Seppo Dash Button

dashbutton

Hoerbar_haare
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„Und ich werde immer für dich da sein, bis dass der … das finde ich jetzt aber sehr abgedroschen, vom Prinzip aber meine ich genau das. Aber jetzt in diesem Moment, in diesem sehr feierlichen Moment den Tod ins Spiel zu bringen, nein, muss nicht. Entscheidend bleibt: Ich werde da sein.“

„Okay.“

So lief das bei meiner Ehelichung in etwa ab, ehe wir die Lichtung erreichten auf dem Weg zum Altar, der keiner war, wegen Atheismus und Co. Übrigens: Wer sich für meinen neuen Job interessiert – gelegentlich wird ja nachgefragt: Ich moderiere ab Oktober „Atheismus und Co.“ für „ARD alpha“. Ich wollte es nur mal gesagt haben …

Wie dem auch sei, der Satz „Ich werde immer für dich da sein“ wird von Frauen auf die Goldwaage gelegt. Es ist keiner der Sätze, die mann mal eben so dahersagen kann, denn sie merken sich diese Sätze, die Frauen. Sie merken sich alles. Gehirne von Frauen selektieren, wenn überhaupt!, anders als die rational denkenden Hirne von uns Männern. Der Mann ist deshalb das starke Geschlecht, weil er das andere ertragen können muss. Nicht im Sinne von Aushalten freilich, denn wir lieben ja Frauen, aber im Sinne von Dechiffrieren, vom Über-Bord-Werfen dessen, worauf unser Universum basiert: der Mathematik und damit der Logik. Aber, worum es mir ging: Es ist unmöglich, immer für meine Mitbewohnerin da zu sein! Natürlich ist das nur so dahergesagt! Denn in dem Moment, wo ich nicht zuhause bin, sie aber schon, kann ich unmöglich da sein!

Anderes Beispiel: Ich bin zuhause. Sie aber nicht. Es ist in dem Moment physikalisch ausgeschlossen, bei ihr zu sein. Und es kommt der Zeitpunkt, wo einem genau das vorgeworfen wird:

„Du warst nicht da!“

„Ja Himmel! Ich bin auf der ISS stationiert!“ 

oder

„Ich kann nicht im syrischen Terrorcamp und gleichzeitig bei dir sein!“

Übrigens, das sind die zwei Orte, an denen ich mich nicht sehe. Auch langfristig eher weniger. Also man kann ja wenig im Leben ausschließen. Aber ich würde meine Hand dafür ins Feuer legen, dass ich weder irgendwann mich einmal auf Erdumlaufbahnen noch in Terrorcamps befinden werde. Es sei denn, ich wäre als social media manager gefragt. Wobei, nein. Auch nicht für jeden. Nicht mal für einen Frisör in Mülheim an der Ruhr. Für alles andere bin ich offen. Was gelogen ist. Mich verpflanzt man nicht.

Um zum Punkt zu kommen: Der Konflikt ist gelöst. Ab umgehend gibt es in Deutschland für mich eine Möglichkeit, immer da zu sein. Seit einigen Tagen klebt auf der Stirn meiner Mitbewohnerin der Seppo Dash Button. Ist ’ne simple Nummer und hat auch was mit big data zu tun. Und mit Bequemlichkeit. Und mit dem idealen Bestellintervall. Das Prinzip ist simpel: Wann immer es ihr, meiner Mitbewohnerin, nach mir gelüstet, drückt sie den Seppo Dash Button, der vor einigen Monaten bei seiner Vorstellung tatsächlich für einen hoax gehalten wurde. Doch es ist kein Witz. Es ist Realität. Es ist eine neue Stufe meines Daseins und ihrer Bequemlichkeit, die ihr übrigens ansonsten nicht eigen ist.

Meine Mitbewohnerin muss allerdings sicherstellen, dass sie sich in einem W-Lan-Netz befindet, in das sich der Seppo Dash Button einwählt. Sobald sie nun den Seppo Dash Button drückt, bekomme ich eine Erektion, da ich ebenfalls mit dem Netz verbunden bin und einen Empfänger bei mir trage, der auf den Seppo Dash Button reagiert. Auf diese Weise weiß ich:

Sie braucht mich!

Und eile umgehend zu ihr, zumal mir der Seppo Dash Button ihren genauen Standort übermittelt.

Seit einer Woche läuft meine Mitbewohnerin nun als Beta-Testerin mit dem Seppo Dash Button durch die Welt und erweist sich als eifrige Testerin, die offenbar sehr oft Verlangen nach mir verspürt, was ich ihr kaum verübeln kann und mich im Grunde auch kaum überrascht. Allerdings habe ich mitunter auch den Eindruck, es macht ihr großen Spaß, mich zu verarschen. Nehmen wir vergangenen Montag. Sie ist in ihrem Büro, während ich ein gemeinnütziges Unternehmen aufkaufe und schließe. Also schwer beschäftigt bin. Es tut sich etwas in meiner Hose, sodass ich also weiß: Aha, Mitbewohnerin ruft, sie hat den Seppo Dash Button gedrückt und es ist an mir, umgehend für sie da zu sein. Standort geprüft und alsbald zu ihr ins Büro gedengelt.

„Hier bin ich! Was kann ich für dich tun?“

„Oh?! Hab‘ ich gedrückt? Muss mir den Kopf gestoßen haben. Tut mir leid, gerade brauche ich dich nicht!“

„Und wenn ich schon einmal hier bin?“

„Dich zur Arbeit mitzunehmen ist, als würde ich ein kleines Kind mitbringen. Du würdest dich schnell langweilen und dann quengeln.“

„Ich will aber!“

„Seppo, geh‘ zurück. Wolltest du nicht irgend welche Mieter von uns kalt entmieten?“

„Achja, stimmt! Das auch noch!“

Doch vorher wieder zurück zum gemeinnützigen Unternehmen, wo ich noch die letzten Angestellten entlasse (Siehe heute veröffentlichte Arbeitslosenstatistik; das war ich!), während ich den Seppo Dash Button verfluche, den sie an diesem Montag noch drei weitere Male angeblich „versehentlich“ drückte. Abends im Bett:

„Du verarscht mich damit, oder?!“

„Nein. Aber jeder der mich mit dem Seppo Dash Button auf der Stirn sieht, drückt erst einmal drauf. Das würdest du auch tun!“

„Vielleicht ist die Stirn nicht der richtige Ort für den Seppo Dash Button. Steck‘ ihn doch in die Hosentasche!“

Der Vorschlag sollte sich als Fehler erweisen. Denn wer Opfer von Hosentaschenanrufen ist, die ich sehr gut von meinem Vater kenne, der ahnt, dass sich auch der Seppo Dash Button permanent in der Hose meiner Mitbewohnerin aktiviert, was ich verstehen kann, da auch ich so etwas wie einen Dash Button in meiner Hose … naja. Heute etwas infantil …

Demnächst, vielleicht ab Herbst, ist ja alles vernetzt. Der Toaster mit dem Toast, der Kühlschrank mit „Rewe“ und das AKW mit einer Terrorbasis. Internet 4.0 oder 5.0 steht unmittelbar bevor, was auch bedeutet, dass alles gehackt werden kann. Der Toaster verkohlt das Brot und Cyberterroristen bekennen sich zu dem Toast-Anschlag, während wir das Schwarze vom Toast abkratzen, um ihn noch irgendwie essen zu können, während ein anderer warnt:

„Vorsicht! Kriegste sofort Krebs von!“

Und so lief es auch mit dem Seppo Dash Button. Natürlich wurde er gehackt. Ich vermute, es waren die Russen. Als er gedrückt wurde, wurde mir als sein Standort Jelez angezeigt. Kurze Recherche und ich saß im Zug nach Russland, wo Jelez liegt. Ich war skeptisch, aber dachte, naja, sie wird schon wissen, warum sie sich in Jelez aufhält und mich braucht. Am Bahnhof in Jelez überlegte ich, ob ich sie vielleicht einmal kurz anrufe. Und das hätte ich schon vor Abfahrt tun sollen. Aber auf die Weise habe ich einmal Jelez gesehen.


Dieser August ist für das seppolog ein Rekord-Monat. Herzlichen Dank. Digitale Goodies gibt es auf meiner Facebook-Seite!

17 Kommentare

  1. Okay ich bin hin und her gerissen zwischen echt witziger idee (wenn man sich vorstellt, dass tatsächlich jeder mensch mal so nen button auf der stirn hätte, oder wahlweise den kopf voller solcher buttons (omg, vllt werden das die neuen piercings…)) und mitleid für deine mitbewohnerin, die mir ein wenig vorkommt wie ein hund, der ein neues hundehalsband kriegt, damit man weiss wober sich aufhält. Wenigstens weiss sie, dich zu ärgern damit 😉

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  2. Lustige Idee. Könnte man vielleicht verfeinern, in dem man ein Stimmungsbarometer mit anfügt. Schließlich könnte es brenzlig werden, wenn du auf kuscheln eingestellt ankommst, sie aber den Button gedrückt hat, weil sie sauer ist und mit dir schimpfen will 😀

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  3. Eben hat gerade eine Drohne mit Klingelärmchen an unserer Haustür geklingelt und die Schuhe, welche sich meine Frau bestellt hat, abgegeben. Sah zwar seltsam aus, wie das Ding mit den Lämpchen vor der Tür geschwebt ist, aber der Zalandoschrei aus den kleinen Lautsprechern hat meine Überraschung abrupt beendet. Ich hab die Tüte mit dem Paket an mich genommen, per Fingerabdruck im Display der Drohne den Empfang quittiert und war grade schon dabei, die Haustür wieder zuzumachen als das Ding wegflog – da drehte sich die Drohne nochmal um und hat kurz gewunken. Meine ich jedenfalls. Kann ich mir auch eingebildet haben. Neuerdings hab ich auch eine Google-dash-Brille. Man will als Google ja Amazon schließlich nicht nachstehen. Was die Brille kann ? Na Bestellvorschläge machen natürlich. Nennt sich „augmented Reality“ oder so. Ich zieh die Brille auf, gehe durch die Wohnung und überall wo ich hinsehe blendet mir die Brille Dinge ein, welche mir noch fehlen. Z.B. Ist da noch ne Ecke im Wohnzimmer recht leer. Ohne Brille. Mit Brille steht da ein Rolf-Benz-Sessel. Oh, wird nach Abruf meiner Kontodaten gerade durch Ikea ersetzt. Naja, auch nett. Deko fehlt auf der Fensterbank ? Kein Thema, die Brille nimmt direkt Maß. Wenn ich tatsächlich bestellen möchte muss ich 2x Zwinkern. Stornieren geht übrigens auch, aber aus irgendeinem Grund muss man dafür erst 3 Seiten voll Fragen beantworten. „Wie gefiel Ihnen das Kauferlebnis? Was haben Sie empfunden, als sie die Entscheidung zum Storno getroffen haben? Möchten Sie vielleicht ein Ersatzprodukt? Und so weiter und so fort. Ich werde müde – so viele Entscheidungen und Auskünfte in so kurzer Zeit.. Die Brille merkt das, verdunkelt die Gläser und blendet mir die Neuste CD ( gibt’s ja gar nicht mehr, aber hat sich als Begriff gehalten ) mit Entspannungsmusik ein. Für 12,99 eine Stunde Entspannungsmusik. Für 1299 einen privaten Hausbesuch einer professionellen Entspannungstherapeutin. Blick auf den Kontostand: der Vorschlag der Therapeutin ( kommt aus deiner Nähe … ) wird wieder ausgeblendet. Unser Hund läuft durchs Sichtfeld – die Brille flackert. Die Pedigree-Werbung möchte aufs Display, kämpft aber grade mit dem Anzeigen-Programm von Frolic. Plötzlich wird als Ergebnis Katzenfutter eingeblendet. 100.000 Jahre hominide Evolution, fast 200 Jahre industrielle Revolution aber die Kack-Technik macht immer noch die gleichen Probleme wie früher. Aber wenigstens merkt sich die Brille auch, was ich so sehe. Wenn meine Frau mir aus dem Badezimmer wieder mal zuruft „bringst du bitte noch Klopapier mit!“,dann blinkt in der Brille der Pfeil Richtung Hauswirtschaftsraum. Und auch wenn meine Fraumich fragt „welches Parfüm hast du heute morgen genommen?“, dann Blickrichtung nicht mehr suchend um mich und denke angestrengt nach wie das Zeug hieß – ich sage einfach „Spiegelschrank, Badezimmer, links“ und bekomme den Inhalt ins Brillenglas eingeblendet. Ah, Valentino war das. Eigentlich eine tolle Sache mit der Brille, wenn nicht direkt wieder Bestellvorschläge von Boss botteld und Co eingeblendet werden würden. Immernur shoppen, shoppen, shoppen… Seit Google von einer Frau geführt wird ist das aber so…

    Nette Träume an eine bessere Zukunft wünsche ich allen hier.

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  4. billig. *bösebin*… :-p
    Nein, warum sollte eine Frau immer eine Erektion von einem Mann wollen. Mussssss das immer sein?
    Aber so läuft das bei den Männern immer… typisch… naja, das sagt die richtige. Aber so ist das.
    Ich bin die die immer lila trägt. Weil… das kennt sicher jeder. Verschmähte Frauen tuen das. Soll aber auch nichts aussagen, das kapiert aber auch dann jeder Mann.
    Im Übrigen, habe ich ein Netzschalter im Kopf, der nicht mal gehäckt werden kann. Der ist mit den Terroristen verbunden, aber zum Glück ist es da gerade ruhig, schon lange, denn, … ja, ich lese hier zuviel, das mussss es sein. Zuviel bunter Quatsch, getestete Artikel und Mitbewohnerinnen, zuviele Kommentare (nimmt auch immer Zeit weg…lol), und zuviel unwichtige Invormation, das schwächt einfach meine Konzentration.
    billiiiig. 😮 😉

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      • Tue ich das denn, alle Männer über einen Kamm zu scheren? Den brauche ich eigentlich für was anderes…
        Nö, der Kommentar war wieder nicht verstanden worden. Aber schon okay.
        Dein Kommentar scherte mich als Frau ja auch über jeden Kamm. Oder.
        Zudem: „alle“ – es geht ja nicht um alle Männer.

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  5. Der alte Pieper, bei dem man immer irgendwo anrufen musste, ist zwar älter, aber wenigstens konnte man da erst nachfragen, was es gibt, bevor man sich auf die Reise machte.

    Und wenn wir uns schon sonst nix merken, keinen Orientierungssinn haben, von Technik nix verstehen, dann wird es wohl gestattet sein, sich die Aussagen der Partner zu merken. :-p

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  6. Ach soo… ich habe mal wieder nichts mitbekommen. Damit relativiert sich alles.Sorry also, ich habe Deinen Beitrag einfach als Blödsinn abgetan, dachte mal wieder, Sommerloch oder so, wenn auch der Sommer schon fast zu Ende ist. Ich sollte so einen Button kaufen, der Nachrichten an mich weitergibt. Dann stimmt’s wieder. 😀 War diesmal einfach eine zu lange Leitung. Und seit ich auch online kaufen kann, dauert meine Entscheidungsfindung immer bis zu drei Tage. Sogar, falls ich mir so einen Knopf kaufen wollte. Und dann wäre es auch wieder zu spät dafür…

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  7. Hallo Seppo,
    ich weiß ja nicht, welche Bombe explodiert ist. Ich bin etwas ratlos, da ich das Gefühl habe, nicht alles zu wissen.
    Ist vielleicht der Dashbutton zu oft gedruckt worden?
    Leider habe ich erst jetzt davon gelesen. Sonst hätte ich dir einen guten Rat geben können: benutze einen Cockring. Er verhindert das ständige Hinundherfluten des Blutes vom Gehirn zur Hüfte. Schwindelgefühle und sonstige Ausfallerscheinungen können damit vermieden werden.
    Der Zustand deines Gliedes wird stabilisiert, keiner kann dich damit ärgern, und die vielleicht entstehenden Leere im Gehirn gleicht der Körper durch Bildung neuer Blutzellen aus.
    Ich weiß natürlich nicht, ob da die Bombe explodiert ist.
    Vielleicht wurde dadurch ja auch die Ernsthaftigkeit des Beitrags über Schreiben im Gefängnis verursacht.
    Ich bewundere ja deine Leichtfüssigkeit, mit der du durchaus schwere Themen abhandeln kannst.
    Ich neige ja seit einiger Zeit, obwohl ich tatsächlich ein sehr lustiger Mensch bin, zu einer Schwere, die mir selber manchmal auf die Nerven geht.
    Und jetzt muss ich auch Bezug nehmen zu dem Tod.
    Ich habe ja schon gemerkt, dass ich öfter den Fehler mache, doch in gewisser Weise vorauszusetzen, dass manches verstanden wird, von dem ich später merke, dass ich es nicht genau genug erklärt habe. Dadurch entstehen in den Dialogen von Kommentaren durchaus Gefühle, die in die falsche Richtung gehen.
    Genauer definiert schreibst du nicht vom zähen Tod, sondern von zähem Sterben.
    Der Tod ist.
    Hast du dieses erreicht, bist du schon am Ziel.
    Nun habe ich zweierlei Empfinden bei deinem Text, und glaube mir, ich muss es wissen, denn ich bin seit zweieinhalb Jahren tot,bzw. ich sterbe seit dieser Zeit.
    Das zwiespältige Gefühl entsteht dadurch, dass ich meine Eltern schon beerdigt habe. Und dieser Moment des Abschieds ist zwar gut mit schwarzem Humor zu betrachten, und ich mag diese Geschichte, trotzdem habe ich auch eine ablehnende Reaktion, da ich weiß, wie schwer es war, und welche Traurigkeit kommen wird.
    Wie schon in einem Kommentar geraten, mach ein Testament, dies bringt auch tatsächlich eine gewisse Ordnung ins Leben. Ich habe es schon länger gemacht.
    Als meine Mutter starb, musste ich einen langen Weg zurücklegen, um in ihre Sterbestation zu kommen. Das Dumme war, dass meine Schwester ein Hörgerät hat, sie war vorher da, und dieses irgendwann über die elektromagnetischen Schwingungen des Raumes etwas versagt hat, sie meine Mutter nicht verstanden und nur noch mit ja geantwortet hat. Die Krankenschwester hat später erzählt, dass meine Mutter gefragt hatte, ob ihre Kinder, wir also alle da seien, damit sie inmitten ihrer Familie gehen kann. Sie tat es dann, obwohl wir eben noch nicht da waren, wir heißt meine Nichte und ich.
    Ich kam also zu spät und durfte auch gar nicht so lange Abschied nehmen wie ich wollte, da Sterbezimmer ja anscheinend auch ein größeres Durchlaufpotenzial haben. Die Schwestern wurden ungehalten, als ich nach 1 Stunde noch nicht gegangen war.
    Deswegen gibt es bei mir auch widerstrebendes Gefühl, wenn ich deinen Text lese. Ich glaube, dass du diese Erfahrung noch nicht gemacht hast.
    Des weiteren freue ich mich aber an den schwarzen Humor.
    Ich komme noch einmal zurück auf den Begriff des Todes, denn der Tod ist.
    Das wovon du schreibst, ist das Sterben.
    Nun bin ich auch da Profi, obwohl ich nicht genau weiß, ob ich meinen Zustand, als solchen beschreiben kann. Ich hatte einen Herzstillstand und das Glück oder das Pech auf meinem Arbeitsplatz, einem sozialen Arbeitsplatz, umgeben gewesen zu sein von gut ausgebildeten Ersthelfern.
    Nach ausgiebigen Herzmassagen, Bearbeitungstechniken und dem Einsatz von Defillibratoren kam ich nach einiger Zeit im Krankenhaus wieder zu mir. Nachdem ich beim Wiedererscheinen in dieser Welt von den Vorgängen natürlich keine Ahnung hatte, sondern nur ein fremdes Gesicht sehr nahe über meinem sah, reagierte ich sehr reflexartig und meine Hand griff sich den Oberarzt, am Hals. Das herbeieilende Fachpersonal rettete diesen Arzt, indem sie bestimmte Hirnregionen, die die Bewegungsfähigkeit meines Körpers betrafen, ausschalteten. Denn was ich noch nicht wusste, war, dass ich einen Herzschrittmacher mit einem zusätzlichen, noch nicht ganz öffentlich bekannten Chip eingesetzt bekam.
    Der Herzschrittmacher ist so eingestellt, dass er jeden Schlag meines Herzens taktet.
    D.h., mein Problem ist, dass ich sozusagen nicht sterben kann.
    Und dieses Ding hat, trotz des hohen Gebrauchseinsatzes, noch einen Zeitraum von fast fünf Jahren, bis die Batterie leer ist.
    Über den Chip, den sie mir zusätzlich mit dem Herzschrittmacher implantiert haben, konnten sie meine Hirnfunktionen Wireless anschließen.
    Deshalb kann ich hier im Internet agieren und meinen Blog schreiben.
    Es wäre auch sonst sehr langweilig. Sterbezimmer sind keine besonders schöne Angelegenheit speziell bei gesetzlichen Krankenversicherten, da du da kein Einzelzimmer bekommst, sondern durchaus abwechselnd andere Menschen in deinem Zimmer liegen hast, deren Sterben ich mit Gehör und Empfindungen aufnehmen kann. Auch dies ist nicht besonders schön.
    Nun weiß ich eben nicht, ist das der Zustand, den sie klinischen Tod nennen, ich denke aber, das es Sterben ist.
    Ich sterbe also schon seit zweieinhalb Jahren. Nun ist das kein besonders spannender Zustand und ich hatte mir schon überlegt, wie ich ihn beenden kann. Über den Chip im Gehirn, bzw. dem Herzschrittmacher, kann ich verschiedene Funktionen ansteuern, wie eben denken und visualisieren. Ich kann auch über meine Gehirnwellen schreiben.
    Ich hatte einmal einen Freund, der als Rettungsassistent gearbeitet hatte und mir gesagt hatte, werde ja kein Organspender, denn sonst lassen sie dich schneller sterben, damit sie Geld verdienen können. Ich weiß natürlich nicht, ob dieser Freund nicht eine gewisse paranoide Einstellung hat.
    Leider kann ich Gespräche, wie du sie geschildert hast, nicht mehr belauschen, denn dadurch dass ich online bin, machen sich meine Familienmitglieder und Freunde schon seit längerem nicht mehr die Mühe körperlich bei mir zu erscheinen. Als Ausweg aus dieser Situation, entschloss ich mich eben Organspender zu werden, in der Hoffnung diesen Prozess, diesen zähen Sterbeprozess zu beschleunigen.
    Eines Abends, sie hatten meine Hirnfunktionen nicht ausgeschaltet, konnte ich ein Gespräch des Oberarztes und der Assistenzärzte belauschen, die sich sehr freuten, das all meine körperlichen Funktionen, über dem Herzschrittmacher und den Chip so gut funktionierten. Sie nahmen mein Angebot des Organspenden, ich konnte es hören, nicht zur Gelegenheit, gesetzlich Krankenversicherten zu helfen, sondern sie stellte mich auf eine Organbörse im Darknet.
    Sehr beliebt sind Arabische Emirate, weil sie sehr viel für einzelne Organe bezahlen. Nun lassen Sie über Auktionen die Preise meiner einzelnen Organe durchaus anschwellen und dieses Geld müssen Sie auch nicht versteuern.
    Da sie gute Händler sind, reizen sie dies natürlich aus und schon wieder konnte ich durch diese Aktion meinen zähes Sterben nicht beenden. Durch diesen Chip bin ich wie eben schon erwähnt Wireless mit meinem Maschinen und sämtlichen WLAN Einrichtungen verbunden.
    Die einzige Freude, die ich habe, ist eben das Internet, und mein Blog, bzw. die Kommunikation mit anderen Usern. Nur tatsächlich merke ich, dass ich da doch nicht mehr so lustig bin, sondern schwere Themen schwer behandle, da ich ja nichts mehr zu verlieren habe.
    Es würde keinen Sinn machen, mich in Marketingstrategien zu und diese Vervielfältigungsweisen, die du handhabt, auszuüben, da sie mir nichts bringen. Mein Egoismus, mein Narzissmus, meine Anerkennungssucht und auch mein Geldbeutel sind für mich nicht mehr interessant.
    Vielleicht haben sie auch spezielle Hirnregionen ausgeschaltet. Tatsächlich bewundere ich aber deine Zielstrebigkeit dabei.

    Ich gehe inzwischen auch dem Krankenhauspersonal doch meine ferngesteuerten E-Mail Attacken und Kommentare ziemlich auf die Nerven.
    Nachts aber, das Nacht Personal, wenn es Ihnen zu langweilig wird, machen sie den Spaß diese Funktionsweise umzudrehen. Da sie meinen ein IP-Code des Herzschrittmachers natürlich kennen, machen Sie sich den Spaß sozusagen, die Frequenz mit guter Musik die sie nebenbei hören, hoch zu drehen und sie haben nachts eine Menge Spaß in meinem Zimmer, es gibt wohl auch schon Videoaufnahmen im Netz, da ich dadurch natürlich in große Zuckungen gerate und meinen Körper und seine Körperteile zuckend bewege. Manchmal machen sie Partys mit dem medizinischen Alkohol, den sie mit Wodka verdünnen und kleine Flash Mobs bei mir im Zimmer veranstalten, weil ich als der größte Breakdancer im Krankenhaus gelte. Diese Kurzweil erschöpft mich aber ziemlich, denn inzwischen bin ich schon ziemlich teil amputiert, bzw. ausgenommen.
    Da die Ärzte aber wissen, dass sie noch einige Gewinne mit mir erzielen können, lassen Sie mich immer noch nicht gehen.
    Nun hoffe ich, mit den schweren Themen in meinem Blog ihnen so auf die Nerven zu gehen, dass sie sich doch dazu entschließen, mich abzuschalten.
    Aber im Moment habe ich natürlich viel Zeit, über diese Bombe nachzudenken, von der ich immer noch nichts genaues weiß. Ich danke dir dafür, dass sich diese Nacht doch geistige Ablenkung dadurch habe und entschließe mich deinem Vorbild zu folgen, und werde diesen Kommentar in allen drei Texten, auf die ich mich beziehe, veröffentlichen.
    Vielleicht haben Sie die Region, die meinen Narzissmus und meine Anerkennungssucht steuert, doch im Gehirn wieder angeschaltet.
    Sie gönnen mir eben keinen Spaß.

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