Vom Klingeln an Türen

Man kennt es ja auch aus Fernsehserien, sagen wir mal insbesondere aus daily soaps: Irgendein Darsteller ist in seiner stylisch eingerichteten Wohnung zu sehen, als es plötzlich an seiner Tür klingelt, die meist von Komparsen dargestellt wird (Ich selbst war drei Jahre lang eine Tür beim „Marienhof“.) Er öffnet sie, ein weiterer Darsteller steht da und es entwickelt sich daraus ein neuer Handlungsstrang. Im besten Fall steht ein sogar ein tot geglaubter Hauptdarsteller aus den Anfangsjahren der entsprechenden Serie vor der Tür. Beispielsweise Andy Lehmann, der in Folge 1969 von „GZSZ“ vergiftet worden war.

„Andy! Du lebst?!“

„Ja, saukomische Geschichte. Ich starb gar nicht in Flos Armen, ich schlief nur ein. Schlafapnoe.“

„Was machst du hier?!“

„Ich muss dir was gestehen: Ich habe die Bremsen von Gerners Rollstuhl manipuliert!“

„Gerner? Der kann seit Jahren schon wieder gehen!“

 

Auch im seppolog kann ich gar nicht mehr zählen, wie oft jemand für mich völlig unerwartet man meiner Tür klingelte. Ein paar Fallbeispiele aus rund 670 Artikeln:

Sie klingelte vor langer Zeit an meinem Fenster, nein, an meiner Tür und ich wusste nicht, wohin mit dem ungebetenen Gast und quartierte sie in meine Besenkammer ein.

Es klingelt an der Tür. Viermal. Hercules, Sägemann und Merugin betätigen den Türöffner. Er surrt nicht mehr.

Es klingelt an der Wohnungstür.

Es klingelt an der Tür, als meine Mitbewohnerin schon das Haus verlassen hat. 

Es klingelt. „Kannst du eben aufmachen?“, frage ich meine Mitbewohnerin.

Klingelt zunächst, klopft dann – und ruft. Quer durch das Treppenhaus.

Würde es tatsächlich derart oft an meiner Türe klingeln, hätte ich die Schelle bereits deaktiviert und die Tür durch eine Mauer ersetzt, umgeben von einem Wassergraben inklusive selbstschießender Selbstschussanlage.

Doch wegen der Einfallslosigkeit von soap-Autoren und Bloggern ist das Schellen an der Tür offenbar oftmals der einzige Weg, Dinge ins Rollen zu bringen. Damit muss nun Schluss sein, genieße ich doch inzwischen eine hohe Unglaubwürdigkeit bei meinen Lesern – was man aber auch erst einmal schaffen muss! Ab sofort verweigere ich hier in den durchaus lebensnahen Geschichten des seppologs das Öffnen klingelnder Türen. Ich lasse es einfach klingeln, auch wenn der Preis der ist, jegliche sich anbahnende Handlungen damit im Caim zu ersticken.

Allein gestern Morgen! An einem Sonntag! Es muss so um zehn Uhr rum sein, als es – Na?! Was?! – an unserer Wohnungstür klingelt. Denn es ist meist ungefähr zehn Uhr morgens im seppolog, wenn es bei uns klingelt:

Halb zehn also klingelt unsere seit fünf Jahren kaputte Schelle, die leider nicht so kaputt ist, als dass man das Schellen der Klingel nicht hören würde.

Also es zieht sich doch wie ein hartnäckiger, in die Leiste schneidender Bindfaden des Bündchens einer meiner boxershorts durch mein Leben, dass es gerne samstags gegen zehn Uhr an unserer Wohnungstür klingelt.

 

„Wer ist das jetzt, Seppo? Wieder eine deiner Figuren?“, fragt gestern also meine Mitbewohnerin, die inzwischen ebenfalls von diesem Umstand sehr genervt ist.

„Ich weiß es nicht. Ich mache auch nicht mehr auf. Ich habe mir vorgenommen, dem ein Riegel vorzuschieben, beziehungsweise den Riegel erst gar nicht mehr zu lösen.“

Doch es  interessiert mich zumindest, wer da nun vor meiner lyrischen Tür steht, sodass ich – wie sooft! – leise zum Türspion schleiche, durchluge, um dann meiner Mitbewohnerin schreiend, aber gleichzeitig flüsternd zuzurufen:

„Es ist Meruuuugiiin!“

Ich schleiche wieder zurück ins Schlafzimmer. Merugin versucht es noch drei weitere Male, bevor er mir dann bei Whatsapp schreibt:

Seppo! Bist du nicht zuhause?! Ist doch zehn Uhr! Ich habe spektakuläre Neuigkeiten!

Ich antworte ihm umgehend mit einer Lüge:

Sind nicht in Düsseldorf, sind in Münster.

Er dann:

Ich habe mit Rudine geschlafen!

Ich antworte nicht mehr, da ich diese Weise der Handlungsanbahnung ja künftig vereiteln möchte. Somit werden wir nicht erfahren, wie genau es zu diesem Unfall gekommen ist.

 

Szenenwechsel. Letzter Mittwoch. Viertel nach zehn. Ich liege auf dem Sofa, huste mir zwar nicht die Seele aus dem Leibe, dafür aber viel Schleim mit Brocken. Es klingelt.

„Nicht mal krank habe ich meine Ruhe!“, sage ich leise zur mir selbst und pflichte mir bei: „Nicht mal krank hast du deine Ruhe!“

Aber: Ich öffne nicht. Ich verbleibe auf dem Sofa. Höre dann ein Rufen:

„Herr Flotho?! Sind Sie da?!“

Es ist die Stimme unseres dementen Nachbarn Herrn Kitzler. Ich nehme an, er sucht wieder seine längst verblichene Frau. Doch ich lasse ihn ins Leere klingeln und nehme uns damit die Chance, zu erfahren, wie genau es zu Frau Kitzlers Verbleichen gekommen ist. Die Handlung soll also ebenfalls: im Keim erstickt werden.

 

Freitag! Natürlich! Hätte ich fast vergessen. Es ist kurz vor zehn, ich stehe halbnackt im Wohnzimmer, will mein Krafttraining beginnen. Es klingelt. Ich reagiere nicht. Dann bollert es. Auch das tut es ja gelegentlich im seppolog, bollern:

Und da ist es nicht hilfreich, wenn meine neue Nachbarin Rudine meint, morgens um acht Uhr an meine Tür klopfen, bollern!, zu müssen.

Und nun war es der Neujahrstag, als morgens um neun Uhr jemand an die Tür der Wohnung bollerte, in der meine Mitbewohnerin und ich seit bald fünf Jahren leben. Neun Uhr. An Neujahr.

Meist sind es übrigens die Frauen, die eher bollern als klingeln. Mit dieser Ausnahme:

Abgesehen davon, dass unsere Türklingel kaputt ist, stört nur unser Nachbar Herr Kitzler den Abend, als er gegen unsere Wohnungstür bollert. 

An diesem Freitag bollert also jemand, der auffallend häufig vor unserer Tür steht: Polizeiobermeister Ordophob Ohßem. Und ich weiß: Wenn ich nun öffne, dann entfaltet sich ein Handlungsstrang entweder rund um den Mord an meine frühere Nachbarin Lara oder es geht wieder um das verlorene Telefon des Kommissars. Wir werden es nicht erfahren, denn ich öffne nicht.

Höhepunkt ist die vergangene Nacht. Um zehn vor fünf soll mein Wecker gehen, doch bereits um vier Uhr weckt mich ein aufgeregtes Klingeln unserer Wohnungstür. Da es noch Nacht ist, bin ich besorgt.

„Kann nur die Polizei sein“, teile ich meiner Mitbewohnerin mit. Wer sonst solle denn auch um diese Uhrzeit klingeln, Betrunkene einmal ausgenommen, aber ich bin ja in der Wohnung. Also quäle ich mich aus dem Bett und rolle mich Richtung Türspion. Ich rolle, um meinen Körper nicht unnötig intensiv zu wecken, um also in der Liegeposition verbleiben zu können. Der Körper denkt nun weiterhin, ich schlafe.

„Wer da?“, rufe ich durch die Tür.

„Karl Kitzler!“

Großer Gott! Karl Kitzler, der Zwillingsbruder unseres dementen Nachbarn Kurt Kitzler.

„Kann nicht sein, ich habe Sie kürzlich erst umgebracht. Und ich werde nicht öffnen. Neue Politik.“

„Ich bin aber mit dem Mord an meiner Person nicht einverstanden. Wir sollten darüber reden!“

„Nein. Ich muss gleich mit dem Zug nach Berlin, sofern die Strecke wieder frei ist. Ich werde nun zurück ins Bett rollen und diese sich anbahnende Geschichte verweigern! Sie sind und bleiben tot! Ich verliere sonst noch den Überblick über mein Figurenuniversum!“

 

Und nun ist eben etwas Ungeheuerliches geschehen. Meine Mitbewohnerin schreibt mir via Facebook, da ich seit dem Vormittag in Berlin das Fernsehgeschäft revolutioniere:

Seppo! es klingelt hier an der tür sturm!

dann mach auf! vermutlich die post.

nein. ich mache auf keinen Fall auf! da stehen Rudine, Merugin, die Kitzler-Brüder, Hercules und Sägemann, Fahrgescheits, Ordophob Ohßem, Kapuzzen-Ulli, der Kiosk-Mann, Herr Sagmagrad, Lara, Pavel, Rosonsko Rosenbaum, Archobald, Lungobart, Stenzo, Frau Genussleck, Schornack, Kraftold Kramer, Noretzka, Siggi Sauerstoff, Zontibur, Reginald Rubis, Madeleine Manish, dein Klon Zacharias, Gott und halb Rutztekostan.

Gott? Auf den habe ich aber gar nicht das copyright! mach bloß nicht auf, das würde einen nicht zu bewältigenden handlungsstrang entfachen, den kein mensch mehr durchschauen könnte!

außerdem haben wir post bekommen.

von wem?

vom kosmischen rat.

oh kacke, was schreibt er?

er beklagt sich über dein krampfhaftes ersticken jeglicher ereignisse im kosmos! weil du keine handlungen mehr zulässt! die haben ne unterlassungserklärung beigefügt.

Das ist in der Tat ein Problem, das ich nicht ignorieren darf. Wer sich als Autor einmal mit dem Kosmischen Rat angelegt hat, wird mit Zwangshandlungen bestraft. Die Schreibende Zunft des Kosmischen Rates verfasst dann willkürliche und unkreative Geschichten, damit die kosmische Handlung nicht ins Stocken gerät: Das Cait-Raum-Kontinuum wäre andernfalls in größter Gefahr. Zu guter Letzt würde ich zudem vor dem Hohen Gericht des Kosmischen Rates landen und vermutlich zur Verbannung in eine Zeitschleife verurteilt werden. Mir bleibt also nichts übrig, als die Unterlassungserklärung zu unterschreiben, in der ich versichere, das Unterlassen des Türöffnens zu unterlassen.


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11 Kommentare

  1. Ich klingel ja dauernd an Türen. Das macht man als Food Distribution Assistant ja berufsmässig. Funk-Gongs, Türklingeln, Freisprechanlagen, ich drücke eine Taste und unterbreche das Leben einer Familie.

    Vertragen sich die Insassen jenes Hauses, mischt die Frau gerade das Gift, um den Ehemann zu meucheln oder treiben sie es kreuz und quer bei der Ü-50-Swinger-Party? Ich erfahre es nie, während ich die gepflegte Langeweile, den Mord oder die Orgie störe.

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  2. Wer sich im Darsteller-Karussell deutscher Soaps drei Jahre stabil als Tür hält, muss ein Meister seines Faches sein! Seppo, ich will eine Tür von dir!!!

    Übrigens gehöre ich eher zu den Klinglern. Ich klingle in sentimentalen Momenten an fremden Haustüren, reiche die Butter und entschuldige mich, einfach so O_o

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  3. Ich habe mir einen neuen Namen zugelegt und ihn auf mein Klingelschild montiert.
    Ich heiße jetzt:
    G. Wegmann
    Meine Pakete&Päckchen von amazon, Pearl etc.pp vermisse ich allerdings schon sehr.
    Nur meine besten Freunde sind eingeweiht und wir können auch morgens schon mal in Ruhe einen trinken, solange der Vorrat reicht.
    Viele Grüße
    Jürgen aus Loy (PJP)

    Gefällt 1 Person

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