Radehackendicht

NeuesLaufen schick modifiziertDieser Trainigsplan, von mir höchstselbst erstellt!, half mir 2013 bei der Umstellung von Fersen- auf Vorfußlauf.

Ich habe jedes Jahr, wenn der Frühling Einzug hält und die AfD diesen in die Landtage, ein Album, das ich permanent höre. Vergangenen Frühling waren es mehrere von „Reel Big Fish“, die allerdings auch weite Teile meiner Jugend begleitet hatten. In diesem Jahr wird es wohl die Oi-Skin-Band „Berliner Weiße“ sein. Kriterium der Auswahl ist stets, die Musik überhaupt erst zu finden, die sich dann auch als Begleitmusik zum Laufen eignen sollte. Das ist in diesem Fall derselbe.

Mit „Oi-Skins“ habe ich mich während meines Zivi-Lehrgangs 1998 beschäftigen müssen. Das war damals das von mir gewählte Thema, denn man musste offenbar eines wählen. Hat im Grunde was mit Staatskunde zu tun, so richtig klar wurde mir der Zweck dieser Zwangs-Fortbildung nicht, die es heute ja auch gar nicht mehr gibt. Der Lehrgang auf dem Ith dauerte fünf Tage. Diese fünf Tage waren erträglich, da ich ich dauerbreit war. Ich sag‘, wie’s ist. Wie’s war. Denn anders ließ sich jene Sinnlosigkeit nicht ertragen. Alle Beteiligten, also auch die Lehrer, wussten, dass niemand dort war, weil er wollte. Der Staat hat mich gewzungen, vermutlich aus Rache für meine Kriegsdienstverweigerung. Der Lehrgang war allerdings ähnlich schlimm wie die Front. Welche Front auch immer. Radehackendicht.

Zwei Wochen lang konnte ich nicht laufen. Im Sinne von „joggen“, was eigentlich etwas völlig anderes ist. Eine Woche war grippebedingt, die andere eine bereits im Jahr eingepreiste, da ich mir jedes Jahr sechs freie Laufwochen gönne, die aber nicht am Stück stattfinden müssen.

Zwei Dinge habe ich heute beim zweiten Lauf nach der kleinen Pause feststellen müssen: Zum einen brauche ich offenbar neue Laufschuhe, da das Knie schmerzt. Sobald etwas schmerzt, liegt es an ausgelaufenen Schuhen. Das habe ich in den in diesen Tagen 14 Jahren meines Laufens gelernt. Zudem ist der letzte Schuh-Kauf bereits gut ein Jahr her, es wird also Zeit. Damit jährt sich auch mein Schuh-Klau. Naja, fast. Also: Schuhkauf am Donnerstag.

In aller Regel sind Laufschuhe optisch sehr fragwürdig. Meine derzeitigen sind neonblau, die kurz vorher gestohlenen hingegen waren eine Augenweide. Doch die Farbe spielt beim fachmännischen Kauf von Laufschuhen mit Laufband-Analyse, die etwa drei Minuten dauert, keine Rolle; wählerisch darf man da nicht sein. Allerdings spare ich nie an der stets verneinten Frage:

„Gibt’s die auch in einer ansehnlichen Farbgebung?“

Egal, man läuft einfach so schnell wie möglich durch Matsch, dann ist vom Schuh an sich nichts mehr zu sehen.

Erstmals spiele ich in diesem Jahr auf mit dem Gedanken, „Barfuß-Schuhe“ ergänzend zu erwerben, da wir ja alle wissen, dass unser Schuhwerk für unseren falschen Laufstil verantwortlich ist. Barfuß-Schuhe sollen das natürliche Laufen fördern, führen aber zu diversen Umstellungsbeschwerden. Daher sind sie zunächst nur ergänzend zu nutzen. Und wer genau hinsieht, trifft spätestens im Sommer hier und da auf echte Barfuß-Läufer, die aber eine derart ausgeprägte Hornhaut haben müssen, dass auch der Tritt in eine Scherbe ihnen nichts anhaben kann.

Zum Zweiten musste ich heute feststellen, dass eine zweiwöchige Pause inklusive Grippe ihren Tribut fordert. Und ich bin nun wirklich niemand, der sich sagt: „Ich fange erstmal langsam an.“ Auch das habe ich in 14 Jahren festgestellt: Man kann da weitermachen, wo man aufgehört hat, man stirbt nicht daran. Man hat eben nur Muskelkater. Da läuft man 14 Jahre, pausiert zwei Wochen, fängt wieder an und hat allen Ernstes Muskelkater in den Waden!

In den ersten Minuten des heutigen Laufes über zwei der Rheinbrücken hier in Düsseldorf war ich der Überzeugung, dass ich nach etwa 20 Minuten feststellen würde, zusammenbrechen zu müssen. Nach 20 Minuten ist man allerdings schon zu weit weg von Zuhause, als dass man den Lauf abkürzen könnte. Ich nahm mir somit vor, auf Höhe der ‚runtergekommenen „Kö“ zu entscheiden, wie das weitere Vorgehen aussehen würde. Ich habe mir das schon oft in diesen Situationen vorgenommen und weiß es ja eigentlich besser: dass ich so oder so die vorgenommene Strecke laufen würde.

Es gibt Strecken, die sind, sagen wir mal, neun Kilometer lang, die man aber ungern läuft, weil sie sich länger anfühlen als eine andere Strecke, die zwölf Kilometer lang ist. Derzeit ziehe ich die zwölf Kilometer-Variante vor, die sich tatsächlich sehr kurzweilig gibt. Vielleicht liegt es am Ausblick von den Brücken auf den Rhein.

In meiner Heimatstadt Münster lief ich oft am Dortmund-Ems-Kanal entlang. Der übrigens beeindruckender als der Rhein ist. Denn man kann darin schwimmen, ohne dass eine Strömung einen in die Tiefe reißt. Sauberer ist das Wasser auch. Ich vermisse den Kanal, wo man sich immer Wettläufe mit den „Pötten“ geliefert hatte. Heimat ist etwas, das nie vergeht.

Auf den letzten Kilometern war ich heute im Grunde erschöpft. Da ich zu allem Überfluss kurzhosig durch die Gegend lief, kam ein Innehalten kurz vorm Ziel wegen der Gefahr des Auskühlens ohnehin nicht in Frage. Und sowieso ziemt sich Pausieren unter gar keinen Umständen. Ein Beinbruch wäre der einzige Grund, einen Lauf abzubrechen. Der Abbruch eines Laufes gilt für mich als Schmach, als Schande.

Das letzte Mal brach ich 2012 einen Lauf ab. Nicht einmal wegen eines Beinbruches, sondern weil man Knie sich seltsam verdrehte. Ein Jogger würde dann sofort abbrechen. Ein Läufer läuft erst einmal gegen den Schmerz an. Oft vergehen Schmerzen durch Laufen. In dem Fall allerdings nicht. Und so tapert man gelangweilt und voller Schmach zurück nach Hause. Und kauft neue Schuhe. Problem gelöst. Es sind die Schuhe, Idiot.

Lange Jahre habe ich „Lauf-Magazine“ gelesen, etwa die „Runner’s World“. Dort wird immer das geraten, was zwei Jahre zuvor noch als Vergehen galt, denn sie müssen ja ihre Seiten füllen. Derzeit wird empfohlen, dass man immer zwei Paar Laufschuhe parallel nutzt, damit der Fuß sich nicht an einen Schuh gewöhnt. Ich laufe seit – 14 – Jahren mit einem Paar Schuhe. Geht auch. Die Anschaffung zweier Paare ist mir auch zu kostspielig. Für ein Paar zahle ich seit – 14! – Jahren konstant 140 Euro. Seltsamerweise werden sie nicht teurer. Jeder Fachverkäufer rät davon ab, Schuhe für mehr als 200 Euro zu kaufen. Allerdings nur die Verkäufer von Fachgeschäften, was bei mir „Bunert“ ist, schon zu meinen Münster-Zeiten.

Ich kann den Frühling kaum erwarten. Es kann noch so kritisch im Privat- oder Berufsleben zugehen, ein dreistündiger Lauf bei etwa 17 Grad mit Sonne heilt alle Wunden, auch wenn mein Leistenbruch sich derzeit wieder meldet. Das übrigens ist albernerweise die Folge meines Hustens während der Grippe. Ich werde nie wieder behaupten, dass ein Leistenbruch eine Bagatelle ist. Der wird mich noch viele Jahre begleiten. Ich kann die „Leistenbruch-Chroniken II“ leider nicht ausschließen. Aber gut, es gibt noch andere Freunde, die den Körper ein Leben lang begleiten können. Man darf nicht klagen. Aber Laufen im Frühling ist und bleibt eine Form des verlängerten Orgasmus. Übrigens ist es ein Mythos, dass der männliche Orgasmus nicht besonders lange dauert. Ich bin teilweise froh, wenn er abgeschlossen ist.

Ostern sollen es bis zu 16 Grad warm werden. Ich brauche also bis dahin neue Laufschuhe, um mich in das Umland Düsseldorfs zu stürzen. So pathetisch es klingt: Es gibt nichts Besseres, als laufend das Aufleben der Natur zu beobachten.


Etwas, was ich mir bei Facebook verkneife, ist das Posten meiner Laufstrecken. Wobei, das stimmt gar nicht. Hab‘ ich durchaus schon gemacht. Dann bleib‘ ich auch dabei.

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14 Kommentare

  1. Ob nun „laufend“ oder „walkend“ oder „radelnd“ das Aufleben der Natur erleben – Hauptsache sie lebt auf.

    Übrigens das „Vorderfußlaufen“ ist eine interessante Sache, denn da ich seit einem halben Jahr mit einem so was von lästigem Fersensporn (den ich versuche zu ignorieren) unterwegs bin, habe ich mich im Internet informiert, was dagegen getan werden kann (außer speziellen Einlagen) und da bin ich eben auf diese Art des Laufens gestoßen. Es ist aber wirklich nur beim „Laufen“ möglich, den Vorderfuß zuerst aufzusetzen. Schade, denn meine Ferse würde sich freuen. LG ☼Sigrid☼

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  2. Auf dem Vorfuß laufen muss anfangs eine Tortur sein. Das gibt mit Sicherheit ordentlich feste Waden mit der Zeit. Respekt, dass Du Dich da ranwagst. Bezüglich der Pronation habe ich auch so meine lieben Probleme. Mit dem Ergebnis, dass ich mir Schuhe kaufen musste, die den Fuß während des Abrollens mehr führen. Letztlich sind das aber eher klobige Brooks-Brems-Klötze, die einem den Spaß ganz schnell nehmen. Insofern fand ich die Umstellung des Laufstils von Dir gerade sehr interessant.

    Mit dem Knie habe ich, ich weiß nicht, was Du erlebt hast, vielleicht ähnliches erlebt. Da laufe ich annähernd 5 Jahre so durch die Steppe und übertrieb es wohl in nur einer Woche. Mit dem Resultat eines Patellasehnenspitzensyndroms. Treppe rauf, Treppe runter eine wahre Freude kann ich nur sagen. Das fühlte sich an, als wenn einem jemand andauernd Nadeln ins Knie hämmert. Zum Arzt und nach Kernspin und Spritzen keine sonderlich große Auffälligkeit und auch eine sich einstellende Ratlosigkeit des Orthopäden. Lange Rede kurzer Sinn: Das ganze hat sich 1 Jahr ohne wesentliche Verbesserung hingezogen, bis ich mal in den Kieser getingelt bin und 6 Wochen Muskelaufbau probiert habe. Vor allem einen der hinteren Oberschenkelmuskel intensiv gedehnt habe – auf Anraten eines dort aushelfenden Sportstudenten. Etwas später dann ab in den angrenzenden Wald und ich kann gar nicht so recht in Worte fassen, wie schön es ist, wieder ans Laufen gekommen zu sein.

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    • es ist eine tortur, da man es im grunde neu lernen muss. anfangs konnte ich keine zehn minuten am stück laufen und von den waden am nächsten tag wollen wir nicht sprechen. aber hat man das erstmal überwunden, „fliegt“ man über den asphalt!

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