsterns“ hörte, entstand daraus ein Artikel. Zuletzt stieß ich auf das Wort „Drehknauf“. „Knauf“ – da muss man doch was draus machen können! [inzwischen geschehen]

Welche Themen laufen gar nicht?

Ich stelle zu meiner großen Überraschung fest, dass am besten die Dinge laufen, die sich eigentlich nur um mich drehen. Obwohl ich das Gegenteil erwartet hatte. Ich hab’s mal versucht ohne meine Person und schrieb was zum Bahnstreik. Sollte eine Art Satire werden. Kam nicht so gut an. Am besten kommt an, wenn ich über eigenes Missgeschick schreibe, zum Beispiel vom Düsseldorfer Fenstersturz oder wenn ich betrunken nach Hause komme. – Mir wurde vorgeworfen, dass ich vulgäre Begriffe in die Überschriften packe, damit die Artikel geklickt werden. Klicken reicht natürlich nicht, es muss schon gelesen werden, in sofern sind eher die „Likes“ als die Klicks Kriterium für mich. Und da, wo vulgäre Überschriften zum Artikel passen, kommen sie auch weiterhin rein. Schreibe ich über Penis, kommt „Penis“ in die Überschrift. Ist im Grunde nicht mal vulgär. Vulgäre Sprache gehört zur Sprache dazu. Und ich bin hier nicht für große Literatur zuständig. Übrigens: Wird mir das vorgeworfen, mache ich das erst Recht.

Ein Grund, warum Du den Blog überhaupt machst, oder?

Ja, ich kann tun und lassen, was ich will. Woanders geht das nicht unbedingt, da stößt man mitunter auf Kritik von Menschen, die die Idee nicht verstehen. Nichts gegen konstruktive Kritik natürlich. Muss ich ja jetzt dazu sagen. Aber man muss immer genau hinhören, von wem Kritik kommt. Ist da jemand, der immer kritisiert, interessiert mich dessen Meinung nicht mehr. Ich hasse Nörgler. Nörgler machen mies und zerstören. Und ziehen runter. Und verhindern. Grauenvoll. Einfach machen und ausprobieren. Auch im Alleingang mit ’nem bisschen „Jetzt erst Recht!“. Meine Mitbewohnerin ist die beste Kritikerin. Weil sie nicht alles toll findet, aber auch nicht alles scheiße. Und sie ist direkt.

Du tust, was Du willst, aber achtest auf Klick-Zahlen?!

Ja, schwiiierig. Ich höre oft sowas wie „Ich schreibe für mich selbst, egal, ob es jemand liest“. Das nehme ich kaum einem ab. Ich tue das natürlich auch in weiten Teilen für mich selbst, aber wenn es keiner lesen wollen würde, würde ich es lassen. Man bekommt während des Schreibens ja in der Tat einen Rausch und freut sich über Kommentare – ob positiv oder negativ! -, aber ohne Resonanz mündete der Rausch in einen Kater.

Also publikumsgeil.

Absolut.

Wie viele negative Kommentare bekommst Du?

Überraschend wenig. Ich schrieb zuletzt über PMS, da kam nichts negatives. Ich hoffte auf Beschimpfungen! Auf Protest. Nichts dergleichen. Eine Leserin allerdings merkte an, dass Männer auch nicht immer gut drauf sind. Was ich aber auch nie behauptet hatte. Ich glaube, jene Leserin hatte gerade PMS. 😉 Puh.

Was Du im seppolog tust, tatest Du vorher auf Deiner Facebook-Seite. Wo bekommst Du mehr Resonanz?

Eindeutig und mit Abstand hier. Ich glaube inzwischen, ich verfehle die Facebook-Zielgruppe und habe auch keine Lust, mich an „Social Media“-Regeln zu halten wie „möglichst kurz halten“. Das ist so eine übertriebene Scheiße, der man sich da unterwirft, um Klicks zu generieren, von denen man letztlich nichts hat. Ich selber mag es lang und lese zum Beispiel auch keine Romane, die nur zwei- oder dreihundert Seiten haben. Ab fünfhundert fange ich an, darunter kann sich doch keine ordentliche Geschichte entwickeln! – Meine „Likes“ bei Facebook sind unangenehm übersichtlich geworden. Aber was soll’s. Übrigens sind die Kommentare hier deutlich gesitteter und gehaltvoller. Vielleicht mal eine Gelegenheit, mich zu bedanken, vor allem bei den Stamm-Lesern, die ich inzwischen ja nahezu „kenne“! Ich hatte damit gar nicht gerechnet, dass hier soviel kommuniziert wird! Jüngst eine sehr nette E-Mail bekommen, aus der ich jetzt einfach mal zitiere, ganz selbstlos 😉 :

„hiermit muss ich dir mal wirklich ein kompliment aussprechen – ich habe selten so unterhaltsame und lustige zeilen gelesen wie die deinigen. man kann fast behaupten, dass ich deinen schreibstil bewundere.“

Da geht mir natürlich einer ab, obwohl ich „Bewunderung“ für etwas übertrieben halte. Aber das ist natürlich ein gewisser Zuspruch, der mich motiviert.

Angeber. Und bei Facebook wirst Du beschimpft?

Nein! Ignoriert! Hehe. Ich ertrage Facebook auch kaum noch. Es gibt nur noch einen Grund, warum ich da bleibe, aber ich gehe seit Wochen schwanger mit dem Gedanken, mich dort abzumelden. Aber ich bin da irgendwo abhängig. Inzwischen verlagere ich Teile der privaten Kommunikation bei Facebook auf ein zweites (Fake-)Profil, das ich nur zum Austausch privater Nachrichten nutze. Weil ich darauf nicht verzichten will. Anders als Du, Du verweigsterst Facebook nach wie vor.

Ja, und mir fehlt nichts. Aktuell veröffentlichst Du hier auch meiner Meinung nach sehr langweilige Videos. Warum?

Haha! Ja. Weil’s geht. Ganz klare Antwort: Weil es geht. Die Antwort zelebriere ich geradezu! Dieses kack Gemecker über die Videos! Die kamen in Teilen sehr gut an, manche aber auch nicht. Da sie aber die Textbeiträge nicht verdrängen, sehe ich sie als Ergänzung. Wer sie mag, guckt, wer nicht, lässt es eben. Ich bewundere die Leute, die mir immer und immer wieder mitteilen müssen, dass sie die Videos kacke finden. Auch im analogen Dasein. Dann soll er’s eben nicht gucken. Und die meisten gucken’s dann ja doch. Was für eine Reaktion erwarten die dann?! Dass ich es lasse?! Dass ich sage „Ja, Du hast Recht“?! Wohl kaum. Ich tu’s halt gern. Viel Missgunst dabei. Du merkst, ein Aufreger-Thema für mich. „Hab‘ Dein Video gesehen! Nach 20 Sekunden ausgemacht.“ Ja, und?! Was bezweckt die Mitteilung?! Wirklich albern. Übrigens gibt es auch Leute, die es gut finden und es mir sagen. Also solche und solche eben.

Ich nicht. Du sitzt in den Videos meist im Auto und laberst irgendwas.

Du hast das Konzept durchschaut. Meine Mitbewohnerin übrigens quäle ich teilweise sehr damit. Sie hält ja meist die Kamera. Und sie sagt es mir nicht offen, aber es nervt sie teilweise. Wenn ich aufspringe und sage „Handy! Machen wir ein Video draus!“, ist es anstrengend für sie. Und sie sagt danach gerne „Das Video ist zu lang!“ Das weiß ich natürlich auch, aber es ist mir schlicht egal. Ich habe nicht vor, kurze Videos zu machen. Und wenn ich anbiete, eine kürzere Version zu machen, lehnt sie dankend ab. [Nachtrag: Sie betont inzwischen, dass es sie nicht nerve!]

Vernünftige Frau.

Absolut. Darum meine.

Gibt es Aspekte Deines Privatlebens, die Du nicht breittreten würdest?

Hm, muss ich ernsthaft drüber nachdenken. Doch. Einen gibt es. Und ich weiß ja auch, wer hier mitliest, daher wird alles ausgeblendet, was Freunde betrifft. Warum sollte ich die mit reinziehen? Das wär’s ja noch. Dann würde ich auch sagen, ich bin ein arrogantes Arschloch. Du bist da eine Ausnahme, da ich einiges bei Dir gut habe. Übrigens sind die „Pavel“-Artikel die am wenigsten geklickten. Zum Beispiel die Nummer, als Du mir meine Zeitung geklaut hast. Damals war ich aber noch in einer Findungsphase. Im Grunde hast Du inzwischen ausgedient.

Aber darf noch diese von Dir vorgeschriebenen Fragen stellen?!

Ja. Ich stelle ja auch den Wein. Und die Fragen kommen überwiegend von Lesern, mien Jung!

Wie diese: Welchen Artikel betrachtest Du als misslungen?

Spontan fällt mir der über die Toilettenlektüre ein. Danach hatte ich Tage lang ein mieses Gefühl. Und irgendwie ebenfalls völlig unmotiviert ist der über Euro-Paletten. Den verstehe ich selber gar nicht mehr.

Eine Frage jetzt tatsächlich von mir. Was hat es mit diesem „Liebster Award“ auf sich?

Als blutiger Anfänger glaubte ich tatsächlich damals, es gebe etwas zu gewinnen. Naiver Seppo. Aber: Danach stiegen die Klickzahlen enorm. Das ist einfach so. Damals hatte ich den klickreichsten Tag, inzwischen ist das aber der 11. August. Also die Nummer hat ihre Berechtigung, sie bringt Anfängern Aufmerksamkeit.

Eine weitere Person findet im seppolog Erwähnung. „S.„. Wer ist das?

Lustig, wie Du so tust, als wüsstest Du es nicht.

Ich lese nur die Fragen vor, die Du mir gegeben hast.

S. ist eine treue Leserin, die leider nicht mehr in diesem Staate weilt, sondern von der Liebe in die befreundeten USA getragen wurde. Die arme Frau, das darf ich hier sagen, musste sich in den letzten Monaten viiiiel von mir anhören an persönlichem Leid. Wenn ich nachts betrunken am Küchentisch saß, trank sie (nachmittags) „Schokomilch“ und hörte sich mein Leid an. Zeitverschiebung. Sie findet hier auch unter anderen Namen statt, da ich jüngst ein sehr instabiles Lügengebäude errichten musste, das auch schon zusammengestürzt ist. Das mit dem „betrunken am Küchentisch“ hört sich etwas komisch an. Aber wenn ich von Partys nach Hause komme, nehme ich dort ganz gerne mal Platz.

Lügst Du oft?

Nein. Aber es gibt Fälle, da denkt man zumindest, man müsste für jemanden lügen. Riesen Missverständnis jüngst. Große Angst die Folge. Aber auch lustig im Nachhinein. Wir lachen inzwischen drüber. Aber das versteht jetzt hier niemand. Anderes Thema bitte. Aber Lügen erfordert seelische Stabilität und eine gewisse Abgebrühtheit. Geht mir ab.

Seelische Stabilität geht Dir ab?

„Betrunken am Küchentisch.“

Persönliche Worte eines Star-Bloggers.

Besser hätte ich es nicht sagen können.

Hat was in Deinem Blog mal nicht geklappt?

Neben den Videos?! Ja, also die Nummer mit dem Sponsor war ein Irrweg. Ist versandet. Oder die „von Hintens„. Bin ich noch schuldig. Fragt aber auch keiner nach, in sofern sollte ich es auch lassen. Wobei, das war geplant als ein Text in Drehbuch-Form. Also völlig anders. Fürchte, damit Leser zu verprellen, aber man sollte stets Neues probieren! Mal gucken, was daraus wird. Anders als bei den sieben Todsünden. Ganz weit oben, aber ich hasse sie inzwischen. Was soll ich zur Sünde „Wollust“ schreiben? Dass ich mit Kater einen unfassbaren Drang nach Sex habe?! Aber das würde meiner Mitbewohnerin nicht gefallen. Ich habe eine noch ausstehende Sünde seit Wochen fast fertig. Aber der Artikel missfällt mir. [inzwischen veröffentlicht]

Wie kommt Deine Bloggerei bei Deinen Freunden oder Kollegen an?

Joa, gemischt. Das ist mir auch relativ latte. So etwas sollte einen auf gar keinen Fall beeinflussen. Man muss die Dinge durchziehen, von denen man überzeugt ist. Ich habe mir schon viel zu viel im Vorfeld miesmachen lassen. Einige Freunde lesen mit und finden es tatsächlich gut. Ich war auf Gegenwind eingestellt und hatte auch überlegt, es anonym zu machen. Das hätte ich mal tun sollen, denn dann hätte ich hier wirklich einige Aspekte mehr zu schreiben! Aber ich bekam mehr Zustimmung, als ich erwartet hatte. Es lesen, hallo Anja nochmal, Freundinnen von Freunden und, wie eben gesagt, zieht es Kreise im Arbeitsumfeld meiner Mitbewohnerin. Wodurch ich aufpassen muss, was ich schreibe. Obwohl sie ein so dermaßen reiner Mensch ist, der nichts zu verbergen hat. – Ich hatte vor zehn Jahren mal einen Blog, da schrieb ich über Freunde und die waren nachher sehr sauer. Ich kam da mal schwer in Schwulitäten. Dann ließ ich es. Andere finden es auch gelinde gesagt etwas albern. Was ich übrigens absolut nachvollziehen kann, mir aber ebenfalls egal ist. Es muss ja niemand lesen.

Du hast mal erzählt, dass Dir selber manchmal schlecht wird beim Schreiben.

Ja, wenn ich feststelle, wie oft ich das Wort „ich“ schreibe. Das ertrage nicht mal ich. Und auch bei diesem 100. Beitrag habe ich ein ungutes Gefühl, aber man wird sich doch mal selbst zelebrieren dürfen!

Ne, ich versteh‘ Dein mieses Gefühl sehr gut. Hast Du Dir „Seppo“ schützen lassen?

Ist in Arbeit. Für bestimmte Bereiche natürlich nur. Es wird eine Sex-Stellung geben, die „der Seppo“ heißt.

Wie könnte ich Dich in schlechtes Licht rücken, um dem Beweihräuchern ein Ende zu machen?

Ach, da gäb es schon das ein oder andere. Was ich irgendwann auch mal schreibe. Sollte ich in zehn Jahren noch schreiben, haue ich eine Knaller-Geschichte raus, die mich derzeit sehr prägt!

Zehn Jahre? Da sei Gott vor. Wirft Dir wer Selbstdarstellung vor?

Ja. Natürlich! Privat und beruflich. Heute noch passiert in der Sendung. Was albern ist, denn ich arbeite bei einer Art Fernsehen. Und muss es mir da vorwerfen lassen?! Ich halte meine Fresse gerne in die Kamera. Da kann ich nicht mal mit kokettieren, so klar und offensichtlich ist das. Manch einer wirft es mir vor und erwartet dann eine Reaktion von mir. Wie soll ich reagieren?! Ich tue das ja bei vollem Bewusstsein und man erzählt mir damit ja nichts Neues. Kritik daran ödet mich an. Über diese Kritik lächle ich nur müde inzwischen, denn ich habe auch meine ruhigen Momente, die überwiegen. Außerdem: Jedem, was er kann. Oder glaubt, zu können.

Erträgt Dich Deine Mitbewohnerin immer?

Nein. Ich sie aber schon. Was für ein Mensch! Du kennst sie ja. Großes Glück, aber eine öffentliche Liebeserklärung wäre albern, hab‘ nicht einmal ich nötig. Ich behaupte, ein solches Glück habe ich nicht noch einmal im Leben und begreife es nach mehr als zehn Jahren noch immer nicht so richtig. Das Kennenlernen war so dermaßen von Zufällen geprägt, da hätte nur eine Kleinigkeit anders verlaufen müssen und ich würde noch heute solo durch die Gegend ziehen.

Weil keine zu Dir passt?

Weil ich mir immer welche ausgesucht habe, die so völlig anders sind als ich. Aber so massiv anders. Das ist ein Fluch. Im Ernst. Frauen und damals Mädels, die so völlig zurecht kein Interesse an mir hatten.

Ich erinnere mich. Mareike? Verena? Und die eine in Frankreich? Während ich sie alle abgeschleppt habe! – Deine Mitbewohnerin erzählte mir kürzlich, Du seist zum Reden und Zuhören gut. Und zwar nur!

Haha! Ja. Sie erzählte mir davon. Sie meinte das natürlich – hoffentlich! – nicht auf sich bezogen. Es ist mein Schicksal. Können wir hier kurz unterbrechen? Ich muss weinen.

Tapferer, kleiner Pirat. Hast Du mal Ärger von ihr bekommen für einen Artikel, in dem sie zu privat ausgeleuchtet wurde?

Eng wurde es beim PMS-Artikel. Den kündigte ich ihr an und gab zumindest die erste Hälfte zum Gegenlesen; die zweite war noch nicht fertig. Den Beitrag schrieb ich voller Angst. Ironischen Smiley einfügen. 😉 Ansonsten achte ich sehr darauf, wie sie wegkommt, aber es gibt auch keinen Grund zum Kaschieren. Da ist nichts, was sie in Verruf bringen könnte.

Es gibt ein paar Dinge, die ich für erfunden halte: Du und klassische Musik? Das ist doch erfunden!

Nein. Tatsächlich nicht. Bei meiner verstorbenen Oma. Ich habe sie für mich entdeckt. Die Klassik, nicht die Oma. Ich bin selber überrascht. Und es unterstreicht mein Streben nach Spießertum, muss ich feststellen. Oder es ist schon wieder cool! Es ist extrem geil, laut Klassik zu hören. Es ist unglaublich. Dass ich 36 Jahre benötigte, um das zu kapieren! Man muss nur dasitzen und sich volldröhnen lassen und Du hast ein absolutes Hochgefühl.

Okay. Dann Dein Sexleben. Wer sooft darüber schreibt, hat in Wahrheit keines.

Auch hier bemühe ich wieder das Grab meiner Oma. Mein Sexleben ist ein einziger Porno. Aber einer, den sich auch Frauen angucken würden.

Ein Problem, das wir teilen, ist ja das, dass wir oft zu ernst genommen werden. In schriftlicher Form kommt das doch bei Dir auch sicher vor: Du schreibst was Ironisches und es wird ernstgenommen.

Weil ich den augenzwinkernden Smiley öfter setzen sollte. Aber ich finde es albern, Ironisches als solches zu kennzeichnen. Da ist es witzlos und es macht einen gewissen Reiz aus, die Leute im Unklaren zu lassen. Schief ging das beim dem Geburtstagsartikel. Das ist der einzige Artikel, bei dem ich maßlos übertrieben habe. Für diejenigen, die es nicht anklicken: Ich schreibe dort, dass ich mein Geburtsdatum geheimhalte. Das stimmt im weitesten Sinne, aber einer ausgewählten Gruppe ist er natürlich bekannt. Und ich habe nie am falschen Datum gefeiert. Das war die einzige Lüge im seppolog, die dramaturgisch allerdings angezeigt war.

Findest Du Dich toll?

Den Eindruck vermittle ich vermutlich, auch das ist mir bewusst. Aber wie sooft, die Wahrheit ist eine andere. Alles Show. Und daraus ergibt sich doch die Komik: Da schreibt einer, der sich vermeintlich selbst erhöht, über sein Scheitern im Alltag. Diese Fallhöhe geht ja nur dann, wenn ich mich selber vorher erhöhe, damit es umso lustiger ist, wenn ich stürze.

Weinst Du jetzt wieder?

Ja, können wir kurz unterbrechen?

Ja, ich gehe schiffen und hole Wein.

Glaubst Du, dass dieses einer bis zum Ende lesen wird?

Spielt keine Rolle für mich. Der Prozess macht mir Spaß. Also ein paar sollten es schon lesen. Über Längen mache ich mir keine Gedanken. Ich werde mich nicht gänzlich anpassen an Lese- oder Sehgewohnheiten. Da wird einem soviel eingeredet, was einfach nicht stimmt. Sogar mein 14 Minuten-Video haben sich Menschen angesehen. Man muss dann nur so tun, als täte man das aus Protest gegen die Schnelllebigkeit oder Hektik des Alltags. Der tatsächliche Grund ist der, dass ich es tat, weil es geht. Und weil ich es will. Was mich nur jetzt schon ärgert –  und das kann man dem Leser vielleicht mal mitteilen: dass diese Interview-Artikel mit dem Handy aufgezeichnet werden und ich sie nachher abtippe. Transkribieren nennt man das, ich hab’s an der Uni machen müssen, es ist unerträgliche Arbeit. Darum machen wir das gerade weit vor dem hundertsten Beitrag. Da brauche ich Tage für!

Lässt Du vieles aus?

Ja, denn wie tippe ich Lallen ab?! Wir starten gleich mit dem „Captain Morgan“. Und wir können nur hoffen, dass wir die Stop-Taste am Handy noch erwischen. Ich hab‘ mal ’ne Frage an Dich: Warum stört es Dich nicht, was ich hier gelegentlich über Dich schreibe?

Anfangs ging ich davon aus, dass es maximal zehn Leute lesen würden. Wenn überhaupt. Also Freunde. Und die kennen mich ja eh. Ansonsten verbiete ich Dir meinen Nachnamen und ein Foto.

Ein sehr deutscher Nachname, dafür dass Du aus der Ukraine stammst.

Niederländisch, wie Du weißt. Es wird gerade belanglos.

Haben wir alle Fragen durch?

Keine Ahnung. Der Zettel ist weg. Was macht Dein Leistenbruch? Hast Du Angst vor der OP?

Erst nicht, dann ja, jetzt nicht mehr. Ich lag einmal nachts wach und überlegte, was für Folgen es hat, wenn ich nicht mehr aus der Vollnarkose aufwache. Mir ist das dann ja egal, ich dämmere irgendwann weg und werde wieder wach. Oder eben nicht. Ich merke es nicht. Aber ich denke da an meine Mitbewohnerin, wäre ’ne üble Überraschung.

Du saßt ja an Deinem Geburtstag, typisch Seppo, in der Notaufnahme mit dem Leistenbruch. Und Du gingst ja von einer eher schlimmen Diagnose aus. Wie Du das immer tust. Angenommen, eine schwere Erkrankung wäre diagnostiziert worden, hättest Du das gebloggt?

Ohne in der Situation drinzustecken, sage ich, ja. Vielleicht mit Abstand. Zumindest saß ich da in der Klinik, es war eher die Notfallpraxis in der Klinik, und dachte schon, immerhin hätte ich so ein neues Thema für’s Bloggen. Mein Plan ist ja auch, in irgendeiner Form im Aufwachraum zu bloggen. Meine Mitbewohnerin wird angewiesen, das Erwachen, so es denn stattfindet, toi toi toi, zu filmen. Um das mal sehr offen zu sagen: Man kann alles Private verwursten, sodass es auch für andere, für Fremde, interessant wird. Das glaube ich sehr ernsthaft. Es sind die meist geklickten Artikel!

Schonmal deswegen belästigt worden?

Ja, aber wird hier nicht erzählt. Ich bekomme E-Mails, Du machst Dir keine Vorstellungen. Und Mails sind noch harmlos.

Wenn Du stirbst, Seppo, bekomme ich einen Brief von Dir, erzähltest Du mir mal.

Haha, ja. Weil ja vieles mit dem plötzlichen Ableben unausgesprochen bleibt. Dem will ich vorgreifen, in dem ich Briefe geschrieben habe. Schwierig ist es, diese Briefe aktuell zu halten. Ich schreibe ständig um. Manche werden auch gelöscht …

Es gibt nichts Privates, vor dem Du zurückschrecken würdest?!

Kaum. Aus dem einfachen Grund, dass es anderen genau so geht. Wenn ich morgen irgendwo sitze und schurzen sollte, wird das hier breitgetreten. Allerdings nicht im Wortsinne.

Abschließend: Wie wird das seppolog sich weiter entwickeln?

Keine Ahnung. Zuletzt kamen ja die Videos dazu, aber das ist nur eine Phase. Möglicherweise wird es Gastbeiträge geben. Drei Anwärter haben sich angekündigt. Und ich schließe nicht aus, dass Weihnachten im seppolog nicht mehr stattfindet. Weil ich bis dahin vielleicht keine Lust mehr habe. Ich frage mich auch wirklich, worüber ich noch schreiben könnte. Das wird zunehmend schwieriger. Darum gönne ich mir nun auch ein Päuschen und melde mich vielleicht erst vom Krankenbett wieder!

Herr Flotho, vielen Dank für das Gespräch.

Pavel, der Dank gebührt Dir und den treuen Lesern!

48 Kommentare

  1. Weihnachten ohne Seppolog fänd ich persönlich schade!. Was mich mal brennend interessiert: Es gibt ja dann scheinbar doch den ein oder anderen Blog, dem Du folgst. Höflichkeit und der Reader ist eine eher ungenutze Funktion? Oder liest Du tatsächlich – vielleicht sogar regelmäßig – was der ein oder andere schreibt?

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  2. Herzlichen Glückwunsch zum 100. Beitrag. Ich freue mich auf die nächsten hundert und hoffe, du bloggst auch noch über Weihnachten hinaus. Dein Blog ist meine tägliche bei-einer-Tasse-Kaffee-Lektüre geworden und ich musste so manches Mal aufpassen, dass ich mich nicht mit dem heißen Kaffe beprustet habe. Vielleicht steige ich in Zukunft besser auf Limo um. Also: weiter so 😉

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  3. Herzlichen Glückwunsch -auch von mir- zum 100ten.
    Ich denke, daß man(n) sich in so einem blog gerne darstellt. Warum schreibt man ihn sonst?
    Ich schreibe schon seit mehr als 10 Jahren einen blog… allerdings anonym…
    Auch dort kommt viel „Ich“ vor. Was ich nicht schlimm oder schlecht finde, da ich ja über mich persönlich schreibe und/oder meine Meinung erzähle. Und da gehört ganz viel „Ich“ hinein.

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  4. Dein Blog layout hat sich ja auch einer Metamorphose in den Monaten unterzogen…lustig so eine Entwicklung zu beobachten, nicht nur tippweise…ich bin gespannt, wohin sie weitergeht !

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  5. Nachdem ich vorhin gesehen habe dass du dein 100. Artikel geschrieben hattest habe ich mal aus reiner Interesse bei mir nachgeschaut! Und mir ist mit Schrecken aufgefallen dass ich schon mehr oder minder viele Geburtstage von meinem Blog einfach mal so unter den Tisch habe fallen lassen! Weil mit dem mitzählen hab ich’s leider nicht so! Mathe ist auch immer ziemlich schwierig!😜

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  6. Ja, wenn ich feststelle, wie oft ich das Wort “ich” schreibe. Das ertrage nicht mal ich. Und auch bei diesem 100. Beitrag habe ich ein ungutes Gefühl, aber man wird sich doch mal selbst zelebrieren dürfen!

    Vielleicht brauchst du deshalb diesen Blog. Um damit einen Weg zu finden. Für dich.
    Geht zumindest mir so.

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  7. Heute morgen die erste Hälfte gelesen – sofort nach Düsseldorf gefahren – mit Kuchen, Kerzen, Papphütchen und Tröte am Bahnhof gestanden – kein Seppo aber lauter mitleidige Blicke – alles selber gegessen und ausgepustet und betröpelt wieder nach hause um die zweite Hälfte zu lesen und eben ein schriftliches Glückwunsch und weiter so dazulassen. 😉
    Das (fast) tägliche Schmunzeln bis laut lachen würde mir echt fehlen wenn du aufhörst!
    LG J.

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