Mein zweites Leben (V): Tod eines Journalisten

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Journalistenmorde sind immer etwas schwierig, es bleibt stets ein bitterer Nachgeschmack. Es ist drei Uhr in der Nacht, als mein Telefon klingelt und sich Rosonsko Rosenbaum bei mir schwer atmend meldet. Ich bin irritiert, halte ihn einen Moment lang für zumindest leicht erregt und hoffe inständig, dass er sich verwählt hat.

„Rosonsko, das dürfte dir nun etwas peinlich sein, aber ich glaube, du hast die falsche Nummer gewählt. Falls nicht, fühlte ich mich zwar geehrt, Objekt deiner Erregung zu sein, aber ich finde, zwischen dir als Journalist und mir als Held deiner Story sollte eine gewisse Distanz herrschen.“

Ich liege jedoch völlig daneben, klärt Rosonsko mich röchelnd auf:

„Seppo, die Dinge liegen anders. Die Rutztekin war hier.“

„Noretzka?!“

„Sie sagte, sie wolle unbedingt mit mir schlafen.“

„So viel zu deiner Distanz …“

„Und als sie ihre Beine öffnete, schoss ein Giftpfeil aus ihr heraus. Seppo, ich werde sterben. Meine Geschichte wird nicht an die Öffentlichkeit gelangen.“

„Was genau ist nun meine unmittelbare Aufgabe?“, will ich wissen. „UM DREI UHR NACHTS?!“

„Du darfst nicht weiter für sie arbeiten! Sie wollen die Welt zerstören! Und auch: dich!“

Das ist sind seine letzten Worte. Er verstummt. Nicht einmal noch auflegen kann er. Legte nun auch ich nicht auf, triebe es seine Telefonrechnung in ungeahnte Höhen. Ich kenne das von meinem Vater. Ruft dieser mich von seinem Handy aus an, vergisst er immer das Auflegen. Nach der Verabschiedung höre ich oft noch, wie er sich danach mit meiner Mutter unterhält. Und vernehme Dinge, wie

„Was haben wir nur falsch bei ihm gemacht?! Vielleicht war diese Medienkarriere ein grober Fehler …“

Meine Mutter pflichtet ihm in der Regel bei.

 

Rosonsko Rosenbaum ist Deutschlands letzter Investigativjournalist. Gewesen. Ihm ist der Coup gelungen, das Vertrauen eines stets Misstraurischen zu gewinnen, der verwickelt ist in eine Verschwörung, die unser nationales Gefüge, ja sogar das der gesamten Welt!, erschüttern wird, wenn die rutztekostanische Regierung nicht gestoppt wird. Er hat mein Vertrauen gewonnen.

Im vergangenen Teil dieser Serie, in dem ich ebenfalls das Vergnügen hatte, mit der rutztekischen Spionin Noretzka zu schlafen (ohne Giftpfeil), wurde das Vorhaben des Terrorregimes erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht:

„Rutztekostan ist in der Weltraumforschung führend. Davon darf die Welt allerdings nichts erfahren. Wegen der Sanktionen der 2000er-Jahre darf offiziell in meinem Land keine Raketenforschung mehr betrieben werden. Offiziell reichern wir daher nur Uran an. Die Raketenforschung haben wir in unscheinbare europäische Städte ausgelagert. Krefeld ist unser Hauptstützpunkt. Von hier aus wollen wir schon in wenigen Jahren die gesamte Weltbevölkerung mittels unserer Raketen auf den Mars katapultieren. Ausgenommen sind die Bürger Rutztekostans. Auf dem Rückweg vom Mars sollen die Raketen am Mond haltmachen und dort seit sieben Jahrzehnten siedelnde Nazis einsammeln. Zusammen mit ihnen wollen wir die ‚Tausendjährige Welt der Rutzteken feat. Nazis‘ installieren.“

Durch geschickte Fragetechnik meinerseits konnte ich der feurigen Agentin diese Informationen entlocken. Meine Rolle dabei soll sein, mein gesamtes Wissen über die Raketentechnologie einzubringen – oder zu sterben.

In seinen letzten Tagen konnte Rosonsko die Frage beantworten, warum ausgerechnet mir, einem Theoretiker vor dem Herrn, umfangreiches Wissen über die Raumfahrt zugetraut wird. Ich wusste, dass Rosonsko akribisch Tagebuch geführt hat und es ist nun an mir, an diese Niederschriften zu gelangen. Nur, wie?!

 

Es ist eine warme Herbstnacht im August dieses Jahres, als ich unmittelbar nach dem Anruf nicht mehr in den Schlaf finde. Zu allem Überfluss ist auch meine Mitbewohnerin wach geworden:

„Wer ruft denn bitte mitten in der Nacht an?!“

„Sag bitte nichts. Du hast in dieser Serie eigentlich nichts zu suchen. Es war Rosonsko. Er ist gestorben. Ich hab ihn noch am Handy. Er hat nicht aufgelegt. Wenn man genau hinhört, kann man das Verwesen seines Leichnams hören. Hier …“

Ich reiche ihr das Telefon und sie lauscht: „Ja. Stimmt. Den Geräuschen nach zu urteilen ist er seit zwei Minuten tot.“

„Der Forensikkurs hat ja doch was gebracht. Ich muss da jetzt was tun. Ich glaube, ich muss in sein Hotelzimmer. Sein Tagebuch finden.“

„Tu, was immer nötig ist. Lass mich nur schlafen.“

Ich gehe duschen, style Bart und Haupthaar, da ich im Falle einer Ergreifung durch die Rutzteken oder die Polizei wenigstens gut aussehen will. Einzelne Haare meines Deckhaars sträuben sich. Ich bade Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand ein zweites Mal im Pomadetöpfchen und schmiere mir die ölige Masse ins Haar. Nehme den Kamm, ziehe die letzten zwei Haare von rechts nach links und fixiere die Betonfrisur mit Haarspray, so, wie es mich der „Bartmann“ auf Youtube gelehrt hat.

Es ist fünf Uhr, als ich die Wohnung verlasse. Und ich verfluche das frühe Tageslicht.

„Das war’s mit Schutz der Dunkelheit.“

Ich gehe wieder zurück ins Bett zu meiner Mitbewohnerin, die abermals wach wird:

„Schon wieder zurück? Hast du das Tagebuch?“

„Ich hab zwei Stunden an meiner Frisur gearbeitet. Jetzt ist es schon hell. Wenn ich schon in ein Hotelzimmer einbreche, dann im Dunkeln. Das wirkt irgendwie spannender. Ist aber letztlich viel auffälliger, wenn man mal ehrlich ist. Die sollten in den ganzen Filmen besser immer tagsüber so etwas erledigen. Aber dann ist es für den Zuschauer nicht so spannend. Ich warte bis morgen Nacht.“

Morgen Nacht.

Ich gehe erst gar nicht ins Bett, sondern style mich um ein Uhr des Nachts. Fertig um drei Uhr mache ich mich auf den Weg in das Hotel an der „Königsallee“. Der Pförtner will mich nicht hineinlassen.

„Pardon, warum nicht? Äh, ich kenne Sebastian Flotho!“

„Ah, wenn das so ist! Immer herein!“

Ich lausche an meinem Handy. Nach wie vor steht die Verbindung. Die Verwesungsgeräusche sind inzwischen derart laut, dass ich die Lautstärke runterregeln muss. Rosonsko ist hörbar tot.

Zimmer 265. Diese Ziffernfolge kann kein Zufall sein, denke ich. Und tatsächlich, der Code geht auf. Zweite Etage, sechster Block, fünftes Zimmer.

Dort stehe ich nun und stelle fest, dass die Tür ein Hindernis darstellt. Daran hatte ich nicht gedacht, da ich des Einbrechens nicht mächtig bin. Ich klopfe. Übersprungshandlung.

Doch zu meiner Überraschung öffnet mir jemand die Tür. Es ist …


Was geht vor sich in Zimmer 265? Euch war das zu wenig? Zu billo?! Der nächste Teil von „Mein zweites Leben“ wird es in sich haben: Schon am frühen Nachmittag jetzt geht es weiter mit Fensterstürzen und wilden Verfolgungsjagden – und einem erstaunlichen Trick, mit dem Rosonsko sein letztes großes Geheimnis hinterlassen hat: Teil VI

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