Der zähe Tod

tod

Zwei Dinge vorab: Zum einen sollte es mehr Menschen geben, die im richtigen Moment einfach mal die Fresse halten. Zum Zweiten dieses:

Meine Mitbewohnerin schrieb mir gerade eine (nicht mir gegenüber) böse „Threema“-Nachricht. Offenbar war sie heute Morgen noch ein Käsebrötchen kaufen, das eine von ihr nun sehr verhasste Kassiererin wie folgt zu kommentieren meinte zu müssen:

„Alles Käse! Hihi!“

Ich urteile ja gerne über das Humorverständnis anderer, obwohl das natürlich eine Geschmacksfrage ist, aber wenn ich an vergangene Woche zurückdenke, als eben diese Verkäuferin unseren Kauf von Waschmittel kommentierte mit:

„Oh, Vollwaschtag heute?“

… verstehe ich den irgendwie sexy Unmut meiner Mitbewohnerin. (Das Schlimme ist, wir hatten tatsächlich mehrere Ladungen Urlaubswäsche zu bewältigen, die Kassiererin lag also nicht einmal falsch!) Diese Kassiererin reiht sich ein in weitere Erfahrungen. Als ich beispielsweise ein Baguette und einen Weißwein in einem zufälligerweise Bioladen kaufte, obwohl mir Bio am Arsch vorbeigeht, hieß es:

„Oh, ein französischer Abend?“ – „Ich geb‘ Dir gleich Französisch!“ (letzteres nur gedacht)

Oder als ich aus beruflichen Gründen eine Gesichtsmaske kaufte der Sorte „Kaschmir“, hieß es:

„Ui, Katschmir!“

Kassieren ist womöglich auf Dauer langweilig und man sucht das Gespräch. Erwischt man meine Mitbewohnerin aber auf dem falschen Fuße, fängt man sich böse (aber sexy!) Blicke.

Zum eigentlichen. Gestern Abend fiel mir ausgerechnet im Bett etwas ein. Was, wenn jemand auf dem Sterbebett liegt und doch partout nicht stirbt? Wenn einem solche Ideen im Bett kommen, fängt man an, im Kopf bereits die Sätze zu formulieren, die man dann morgens aufzuschreiben gedenkt. Und das hält vom Schlafen ab. Dann kommt einem plötzlich auch noch ein vermeintlich genialer Satz in den Kopf und man tippt ihn schnell noch in die Handy-Memo-App ein, weil einen sonst die Furcht, ihn zu vergessen, am Einschlafen hindert. Zu meinem großen Unglück finde ich das vermutlich nicht gespeicherte Memo nicht mehr, sodass der geniale Einstiegssatz leider entfällt.

Unterstellen wir dem göttlichen Plan, dass ich erst relativ spät mit 96 auf dem Sterbebett im Kreise der Familie abzuleben gedenke. Die Verwandtschaft rückt an, nachdem meine Kinder sie telefonisch zusammengetrommelt haben:

„Es ist soweit. Er liegt im Sterben.“

Es kommen dann beispielsweise mein Neffe und meine Nichte, mit denen ich am Wochenende noch die Winterreifen aufzog. Die beiden schätzen mich nicht zuletzt, weil ich ihnen das Wort „Scheiße“ beigebracht habe und weil ich mir im Fernsehen lustige Hüte aufgesetzt habe. Sie also würden kommen.

Ich kenne Sterbebett-Situationen, die im Kreise der Familie ablaufen. Der oder die Sterbende liegt im Bett, kriegt noch das ein oder andere mit. Nach und nach kommt die Verwandtschaft rein ins Zimmer, möglichst leise. Warum eigentlich leise? Was kann denn noch passieren? Dass der Sterbende sich erschrickt und stirbt? Es sind natürlich der Respekt, die Angst und die Unsicherheit, die einen leise werden lassen. Bei mir war es Oma #1, die da so im Bett lag, während alle um dieses herumstanden.

In 60 Jahren liege also ich da. Die Tür öffnet sich langsam und die Erben kommen herein.

„Sebastian, wir sind’s. X und Y sind auch gekommen. Rechts steht X, links Y.“

„Ich mag zwar sterben, aber ich kann noch sehen!“, röchele ich, feststellend, dass ich wie ein Sterbender behandelt werde.

Was tut man in so einer Situation? Als Besucher? Man steht da und guckt? In meiner Zeit im Altenheim habe ich es erlebt, dass die Verwandtschaft am Bett des Sterbenden bereits über die Aufteilung des Erbes diskutierte. Wenn man das sieht, kann man nur schwer an sich halten.

Ich liege noch immer da. Mein Sohn verlässt mit meiner Tochter den Raum und im Flur diskutieren sie leise:

„Ich muss eigentlich gleich zu einem Termin.“, mein Sohn.

„Du wusstest doch, dass es heute zuende gehen kann. Warte noch etwas. Er ist Dein Vater!“

„Ich habe das Gefühl, es zieht sich aber noch in die Länge. Er atmet noch viel zu kräftig.“

Die beiden kommen wieder zu mir ins Zimmer.

„Was habt Ihr zu bereden, das ein Sterbender nicht mehr hören darf?“, will ich wissen.

„Schon Dich, Papa!“, sagt meine Tochter.

Wofür denn schonen?!

„Wo ist Mama?“, frage ich, meine natürlich meine Mitbewohnerin, die man als Ehemann vor den Kindern irgendwann „Mama“ nennt.

„Die ist doch schon lange tot!“

„Weiß ich. Ein kleiner Scherz von mir.“

„Er ist verwirrt!“, flüstert mein Sohn meiner Tochter zu.

„Nein, er hat Dich wirklich verarscht.“, diese.

Weitere zwei Stunden vergehen. Es herrscht gähnende Langeweile im Zimmer, bereits die zweite Garnitur Kerzen wurde entzündet. Ich erhebe das Wort.

„Ich kann mich nur entschuldigen, aber ich versuche ja, mich zu beeilen. Aber ich habe keinen Einfluss auf mein Dahinsiechen.“

„Papa, macht doch nichts. Wir haben Zeit!“, beruhigt meine Tochter.

Mein Sohn: „Naja, also bei mir ist es terminlich eher ungünstig.“

„Ich wollte ja am Wochenende sterben, damit es Dir besser passt“, erwidere ich und fühle plötzlich, wie ich überraschend erstarke, „Ich hab‘ gerade eher das Gefühl, ich könnte noch ’ne Runde walken gehen! Da denkt man, der Sensemann holt einen und plötzlich fühlt man sich topfit!“

„Verarscht er mich wieder?“, verunsichert mein Sohn.

„Ich bin gerade selber nicht so sicher. Der Arzt war heute Morgen der festen Meinung, dass er jetzt stirbt. Ich hab‘ schon den Totenschein!“, sagt meine Tochter.

Mein Neffe wird unruhig: „Ich habe mir das aber nicht so zäh vorgestellt. Ich komme den weiten Weg sicher nicht noch ein zweites Mal!“

Sein Vater, also mein Bruder: „Keine Sorge, der stirbt gleich.“

Meine Verwandtschaft verlässt den Raum und diskutiert. Ich höre Fetzen wie „Nachhelfen?“, „Kissen ins Gesicht!“ und „Ich erbe bestimmt nur Schulden.“

Ich liege da, höre mir das an und plane wieder ein Abendessen über meine Magensonde zu mir zu nehmen. Ich rufe meine Tochter: „Ich bin zum Abendessen vielleicht doch noch da! Haben wir noch was?“

Sie kommen wieder rein. Ich entschuldige mich:

„Das tut mir jetzt tatsächlich etwas leid, dass sich das so zieht. Vielleicht lachen wir da mal alle drüber?“

Mein Sohn: „Ich werde nicht darüber lachen, wenn ich mein Meeting verpasse …“

„Dann sag‘ Deinem Boss, dass Dein alter Herr sich weigerte zu sterben. Ich schreib‘ Dir auch gerne ’ne Entschuldigung: ‚Leider ergab es sich, dass trotz der schlechten Aussichten am Morgen ich gegen Abend wieder erstarkte und mein Tod sich in die Länge zog. Daher bitte ich, meinen Sohn vom Meeting zu entschuldigen.'“

Betretendes Schweigen, während ich meinem Sohn ansehe, dass er über diese Möglichkeit nachdenkt.

„Er hat Dich verarscht.“, klärt meine Tochter ihren Bruder auf.

„Für mich ist das hier auch ’ne zähe Nummer. Ich hatte schon mit allem meinen Frieden gemacht und jetzt lieg ich hier und sterbe nicht. Ich fürchte, heute Nacht deshalb nicht einschlafen zu können und wenn ich dann morgen sterbe, sterbe ich völlig unausgeschlafen.“

Ich nehme meinen Hologramm-Laptop und blogge: „Der zähe Tod II“.

40 Kommentare

  1. Hey ho! 😀 Mal wieder ein herrlicher Beitrag zu einem düsteren Thema.. der schwarze Humor ist doch der Schönste. Aber ehrlich, ich kann das voll gut nachempfinden. Ich hoffe wir sind in den Momenten noch so fit im Kopf das wir überhaupt noch Scherze machen können XD. Das Ding ist doch, dass die Menschen evtl. schon vor dem eigentlichen Abtreten für tot erklärt werden. Ich denke man sollte jeden Moment des Lebens feiern. Ich hoffe ich werde deinen Beitrag nicht vergessen und mich in 50-60 Jahren daran erinnern 😀 und ordentlich meine Verwandtschaft in den Wahnsinn treiben 😀

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  2. Am Besten du regelst deine Angelegenheiten schon jetzt. (Testament verfassen!) Dann ist für alles gesorgt, kein Tod überrascht und du kannst abends in Ruhe einschlafen. 😉
    Und das mit dem Sohn, den du doch nur verarschen willst, würde ich mir ggf. auch noch mal überlegen. Es gibt schon genug gestörte Persönlichkeiten auf dieser Welt. :-p

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  3. … dass ich erst relativ spät mit 96 auf dem Sterbebett …

    Ich bin ja keiner, der an Schicksal bzw. Karma glaubt, finde es aber dennoch gewagt, ein Datum festzulegen. 😉

    Nicht auszudenken, wenn in deinem 97. Lebensjahr das Unsterblichkeitsserum entdeckt werden würde.

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  4. Zu meinem großen Unglück finde ich das vermutlich nicht gespeicherte Memo nicht mehr, sodass der geniale Einstiegssatz leider entfällt.

    Mechanische Datenträger, sage ich da nur. Also Zettel und Stift.
    Ich habe in den letzten Tagen morgens um5 diverse DIN-A4-Seiten vollgeschrieben. Mit der Hand! 😀

    Immer dieser neumodische Scheiß, der auch noch Strom braucht. Demnächst muß noch einer eine „Spontane-Notiz-auffinden“-App programmieren, ihr digitalen Zombies.

    Papier speichert sogar on-the-fly 😉

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  5. …hast `n Kopp noch weit vom Arsch weg…
    Wie man hier in den Wupper-Bergen so sagt, wenn wer noch einiges zu leben hat,
    sich aber schon mal prophylaktisch über sein Ableben auslässt 😉

    Schwarzer Humor hilft, den vermeintlichen Schrecken zu nehmen.
    Obwohl niemand gesund stirbt und oft genug auch allein.

    Bleib`gesund!

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  6. Den Tod stellt man sich ja immer gleich vor. Man steht drumherum oder hält gar die Hand des Sterbenden. Irgendwann der letzte Atemzug, der letzte Herzschlag – man beweint den Verstorbenen… usw..
    Aber jung stirbt man anders – dessen bin ich mir heute gewiss.
    Ich glaube, zwei Minuten vorher war ich mir noch eine Rauchen, dann öffnete ich mir gemeinsam mit den anderen eine Flasche Bier, nahm seine Hand und er hörte wenig später auf zu atmen, schluckte… aus! Und ich nahm einen tiefen Schluck aus meiner Flasche und lauschte den Klängen von Sonnentanz.

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  7. Nun ich kann mich noch sehr bildlich daran erinnern wie wir uns von meinem Vater verabschiedet haben. Als wir alle gesagt hatten was wir zu sagen imstande waren und er einfach weiter lebte war es eine eigenartige Stimmung. Irgendwie hatten wir wohl erwartet, dass es automatisch zu Ende ist wenn wir quasi „fertig“ sind. Doch der Tod funktioniert nicht so. Er hält sich nicht an unseren Zeitplan. Er ließ uns verstört weiter warten. Aber wenn er dann den einen geliebten Menschen letztendlich doch mit sich nimmt dann wird man unweigerlich ruhig. Weil es trotz allem ein hoch emotionaler fast magischer Moment ist wo meiner Meinung nach Worte keinen Platz haben und der mich persönlich für immer verändert hat.

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  8. „Der zähe Tod“; so genial geschrieben, ich hab mich weggeschmissen vor lachen!!!
    Ich selbst bin nämlichem im letzten Jahr gleich zwei mal von der Schippe gesprungen mit Hilfe von Chemie und Chirurgie; herzlichen Dank dafür, Dr.Müller! 😀
    Und auch mein Plan ist verwegen: mein Fernziel: Ich gedenke die „100“ voll zu machen. Das Teilziel: Ich (83), mein Hochzeitsdiadem tragend, schiebe meinen 97 jährigen Angetrauten im Rollstuhl auf die Feierlichkeiten anlässlich unserer goldenen Hochzeit. Viele Leute feiern ihre goldene Hochzeit, also will ich auch eine (Frauen halt)!
    Und wer weiss, vielleicht lese ich in biblischem Alter auch den Artikel „Der zähe Tod II“, life und in schwarz-weiß zur Belustigung vor dem einschlafen…
    In diesem Sinne: Liebe Grüße ante mortem,

    Rommy

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  9. 😀 Ich liebe schwarzen Humor! Bei all den Diskussionen rund um’s „Sterbebett“ wünsche ich mir noch mehr, dass ich einfach eines Tages tot umfalle und die lieben Hinterbliebenen keinen Termin verpassen, weil es mit mir „zu Ende geht“. Ganz toll geschrieben!

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  10. Hallo Seppo,
    ich weiß ja nicht, welche Bombe explodiert ist. Ich bin etwas ratlos, da ich das Gefühl habe, nicht alles zu wissen.
    Ist vielleicht der Dashbutton zu oft gedruckt worden?
    Leider habe ich erst jetzt davon gelesen. Sonst hätte ich dir einen guten Rat geben können: benutze einen Cockring. Er verhindert das ständige Hinundherfluten des Blutes vom Gehirn zur Hüfte. Schwindelgefühle und sonstige Ausfallerscheinungen können damit vermieden werden.
    Der Zustand deines Gliedes wird stabilisiert, keiner kann dich damit ärgern, und die vielleicht entstehenden Leere im Gehirn gleicht der Körper durch Bildung neuer Blutzellen aus.
    Ich weiß natürlich nicht, ob da die Bombe explodiert ist.
    Vielleicht wurde dadurch ja auch die Ernsthaftigkeit des Beitrags über Schreiben im Gefängnis verursacht.
    Ich bewundere ja deine Leichtfüssigkeit, mit der du durchaus schwere Themen abhandeln kannst.
    Ich neige ja seit einiger Zeit, obwohl ich tatsächlich ein sehr lustiger Mensch bin, zu einer Schwere, die mir selber manchmal auf die Nerven geht.
    Und jetzt muss ich auch Bezug nehmen zu dem Tod.
    Ich habe ja schon gemerkt, dass ich öfter den Fehler mache, doch in gewisser Weise vorauszusetzen, dass manches verstanden wird, von dem ich später merke, dass ich es nicht genau genug erklärt habe. Dadurch entstehen in den Dialogen von Kommentaren durchaus Gefühle, die in die falsche Richtung gehen.
    Genauer definiert schreibst du nicht vom zähen Tod, sondern von zähem Sterben.
    Der Tod ist.
    Hast du dieses erreicht, bist du schon am Ziel.
    Nun habe ich zweierlei Empfinden bei deinem Text, und glaube mir, ich muss es wissen, denn ich bin seit zweieinhalb Jahren tot,bzw. ich sterbe seit dieser Zeit.
    Das zwiespältige Gefühl entsteht dadurch, dass ich meine Eltern schon beerdigt habe. Und dieser Moment des Abschieds ist zwar gut mit schwarzem Humor zu betrachten, und ich mag diese Geschichte, trotzdem habe ich auch eine ablehnende Reaktion, da ich weiß, wie schwer es war, und welche Traurigkeit kommen wird.
    Wie schon in einem Kommentar geraten, mach ein Testament, dies bringt auch tatsächlich eine gewisse Ordnung ins Leben. Ich habe es schon länger gemacht.
    Als meine Mutter starb, musste ich einen langen Weg zurücklegen, um in ihre Sterbestation zu kommen. Das Dumme war, dass meine Schwester ein Hörgerät hat, sie war vorher da, und dieses irgendwann über die elektromagnetischen Schwingungen des Raumes etwas versagt hat, sie meine Mutter nicht verstanden und nur noch mit ja geantwortet hat. Die Krankenschwester hat später erzählt, dass meine Mutter gefragt hatte, ob ihre Kinder, wir also alle da seien, damit sie inmitten ihrer Familie gehen kann. Sie tat es dann, obwohl wir eben noch nicht da waren, wir heißt meine Nichte und ich.
    Ich kam also zu spät und durfte auch gar nicht so lange Abschied nehmen wie ich wollte, da Sterbezimmer ja anscheinend auch ein größeres Durchlaufpotenzial haben. Die Schwestern wurden ungehalten, als ich nach 1 Stunde noch nicht gegangen war.
    Deswegen gibt es bei mir auch widerstrebendes Gefühl, wenn ich deinen Text lese. Ich glaube, dass du diese Erfahrung noch nicht gemacht hast.
    Des weiteren freue ich mich aber an den schwarzen Humor.
    Ich komme noch einmal zurück auf den Begriff des Todes, denn der Tod ist.
    Das wovon du schreibst, ist das Sterben.
    Nun bin ich auch da Profi, obwohl ich nicht genau weiß, ob ich meinen Zustand, als solchen beschreiben kann. Ich hatte einen Herzstillstand und das Glück oder das Pech auf meinem Arbeitsplatz, einem sozialen Arbeitsplatz, umgeben gewesen zu sein von gut ausgebildeten Ersthelfern.
    Nach ausgiebigen Herzmassagen, Bearbeitungstechniken und dem Einsatz von Defillibratoren kam ich nach einiger Zeit im Krankenhaus wieder zu mir. Nachdem ich beim Wiedererscheinen in dieser Welt von den Vorgängen natürlich keine Ahnung hatte, sondern nur ein fremdes Gesicht sehr nahe über meinem sah, reagierte ich sehr reflexartig und meine Hand griff sich den Oberarzt, am Hals. Das herbeieilende Fachpersonal rettete diesen Arzt, indem sie bestimmte Hirnregionen, die die Bewegungsfähigkeit meines Körpers betrafen, ausschalteten. Denn was ich noch nicht wusste, war, dass ich einen Herzschrittmacher mit einem zusätzlichen, noch nicht ganz öffentlich bekannten Chip eingesetzt bekam.
    Der Herzschrittmacher ist so eingestellt, dass er jeden Schlag meines Herzens taktet.
    D.h., mein Problem ist, dass ich sozusagen nicht sterben kann.
    Und dieses Ding hat, trotz des hohen Gebrauchseinsatzes, noch einen Zeitraum von fast fünf Jahren, bis die Batterie leer ist.
    Über den Chip, den sie mir zusätzlich mit dem Herzschrittmacher implantiert haben, konnten sie meine Hirnfunktionen Wireless anschließen.
    Deshalb kann ich hier im Internet agieren und meinen Blog schreiben.
    Es wäre auch sonst sehr langweilig. Sterbezimmer sind keine besonders schöne Angelegenheit speziell bei gesetzlichen Krankenversicherten, da du da kein Einzelzimmer bekommst, sondern durchaus abwechselnd andere Menschen in deinem Zimmer liegen hast, deren Sterben ich mit Gehör und Empfindungen aufnehmen kann. Auch dies ist nicht besonders schön.
    Nun weiß ich eben nicht, ist das der Zustand, den sie klinischen Tod nennen, ich denke aber, das es Sterben ist.
    Ich sterbe also schon seit zweieinhalb Jahren. Nun ist das kein besonders spannender Zustand und ich hatte mir schon überlegt, wie ich ihn beenden kann. Über den Chip im Gehirn, bzw. dem Herzschrittmacher, kann ich verschiedene Funktionen ansteuern, wie eben denken und visualisieren. Ich kann auch über meine Gehirnwellen schreiben.
    Ich hatte einmal einen Freund, der als Rettungsassistent gearbeitet hatte und mir gesagt hatte, werde ja kein Organspender, denn sonst lassen sie dich schneller sterben, damit sie Geld verdienen können. Ich weiß natürlich nicht, ob dieser Freund nicht eine gewisse paranoide Einstellung hat.
    Leider kann ich Gespräche, wie du sie geschildert hast, nicht mehr belauschen, denn dadurch dass ich online bin, machen sich meine Familienmitglieder und Freunde schon seit längerem nicht mehr die Mühe körperlich bei mir zu erscheinen. Als Ausweg aus dieser Situation, entschloss ich mich eben Organspender zu werden, in der Hoffnung diesen Prozess, diesen zähen Sterbeprozess zu beschleunigen.
    Eines Abends, sie hatten meine Hirnfunktionen nicht ausgeschaltet, konnte ich ein Gespräch des Oberarztes und der Assistenzärzte belauschen, die sich sehr freuten, das all meine körperlichen Funktionen, über dem Herzschrittmacher und den Chip so gut funktionierten. Sie nahmen mein Angebot des Organspenden, ich konnte es hören, nicht zur Gelegenheit, gesetzlich Krankenversicherten zu helfen, sondern sie stellte mich auf eine Organbörse im Darknet.
    Sehr beliebt sind Arabische Emirate, weil sie sehr viel für einzelne Organe bezahlen. Nun lassen Sie über Auktionen die Preise meiner einzelnen Organe durchaus anschwellen und dieses Geld müssen Sie auch nicht versteuern.
    Da sie gute Händler sind, reizen sie dies natürlich aus und schon wieder konnte ich durch diese Aktion meinen zähes Sterben nicht beenden. Durch diesen Chip bin ich wie eben schon erwähnt Wireless mit meinem Maschinen und sämtlichen WLAN Einrichtungen verbunden.
    Die einzige Freude, die ich habe, ist eben das Internet, und mein Blog, bzw. die Kommunikation mit anderen Usern. Nur tatsächlich merke ich, dass ich da doch nicht mehr so lustig bin, sondern schwere Themen schwer behandle, da ich ja nichts mehr zu verlieren habe.
    Es würde keinen Sinn machen, mich in Marketingstrategien zu und diese Vervielfältigungsweisen, die du handhabt, auszuüben, da sie mir nichts bringen. Mein Egoismus, mein Narzissmus, meine Anerkennungssucht und auch mein Geldbeutel sind für mich nicht mehr interessant.
    Vielleicht haben sie auch spezielle Hirnregionen ausgeschaltet. Tatsächlich bewundere ich aber deine Zielstrebigkeit dabei.

    Ich gehe inzwischen auch dem Krankenhauspersonal doch meine ferngesteuerten E-Mail Attacken und Kommentare ziemlich auf die Nerven.
    Nachts aber, das Nacht Personal, wenn es Ihnen zu langweilig wird, machen sie den Spaß diese Funktionsweise umzudrehen. Da sie meinen ein IP-Code des Herzschrittmachers natürlich kennen, machen Sie sich den Spaß sozusagen, die Frequenz mit guter Musik die sie nebenbei hören, hoch zu drehen und sie haben nachts eine Menge Spaß in meinem Zimmer, es gibt wohl auch schon Videoaufnahmen im Netz, da ich dadurch natürlich in große Zuckungen gerate und meinen Körper und seine Körperteile zuckend bewege. Manchmal machen sie Partys mit dem medizinischen Alkohol, den sie mit Wodka verdünnen und kleine Flash Mobs bei mir im Zimmer veranstalten, weil ich als der größte Breakdancer im Krankenhaus gelte. Diese Kurzweil erschöpft mich aber ziemlich, denn inzwischen bin ich schon ziemlich teil amputiert, bzw. ausgenommen.
    Da die Ärzte aber wissen, dass sie noch einige Gewinne mit mir erzielen können, lassen Sie mich immer noch nicht gehen.
    Nun hoffe ich, mit den schweren Themen in meinem Blog ihnen so auf die Nerven zu gehen, dass sie sich doch dazu entschließen, mich abzuschalten.
    Aber im Moment habe ich natürlich viel Zeit, über diese Bombe nachzudenken, von der ich immer noch nichts genaues weiß. Ich danke dir dafür, dass sich diese Nacht doch geistige Ablenkung dadurch habe und entschließe mich deinem Vorbild zu folgen, und werde diesen Kommentar in allen drei Texten, auf die ich mich beziehe, veröffentlichen.
    Vielleicht haben Sie die Region, die meinen Narzissmus und meine Anerkennungssucht steuert, doch im Gehirn wieder angeschaltet.
    Sie gönnen mir eben keinen Spaß.

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  11. […] Der eigene Tod ist für einen selbst ja nur dann schlimm, wenn er sich hinzieht, wohingegen ein plötzlicher von den Angehörigen als ungünstig empfunden wird. Einen plötzlich sich hinziehenden Tod gibt es nur dem ersten Anschein nach nicht, scheint er doch paradox zu sein. Tatsächlich aber ist er dann der Fall, wenn das plötzliche Sterben plötzlich abbricht und sich hernach durch ein zähes hinzieht. Womöglich tritt im Hintergrund das Schicksal noch einmal in Last-Minute-Verhandlungen mit einem Schöpfer oder ähnlichem. In diesem Zusammenhang verweise ich übrigens auf meinen Lieblingstext (aus meiner Feder), auf den zähen Tod. […]

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