Hürth – Düsseldorf

route

Hoerbar_haare
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Und nun zu etwas völlig anderem.

Auf der Rückfahrt von Hürth war ich für 40 Minuten in einem Faradayschen Käfig mehr oder weniger eingeschlossen. Ich hätte natürlich jederzeit die Tür öffnen können, aber das wagte ich nicht, zumal es mich weniger zügig ans Ziel gebracht hätte. Bis wie viel Stundenkilometern kann man das Wagnis wohl auf sich nehmen? Bis 30? Vermutlich schon zu schnell, aber ich frage mal bei „Action Concept“ nach … in Hürth.

Da ich also relativ schnell beschlossen hatte, im Auto während der Fahrt zu verharren, zumal die Fahrtdauer lediglich 40 Minuten betrug, stand mir nun der mir eigene geistige Horizont zur Verfügung, um ihn zu erkunden. Und schnell kam ich mit mir ins Gespräch.

„Was ist eigentlich mit Herrn Abendfahl?“

„Herr Abendfahl? Die Figur, die du dir vor 20 Jahren einmal für Kurzgeschichten ausgedacht hattest?“

„Ja. Was war das für ein Typ?“

„Ein tumber. Ein tumber Pensionär. Hatte er nicht eine Frau?“

„Ja. Vermutlich eine noch tumbere. Warum hieß er ‚Abendfahl‘?!“

„Weil du damals jemanden kanntest, der ‚Morgenrot‘ hieß. So wie du immer schreibst, du wohnst Zum Venushügel 5, obwohl du tatsächlich im Merkur-Tal 7 wohnst. Ein durchschaubares Muster.“

„Ja, aber ‚Abendfahl‘ ist schon ein guter Name. Die Figur könnte ich doch reaktivieren!“

Keine Antwort. Offenbar war ich skeptisch.

Aber warum eigentlich nicht? Allem Anschein nach hatte ich schon als Frühmensch großen Spaß an Figuren, wobei es nie normale Charaktere gab; alle waren und sind bis heute irgendwie leicht krank. Oder Abbilder von mir.

„Oder beides.“

„Aha, jetzt rede ich offenbar wieder mit mir!“

Auf der Rückfahrt hatte ich drei potenzielle Titel im Kopf:

  • Der tumbe Herr Abendfahl gibt nicht auf
  • Der tumbe Herr Abendfahl und die Menge an Möglichkeiten

Den dritten hatte ich bei Leverkusen bereits vergessen, da mir ein kaninchen-ähnliches Tier unter eines der Räder geriet. Obwohl, es rumpelte zweimal. Es geriet mir also während des Einfalles des dritten Titels unter zwei meiner Räder. Es ging sehr schnell, würde ich behaupten, und selbst wenn das kaninchen-ähnliche Tier (Ein Hase?) noch lebte, der LKW hinter mir dürfte ihm, dem kaninchen-ähnlichen Tier, den Rest gegeben haben. So oder so war der Moment Aufregung und Ablenkung genug für mich, um den dritten möglichen Titel zu vergessen. Nein, jetzt fällt er mir ein. Jetzt, wo ich zuhause auf dem Sopha sitze.

  • Herrn Abendfahls Rückkehr

„Typischer Titel für dich!“, sagte ich mir im Auto.

„Ja, Klassiker“, pflichtete ich mir bei.

„Aber warum auch nicht? Vieles, was abgedroschen ist, ist ja aus gutem Grund abgedroschen.“

Ich überlegte, ob ich, wenn ich zuhause bin, die alten Abendfahl-Geschichten raussuche und abfotografiere. Mache ich:

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Aber lesen, lesen tue ich sie nicht, die Machwerke aus dem Jahr 1997. So jung war ich da gar nicht mehr, wenige Jahre vor dem Abi. Läse ich diese Geschichten, die an die 2.200 Wörter haben, versünke ich in Melancholie. Und da einmal drin, komme ich so schnell nicht mehr heraus. Abgesehen davon sind die Dinger echt schlecht geschrieben.

„Sieh dir die Überschriften an!“, sage ich gerade zu meiner Mitbewohnerin, die ihre Facebook-Chronik nach Dingen durchforstet, die ihren Ursprung nicht in meiner überfluteten Seppo-Seite haben und interessanter sind als die Abenteuer aus dem ersten Abendfahl-Universum 1997. Jetzt ist sie allen Ernstes eingeschlafen.

Jetzt habe ich also die Ruhe, die ich eben schon im Auto hatte. 40 Minuten Fahrzeit sind überschaubar, während alles, was eine Stunde überschreitet, in Langeweile ausarten kann. Diese 40 Minuten, die auch noch vollkommen frei von sich stauendem Verkehr, Stau, daherkamen, kann ich genießen, bin ich auch gerne allein, auch wenn ich Mitfahrgelegenheiten nicht abgeneigt bin. Aber diese 40 Minuten haben etwas Meditatives. Ich nickte nahezu weg.

Zwei Sekunden später stellte ich fest, dass Sekundenschlaf wenig erholsam ist. Ich wachte gerädert auf, als ich mich fragte:

„Was sollte denn ein Herr Abendfahl nun so erleben?“

Gute Frage. Mich reizte die Geschichte darüber, wie Herr Abendfahl seine Wohnung verlässt und auf dem Weg zu seinem Ziel rund zehn Mal ums Leben kommt. Und so sitze ich im Auto, höre auf WDR 5 „Stichtag“, drehe das Radio leiser und formuliere:

Herr Abendfahl fragt sich noch, warum er beim Verlassen seiner Wohnung immer seine Schuhe auf der wohnungsexternen Fußmatte abstreift, als er mit dem rechten Schuh an dieser hängen bleibt, ins Schlawingern gerät, das rettende Treppengeländer nur knapp verfehlt und die Treppe entsprechend ruckartig herabstürzt. Er will sich noch mit den Händen abstützen, doch er entscheidet sich auf die Schnelle für den Kopf, dessen Schädeldecke beim Aufprall … 

Verdammt, wo fixiere ich das jetzt?! Handy? Während der Fahrt? Ich doch nicht. Für sowas bin ich zu korrekt. Ah! Aber genau das könnte doch Herrn Abendfahl passieren, wenn er dann

Hart im Nehmen rappelt sich Herr Abendfahl wieder auf und verlässt kopfschüttelnd das Haus, das in der Nachbarschaft für seinen Vorgarten bewundert wird. Den wiederum hält Herr Fahrgescheit in Schuss, der auch heute wieder mit der Heckenschere für gerade Linien sorgt. Herr Fahrgescheit hört Herrn Abendfahl nicht kommen und sieht wegen seiner Augenbinde nur die Hälfte der Welt. Seine für den sich nähernden Herrn Abendfahl überraschende Drehung kostet diesen dessen Torso, weil die Heckenschere ganze Arbeit leistet.

Es wäre aber unrealistisch, ihn danach weiterleben zu lassen. Das glaubt mir niemand und so habe ich die Figur vor 19 Jahren ganz sicher nicht angelegt. Herr Abendfahl würde sich dennoch wieder aufrichten, seinem Nachbarn Fahrgescheit einen wütenden Blick zuwerfen und weitergehen, damit er die 705 nicht verpasst. Die Straßenbahn.

Die er auch heute nur knapp verpasst, als sie über seine Beine rollt. Viel Arbeit für den Entstörungsdienst des örtlichen Straßenbahn-Betreibers, wovon sich Herr Abendfahl aber nicht aufhalten lässt.

Ich war kurz vor Düsseldorf, Abfahrt auf die A46 Richtung Wuppertal. Von hier sah ich bereits die Silhouette meiner Heimatstadt Düsseldorf und dachte, dass es sich doch ein bisschen wie Heimat anfühlt. Dann aber erinnerte ich mich an:

„Münster. Nun stell‘ dir vor, das wäre das Panorama Münsters! Das wären Heimatgefühle!“

„Ja. Aber man kann nicht alles haben im Leben, Seppo. Wie du weißt.“

„Was machst du nun mit Herrn Abendfahl?“

„Ich weiß noch nicht. Aber ich bringe ihn nicht um.“


Folgende soziale Netzwerke werden heute Nach abgeschaltet: Facebook.

10 Kommentare

  1. Aus irgendwelchen Gründen fiel mir bei der Strecke „Hürth-Düsseldorf“ sofort Bertolt Brechts Gedicht „Der Radwechsel ein:

    Ich sitze am Straßenhang.
    Der Fahrer wechselt das Rad.
    Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
    Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
    Warum sehe ich den Radwechsel
    mit Ungeduld?

    😉

    Gefällt 6 Personen

  2. dann lass doch die abendfahl geschichten von deinem geneigten publikum ( mich eingeschlossen) mal lesen , vielleicht könnte man dann vorschläge für eine evtl. fortsetzung machen , falls es deinem ego keinen schaden zufügt …..

    ist so eine überlegung der wolfskatze … 🙂

    Gefällt 6 Personen

  3. Irgendwie bist du ein wenig irre. Aber es steht dir gut. 😀
    Alte Geschichten kann man lesen. Meist ist die Idee nicht schlecht, aber die Umsetzung lässt einen oft schauern. (Hat man sich wirklich jemals so ungelenk ausgedrückt?)

    Der Herr Fahrgeschäft braucht wohl eine Beschäftigungstherapie? Mit der Gartenschere den Rasen mähen. Ne! (Und dann noch Leute umbringen, die gar nicht sterben können.) Das bringt wiederum die Frage auf, was Herr Abendpfahl für ein Wesen ist.

    Gefällt 1 Person

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