Lara ist tot.

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Große Aufregung bei uns im Hause! Meine Mitbewohnerin und ich sitzen im Wohnzimmer, als wir unseren Nachbarn Herrn Fahrgescheit durch das Treppenhaus brüllen hören:

„Das Fräulein Ungern ist gar!“

Meine Mitbewohnerin legt wieder dieses hämische Grinsen auf, das ich von ihr gar nicht kannte. Bislang hielt ich sie für den liebsten Menschen auf Erden, der unfähig zu schlechten Gedanken ist. Doch seit wir beschlossen hatten, unsere Nachbarin Lara ins Jenseits zu befördern, was hier nachgelesen werden kann, weiß ich erst, zu was sie fähig ist.

„Wir haben es geschafft!“, sagt sie und fällt mir um den Hals. Die Häme weicht einer echten Freude; so also muss wahre Glückseligkeit aussehen. Wie ich dieses Geschöpf liebe!

„Es freut mich, dich nach so vielen Jahren noch glücklich machen zu können. Lass uns mal rausgehen und gucken! Ganz so, wie unschuldige Nachbarn es jetzt tun würden.“

Betont unschuldig gehen wir ins Treppenhaus, wo uns bereits Polizeibeamte über den Weg laufen. Einer, nicht in Uniform, bleibt bei uns stehen:

„Und Sie sind?“

„Flotho. Was ist denn los?! Jemand tot?“, frage ich betont neugierig und unwissend. Ich kann mir vorstellen, das immer zu fragen, wenn im Hause ein so großes Hallo herrscht.

„Eine Bewohnerin Ihres Hauses wurde kopfüber in ihrem Thermomix ™ gefunden“, erklärt der Kriminalbeamte sachlich und derart trocken, als hätte er etwas zu verbergen, ja, als sei er der Mörder! Was ich aber besser wusste, war ich es doch.

„Können wir mal gucken kommen?“, fragt meine Mitbewohnerin.

„Ja, klar. Die Kollegen trommeln gerade ohnehin das ganze Haus zusammen. Das muss man gesehen haben! Wenn Sie aber bitte nichts anfassen würden.“

Zwei Etagen höher treffen wir auf das Ehepaar Fahrgescheit, das über uns aber unter Lara, wohnt. Frau Fahrgescheit trägt einen seltsamen Verband um ihren Kopf, was uns Herr Fahrgescheit nun erklärt:

„Der Sturz. Sie wissen doch. Auf die Kommode! Sie haben ihr den Kiefer gerichtet. Darf ihn nicht mehr bewegen. Sechs Wochen! Ein Segen! Kennen Sie einen Schreiner?“

„Nein“, sage ich und sage betont laut: „Sie waren ja heute Abend nicht die ganze Zeit in Ihrer Wohnung, oder?“, damit Kriminalkommissar Ohßem es auch ja hört, da wir Herrn Fahrgescheit den Mord in die Schuhe schieben wollen. Der jedoch ist bereits in Laras Küche, wo wir ihn blätternd in einem lizenzierten Thermomix-Magazin finden. Für besonders kritische Leser hier der Hinweis, dass Ohßem uns offenbar zwischenzeitlich vorausgeeilt sein muss, da er eben ja noch neben uns stand. Um solche Details kümmere ich mich an sich ungern …

„Schon beeindruckend, was diese Kochautomaten alles so können. Damit könnte selbst meine Frau was Gescheites hinkriegen. Ich werde ihr das Teil mitbringen.“

Während wir da so stehen und uns ansehen, wie Detective Ohßem in den Rezepten blättert, fällt mir gerade noch rechtzeitig ein, dass ich überrascht tun muss, da sich uns ja ein Bild des Schreckens bietet: Da steht also der Thermomix ™ auf der Arbeitsplatte Laras Einbauküche und Lara kopfüber mittendrin. Nur schwer kann ich mir ein Lachen verkneifen, weil’s wirklich albern aussieht und sage:

„Oh!“

Und weil niemand reagiert, füge ich hinzu: „Wie grauenhaft!“

Meine Mitbewohnerin springt mir nun zur Seite: „Wer tut denn sowas? Oder war es ein Unfall?“

Denn während ich der Meinung bin, wir müssen es Herrn Fahrgescheit in die Schuhe schieben, plant meine Mitbewohnerin, dass man es zum Unfall erklärt. Und sie hatte auch gute Argumente, als sie mir eine Stunde zuvor erklärte:

„Seppo, dass Lara sich selbst in einem Thermomix ™ zubereitet, ist für niemanden, der sie kennt, abwegig. Keiner wird überrascht sein, dass sie so ungünstig zu Tode gekommen ist! Es ist die bessere Alternative, als wenn wir es dem alten Fahrgescheit andichten!“

Dieser Konflikt steht zwischen uns, zwischen Bonnie und Clyde. Krimiautoren würden uns genau das zum Verhängnis machen; das Scheitern des perfekten Mordes durch die Eitelkeit der Mörder.

„Zuzutrauen wäre es ihr ja“, sagt plötzlich jemand, den ich als Merugin, unseren gemeinsamen Freund, identifiziere. Kurz überlege ich, ihm den Mord in die Schuhe zu schieben, sehe dann jedoch davon ab, da ich gegen Merugin nichts habe, jedoch jeden opfern würde, bevor ich als Mörder entlarvt würde.

„Ich würde sogar dich opfern, bevor rauskommt, dass ich es war!“, rufe ich etwas unüberlegt aus, was auch meiner Mitbewohnerin nicht entgeht, die mir in meine Seite boxt.

„Du Horst!“

Kriminalhauptkommissar Ohßem dreht sich zu mir um: „Was sagten Sie?“

„Ich sagte, ‚Ich glaube, Herr Fahrgescheit war heute Abend hier am Tatort‘!“

Herr Fahrgescheit: „Was?! Äh, ja, also seit es ein Tatort ist, bin ich hier. Vorher war ich nicht hier. Aber vorher war es auch kein Tatort! Selbst also, wenn ich vorher am Tatort gewesen sein sollte, war es ja kein Tatort und somit kann ich nicht …“

Oberoffizier Ohßem kombiniert: „Da hat er Recht! Er kann gar nicht am Tatort gewesen sein, als es noch kein Tatort war! Das wäre ein Paradoxon! Herr Fahrgescheit, keine weiteren Fragen! Kümmern Sie sich um Ihre Frau. Sie sieht ja furchtbar aus!“

„Ja, ein Sturz. Kommode. Unterkiefer! Können Sie schreinern?“

Frau Fahrgescheit zerrt Herrn Fahrgescheit aus der Küche, die beiden verlassen nun diese Geschichte, da ich gerade den Überblick verliere, zumal Rudine die Wohnung betritt.

„Hallo?!“, ruft sie.

Grundgütiger, denke ich, das kann nur Rudine sein. Sie ruft immer so laut! Ich mag Rudine nicht, aber sie läuft mir doch immer wieder über meinen Weg.

„Rudine, du hier?“, erfrage ich das Offensichtliche.

„Sie kennen diese Frau?“, will Oberkommandant Ohßem von mir wissen.

„Ja. Leider. Ich sähe sie lieber gegart in einem Thermomix ™!“, spreche es aus und überlege, ob ich die Falsche umgebracht habe.

Rudine: „Hier wird ’ne Wohnung frei, hörte ich. Ich hätte Interesse!“

Ich: „Das spricht sich aber schnell rum!“

Sie: „Naja, du hast mich vor einigen Tagen ins seppolog eingeführt, zufällig, als Lara stirbt. Da muss ich nur eins und eins zusammenzählen.“

Gefreiter Ohßem: „Drei!“

Rudine fährt unbeirrt fort: „Ich nahm an, ich werde Lara nachfolgen. Habe ich auch ein reales Vorbild?“

Literaturkritiker Ohßem interveniert: „Das wird jetzt zu unübersichtlich. Frau Rudine, wenn Sie vielleicht sich zu den anderen, taubstummen Schaulustigen stellen würden und bitte nichts mehr sagten?“

Rudine tut, wie ihr geheißen und stellt sich zu Merugin, von dem ich vergessen habe, warum er hier überhaupt in Erscheinung tritt.

Ministerpräsident Ohßem erhebt das Wort, will das Chaos ordnen: „Liebe Freunde! Wir sind hier offenbar Zeuge eines ungünstigen Unfalls. Aufgrund meiner jahrelangen Erfahrung als Polizeimeisteranwärter kann ich behaupten, dass die Sache hier völlig eindeutig ist: Frau Ungern, das Opfer, ist beim Versuch, den Thermomix ™ fachgerecht zu bedienen, kopfüber hineingestürzt und hat sich somit gegart.“

Es klingelt an der Wohnungstür.

„Wie unpassend!“, sagt Sternsinger Ohßem und geht zur Tür, wo ein Vorwerk-Vertreter steht.

„Kennen Sie schon unseren Verkaufshit, den Thermomix ™?“

„Das ist jetzt aber ungünstig. Hier im Haushalt ist bereits ein Thermomix ™ vorhanden. Also kein Bedarf. Vielen Dank. Wobei, warten Sie kurz. Eine Frage: Ist es möglich, durch Unachtsamkeit sich selbst zu garen in diesem Verkaufsschlager?“

„Ja, das ist möglich. Der Thermomix ™ ist vielseitig einsetzbar. Wenn Sie nun vielleicht doch …“

„Nein, danke. Das ist alles. Rufen Sie mich an, wenn Ihnen noch etwas einfällt“, sagt Hohepriester Ohßem und gibt dem ahnungslosen Vertreter sein Telefon. Schließt die Tür, schlägt sich an die Stirn und sagt: „Ach, so ein Blödsinn! Gebe ich dem mein Telefon! Na gut, weg ist weg.“

Zurück in der Küche sagt er: „Kann mich mal jemand anrufen? Ich muss mein Telefon verlegt haben … Ach nein, der Vertreter! Also ich bin aber auch einer!“

„Wir hätten auch gar nicht Ihre Nummer gehabt!“, sage ich bauernschlau.

„Hier, ich gebe Ihnen meine Karte. Rufen Sie mich bitte an, wenn Ihnen … nein, mein Telefon, es ist ja weg. Also sowas!“


Lara ist tot. Es ist geschehen. Doch wie genau ist es dazu gekommen? Das erfahren wir in einem weiteren Teil der heiteren Serie „Ruhe in Frieden“! Die besten Thermomix-Rezepte darf man ohne Lizenz keinesfalls auf seiner Facebook-Seite veröffentlichen!

41 Kommentare

  1. Wo kommt denn Frau Fahrgescheid plötzlich wieder her? Ich denke, die ist schon lange weg?
    Deine Dienstgrade sind interessant.
    War Lara so klein, oder der Thermomix ein Riesending?
    Auf jeden Dall musst du verhindern, dass Rudine einzieht. Die bringt nur Ärger.

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  2. „Er kann gar nicht am Tatort gewesen sein, als es noch kein Tatort war! Das wäre ein Paradoxon!“ Köstlich – der scholastische Unschuldsbeweis. Ohne klassische Bildung ist A13 eben nicht möglich, mit lösen sich alle Fälle im Nu, auch ohne aufwändige Detailrecherche. Da kann sich die GEW noch ein Stück abschneiden. Und wieder einmal sieht man: Verbrechen lohnt sich nicht!

    Gefällt 1 Person

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